In den Wüsten des Begehrens?

Pornographie im Internet

Durch die angebliche Verbreitung von Pornographie ist das Internet in letzter Zeit allgemein "populär" geworden. Sittenwächter durchziehen den Cyberspace, neue Gesetze werden gefordert, technische Software zur Blockierung wurde entwickelt und voreilende "Selbstkontrolle" der Provider setzte ein. Das Internet soll von seinen Schmuddelecken gesäubert, zu einem virtuellen Disneyland werden. Grund genug, sich jenseits der Aufgeregtheiten einmal den Fragen zu widmen, was Pornographie ist, wie sie im Internet zirkuliert und ob sich etwas an der Sexualität durch die neue Technik verändern wird.

Jugendgefährdung durch Pornographie ist weder ein soziales Problem der neunziger Jahren, noch ist das den Warnungen vor dem Internet zugrundeliegende Deutungsmuster neu. Manch ein Beteiligter an der aktuellen Debatte wäre überrascht, würde er in alten Dokumenten über die Gefahren der unzüchtigen Schriften stöbern. Bereits in der zweiten Hälfte der letzten Jahrhunderts warnten Sittlichkeitsvereine vor den Gefahren der Buchlektüre. Zur Jahrhundertwende machten sich Abgeordnete des Reichstages Sorgen über obszöne Photographien, dann waren Film und Fernsehen an der Reihe - und nun schließlich sind es Computer und das Internet. (Vgl. den kurzen Essay über Kontrollphantasien bezüglich des Internet von Klemens Polatschek). Tatsächlich rief und ruft jedes neue Massenmedium Ängste hervor: Ängste des Staates vor dem (weiteren) Verlust der Kontrolle über seine Bürger, Ängste von Moralunternehmern vor diversen psycho-sozialen Folgen vermehrter Wissensdistribution. Und sexuelle Gefahren waren stets dabei, oft genug an prominenter Stelle .

So findet sich fast alles, was heute pro oder kontra Pornographie im Internet gesagt wird, in ähnlicher Form über Photo und Film auch schon vor achtzig oder neunzig Jahren. Stets geht es um die Fragen, ob und in welchen Grenzen das Obszöne von der Gesellschaft (und das heißt damals wie heute primär: vom Staat) toleriert werden soll und welche Maßnahmen seine Verbreitung am wirksamsten eindämmen könnten. Auch der Ruf nach internationaler Zusammenarbeit der Verfolgungsbehörden ist alt. (Die Probleme, die entstehen, wenn Staaten versuchen ihre nationale Rechtsordnung auf das Internet anzuwenden, diskutiert Douglas Barnes.) Wahrscheinlich ist, daß die heutige Debatte enden wird, wie alle vor ihr: mit einem gesellschaftlichen Kompromiß über ein bißchen mehr Verbot oder ein bißchen mehr Freigabe der obszönen Materialien. Oder auch (wieder einmal) mit der Erkenntnis, daß alle Verbote eines ökonomisch verwertbaren Gutes zum Scheitern verurteilt sind, wenn und solange eine Nachfrage besteht. Ob die Kontrolle zu- oder abnimmt, liegt dabei nicht an den Inhalten der Pornographie selbst, sondern am aktuellen sexualpolitischen Zeitgeist und am jeweiligen Verhältnis zwischen Distributions- und Kontrolltechniken.

Daß dieses Auf und Ab der Kontrolle und die regelmäßig wiederkehrende Inszenierungen der Pornographie als soziales Problem nie zu einem Ende kommen werden (jedenfalls nicht solange die bürgerliche Sexualordnung besteht), hat aber der Stoff selbst zu verantworten. Es ist etwas an (oder besser: in) ihm, daß Ängste sich artikulieren, die Gemüter sich erhitzen und Strafphantasien nach außen treten läßt. Zumindest in dieser Hinsicht unterscheidet sich das sexuelle Angebot im Internet der bevorstehenden nicht von der nudistischen Postkarte der vergangenen Jahrhundertwende.

Beginnen wir deshalb mit einer allgemeinen Bestimmung:

Pornographie - Chimäre und Chamäleon

Ihrem Inhalt nach ist Pornographie Chimäre und Chamäleon zugleich. Wie das Sagenwesen stellt sie eine Kreuzung ganz verschiedener, sich scheinbar ausschließender (mythisch verbrämter) Elemente dar, die sich, wie die Eidechse ihr Aussehen wechselnd und sich jeder sozialen Umgebung anpassend, für den Beobachter unauffindbar machen kann. Ob Liebhaber, Feministin, Richter oder Wissenschaftlerin: Wer glaubt, sie definiert, abgegrenzt, unterteilt zu haben, dem ist sie in anderer Gestalt schon lange entwischt und hat alle Festlegungen ad absurdum geführt. So sollte, wer einfache Antworten sucht und unauflösbare Widersprüche nicht ertragen kann, sich besser nicht mit dem Obszönen beschäftigen.

