In der schönen, neuen Welt der Klingeltöne

Das Klingelportal Jamba! Feiert Erfolge, aber jetzt merken die Mitarbeiter, dass sie nicht viel davon haben

Jamba! ist New Economy pur und die Gebrüder Samwer sind ihr "Dreamteam" (Und wenn sie nicht gestorben sind, dann gründen sie noch heute). Die Synthese aus altem Geld und neuen Ideen funktionierte bisher wie der Esel, der Dukaten niest. Die Übernahme des Klingelton-Portals Jamba! durch die amerikanische Telekom- und Internet-Dienstleistungsfirma VeriSign spülte 273 Millionen US-Dollar in die Taschen der Eigentümer. Doch jetzt taucht eine bekannte Begleiterscheinung ökonomischer Erfolge auf: Die Mitarbeiter merken, dass sie nicht viel davon haben. Und ehemalige Angestellte, die meinen schlecht behandelt worden zu sein, neigen zum Plaudern aus dem Nähkästchen.

Die Kölner Brüder, Alexander, Oliver und Marc Samwer gründeten 1999 gemeinsam mit drei Freunden in Berlin-Kreuzberg die Firma Alando, unter anderem mit Unterstützung durch Hubert Burda. Internet-Nutzer konnten Produkte online ersteigern oder versteigern. Die Idee eines Online-Auktionshauses hatten sie von Ebay abgekupfert und auf deutsche Verhältnisse adapiert.

100 Tage nach der Gründung wurde Alando an die E-Bay verkauft. Die Samwer-Brüder sollen damals knapp neun Millionen Euro verdient haben. Am 18. August 2000 wurde Jamba! aus der Taufe gehoben. Das Unternehmen entwickelte sich schnell zu Europas führendem Anbieter für Dienste und "Content" für Mobiltelefone. Jamba! ist heute ein Gemeinschaftsunternehmen von debitel, MediaMarkt/Saturn und EP:ElectronicPartner, Europas größter Verbundgruppe für Elektronik. Über Umsätze wird nichts verraten, geschätzter Erlös Ende 2004: 70 Millionen Euro.

Jamba! verkauft Töne, Logos und Spiele an Kids, die das Handy als Statussymbol nutzen. Zum Erfolg kommt die klassische corporate identity der New Economy: Flache Hierarchien, trau keinem über Dreißig, alles ist hip und easy und sieht irgendwie nach Internet aus. Für jedes Lebensgefühl gibt es das passende Klingeln. Und wer dazu noch den Partner finden will, geht virtuell zu Jambas Dating-Protal iLove.

Man schwärmt in fast alle Länder Europas virtuell aus, bei der GEMA klingelt die Kasse. Soeben haben Jamba! und Media Online ein Musikportal mit über 220.000 Titel gegründet. Klingeltöne sind die Trendsetter der Musikszene: Der Umsatz ist höher als mit Single-CDs. Multiplayer-Games für's Handy und eBook-reader sind schon im letzten Jahr ins Sortiment aufgenommen worden. Die Zielgruppe ist zwischen 14 und 29, also zur Freude der Werbekunden exakt zu beschreiben, und will Geld ausgeben. Und wenn das Taschengeld mal nicht reicht oder ein Minderjähriger versehentlich ein Klingelton-Abo nicht rechtzeitig bestellt hat, müssen Mami und Pappi einspringen.

Milan Pawlik kann die PR-Abteilung von Jamba! jederzeit als kompetenten und zufriedenen Mitarbeiter vorzeigen. Er ist mit 32 Jahren für die Klientel schon steinalt. Der gelernte Mediendesigner passte mit seinem Hobby "elektronische Musik" exakt ins Profil. Heute sichert er die Qualität der Klingeltöne, kommuniziert mit den Komponisten und kümmert sich als Berufsjugendlicher um die Charts. Gerade ist Hajducci bei Kids angesagt. Die Firmen schicken die gewünschte Datei, die Spezialisten bei Jamba! passen sie den unzähligen Handy-Modellen an und wandeln das Musik-Zitat in das richtige Format um. Auf vielen Mobiltelefonen sind Jamba!-Klingeltöne vorinstalliert. Nur selten gibt es Probleme mit dem Urheberrecht: Groenemeyer zum Beispiel ist störrisch und will absolut nicht per Handy gedudelt werden.

Manchmal machen auch die Kunden Probleme. Mit denen muss man pragmatisch umgehen, Birgit M. (Name geändert), eine ehemalige Mitarbeiterin bei Jamba!, die kurz vor Ablauf der Probezeit entlassen wurde:

Die Kids, die sich Klingeltöne runterladen, schauen natürlich nicht ins Kleingedruckte. Dann haben dann plötzlich ein Abo. Und die Eltern beschweren sich. Ich habe die dann zum Beispiel am Telefon beraten, wie sie bestimmte Dienste sperren lassen können, etwa den Download von Bildchen. In unserem Coaching hieß es, man sollte aber möglichst erst dann darauf aufmerksam machen, wenn die Eltern wirklich schon fast am Weinen sind.

Die freien Komponisten der Handy-Dudelei müssen sich bei Verhandlungen mit Jamba! warm anziehen. In einem Schreiben Oliver Samwers (liegt Telepolis vor) wird angemerkt, Jamba! sei eine "sehr pragmatische Firma":

Bevor wir einen ...Vertrag machen, wollen wir erst mal sehen, ob da Geschäft drin ist.

