In des Teufels Atomkeller

Was ist von der braunen High-Tech-Vergangenheit in Haigerloch geblieben?

Haigerloch, ein 2000-Einwohner-Flecken im Schwäbischen, wirkt nicht gerade wie ein Sprungbrett der technologischen Evolution. Und doch hätte dort 1945 beinahe der erste deutsche Atomreaktor gestanden.

Haigerloch, Bild: www.haigerloch.de

Der kleine Ort bezeichnet sich auf seiner Homepage als "Fliederstädtchen", "Felsenstädtchen" und "barockes Kleinod" Diese putzigen Eigenschaften, Garanten für den touristischen Sektor der kommunalen Wirtschaft, werden aber durch eine weitere komplettiert, die in diesem Zusammenhang eher überrascht: Haigerloch sieht sich auch als "Wiege der Atomforschung". Flieder und Barock haben nichts mit der nuklearen Vergangenheit Haigerlochs zu tun, Felsen aber sehr wohl. Wer Haigerloch besucht, sieht es sofort: die Stadt ist auf und zwischen Felsen gebaut, und das ist genau der Grund, weswegen sie auch als Standort für die Atomversuche des untergehenden Nazireichs geeignet schien.

Bereits 1943/44 war das Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, zu Kriegszeiten in der Atomforschung federführend, nach Hechingen (15 km von Haigerloch entfernt) verlegt worden. Der später als "B8"-Versuch bekannt gewordene Testlauf für eine Reaktor-Konfiguration mit Natururan, Schwerem Wasser und Graphit sollte zwar eigentlich noch in Berlin stattfinden. Die zunehmende Gefährdung durch Bombenangriffe der Alliierten führte aber dazu, dass die Materialien im Januar 1945 in den Felsenkeller des Haigerlocher Schwanenwirts verfrachtet wurden.

Die Creme der deutschen Atomphysik, allen voran Werner Heisenberg, ging nach Haigerloch, und arbeitete fieberhaft daran, dem Dritten Reich die Kernspaltung in der einen oder anderen Form nutzbar zu machen. Der Versuch "B8" (Ende Februar 1945) war der Höhepunkt dieser Bemühungen: Würfel aus Natururan mit einem Gesamtgewicht von 1,5 Tonnen wurden in einen Aluminiumkessel gehängt, der mit 2 Tonnen Schwerem Wasser gefüllt und von Graphit umgeben war. Die Messung der Neutronendichte ergab, dass diese sich im Vergleich zur so genannten "Leermessung" (ohne Schweres Wasser und Uran, aber mit Neutronenquelle) um den Faktor 7 erhöht hatte. Ein Meilenstein auf dem Weg zur Kettenreaktion: Wäre "B8" anderthalb Mal so groß gewesen, wäre der Reaktor kritisch geworden, ein sich selbst unterhaltender "Uranbrenner", wie Heisenberg den Versuchsaufbau noch Jahre später nennen sollte. Was dann passiert wäre, weiß niemand. Heisenberg hoffte in einer 1946 erschienenen Schrift ("Großversuche zur Vorbereitung der Konstruktion eines Uranbrenners") zwar, die Anlage hätte sich aufgrund komplexer thermodynamischer und kernphysikalischer Prozesse selbst stabilisiert, wies aber im gleichen Atemzug auf die Versuche Jean Frédéric Joliots zur Moderierung von Atomreaktoren durch Cadmium hin. Auf jeden Fall hätten sich die Haigerlocher Atomiker einer satten Strahlungsdosis ausgesetzt. Die Amerikaner fanden bei der Besetzung des Atomkellers nicht den geringsten Strahlenschutz vor.

Originalillustration von W. Heisenberg / K. Wirtz und Originalphoto des Versuchsaufbaus

Es ist lange darüber spekuliert worden, ob die Versuche in Haigerloch der Erzeugung einer reichsdeutschen Atombombe dienten. Dazu ist einerseits zu sagen, dass das in direktem Sinn nicht der Fall gewesen sein kann, weil die verwendeten Materialien schlicht nicht waffentauglich waren. Andererseits ist die Annahme schon vom Ansatz her grotesk, Leute vom Kaliber eines Heisenberg seien sich über die militärischen Implikationen ihrer Arbeit nicht im Klaren gewesen - zumal in einer Situation, in der Nazideutschland dem Rest der Welt den totalen Krieg erklärt hatte.