Was es überhaupt möglich gemacht hat, daß Pornographie seit dem vorigen Jahrhundert immer wieder skandalisiert werden konnte, ist zunächst einmal ihre ökonomische Form. Während sexualbezogene Darstellungen in früheren Epochen individuelle Werke von Schriftstellern, Malern und Bildhauern und in der Regel nur für eine kleine Oberschicht der Bevölkerung erschwinglich waren, sind sie in der modernen Konsumgesellschaft zum Bestandteil allgemeiner 'Volkskultur' geworden. Als (Video-)Film, Heft und Buch wird Pornographie heute - wie andere Waren - in vieltausendfacher Auflage für den Verkauf auf dem Markt hergestellt. Was sie von anderen Gütern unterscheidet, ist lediglich ihr spezifischer Gebrauchswert: Pornographie wird um der sexuellen Erregung des Konsumenten (selten auch: der Konsumentinnen) willen produziert - oder richtiger, um das Versprechen der Erregung willen, das zum Kauf animieren soll.

Mit diesem Versprechen muß die pornographische Ware sich wie jede andere auch auf dem Markt bewähren. In der internationalen Konkurrenz überleben nur Produktreihen, die bei einer ausreichend großen Zahl von Käufern regelmäßig das gegebene Gebrauchswertversprechen auch einzulösen vermögen. Im Gegensatz zur landläufigen Vermutung, Pornokonsum würde die Muster sexueller Anregbarkeit beim Betrachter beeinflussen und ihm (gesellschaftlich unerwünschte) Menschen- und Sexualitätsbilder vermitteln, sind es umgekehrt gerade die Konsumenten, die durch ihr von sexuellen Vorlieben gesteuertes Kaufverhalten den Produkten ihren Stempel aufdrücken und neue Trends entstehen lassen. Auf dem Markt erfolgreiche Pornographie bietet deshalb ein Abbild der sexuellen Vorstellungen, der Wunsch- und der Alpträume der Konsumenten.

So, wie ökonomisch von den Konsumenten bestimmt wird, was die obszöne Ware zeigt, versuchen ihre VerfolgerInnen normativ festzulegen, wann ein Medium überhaupt Pornographie ist. Seit sexuelle Darstellungen für alle Schichten der Bevölkerung erschwinglich sind, werden sie auch von weltlicher und kirchlicher Obrigkeit sowie von Moralunternehmern als Gefahrengut verfolgt. Gefährlich sein soll Pornographie - historisch in dieser Reihenfolge - für die Masse des einfachen Volkes, für Kinder und Jugendliche, für die Frauen. Nicht nur in Deutschland hat sich der Begriff 'Pornographie' inzwischen untrennbar mit dem ihr zugesprochenen Risiko verbunden, ist zum Synonym für Jugendgefährdung und Frauenverachtung geworden. Der Hauptvorwurf lautet stets, sie wecke sexuelle (und manchmal auch: aggressive) Triebe, die vom (männlichen) Individuum nicht beherrscht werden könnten. Daß Pornographie das sexuellen Begehren anheizt, darin zumindest sind sich Konsumenten und VerfolgerInnen einig.

Versuche hat es viele gegeben, Pornographie einzudämmen oder gar auszurotten. (Den diesem Ziel am nächsten kommenden Versuch unternahmen in Deutschland in den dreißiger Jahren die Nazis.) Daß sie letztlich alle gescheitert sind, liegt nicht nur daran, daß es gerade für verbotene Waren stets einen lukrativen Markt gibt, sondern auch daran, daß die VerfolgerInnen die Verbote aufgrund inhaltlicher Kriterien in der Sphäre der Distribution durchzusetzen versuchten. Und damit, so könnte man sagen, sind sie dem Chamäleon in die Falle gegangen. Denn auf dem Markt finden sich nur Waren, die Pornographie zu sein versprechen, es aber noch nicht sind (und auch nicht werden müssen). Zur Pornographie wird ein Produkt erst und nur dann, wenn es das gegebene Versprechen auch einlöst. Und die tatsächliche sexuelle Anregung des Konsumenten während der Rezeption ist etwas, das sich ausschließlich auf subjektiver Ebene abspielt. Das, was das eigentlich Pornographische ausmacht, ist nicht im Bild selbst, sondern im Auge des Betrachters. Der Film, der Text, das Photo werden zum Anregend-Obszönen im Kopf des Konsumenten - und sie werden es erst, wenn die Ware aus der Distributionssphäre verschwunden ist. Dies bedeutet: auf dem Markt suchen die Verfolger etwas, was es dort gar nicht gibt.

Diese Beschreibung ist gleichzeitig richtig und falsch. Pornographie als rein subjektives Phänomen würde die Existenz der pornographischen Ware unmöglich machen: Wenn nur der einzelne Betrachter wüßte, was ihn sexuell erregt, könnte niemand für einen anderen obszöne Stoffe produzieren. Da aber auch der sexuelle Geschmack der Individuen sozial geformt ist, gibt es in jeder Gesellschaft Darstellungen, die von einer bestimmten Anzahl von Menschen gleichermaßen als sexuell stimulierend wahrgenommen werden. So ist Pornographie sozial konstituiert als das Medium, das bei einem Betrachter mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sexuelle Affekte auslösen wird.