Erst wenn die Produkte ankommen, könne man über "Content" und Urheberrechte Verträge schließen. Man kann vermuten, wer hier welches unternehmerische Risiko trägt. Die Arbeitsbedingungen sind härter geworden und unterscheiden sich nicht mehr von der Old Economy.

Birgit M. Sieht auch die Arbeitsbedingungen sehr kritisch:

Als wir von VeriSign übernommen wurden, hofften wir, wir bekämen so etwas wie gleitende Arbeitszeit oder irgendeine andere Regelung. Laut Arbeitsvertrag mussten wir 40 Stunden in der Woche arbeiten. Insgesamt kamen wir manchmal auf 45 Stunden. Aber Überstunden werden nicht bezahlt.

Telepolis liegt ein Arbeitsvertrag von Jamba! vor. Das Bruttogehalt beträgt 1400 Euro, damit "wird auch etwaige Mehr- und Überarbeit abgegolten."

Bei Jamba! arbeitet man nach Aussagen mehrerer Ehemaliger manchmal 45 Stunden pro Woche, 9,5 Stunden täglich inklusive Pause. Zuerst gibt es einen halbjährigen Vertrag. Arbeit auf Probe. Wer innerhalb der ersten 30 Tage krank wird, hat Pech gehabt, die Fehltage werden abgezogen.

Hinter dem lockeren Ton der Turnschuh-Manager, hinter coolem Ambiente und der Clubatmosphäre kommt bei Konflikten mit dem Personal die Old Economy zum Vorschein - mit allen Risiken und Nebenwirkungen für die, die keine Macht haben. Wer nicht in die schöne neue Welt der Klingeltöne passt oder aufmuckt, geht besser. Berichte über Ungereimtheiten bei den Arbeitszeiten, über Leistungsdruck und Erfolgsquoten machen die Runde.

An der Basis von Jamba! rumort es. Mitarbeiter monieren die schlechte Bezahlung und den fehlenden Überstundenausgleich. Stefan M. (Name geändert), Ex-Angestellter der Jamba!-Kundenberatung, spricht vom Prinzip "Hire and Fire". Nörgelnde Mitarbeiter passen nicht ins Ambiente der Erfolgsgeschichte. Jamba!-Pressesprecher Tilo Bonow, 24, sieht alles rosarot. "Wem es hier nicht passt, der kann ja gehen." Sprüche, die zur Leitkultur des Internet-Business schon immer gehörten. Man ist eine große Familie. Wenig Platz für altertümliche Ideen wie: auch die Angestellten haben Rechte.

Ich kenne viele in meinem Alter, unter 25, die haben eine perfekte Ausbildung, aber wegen fehlender Erfahrung keine Chance. Die bewerben sich natürlich und sind glücklich, wenn sie einen Job ergattert haben. Die hoffen dann, dass sie nach der Probezeit übernommen werden. Ich hatte, als ich bei Jamba! angefangen habe, über 100 Bewerbungen rausgeschickt und nur Absagen bekommen. Ich sei überqualifiziert, hieß es oft. Aber irgendwann schaltet man einfach ab und fragt sich, was man davon hat, wenn man auch das Privatleben damit belastet. Wir hatten Angst um unserer Arbeitsplätze.

Birgit M

Im Vergleich mit einer US-amerikanischen Firma aus der mittelständischen Industrie, bei der die Ex-Angestellte gelernt hat, schneide Jamba! schlecht ab:

In meiner alten Firma haben sie zusammengehalten, Betriebsfeste gefeiert und versucht, die Kollegen auch privat zusammenzubringen. Wenn ich das mit Jamba! vergleiche und die Wahl hätte: Ich würde wieder zurückgehen. Bei Jamba! Hatte ich eher das Gefühl: ich muss die Arbeit machen, und wenn das nicht läuft, dann krieg' ich einen auf den Latz.

Jetzt erleben die Jamba!-Chefs ein ungewohntes Gefühl: Die Old Economy für die Mitarbeiter steht vor der Tür. Die Gewerkschaft connex-av verteilte am frühen Morgen Flugblätter vor den "Fabriktoren". Die fanden reißenden Absatz: "Gründet jetzt einen Betriebsrat!" hieß es dort. "Ein Betriebsrat führt zu einer Demokratisierung des Unternehmens. Das Gremium greift die Interessen der Beschäftigten auf und bringt sie in die Planungen der Geschäftsleitung ein." Jamba!-Pressesprecher Tilo Bonow sieht das Thema gelassen. "Das könnten wir nicht verhindern."

Birgit M. hat da ihre Zweifel. Bis heute wisse sie nicht, warum sie entlassen worden sei. Bei einer Teamsitzung kurz vor ihrem Rauswurf habe eine Kollegin das Problem Betriebsrat angesprochen. Das Erstaunen war groß - aber fast alle seien dafür gewesen:

Einen Monat vorher habe ich in einer Pause gesagt, es sei ein Unding, dass so eine große Firma keinen Betriebsrat hätte. Einige sind darauf eingestiegen. Ich habe halt irgendwie den Stein ins Rollen gebracht.

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