In der deutschen Mittelschicht breitet sich die Angst vor dem Absturz aus

Nach einer Umfrage sorgen sich die Deutschen vor allem um den Arbeitsplatz und die wirtschaftliche Stabilität, in Europa gibt es hier große Unterschiede

Die Rezession drückt allmählich auch stärker auf die Stimmung der Deutschen und der Europäer. Nach der GfK-Studie Challenges of Europe hat sich die Sorge um den Arbeitsplatz, die in den letzten Jahren aufgrund des Booms zurückgegangen ist, wieder auf den ersten Platz der Ängste geschoben, an zweiter Stelle steht die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität.

Für 39 Prozent der im Februar und März 2009 befragten Menschen in Belgien. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich, Polen, Russland, Spanien und den Niederlanden steht Arbeitslosigkeit das größte Problem dar – allerdings mit erheblichen Unterschieden. Am höchsten ist die Angst in Spanien, wo dies – verständlicherweise angesichts der Situation - für zwei Drittel der Menschen der Fall ist. An zweiter Stelle liegt aber schon Deutschland, wo man vielleicht deshalb die Wirtschaftskrise mit Schrecken sieht, da gerade erst ein wenig das Gefühl ankam, dass die Arbeitslosigkeit sinkt und man aus dem Gröbsten nach der letzten Flaute herausgekommen ist. Auch in Frankreich sind die Menschen verunsichert (54%), Italiener (46%) , Polen (44%) und Österreicher (42%) haben schon weniger Sorge um ihren Arbeitsplatz.

Ganz erstaunlich ist allerdings, dass nur 20 Prozent der Briten Angst vor Arbeitslosigkeit haben oder diese zumindest als dringend zu bekämpfendes Problem sehen. Bei ihnen überwiegt die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität, zudem haben nur die Italiener – die aber mit 41 Prozent richtig – größere Angst vor der Kriminalität als die Briten. Auch bei den Russen ist die Angst vor Arbeitslosigkeit (21%) gering, sie sorgen sich auch stärker um die wirtschaftliche Stabilität und haben Angst vor höheren Preisen und vor Wohnungsproblemen und Mieten. Kein Problem mit der Arbeitslosigkeit scheinen die Holländer zu haben (7%), auch die sorgen sich am meisten um die wirtschaftliche Stabilität (28%) und (Kriminalität (17%). Allerdings liegen auch bei der Sorge um die wirtschaftliche Stabilität die Deutschen nach den Briten an zweiter Stelle. German Angst?

57 Prozent der Deutschen sind von der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt beunruhigt, obgleich bislang der Anstieg der Arbeitslosigkeit noch gering war und von Kurzarbeit gedämpft wurde. Allerdings dürfte für viele Kurzarbeit als eine Art Damoklesschwert erscheinen, das jeder Zeit zuschlagen könnte. Allerdings war diese Angst noch bis ins Jahr 2006 wesentlich stärker ausgeprägt, damals äußerten 80 Prozent, ähnlich wie in den Jahren zuvor, Angst vor möglicherweise drohender Arbeitslosigkeit. Während bei den Ostdeutschen die Sorge um den Arbeitsplatz wie im Vorjahr bei 63 Prozent an erster Stelle liegt, werden die Westdeutschen von ihr allmählich eingeholt. Hier ist die Arbeitslosigkeit für 55 Prozent zum wichtigsten Problem geworden, 2008 sagten dies 51 Prozent.

An zweiter Stelle der Probleme, die am dringlichsten zu lösen wären, steht bei den Deutschen die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Wirtschaft (36%). Im letzten Jahr noch auf Platz 15, steht diese Sorge nun auf Platz 2, dahinter kommt mit deutlichem Abstand die Bildungspolitik (14%), die Entwicklung der Preise und der Kaufkraft und die soziale Sicherheit. Danach wäre der Versuch der Regierung, nun schnell vor den Wahlen die Rentner durch eine Bestandsgarantie zu beruhigen, unnötig gewesen. Sie könnte allerdings auch den gegenteiligen Effekt haben, die Ängste über die Sicherheit der Rente zu bestärken. Jugendarbeitslosigkeit scheint die Mehrheit der Deutschen allerdings noch weniger zu beunruhigen. Auch Kriminalität und Umweltschutz scheinen nicht sonderlich dringlich zu sein, selbst mit Zuwanderung dürfte man derzeit keine großen Wahlerfolge einfahren. Immerhin fürchten die Deutschen zwar um ihren Arbeitsplatz, Probleme mit der Wohnung und der Miete haben sie aber nicht.

Für die Welt am Sonntag hat das GfK noch eine ergänzende Umfrage durchgeführt, die deutlich macht, dass die viel beschworene Mitte einmal wieder in Angst vor dem Absturz lebt. 28 Prozent fürchten, dass sie durch die Rezession ihren sozialen Status verlieren zu können. Hier könnte Hartz IV eine wichtige Rolle spielen. Anders als bei Habenichtsen würde bei ihnen auch das Privatvermögen bei Arbeitslosigkeit herangezogen werden, weswegen den Mitgliedern der Mittelschicht auch diese Sicherheit verloren ginge. Und weil Arbeitslose genötigt werden, nicht wählerisch zu sein, kann auch bei Vermittlung eines neuen Arbeitsplatzes der Absturz nach unten eine Folge sein. Dann wieder heraufzukommen, könnte sich als schwierig erweisen. Noch freilich haben nur 20 Prozent der Angehörigen von Haushalten mit einem Nettoeinkommen von monatlich über 3.500 Euro Angst vorm Abstzurz, bei den Haushalten, die zwischen 1.500 und 1.999 Euro monatlich netto zur Verfügung haben, ist es fast schon jeder Zweite.

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