Allerdings hilft diese statistische Betrachtungsweise den Porno-Kontrolleuren nicht weiter. Da es in ihrer Praxis auf die Grenzziehung zwischen erlaubt und verboten ankommt, versuchen sie (seit Jahrzehnten erfolglos) abstrakte Kriterien zu finden, anhand derer Pornographie von Nicht-Pornographie zu unterscheiden ist. Aufgrund ihres spezifischen Gebrauchswerts kann es aber für die Pornographie solche objektiven inhaltlichen Abgrenzungskriterien gerade nicht geben. Herausgekommen ist bei diesen Versuchen deshalb immer wieder nur die subjektive Feststellung: Wenn ich Pornographie sehe, weiß ich, daß es welche ist. Mit anderen Worten: auch die Kontrolleure finden die Pornographie nicht auf dem Markt, sondern in sich selbst.

Der Prozeß des Er-kennens, der eine Darstellung zur Pornographie macht, ist bei Konsumenten und Verfolgern der gleiche. Bei dieser subjektiven Konstituierung von Pornographie muß die sexuelle Anregung weder erwünscht sein, noch als angenehm empfunden werden. Ist der sexuelle Reiz willkommen, wird der Rezipient zum Konsumenten, ist er es nicht, wird er psychische Abwehrreaktionen auslösen, der Betrachter, die Betrachterin wird sich empören, wird vielleicht zum Moralunternehmer, zur Richterin. Bei der Pornographie setzt nicht nur (wie Georges Bataille lehrt: "Was uns am heftigsten empört, ist in uns") die Entrüstung Betroffenheit voraus, sondern jede Beschäftigung mit ihr. Pornographie als solche zu er-kennen, d.h. als obszön zu verstehen, bedeutet, ihr aktiv einen sexuellen Sinn zuzuschreiben, der den Betrachter, die Betrachterin emotional berührt. Das ist das Hinterhältige an der Pornographie, daß sie nicht verdammen kann, wer sie nicht erkannt hat.

Ekel und Abscheu sind allerdings als Reaktion auf Pornographie allemal sicherer als die Erregung. Der Pornogegner weiß immer schon, daß das Material ihn abstoßen wird, der Pornofreund aber kann nur hoffen, daß es ihm gefällt (und seinen Preis wert ist). Aber selbst dann erscheint er als der Geprellte, denn der Gebrauchswert der Pornographie realisiert sich im Aufbau der sexuellen Erregung, nicht in ihrer Auflösung. Als Ware enthält sie nur das Versprechen, sexuell zu stimulieren - aber wer sie kauft, will in aller Regel nicht nur angeregt, sondern auch befriedigt werden. Letzteres aber muß der Konsument schon selbst tun, oder von anderen tun lassen. Selbst also wenn die Ware leistet, was sie beim Kauf versprochen hat, wird der eigentliche Wunsch des Konsumenten von ihr nicht erfüllt. Hier hat der Mythos vom Risiko der Pornographie seinen tieferen Grund: Als Ware, die Bedürfnisse nicht befriedigt, sondern weckt, ist sie Provokation und Negation aller ideellen Eigenschaften der ganzen modernen Warenwelt, scheint sie im Widerspruch zu allen anderen Konsumgütern zu stehen. Daß sie rechtlich und moralisch so behandelt wird wie Drogen oder Sprengstoff, liegt nicht nur daran, daß sie Wünsche erzeugt, die zu erfüllen sie selbst nicht in der Lage ist, sondern auch daran, daß sie in ihrer Paradoxie einen verborgenen Kern der Warenwelt entschleiert - Konsum macht nicht satt, sondern hungrig.

Wer sie wegen der Nichterfüllung eines Versprechens kritisiert, übersieht allerdings, daß die Pornographie gerade daraus ihren Reiz zieht. Die Realisierung ihrer Inhalte ist das letzte, was der Konsument wünscht. Pornographie wirkt, weil sie eine Welt zeigt, die der Betrachter zwar erträumt, aber gleichzeitig auch fürchtet: eine Welt voll von sexuell aktiven Frauen, unmittelbaren Übergängen vom Alltag in die Welt des Sexuellen, absoluter Gewalt über sexuelle Objekte und Unbegrenztheit männlicher Potenz. Pornographie ist der Traum vom sexuellen Männerparadies - wie bei allen Paradiessehnsüchten wäre die Erfüllung ein Alptraum. Allein schon wenn der Mann in der Realität mit der sexuellen Initiative einer Frau konfrontiert ist, reagiert er oft genug ... mit Impotenz. Die heutige Pornographie (auch die im Internet) ist von Männern für Männer gemacht, auch wenn sie zunehmend - mangels eigener Materialien - von Frauen benutzt wird. Eine weibliche Pornographie würde entsprechend aussehen: die Darstellung einer von Frauen erträumten und gleichzeitig gefürchteten sexuellen Welt. (Daß Zensur auch und gerade diese Welt bedroht thematisiert die Seite der Gruppe Feminist for Free Expression.)

Pornographie ist nicht zuletzt so beliebt - und so gefürchtet -, weil zu dem Kontrafaktischen immer auch die imaginierte Verletzung der sozialen Normen gehört. Der Konsument kann hier in der Phantasie seine geheimen (weil verbotenen) Wünsche erfüllen, ohne die einer realen Umsetzung folgenden gesellschaftlichen Sanktionen fürchten zu müssen. Die Möglichkeit der Aufhebung sexueller Normen in der pornographischen Phantasie ist vielleicht der wichtigste Grund ihrer Existenz. Erst wenn die Menschen eines Tages aufhören, Sexualität zu normieren (was im Grunde heißt, die Sexualität abzuschaffen, denn sie ist stets das normierte Begehren), würd auch die Pornographie zu ihrem Ende kommen. Aber davon sind wir noch weit entfernt.

