In der Corona-Wartehalle

Adam, Miranda und die Abstandsnazis. (Un-)zeitgemäße Betrachtungen hinterm Mundschutz

Der Mundschutz bestimmt 2020 nicht zum ersten Mal das Bild der Öffentlichkeit; so war es auch 1918, in dem Jahr, als die erste Grippe-Pandemie des 20. Jahrhunderts die Menschheit heimsuchte. Die Bilder ähneln sich, mit gut 100 Jahren Abstand: Polizisten in Seattle - das zeigen alte Fotos - tragen Atemschutz; Soldaten sitzen mit Maske im Kino. In Deutschland liegt das öffentliche Leben im Oktober 1918 lahm. Schulen werden geschlossen, Bahnen bleiben in den Depots, ganze Firmenbelegschaften siechen vor sich hin.

"Diese komische neue Krankheit", notiert Katherine Anne Porter, "pustet einen um wie nichts." In einer Unterhaltung zweier fiktiver Protagonisten, Adam und Miranda, finden sich in ihren Erinnerungen Details: "Sie können keinen Krankenwagen mehr auftreiben", sagte Adam, "und es sind keine Betten mehr frei (...)". "Ist es wirklich so schlimm?", fragte Miranda. "Es könnte gar nicht schlimmer sein", erwiderte Adam, "alle Theater und fast alle Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, und auf den Straßen folgt ein Leichenzug dem anderen, den ganzen Tag über, und nachts fahren pausenlos Krankenwagen." (Katherine Anne Porter: Fahles Pferd, fahler Reiter, hrsg. 1939).

Panoptikum des Schreckens

Fotografien von Feldlazaretts zeigen darniederliegende amerikanische Soldaten in Frankreich 1918; die meisten von ihnen Opfer der Spanische Grippe. Amerikanische Soldaten spielen die große Rolle bei der Ausbreitung. Mit ihren Feldzügen wird die Seuche nach Frankreich, nach Japan, auf die Philippinen, nach Kanada und nach Mexiko transportiert. Mutmaßlich kam der Erreger aus einem einzigen US-Regiment, und zwar aus Kansas.

Spanische Grippe (8 Bilder)

Polizisten in Seattle während der Spanischen Grippe (1918). Bild: Public Domain

Die neue Grippe befiel vor allem die Jungen und Starken, die Hälfte der Opfer war zwischen 20 und 40 Jahre alt. Infizierte starben manchmal innerhalb von zwei Tagen. Einige kippten tot vom Pferd, andere fielen einfach auf der Straße um oder glitten von Wagen oder Kutsche. In den meisten Fällen war es die unvermeidliche Lungenentzündung, die den Ausschlag gab.

Ein Panoptikum des Schreckens. Infizierten geht die Puste aus. Der Schrecken der 2020 an COVID-19 Sterbenden ist es, dass sie gewaltsam zu atmen aufhören. Das ist die Urangst. Der lebensspendende Atem stockt und versagt. Wer atmet, lebt (lebendig = atmend, hebräisch nephesh). Wer aufhört zu atmen, stirbt.

Ich hatte noch nie eine Pandemie. Es ist neu. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 100 Jahre nach dem Fiasko der Spanischen Grippe hocken wir nun da, in der Corona-Wartehalle.

Der schwarze Reiter

Heinrich Heine schrieb:

Das ist der böse Thanatos,
Er kommt auf einem fahlen Roß;
Ich hör' den Hufschlag, hör' den Trab,
Der dunkle Reiter holt mich ab

(Lamentazionen, 1853/54)

Ich hasse dieses sinnlose Palaver im Äther, seit Wochen dieser tägliche Corona-Müll im Morgenradio: Deutschlandzahlen, Landeszahlen, Genesene, Beatmete, Gestorbene. Dazwischen propere Interviews mit Lebenden. Irgendwann im Mai hatte ich eigentlich beschlossen: Ich höre nicht mehr hin.

Gehöre ich am Ende zu denen, die der dunkle Reiter auf der Liste hat?

