In der Mitte der Gesellschaft

Armer Hansi

Was macht der rosarote Panther im Forsthaus Falkenau?

Seit bekannt wurde, dass das "Zwickauer Terrortrio" für eine Mordserie mit neonazistischem Hintergrund verantwortlich war, ist die Aufregung wieder einmal groß. Hieß es vorher, dass von den Rechtsextremen keine akute Gefahr ausgehe, ist jetzt davon die Rede, dass der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. Aber was bedeutet das eigentlich: "in der Mitte der Gesellschaft"? Versuch einer Annäherung.

Rechtsextreme Überzeugungen, wurde anfangs gewarnt, breiteten sich immer weiter aus. Das müsse jetzt schonungslos aufgearbeitet werden, und lückenlos, und vielleicht sogar brutalstmöglich wie damals bei den "jüdischen Vermächtnissen" der CDU. Nach diesen guten Vorsätzen war man sehr schnell beim Versagen von Polizei und Verfassungsschutz, bei neu anzulegenden Dateien und beim Verbot der NPD angelangt. Darüber diskutiert es sich viel leichter, man hat das Thema wieder in eine Ecke abgedrängt, redet über andere und nicht über sich selbst. Das ist bequem und gut vermittelbar, weil es um Geld geht. Soll die Demokratie Neonazis, die sie abschaffen wollen, per Parteienfinanzierung und Wahlkampfkostenerstattung alimentieren? Wenn man das nicht will, hält die Demokratie außer einem Verbotsverfahren mit dubiosem Ausgang noch ein anderes Mittel bereit. Man kann sich darum bemühen, dass die NPD nicht mehr gewählt wird.

Das müsste logischerweise damit beginnen, dass man versucht, sich darüber klar zu werden, wo man ansetzen sollte, um das zu erreichen. Wie macht man das? Wer mehr darüber erfahren will, warum Gruppierungen, die Parolen von vorgestern schreien, heute noch Unterstützer finden, wird nicht umhin kommen, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und damit, wie sie in die Gegenwart hereinreicht. Als die Bekenner-DVD mit Paulchen Panther auftauchte, habe ich im Fernsehen ein Gespräch mit einem Trickfilm-Experten gesehen, der erklären sollte, ob und wenn ja wie der "Nationalsozialistische Untergrund" vom Animationsfilm der NS-Zeit beeinflusst sei. Das Gespräch blieb leider ergebnislos und musste es wohl auch bleiben, weil die Frage falsch gestellt war. Zumindest nehme ich das an.

Um es gleich zu sagen: Ich werde nie verstehen, warum Leute andere Menschen umbringen, weil sie anders aussehen, einen anderen kulturellen Hintergrund haben oder sonst wie nicht in das dumpfe Weltbild der Mörder passen. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe interessieren mich hier nur am Rande. Ich kann mir auch schwer vorstellen, dass Neonazis ihre Zeit damit verbringen, sich alte Propagandaschinken aus dem Dritten Reich anzuschauen. Das ist eine Fiktion, der man leicht aufsitzt, weil ein Teil dieser Propagandafilme weiter verboten bleibt und dadurch der Eindruck entsteht, dass sie auch heute noch gefährlich sind. Warum sie das sind, kann kaum einer sagen, weil sie weithin unbekannt sind. Und was man nicht kennt, lässt sich schwer bekämpfen. Ich glaube, das hat zu dem Schlamassel beigetragen, in dem wir jetzt stecken.