Internet - Medium des Obszönen?

Meine Antworten auf die Frage, ob Pornographie im Internet sich von der in anderen Medien unterscheidet, fußen primär auf einer explorativen Studie über das dort angebotene Bildmaterial. Methode und Einzelergebnisse der Erhebung sind an anderer Stelle beschrieben. Viele meiner Erkenntnisse stehen im Widerspruch zu dem, was heute in den Massenmedien über Pornos im Internet zu lesen ist (und was Phantasiewerke wie die sog. Carnegie Mellon Study fabulieren).

Ich will das nur am Thema Kinderpornographie (dem Lieblingsthema der Massenmedien) deutlich machen. Von den von mir zwischen Juni und September 1996 erhobenen und analysierten gut tausend Photos aus Newsgroups, von freien und geschützten WWW-Seiten zeigten ganze drei Kinder in sexueller Interaktionen untereinander oder mit Erwachsenen. Außerdem entdeckte ich vier Bilder, die dem Augenschein nach ganz- oder teilweise unbekleidete Kinder zeigten. Alle diese Bilder fanden sich auf frei zugänglichen WWW-Servern. In den untersuchten Newsgroups konnte ich keine Kinderpornographie ausmachen. Allerdings gibt es im Usenet auch Gruppen mit Namen, die nahelegen, daß dort Entsprechendes gefunden werden könnte - dies sind jedoch genau die Newsgroups, die heute für die meisten User nur bei vertieftem Wissen über Netzstrukturen und einigem technischem Aufwand zugänglich sind. Niemand stolpert im Internet 'rein zufällig' über Pornographie und über Kinderpornographie erst recht nicht.

Wenn Journalisten - typisch die Reporter von AKTE XY/1996 - sich wochenlang die Nächte um die Ohren schlagen, um endlich beim 'Chaten' jemanden zu finden, der ihnen auf ihre Aufforderung hin Kinderpornographie zuschickt, entsteht das, was ich den Plutoniumschmuggel-Effekt nenne: Eine Nachfrage wird erzeugt , damit ein Angebot entsteht, das anschließend strafrechtlich verfolgt werden kann. Analytisch gesehen unterscheidet sich diese journalistische Nachfrage nach Kinderpornographie nur unwesentlich von anderen Formen des Verlangens, gab es doch für Pornographie schon immer drei weitgehend gleichberechtigte Gebrauchswerte: die sexuelle Erregung, die Auslösung von Abscheu und Empörung sowie schließlich die publizistische Verwertung des ersten oder zweiten Begehrens.

So ist es nicht verwunderlich, daß Pornographie im Internet im Allgemeinen und Kinderpornographie im Besonderen aktuell ein Lieblingsthema der traditionellen Massenmedien ist - insbesondere derer, die sich beharrlich weigern, die wirklich dramatischen sozialen Auswirkungen computervermittelter Kommunikation zur Kenntnis zu nehmen. (Wie solche Berichte über sexuelle Gefahren aus dem Internet entstehen, zeigt die - nicht ganz ernst gemeinte - Anleitung von Scott W. Stevenson.)

Tatsächlich dominiert im Netz bei den sexuellen Darstellungen eindeutig die digitalisierte Version dessen, was Rüdiger Lautmann und ich vor einigen Jahren nach dem US-amerikanischen Fastfood 'Hamburger'-Pornographie genannt hatten: Bilder, die bei weitgehend gleichem Inhalt und identischer Zubereitung (primär nackte Frauen und kopulierende Paare) offensichtlich stets aufs Neue konsumiert werden können, ohne daß eine 'Übersättigung' des Konsumenten eintritt. Und doch gibt es auch Neues und Ungewohntes im Material, Unterschiede zur herkömmlichen Welt der pornographischen Ware, die auf Veränderungen in Konsum- und Wirkungsweisen hindeuten. Diese Widersprüchlichkeit obszöner Bilder im Internet spiegeln im folgende These und Gegenthese wieder.

These - "Das kennen wir doch schon alles "

oder: Pornographie im Internet unterscheidet sich nicht von Pornographie in anderen Medien.

Erste Feststellung: Es gibt keine Pornobilder im Internet, die man(n )nicht auch auf anderem Wege erhalten könnte.

Im Internet vertreten sind alle rechtlichen Gattungen obszönen Materials: von den unbeanstandeten Nacktbildern über jugendgefährdendes Material nach dem "Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften" bis hin zu Pornographie im Sinne des § 184 Strafgesetzbuch. Und ebenso, wie das nach dessen drittem Absatz Verbotene (pornographische Darstellungen mit Gewalt, Kindern und Tieren) schon immer in einigen Pornoshops unter dem Ladentisch gehandelt wurde, findet man(n) sie auch in einigen mehr oder weniger gut verborgenen Ecken des Internet. Dabei gilt aber insbesondere für die Kinderpornographie: Nur wer mit Ausdauer und Nachdruck sowie einigem Insiderwissen sucht, wird auch fündig.