Ein Schreckgespenst: Tod durch Ersticken. Es ist eine düstere, eine atavistische Vorstellung, sie knüpft an eine uralte Wahrheit an, die mehr ist als ein Mythos; bittere Wirklichkeit. Was Heine in seinen Lamentazionen 1853/54 beschwört, ist der Tod (Thanatos) als dunkler Reiter auf einem fahlen Ross. Aus heiterem Himmel, 170 Jahre später, vernehmen wir seinen Hufschlag. Im März, als die Fallzahlen nach oben klettern, sorgt ein Winzling namens Sars-CoV-2 dafür, dass der Spuk erwacht: Wir könnten jämmerlich ersticken. Jeder von uns.

Der moderne Gevatter Tod setzt auf die Lunge, und es ist ganz der Alte. Hier rührt etwas an den Ursprung, an etwas, was uns alle eint. Womöglich ein Erklärungsgrund für das allgemeine Grausen, das in den ersten Wochen des Jahres einsetzt und das - seien wir ehrlich - immer noch so manchen in seinen Bann schlägt? Von überforderten Politikern im Übrigen bald kaltschnäuzig benutzt und von medialer Panikmache eifrig geschürt.

Mit dem Atem verbindet sich der Rhythmus des Lebens. Am Grunde unserer Kultur ruht die Erzählung, wie die aus dem Staub der Erde gemachte Kreatur als erstes einen lebenbringenden Atemzug tut (Genesis 2:7). Atmen ist Leben! Wir fürchten uns vor dem Atemstillstand. Vor dem Break unseres Lebens, dem finalen Lockdown. Aufhören zu atmen bedeutet: Aufhören zu leben.

Das Rätsel der Ansteckung

Eine erste dokumentierte Grippe-Pandemie trat Ende des 16. Jahrhunderts auf. Berichte weisen auf die Zeit um 1580. Schon seit dem 15. Jahrhundert unterschied man zwischen einer gewöhnlichen Erkältung und einer Influenza. Coeli influencia, Einfluss des Himmels. Die moderne Naturwissenschaft war noch nicht geboren. Der Himmel brachte das Unheil. Nur der Himmel allein kam in Frage, nur er verhängte das Unerhörte. In Stadt und Land rätselten Ärzte über das Geheimnis der Seuchen und der Ansteckung von Mensch zu Mensch.

In verschiedenen Ländern Europas treffen wir auf verschiedene Namen: influenza flu, chripu, gripper, gripe und grippe. In England, wo es häufig zu Epidemien kam, war der sog. "Englische Schweiß" berühmt-berüchtigt. Schwer zu sagen, ob es sich um Formen der heute so genannten Influenza handelte. Die Übertragung durch die Luft blieb das Erklärungsmodell: Auch bei der Pest gab es die Vermutung, der Erreger schwebe durch die Luft; man ängstigte sich vor Ausdünstungen aller Art, vor allem in der körperlichen Nähe und in den Häusern der Kranken und Dahingerafften. Im Verdacht stand schon einfacher Staub.

Nach heutigem Wissensstand ist der relevanteste Übertragungsweg für den Krankheitserreger, gleich ob Influenza oder COVID-19, die Tröpfcheninfektion über Sekrettröpfchen. Sie entstehen beim Sprechen, beim Husten oder Niesen, auch beim Singen, und sie können von einer sich in der Nähe aufhaltenden Person aufgenommen werden. Nähe ist deshalb gefährlich.Tröpfchen, so erklären die Ärzte von heute, in der Größe von unter zehn Mikrometern halten sich lange in der Luft, damit ist das Rätsel der Ansteckung gelöst, wir reden von aerogenen Übertragungen. Gemeinschaft (Nähe) ist und bleibt ein Risiko. Gerade das, was wir alle brauchen und suchen, a.d.1580 oder 2020, ist zu einem potenziell tödlichen Risiko geworden.