Werner Heisenberg hatte bereits Ende 1939 dem Heereswaffenamt mitgeteilt, dass Uran-235 ein starker Atomsprengstoff sein müsste, Carl Friedrich v. Weizsäcker berichtete der gleichen Militärbehörde 1940 von seiner Gewissheit, dass in Atomreaktoren ein spaltbares Element entstehen müsste, das später als Plutonium bekannt wurde. Die Haigerlocher Versuche hätten in anderem Maßstab und mit anderer Ausstattung sehr wohl zu einer Bestätigung und Quantifizierung dieser Aussagen führen können - unmittelbare Voraussetzung für den Bau von Kernwaffen. Die Behauptung, die Haigerloch-Gruppe hätte ausschließlich an der "friedlichen Nutzung" der Kernenergie gearbeitet, erweist sich sowohl im politisch- gesellschaftlichen als auch im technologiehistorischen Kontext als Ammenmärchen. An diesem Ammenmärchen kann nur festhalten, wer die simple Tatsache verdrängt, dass es eine saubere Trennung zwischen der "friedlichen" und der militärischen Nutzung der Atomenergie aus prinzipiellen Gründen gar nicht geben kann.

Was ist von der braunen High-Tech-Vergangenheit in Haigerloch geblieben?

Im ehemaligen Atomkeller herrscht eine seltsame Atmosphäre. Die ausgestellten Geräte machen einen verstaubten Eindruck. Das gilt vor allem für die netten Leihgaben der Atomindustrie, die das sichere und saubere Funktionieren von Druckwasserreaktoren zum Inhalt haben, sowie die harmlose Allgegenwart der Radioaktivität in unserer "natürlichen" Umwelt. Der Schaukasten, der letzteres dokumentieren soll, ist passenderweise defekt. Man findet außerdem einen Nachbau des Reaktors von damals, eine elektrische Schautafel zur Spaltung von U 235 durch Neutronen, und einen Nachbau des Tischs, an dem Hahn, Meitner, Straßmann die künstliche Kernspaltung nachwiesen.

Der Staub der Geschichte hat sich über all das gesenkt. Mit den gesellschaftlichen Bestrebungen, die Nutzung der Atomenergie insgesamt auslaufen zu lassen, versinkt auch der Atomkeller selbst mehr und mehr in einer historischen Obskurität, die seiner Bedeutung auch angemessen erscheint. Möglicherweise werden zukünftige Generationen ihn nur noch als Ursprung eines Alptraums in Erinnerung behalten, mit dem sie immer noch zu schaffen haben.

So will es die Broschüre "Atommuseum Haigerloch", die am Kassenhäuschen für 6,50 Euro verkauft wird, natürlich nicht sehen. Neben wenigen kritischen Anmerkungen zu den Forschungen im Atomkeller findet sich ein ums andere Mal die Versicherung, das alles habe ausschließlich friedlichen Zwecken gedient. Noch befremdlicher ist die Mitarbeit des späteren Auschwitzleugners David Irving an der Broschüre. Nun kann man geteilter Meinung darüber sein, ob man für eine historische Dokumentation unbedenklich aus den frühen Büchern eines Historikers zitieren darf, der sich später als unverbesserlicher Lügner profiliert hat. Aber was sich Roland Trojan, der Bürgermeister der Stadt Haigerloch, im Vorwort zu der Broschüre leistet, ist schon ein Meisterstück des Absurden. Zuerst leiert er die Mär von der rein friedlichen Ausrichtung der Haigerlocher Forschungen herunter, um dann Irving mit folgenden Worten zu bedenken:

Freundlicherweise hat uns der Historiker David Irving, London, großzügig mit Bildmaterial aus seinen Büchern und Sammlungen unterstützt. Ihm und die (sic! MH) von allen weiteren Autoren freundlicherweise erteilten Genehmigungen zum Nachdruck ist das Gelingen zu verdanken.

Groteskerweise trägt aber der Broschürenbeitrag von Irving selbst den Titel "An der Schwelle des Erfolgs" und stammt aus seinem Buch "Der Traum von der deutschen Atombombe" (S. Mohn Verlag, Gütersloh, 1967). Ein schwäbischer Bürgermeister lobt im Jahr 1999 einen Holocaustleugner für dessen Texte aus den Sechzigern, die konterkarieren, was derselbe Bürgermeister immer noch gerne glauben mag.

Dass Irving spätestens seit Anfang der Achtziger nicht mehr ernst genommen werden kann, ist mittlerweile auch in Haigerloch Gegenstand der Diskussion. Dem Tübinger Historiker Jens Rüggeberg ist der seltsame Absatz in der Atomkeller-Broschüre letztes Jahr sauer aufgestoßen und für das laufende Jahr ist eine Neuauflage angekündigt, die ihn nicht mehr enthält. Anfang September 2002 wurde jedenfalls noch die alte Version vertrieben - offenbar auch ein Stück Vergangenheit, die immer noch nicht vergehen will. (Marcus Hammerschmitt)

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