Zweite Feststellung: Der sexuelle Stoff im Internet ist nach den 'klassischen' Formen des Begehrens organisiert.

Auch im Internet dominiert eindeutig 'Hamburger'-Pornographie, wie wir sie aus Heften und Videofilmen kennen: Nackte Körper aller Art, viel mehr Frauen als Männer, belichtet von allen Seiten, nicht immer, aber oftmals mit der Fokussierung des Blicks auf die Genitalien - wobei die Reduzierung des Bildes auf diese, die angeblich so typisch für Pornographie ist, im Internet ebenso selten ist wie beim klassischen Material. Bei den gezeigten Interaktionen finden sich neben dem eher Gewöhnlichen immer auch mal die von der traditionellen Sexualforschung beschriebenen 'Abweichungen': Sado und Maso, Fetischismen aller Art, Flaggelieren und Urinieren. Dabei sind es nicht die Augen des Sexforschers, die das Material in solche Schemata pressen, sondern dies sind die Abteilungen, in denen die Interessenten selbst ihr Material organisieren. Dabei findet sich aber nichts, was nicht Krafft-Ebing (der Pionier der wissenschaftlichen Beschreibung und Klassifizierung sexueller 'Abweichungen' im 19. Jahrhunderts) schon kannte.

Dritte Feststellung: Das Internet verändert nicht das Material und seine Produktionsweise, sondern lediglich die Art der Distribution.

Was man(n) im Internet findet, ist so nicht nur schon seit Jahrzehnten so produziert worden, sondern ein Großteil des Material entsteht auch (zumindest bis heute) für ganz andere Verwendungszwecke. Es wird im Internet lediglich sekundär- oder richtiger - tertiärverwertet. Gab es früher bei kommerzieller Herstellung schon das Pornoheft zum Videofilm, so gibt es nun noch die Photos dazu - digitalisiert und auf verschwommene 400 x 300 Pixel gebracht: Im Internet oder - zu Serien zusammengefaßt - auf der Kauf-CD-Rom. Das schon Vorhandene wird nur noch einmal verteilt und in die Zirkulation eingebracht - was im Netz wirklich heißt: immer wieder herumgereicht, die selben Bilder auf Dutzenden von Servern.

Vierte Feststellung: Wer Pornos sucht, findet sie auch - dies gilt für Erwachsene ebenso wie Jugendliche und ältere Kinder.

Wie Heimo Ponnath oder Lisa Schmeiser ganz zurecht feststellen, kann mensch sehr lange im Internet surfen, ohne auch nur auf eine sexualbezogene Darstellungen zu stoßen. Nur wer das obszöne Material sucht, findet es auch. Dabei unterscheidet sich das Internet in nichts von anderen Medien: Kinder, die wissen möchten, was es mit diesem Stoff denn nun auf sich hat, finden das Pornoheft des Großen Bruders, Papis Videokassetten und nun eben auch den Link im Internet. Schon immer galt hier: Wenn die Kinder in ein Alter kommen, in dem sie das Material interessiert, sind sie auch alt genug, es zu finden. Und zumindest wenn die Erwachsenen sich mit ihren Vorsichts- und Schutzmaßnahmen richtig Mühe geben, ist der Prozeß des Suchens dabei allemal spannender als der Stoff selbst. (Wenn es einen Grund gibt, aus dem ich für ausgeklügelte Schutzsysteme plädieren, dann nur den, daß wir Kinder künstlich klein halten, wenn wir ihnen alles zu leicht machen.)

Fünfte Feststellung: Auch bezüglich des Geschlechterverhältnisses gilt, daß es im Internet nichts Neues gibt.

Pornohefte, Pornofilme: Material von Männern für Männer. Frauenträume - einmal unterstellt, daß es sie in zumindest ähnlicher visueller Form gibt - fristen ein Randdasein, sind selbst, nein gerade in den weiblichen Subkulturen umstritten. Muskulöse Männer, große Schwänze - das zielt eher auf das schwule Publikum. Im Internet kommt noch hinzu, daß das Medium nicht nur ein männerbeherrschtes, sondern auch ein primär männergenutztes ist. Zumindest das letztere könnte sich - glauben wir den Provider-Statistiken - allerdings in absehbarer Zeit ändern. Nach dem, was wir von anderen Medien wissen, wird dies aber nicht dazu führen, daß neue, auf den weiblichen Blick ausgerichtete Bilderwelten entstehen, sondern eher, daß das Äquivalent zum Männerpornographie Einzug hält: die rosarote Schnulzenliteratur .

Gegenthese - "Im Netz ist zwar nicht alles, aber vieles anders"

oder: Aufgrund seiner ihm eigenen strukturellen Charakteristika verändert das Netz die Pornographie und seine Konsumenten.

Sechste Feststellung: Das Internet bringt neue Modi der Erregungssteigerung ebenso wie ganz neue Formen der erotischen Spannung hervor.