Der Führer feiert Weihnachten mit der Micky Maus

Fangen wir also mit den NS-Cartoons an. Ich möchte zwei Beispiele nennen, die mir halbwegs repräsentativ zu sein scheinen und die sich dadurch auszeichnen, dass sie ausnahmsweise frei zugänglich sind und der Normalbürger somit nicht auf dunkle Kanäle angewiesen ist und keine Nazi-Websites besuchen oder gar mit Neonazis Geschäfte machen muss, wenn er ein legitimes Informationsbedürfnis befriedigen will. Neonazis haben dank ihrer Netzwerke nämlich kein Problem, an verbotene Propagandafilme heranzukommen, was nicht automatisch bedeutet, dass sie erst durch sie zu Neonazis wurden oder aus ihnen ihre braune Inspiration beziehen. Auch Nostalgie spielt da eine Rolle. Aus den mir bekannten Stücken der Bekenner-DVD würde ich schließen, dass Neonazis eher den rosaroten Panther sehen als den armen Hansi. Wer hätte das gedacht? Umgekehrt wird übrigens auch ein Schuh daraus: Wer NS-Propagandafilme sehen will, ist darum noch kein Neonazi. In Deutschland vergisst man das bisweilen. Den Neonazis spielt man damit in die Hände, weil es die Diskussion abwürgt, die nötig wäre, um ihnen wirksam zu begegnen - nicht mit Verboten, sondern mit Bildung, Information, der Kraft der Argumente. Der Fachausdruck dafür ist: Demokratie.

Eingangs ein berühmtes Zitat aus Goebbels’ Tagebuch, vom 20.12.1937:

Ich schenke dem Führer 12 Micky-Maus-Filme zu Weihnachten! Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz.

Hitler liebte die Micky Maus. Und erst Schneewittchen und die sieben Zwerge! Das wollten die Nazis auch. Allerdings fehlte es am geeigneten Personal, am technischen Know-how und an der Infrastruktur. Animationsfilme wurden in Deutschland häufig von kleinen Firmen und Einzelkämpfern hergestellt. Wer mit Hollywood konkurrieren wollte, brauchte eine Trickfilmindustrie. So etwas wie das Studio von Walt Disney gab es in Deutschland nicht. Die Versuche der großen Produktionsfirmen, den Vorsprung der Amerikaner zu verringern, waren wenig ruhmreich.

Da man auf lange Sicht den internationalen Markt erobern wollte, sollte gleich mal ein Markenzeichen etabliert werden wie es Disney hatte. Die deutsche Micky Maus sollte Tilo Voß heißen. Doch etwas Vorzeigbares brachte nur die Werbeabteilung der Ufa zustande, die im Sommer 1935 eine Kampagne für den Helden der geplanten Trickfilmreihe startete,

einen filmischen Nachkommen überlieferter Schalksfiguren aus der deutschen Volksdichtung. Tilo Voß hat im Walde sein Zuhause, dennoch aber ist ihm als Kind des 20. Jahrhunderts jede technische Errungenschaft untertan. Zwischen Waldesrauschen und Flugmotorengedröhn liegt der weite Spielraum für seine Streiche.

(Pressetext)

Im Herbst wurde das Projekt aus verschiedensten Gründen abgeblasen (technische Probleme, konzeptionelle Differenzen, hohe Kosten). Im Oktober 1940 teilte die Tobis mit, dass man im Auftrag des Propagandaministeriums einen abendfüllenden Zeichentrickfilm in Agfacolor mit dem Titel "Rübezahl" herstellen werde. Im Frühjahr 1941 beschloss der Aufsichtsrat der Tobis, lieber die bisher ausgegebenen 120.000 Reichsmark abzuschreiben als den Film weiter voranzutreiben. Gerüchteweise soll der Projektleiter schuld gewesen sein, der kein Organisationstalent besaß. Die Herstellung von Trickfilmen ist sehr personalintensiv und besteht aus unzähligen kleinen Arbeitsschritten, die man sinnvoll verbinden muss. Wenn man keinen hat, der koordinieren kann, wird das im Chaos enden. Angesichts des vorhandenen Know-hows war es aber auch, gelinde gesagt, sehr ehrgeizig, einen langen Trickfilm produzieren zu wollen, der Disney-Qualität erreichte. Einer ist immer der Sündenbock.

