In der Wohlstandsmitte entspringt ein skeptisches Bild der Gesellschaft

Allensbach untersucht die Befindlichkeiten der Generation Mitte und findet die Einschätzung einer Wirklichkeit, die immer aggressiver wird

Was passiert mit einer Gesellschaft, bei der die "optimistische Zukunftserwartung der Nachkriegszeit durch die Diktatur der Gegenwart von heute" (Harald Welzer) ersetzt wurde?

Sie wird ängstlicher, beharrt auf dem, was man hat, und bekommt Probleme mit einem Zusammenhalt, der sich nicht über einen äußeren Gegner, sondern über eine gemeinsame bessere Aussicht definiert, wäre eine naheliegende, allgemeine Antwort. Das Allensbacher Institut hat im Auftrag der Deutschen Versicherer (GDV) die Befindlichkeit der "Generation Mitte" erkundet.

Dazu zählen die Studienverfasser mehr als 35 Millionen 30- bis 59-Jährige, die, so die Charakterisierung der FAZ, mitten im Berufsleben stehen, Kinder erziehen und die Sozialsysteme finanzieren. Sie stellen angeblich "70 Prozent der Erwerbstätigen und erwirtschaften über 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte". Die 1.103 im Juli von Allensbach Befragten bilden einen repräsentativen Querschnitt der 30- bis 59-jährigen Bevölkerung, so die Auskunft der Studienautoren.

Sie sind also höchst systemrelevant. In der öffentlich zugänglichen Zusammenfassung der Ergebnisse bestätigt sich das Erwartete: Materiell geht es vielen nach eigener Einschätzung besser "als vor fünf Jahren". 59 Prozent ziehen eine positive Bilanz, heißt es da; nicht ganz jeder zehnte zieht eine negative Bilanz. Auch in Ostdeutschland zeigen die Kurven nach oben. 46 Prozent geht es besser und nur 11 Prozent behaupten von sich, dass es ihnen im Vergleich zur Lage vor fünf Jahren schlechter geht.

"Immer mehr verzeichnen über die letzten Jahre hinweg Wohlstandsgewinne", lautet eine Erkenntnis der Allensbacher, zugleich erfährt man schon im nächsten Tortenschaubild, dass nur 24 Prozent der Auffassung sind, dass "die deutsche Wirtschaft ihre starke Position verteidigen kann". 41 Prozent glauben, dass sie "zurückfallen wird". Überschrieben ist das Schaubild mit "Skepsis in Bezug auf die Zukunftsperspektiven der Wirtschaft". Ein kleines Kästchen zeigt an, dass die Skepsis mit dem sozioökonomischen Status wächst. Sie ist im obersten Segment am ausgeprägtesten (44 Prozent).

Als Risiken werden gelistet: Fachkräftemangel (67%), die Politik des amerikanischen Präsidenten (66%) und dass Deutschland bei den wichtigen technologischen Entwicklungen den Anschluss verpasst (57 Prozent). Auch der Klimawandel wird genannt (49 Prozent), knapp gefolgt von der Schwäche der deutschen Autoindustrie.

Insgesamt werden die Veränderungen der letzten Jahre in Deutschland von knapp über der Hälfte der Befragten (51 Prozent) in der Abwägung ("Überwiegen die positiven oder negativen Veränderungen?) als negativ eingestuft. Nur 16 Prozent sind - trotz der zunehmenden Wohlstandsgewinner - davon überzeugt, dass die positiven Veränderungen überwiegen. Ein Drittel ist unentschieden.

Worin bestehen die Veränderungen zum Schlechten? Die Befragten spiegeln die Empfindung einer Wirklichkeit wider, die zunehmend aggressiver wird, von Zeitdruck und Egoismus geprägt ist und in Deutschland nur einen schwachen gesellschaftlichen Zusammenhalt hat. Zwei Drittel empfinden Deutschland als "Ellenbogengesellschaft". In Ostdeutschland sind es sogar drei Viertel. Am wenigsten ausgeprägt ist dieses Gefühl noch in den Dörfern, aber auch dort sind es 60 Prozent, die so empfinden.

81 Prozent aller Befragten gaben an, dass die Aggressivität zunimmt. 77 Prozent gaben den Eindruck, dass immer mehr Menschen unter Zeitdruck stehen, auf die Frage zur Antwort, "was sich in unserer Gesellschaft zurzeit vor allem verändert". Zustimmungen mit über 66 Prozent-Zustimmung gab es auf folgende vorgegebene Antworten: Egoismus nimmt zu; der Respekt voreinander nimmt ab, Regeln werden weniger beachtet, die Fremdenfeindlichkeit nimmt zu und gute Manieren verlieren an Bedeutung, ebenso das gute Benehmen. Erwähnenswert ist, dass die Aussage "Die Aggressivität gegenüber Polizisten und Rettungskräften mit 74 Prozent Zustimmung zur Spitze der Auflistung gehört.

Persönlich erleben die allermeisten, nämlich 90 Prozent, die Aggressivität im Straßenverkehr. Im Internet sind es knapp mehr als die Hälfte (54%). Und an öffentlichen Plätzen (und Straßen) draußen in der realen Welt sind es fast 60 Prozent. Am Arbeitsplatz ist es immerhin fast ein Drittel. Und beim Einkaufen gegen 45 Prozent an, dass sie "rücksichtsloses und teilweise aggressives Verhalten erfahren haben".

Vor allem die Eltern (85%) und dazu die Lehrer (nur 46 Prozent) wie auch die Medien (45 Prozent) sollten etwas gegen den sich ausbreitenden Egoismus tun. In Politiker oder Kirchen setzen dagegen deutlich weniger der Befragten der Generation Mitte die Hoffnung, dass sie daran etwas ändern könnten (29 und 15 Prozent).

Die große Mehrheit (zwei Drittel) hat den Eindruck, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft in den letzten Jahren schwächer geworden ist. 57 Prozent stimmen dem Befund zu, dass der Zusammenhalt aktuell eher schwach ist, 10 Prozent halten ihn für "sehr schwach".

Wer gehört zu dem einen Prozent, das ihn als "sehr stark" einstuft? (Thomas Pany)