Altbekannt ist der Striptease-Modus zur Erregungssteigerung bei einer Bildserie im Heft, beim Videofilm oder in der klassischen erotischen Bühnenshow. Die Entblößung des Modells durch mehrere Bilder oder eine Handlungsfolge ist bei der - bislang meist auf Einzelphotos beruhenden - Präsentation im WWW durch die zeilenweise Darstellung des Bildes ersetzt. Ladezeiten von 30 Sekunden oder auch 3 Minuten erzeugen eine spezifische Spannung, wenn das Bild von oben nach unten Zeile für Zeile aufgebaut wird. Der Betrachter ist versucht, aus dem bisher Sichtbaren, auf das noch Unsichtbare zu schließen. Vorab stellt er in seiner Phantasie ein ganzes Bild zusammen - das von der Realität vielleicht übertroffen wird, oder aber auch nur enttäuscht. (Für die Netscape-User: Das klappt natürlich nur, wenn die Funktion "display image" auf "while loading" gesetzt ist.) Daneben entstehen ganz neue Formen der erotischen Spannung nach dem Muster: 'Der Weg ist das Ziel'. Interessant ist hier nicht mehr der Stoff selbst, sondern Suchen und Finden in den Tiefen des Netzes. Resource Pages verderben dabei nicht den Spaß, sondern erhöhen das Jagdfieber, weil sie feststellen, was schon allgemein bekannt ist - und damit die Suche nach bisher unbekannten Links erst ermöglichen.

Siebente Feststellung: Das Internet fördert die Ausbildung neuer sexueller Mikrokulturen.

Im Netz finden auch die sehr seltenen Interessen zusammen und können sich austauschen. Gleichberechtigt neben Knebeln, Ketten, Käfigen für die, die es etwas härter mögen, findet sich etwas für alle, die sich ihr kindliches Gemüt bewahrt haben ( z.B. eine Seite mit Bildern von Männer und Frauen, die, bekleidet mit nichts als übergroßen Windeln, genüßlich am Schnuller saugen). Gleiches gilt - in Bild und Text - für Interessen an langen weißen Männerunterhosen, an Sex auf Bergesgipfeln oder an heimlichen Schnappschüssen auf der Toilette. Wer bislang allein und verlassen seiner Leidenschaft frönen mußte, hat jetzt die Chance, irgendwo auf der Welt Gleichgesinnte zu finden. Das "Geteilte Freude ist doppelte Freude" gilt gerade auch im sexuellen Bereich.

Die vergleichsweise große Anonymität gibt viel Raum zum Experimentieren. Das Internet ermöglicht die Organisation auch ausgefallener Geschmäcker und vielleicht sogar die Ausbildung neuer sexueller Mikrokulturen. (Andererseits könnte es aber auch die Anziehungskraft einiger traditioneller sexueller Subkulturen verringern, in dem es ihnen den Nimbus des Dunklen und Geheimnisvollen entzieht: es ist keine aktive Teilnahme mehr nötig, um sich mit ihren Ideen und Imaginationen vertraut zu machen.)

Achte Feststellung: Die Trennung zwischen Produzent und Konsument ist weitgehend aufgehoben.

Wer User ist, kann auch Anbieter sein - dies gilt in den Newsgroups ebenso wie im WWW. Gerade die Bilder kommerzieller Unternehmen dienen oft nur als Rohstoff der Netzzirkulation. Das dort Gefundene wird auf eigenen Seiten ebenso weiterverbreitet wie selbst erzeugtes Photomaterial. Jetzt müssen die 'erotischen Meisterwerke' nicht mehr im stillen Kämmerlein konsumiert, sondern sie können vor aller Welt ausgebreitet werden - dies gilt für eigene Photos ebenso wie für die Umarbeitung vorhandenen Bildmaterials.

Die Einfachheit der Bildbearbeitung ermöglicht jedermann die digitale Erschaffung seines Traumobjekts: sei es durch den Austausch von Köpfen, sei es durch die Möglichkeit, die besonders interessierenden Körperteile auf ein beliebiges Maß zu vergrößern (ein Eldorado nicht nur für Busenfetischisten). Wer mehr Muße hat, bastelt sich aus diversen Versatzstücken nach eigenen Vorstellungen seine Traumfrau (oder ja vielleicht auch ihren Traummann). Und wer nicht so kreativ ist, dem ermöglichen Viewer doch zumindest die Zusammenstellung der erbeuteten Bilder in Reihen nach eigenen Vorlieben. Die private Slide Show zwingt die Phantasie des Betrachters nicht so stark in ein Korsett wie Hefte oder gar Videofilme.

Neunte Feststellung: Durch das Internet werden Anonymität und Identität im sexuellen Austausch neu definiert.

Das Netz schafft die Möglichkeiten zu einer einerseits öffentlichen, andererseits aber auch in bestimmtem Grad anonymen Kommunikation. Die Bereitstellung von Seiten im WWW ist so geheim, wie der Besitzer des jeweiligen Servers dies zuläßt. Bei Zugriffen auf solche Seiten ist jedoch ebenso wie bei Botschaften an eine Newsgroup mit Hilfe kleiner technischer Tricks (z.B. die Verwendung von Anonymisierungsservern) ein unerkanntes Agieren möglich. Im Netz kann und soll vom eigenen Äußeren und dem des Kommunikationspartners abstrahiert werden: ob alt oder jung, häßlich oder schön , verkrüppelt oder makellos - im Netz kann jeder erscheinen wie er möchte - auch als jede . Wenn ich im Absender meiner sexuellen Botschaften "Michaela" eintrage, merkt niemand den Schwindel. Und vielleicht ist es nicht mal einer.