Der arme Hansi schenkt dem Führer ein paar Kinder als Kanonenfutter

Die im August 1941 gegründete Deutsche Zeichenfilm GmbH, eine Zusammenlegung der Trickfilmabteilungen von Ufa und Tobis, sollte es besser machen. Fünf Arbeitsgruppen gingen ans Werk, und zwei Jahre später konnten sie das Resultat ihrer Bemühungen präsentieren: den im November 1943 bei der Reichswoche für den deutschen Kulturfilm in München vorgestellten, 17-minütigen Trickfilm Armer Hansi. Der Zeichner e. o. plauen (Schöpfer der Vater-und-Sohn-Cartoons) hatte ebenso daran mitgewirkt wie Oskar Sala, der Pionier der elektronischen Musik (Hitchcocks The Birds). Der Film wurde mit dem Prädikat "Künstlerisch wertvoll" ausgezeichnet. Dieses Prädikat ging häufig an Filme, die dem Publikum besonders ans Herz gelegt werden sollten, ohne allzu deutlich darauf hinzuweisen, dass es sich um Propaganda handelte.

Der arme Hansi ist ein Kanarienvogel, der in einem Käfig wohnt. Von da muss er mit ansehen, wie eine Taube mit einem Täuberich turtelt. Das ist erlaubt, weil die Nazis nichts dagegen hatten, dass aus zwei Tauben (kein Schwuler mit dabei) ein Paar wurde. Für Hansi ist es schlecht, weil ihm bewusst wird, dass er selbst keine Partnerin hat. Draußen vor dem Käfig stolziert eine sexy Vogelfrau vorbei. Hansi, ganz außer sich, knallt gegen die Gitterstäbe wie ein Irrer gegen die Gummiwand. Ich nehme an, diese Assoziation ist so gewollt. Denn die Vogeline gehört zu einer anderen Art. Das wäre Rassenschande.

Armer Hansi

Plötzlich steht die Tür zum Käfig auf. Hansi fliegt hinaus und erforscht ein Element, das er als Käfigvogel noch nicht kennt: die Luft. Er fliegt, als schwimme er durch Wasser und gleitet dahin wie ein Schlittschuhläufer über das Eis. Das ist gut gemacht und könnte der Auftakt zu einer Geschichte sein, in der die Phantasie Grenzen, Zäune und alle Gegensätze überwindet. Doch leider hat die Propagandamaschinerie einen Papierdrachen zum Himmel aufsteigen lassen. Er hat ein asiatisches Gesicht und würde Hansi am liebsten fressen. Außerdem wird dem armen Hansi von der Tollerei speiübel. Wenn man es sich genau überlegt, ist auch das Schwimmen und Eislaufen in der Luft kein Beweis für die Phantasie der Filmemacher, sondern Ausdruck des Spießbürgertums. Der Raum über den Wolken, wo die Freiheit bekanntlich grenzenlos sein muss, wird domestiziert, indem Hansi Fortbewegungsarten wählt, die uns gedanklich auf die Erde zurückführen. Und, nicht zu vergessen: der Vogel wird vermenschlicht, wenn er als Brust- und Rückenschwimmer oder Schlittschuhläufer unterwegs ist.

Armer Hansi

Hansis anfängliche Begeisterung über die neue Freiheit schlägt nun in Desillusionierung um. Denn die Welt außerhalb des Nazikäfigs ist ein feindseliger Ort. Auf dem Zaun vor einem Müllabladeplatz trifft Hansi die schöne Vogeline wieder. Ihr folgt er in ihr Haus. Da gibt es Zoff, und ein großer starker Vogel wirft ihn hinaus.

Armer Hansi

Überall in dieser bösen Welt stößt man auf fremde Arten. Sie fressen einem die Sonnenblumenkerne weg und vertreiben einen, wenn man Schutz vor Sturm und Regen sucht. Dann ist sogar eine schwarze Katze hinter dem armen Hansi her. Vor ihr rettet er sich auf das Fensterbrett des Zimmers, in dem sein Käfig steht.