Biedermann und die Altlasten

In der Zeitung, es ist Mai, studiere ich allen guten Vorsätzen zum Trotz die tägliche Rubrik "Leserfragen" zur Coronakrise. Ein älterer Mann, 83, nach eigener Schilderung gesund und aktiv, fährt um 7:00 Uhr früh zum Wochenmarkt, hält Abstand (es sind kaum Leute da zu der Zeit), er kauft frisches Gemüse, Obst, Eier und Joghurt; die Verkaufsstände bieten einen guten Abstand zwischen Kunde und Personal; das Personal, so hat es der Kunde selbst beobachtet, verhält sich umsichtig und korrekt.

Der besorgte Senior fragt trotzdem per Mail bei der Zeitung nach, mache ich alles richtig? Der Kummerkastenmann (alles ausgewiesene Experten, Ärzte, Apotheker, Virologen) erwidert: NEIN! Sie gehören zur RISIKOGRUPPE! Bleiben Sie zu Hause! Lassen Sie sich das Gemüse und die Eier vor die Tür stellen! Sie machen alles falsch!

Patienten vom Land, so erzählt mir ein Chiropraktiker aus der Gegend, haben coronabedingt starken Redebedarf, einige berichten Folgendes: Mitbewohner vom Dorf hätten beobachtet, wie ein älterer Nachbar Besuch vom Enkel bekommt - das war im April - und zeigen den Vorfall prompt beim Ordnungsamt an. "Bitte, anonym!" Ein Anderer hat aus dem Fenster geschaut und Kinder aus der Nachbarschaft dabei beobachtet, wie sie sich treffen und zusammen spielen. Was tut ein redlicher Deutscher? Er ruft beim Ordnungsamt an. Wie gesagt, die Schildbürgerstreiche ereigneten sich im März und April.

Die Krise befördert, wie so manche Krise, bei manchen Individuen toxische Altlasten nach oben. Relikte, die unverarbeitet geblieben sind. Man könnte böse formulieren und sagen, psychosozialen Restmüll. Mein Chiropraktiker, übrigens ein souveräner, ausgeglichener Mann, blickt mich an: "Abstandsnazis", sagt er freundlich. Ich widerspreche nicht, sinniere stattdessen über die Infektionsketten.

Im Corona-Wartesaal

Der Preis für Klopapier hat sich derweil normalisiert. In Baden-Württemberg sind zwei Männer, beide Mitte zwanzig, gewalttätig geworden, nachdem sie wegen fehlendem Mundschutz aus dem Bus geflogen sind. Der Busfahrer landete schwer verletzt im Hospital. Auf mehreren Demos gibt es wütende Corona-Proteste. Sie befördern Greta Thunberg gerade ein bisschen in den Hintergrund. Ein Bekannter schickt mir beharrlich Fantasien einer Weltverschwörung; nicht zu stoppen.

Ich hatte noch nie eine Pandemie. Es ist neu für mich. Die Junisonne scheint, allem Gejammer, allen Parolen zum Trotz. Mir geht Zoe Wees nicht aus dem Kopf (mit ihrer warmen Stimme): "I don’t wanna lose control". Soll keine Schleichwerbung sein, es geht um die Botschaft. Ich schreite zu Kaffee Nummer 2 für heute, eine gute Entscheidung. Höre weiter Radio. Lausche auf den bösen Thanatos.

Wohin die Reise? Die Fahrpläne sind unlesbar geworden. Willkommen im Corona-Wartesaal. Bitte achten Sie auf Ihre Aerosole.

Benutzte Literatur:

Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften. Sechs Bände, München 1968-1976 (Zitat aus: Düsseldorfer Heine-Ausgabe [DHA], Bd. 3/1, S. 116)

Jacobsen, Jens: Schatten des Todes. Die Geschichte der Seuchen. Darmstadt/Mainz 2012

Porter, Katherine Anne: Fahles Pferd, fahler Reiter, 1939 (Pale Horse, Pale Rider). Dt. Ausgabe Stuttgart 1986

(Arno Kleinebeckel)