Das Internet fördert Experimente mit sexuellen und Geschlechtsrollen. (Zum 'gender swapping' siehe das Interviev mit Sherry Turkle). Die Frage, ob im Cyberspace mehr Frauen als Männer auftreten oder mehr Männer als Frauen ist empirisch bislang nicht entschieden. (Die ganze Diskussion darüber erscheint mir als hilfloser Versuch, etwas von der traditionellen Vorstellung eines 'wahren Geschlechts' in den Cyberspace zu retten.) Und schließlich erlaubt das Netz es auch, ohne Glaubwürdigkeitsverlust gleichzeitig unter verschiedenen Namen als Genießer und moralisierender Kritiker aufzutreten: In der einen Newsgroup hui, in der anderen Newsgroup pfui.

Zehnte Feststellung: Gänzlich Neues in der erotischen Kommunikation bringen die elektronischen Peepshows - allerdings anders, als ihre Anbieter es versprechen.

Immer mehr Firmen locken mit computervermitteltem Direktkontakt zwischen Model und Betrachter während laufender Tele-Peepshow: Der Kunde könne per Tastatur Wünsche äußern, das Model bewege sich nach seinen Vorgaben. Viel zu teuer und im übrigen technisch witzlos wäre es allerdings, dieses Versprechen halten zu wollen. Der Vorzug des Computers besteht ja gerade darin, dem Betrachter die Illusion zu verschaffen, es würde ein Model sich nur nach seinen Wünschen drehen und winden - während in Wirklichkeit ein ausgeklügeltes Programm die erwünschten Bewegungssequenzen aus der Datenbank heraussucht und dem Betrachter präsentiert. Einmal in allen vorstellbaren Posen aufgenommen, wird das Modell überflüssig. In absehbarer Zukunft ist genug Körpermaterial - Arme, Beine, Köpfe, Brüste - vorhanden, um jedes Wunschmodell in jeder beliebigen Sequenz zu zeigen. Was bleibt, ist sexuelle Kommunikation des Menschen nicht mit dem Menschen, sondern mit der Maschine. Damit sind wir beim Thema Cybersex.

Cybersex - Der Computer als Sexualpartner

Vor einiger Zeit erschien ein Beitrag von Paul Virilio, in dem er einmal nicht als scharfsinniger Medientheoretiker, sondern als ein die aktuelle Panik forcierender Moralunternehmer auftritt - oder als dessen ironischer Imitator. Fortpflanzung als Ziel der Sexualität, Hochzeit als Voraussetzung der Kopulation, Kopulation statt Masturbation sind die moralischen Imperative, die durch die "Cybersexualität" gefährdet erscheinen. Der Text warnt vor einer vom Sex via Internet hervorgerufenen "physiologischen und demographischen Desintegration", die "ohnegleichen in der Geschichte ist" und sogar "bald die Zukunft der menschlichen Fortzeugung bedroht".

Darauf kann ich nur erwidern: Es wäre ja zu schön, um wahr zu sein, wenn der Cybersex die Geburtenrate unseres erbarmungslos bevölkerten Planeten tatsächlich reduzieren könnten. Dies ist leider jedoch genauso absurd, wie die Vorstellung, es könnte nicht Vater oder Mutter werden, wer Analverkehr am geilsten findet. (Wie groß der Hang zur Reproduktion gerade bei Gruppen ist, die nichtreproduktiven Sex bevorzugen, zeigen deren Debatten über den Kinderwunsch und seine technische Realisierung.) Und mich würde es auch nicht stören, wenn "die nicht bloß unterentwickelten, sondern auch 'medial' schlecht ausgerüsteten Gesellschaften das Ueberleben der Menschheit sicherstellen". Beschlossen wird das Bedrohungsgemälde mit der Warnung vor einer "Menschheit ..., die durch die Vorzüge der Sexmaschinen der medialen Masturbation gänzlich disqualifiziert ist".

Wie beendete 'Kopf-ab-Jaeger' (ein Abgeordneter der CSU, der sich durch die Forderung nach per Fallbeil zu vollstreckender Todesstrafe einen Ruf gemacht hatte) doch anno 1971 seinen Beitrag zur Bundestagsdebatte über die Pornographiefreigabe? "Ich meine, beim Sittenstrafrecht und beim § 184 wird es sich auch entscheiden, ob wir Deutschen ein Kulturvolk sind oder in eine neue Barbarei versinken." Ich hoffe, Virilios Beitrag war eine Satire auf die Angst der Bürger der westlichen 'Höchstkultur' vor dem Ende der Vorherrschaft ihrer traditionellen Wert- und Moralordnung.