Armer Hansi

Im Käfig wohnt jetzt Hansis wahre Traumfrau. Sie ist nicht so mondän und Femme-fatale-mäßig wie diese aufgetakelte Schlampe, der er gefolgt ist, mehr wie ein Vogelmädel. Und sie ist von Hansis Art. Der will unbedingt zurück in den Käfig. Einen Moment ist zu befürchten, dass ihm das nicht gelingen wird. Dann ist er drin bei seiner Liebsten. Und siehe da: Der Käfig ist gar keiner. Das schaut nur so aus. Er ist die sichere und gemütliche Behausung, die einen vor den Feinden und den Fremden schützt. Darum sperrt der Hansi - nun nicht mehr arm, sondern durch Erfahrung klug geworden - ganz schnell die Tür von innen zu. Denn daheim ist es am schönsten. Damit blenden wir uns aus der Geschichte aus. Wie sie wohl weitergehen mag? Ich würde sagen: Der Hansi und sein Mädel schenken dem Führer viele reinrassige Kinder.

Armer Hansi

In Armer Hansi paart sich das Spießertum mit dem Rassenwahn der Nazis. Daraus kann man eine Menge lernen. Das Wichtigste: Das eine lässt sich als Transportmittel für den anderen verwenden. Das wusste Goebbels, und die Neonazis, die in unseren Tagen Grillfeste für die Nachbarschaft veranstalten, mit NPD-Sonnenschirm, wissen es vermutlich auch. Als Hauptfilm im Kino war Armer Hansi zu kurz. Der Propagandaminister brauchte also noch einen Spielfilm, zu dem er passte. Der war bald gefunden. Armer Hansi lief im Vorprogramm der Feuerzangenbowle. Das ist diese Komödie, die nicht nur harmlose Unterhaltung war wie fast alles andere, das damals entstand, sondern sogar subversiv. Heinz Rühmann hat das später so erzählt. Der Film mit dem netten, verständnisvollen Lehrer, der sich Kinder wünscht, die gerade gewachsen sind wie ein Baum, damit sie besser in die Reihe passen. Am Schluss sagt Rühmann des deutschen Spießers schönsten Spruch auf:

Wahr sind die Träume, die wir spinnen
und die Sehnsüchte, die uns treiben.
Damit wollen wir uns bescheiden.

Das würde der Hansi auch so sagen. Aber Hansi ist ein Vogel und kann kein Deutsch. Allerdings einer mit menschlichen Eigenschaften. Daran ist prinzipiell nichts Verwerfliches. In Trickfilmen von Walt Disney gibt es Mäuse und Enten mit menschlichen Zuschreibungen, bei Tex Avery den Wolf, und die Schöpfer des rosaroten Panthers waren keineswegs Faschisten. Die Nazis hatten einen ganz praktischen Grund, Filme mit Tierfiguren zu drehen. Seit dem gescheiterten Tilo-Voß-Projekt war ausreichend Zeit gewesen, über geeignete Strategien zur Eroberung des Weltmarkts nachzudenken. Mit Tieren umging man das Sprachproblem und musste nicht synchronisieren.

Andererseits wäre es naiv zu glauben, dass das schon alles war. Wie üblich kommt es auf den Kontext an und auf die Botschaft, die vermittelt werden soll. Die Nazis übertrugen Naturgesetze auf die menschliche Gesellschaft und rechtfertigten so ihre Verbrechen. Für ein Regime, das den Darwinismus auf den Bereich des Sozialen anwandte, das in mehr oder weniger wertvolles Leben einteilte und Menschen wie Vieh behandelte, wenn sie nicht seinen Kriterien entsprachen, waren Trickfilme mit vermenschlichten Tieren das ideale Medium. Man konnte das nämlich sehr leicht umdrehen. Irgendwann landet man dann bei der DVD von Mundlos und seiner Bagage, in der Paulchen Panther die Photos von ermordeten Menschen präsentiert wie der Jäger seine Tiertrophäen. Manchmal ist das Bestehen auf klaren Unterscheidungen auch nicht schlecht.