Nun aber wieder zu den sozialen Tatsachen: Die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung ist wesentliches Ergebnis der sexualmoralischen und sexualtechnischen Entwicklung im 20. Jahrhundert. Bis in die fünfziger Jahre war nur der Wunsch nach Fortpflanzung die moralisch hinreichende Bedingung für Sexualität, andersherum war der Koitus bis vor kurzem die notwendige Bedingung für Fortpflanzung. Diesen letzten Zusammenhang hat die Reproduktionsmedizin gekappt. Daß Sexualität heute potentiell von der Fortpflanzung abgekoppelt ist, heißt aber noch lange nicht, daß 'traditioneller' Geschlechtsverkehr nicht zur Fortpflanzung führt - oder daß die meisten Kinder heute 'in vitro' gezeugt würden. Richtig ist allerdings, daß Sexualität am Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr primär über die Fortpflanzungs- sondern eher über die Lustfunktion (und in intellektuellen Kreisen vielleicht noch hinsichtlich der Frage einer mehr oder weniger symbolischen Machtfunktion) definiert wird. Eine moralische Folge dieser Abkopplung ist es, daß Cybersex als genauso 'normale' sexuelle Betätigung angesehen werden kann, wie Sex zwischen Personen eines Geschlechts oder auch das sexuelle Selbstgespräch.

Als solches, nämlich als computervermittelte mutuelle Onanie, beschreibt Virilio Cybersex, wenn er (bedauernd) feststellt, "die Kopulation, die bis heute noch 'lebendig' war, wird plötzlich unverbindlich und verwandelt sich in eine ferngesteuerte masturbatorische Handlung...". Einmal ganz davon abgesehen, daß ich nicht weiß, warum 'masturbatorisch' hier als negativer Wertbegriff benutzt wird (die letzten Antimasturbationskampagnen endeten in den sechziger Jahren), ist der beschriebene Sex mittels Datenanzügen nur ein (mehr oder weniger lustvoll empfundenes) Experiment, das sich für die große Mehrheit der sexuellen Subjekte sehr schnell als wenig interessant und noch weniger befriedigend herausstellen wird.

Wichtiger ist mir, daß diese (bisher übliche) Definition von Cybersex als Sexoption zwischen zwei Menschen an der zentralen Neuerung vorbeigeht. Sein entscheidendes Charakteristikum ist vielmehr, daß "man nie wissen wird, ob der Cybersexpartner am anderen Ende mit einem XY-Chromosom, einem XX-Chromosom oder einem RISC-Prozessor von Motorola und IBM ausgestattet ist" (D'Ark Zitt 1995: 10). Und wissen dürfen wir dies heute nicht, weil viele der Benutzer(Innen) noch die Illusion benötigen, irgendwo am anderen Ende irgendeiner Datenleitung gäbe es einen realen Menschen. Wirklich neu (und deshalb in unserer Erlebnisgesellschaft "aufregend") ist Cybersex - in seinen verschiedenen Spielarten - weder als Fernkopulation noch als "masturbatorische Handlung" sondern nur als Sex mit dem Computer (Grundzüge und -probleme der Mensch-Maschine-Interaktion - Cybernetics - diskutiert Robert Cooper).

Daß dieser Sex möglich ist, liegt daran, daß das Begehren in erster Linie der Phantasie entspringt und von ihr geleitet wird: "Niemals zuvor wurde uns so überzeugend vor Augen geführt, wie sehr die Geschlechtslust aus dem Spiel der Gedanken und Gefühle erwächst - einem Spiel, das jetzt als digitale Kommunikation beschrieben wird." (Lautmann 1995: 3)

Aber nicht erst seit er technisch reproduzierbar ist, sondern schon immer bestand der sexuelle Körper aus sinnlichen Wahrnehmungen, zusammengehalten durch nichts als Phantasie. Und diese Phantasie ermöglicht eben auch das, was ich Cybersex nenne: die sexuelle Kommunikation des Menschen nicht mit dem Menschen, sondern mit der Maschine. Der Computer am Ende des 20. Jahrhunderts ist ein Sexualpartner, was seine Liebhaber(innen) aber nicht daran hindern wird, auch andere zu haben - Frauen, Männer und Menschen, deren Geschlecht heute noch keinen Namen hat.

Michael Schetsche ist wissenschaftlicher Assistent für Sexual- und Rechtssoziologie an der Universität Bremen. Weitere Texte von ihm sind hier zu finden.

Literatur

Angerer, Marie-Luise (1993): The Pleasure of the Interface. In: Das Argument 35, S. 737-748

D'Ark Zitt, Markus (1995): 'Safe new World'. In: pro familia magazin, Heft 1/1995, S. 10-11

Jaeger, Richard (1971). In: Verhandlungen des Deutschen Bundestages, 6. Wahlperiode, Stenographische Berichte, Band 75, S. 6124-6231

Lautmann, Rüdiger (1995): Sexualität im technischen Zeitalter. In : pro familia magazin, Heft 1/1995, S. 3-4

Lautmann, Rüdiger / Schetsche, Michael (1990): Das pornographierte Begehren. Frankfurt am Main: Campus

Schetsche, Michael (1993): Das 'sexuell gefährdete Kind'. Kontinuität und Wandel eines sozialen Problems. Pfaffenweiler: Centaurus

Snitow, Ann (1985): Der Liebesroman aus der Retorte. In: Die Politik des Begehrens. Sexualität. Pornographie und neuer Puritanismus in den USA. Hg. Ann Snitow u.a., Berlin: Rotbuch

Tien, Lee (1994): Children's Sexuality and the New Information Technology: A Foucaultian Approach. In: Social and Legal Studies 3 (1), S. 121-147

Uthoff, Andreas (1995): Das ewig gleiche neu aufgepeppt?. In: pro familia magazin, Heft 1/1995, S. 7-8 (Michael Schetsche)

Anzeige