In feindlichen Tiefen

Der geheime U-Boot-Krieg der Supermächte

Nirgendwo war der Kalte Krieg heißer als unter dem ewigen Eis des Nordpolargebietes. Nirgends gefährlicher als in den dunklen Tiefen der Weltmeere. Weitab des Festlandes belauerten sich die Supermächte auf kurze Distanz. Amerikanische U-Boote drangen in sowjetische Häfen ein, beschatteten ihre sowjetischen Gegner und spionierten erfolgreich auf dem Meeresgrund. Ihre sowjetischen Kontrahenten hatten mit drei Gegnern zu kämpfen. Der Natur, den Amerikanern – und ihrer eigenen Technik. Es war ein Kampf mit furchtbaren Verlusten. Während die Amerikaner kein einziges ihrer U-Boote durch einen Nuklearunfall verloren, gab es in der sowjetischen Marine eine ganze Reihe Atomhavarien. Beide Supermächte haben mehrfach U-Boote durch nicht nukleare Unfälle verloren, und wie viele Unterwasserkollisionen es gab, ist unklar. Es müssen Dutzende gewesen sein.

“Doch die im Dunkeln sieht man nicht“: 70% der Soldaten der deutschen U-Boot-Mannschaften waren 1945 tot. Gewonnen hatte Deutschland den Krieg mit seinen U-Booten nicht und der Tod unter Wasser ist besonders grausam. Dennoch ließen es sich USA und UDSSR nicht nehmen, im Kalten Krieg mit beschlagnahmter deutscher Technik da weiterzumachen, wo Deutschland bereits gescheitert war: als Spionagewerkzeug schienen U-Boote noch unauffälliger und schwerer abzuschießen zu sein als die ebenfalls begehrten Flugzeuge oder Raketen.

Das deutsche U-Boot 21 kann mit Schnorchel tagelang tauchen und ist unter Wasser schneller als an der Oberfläche: Es gilt als erstes „richtiges“ U-Boot, auch wenn das erste Unterwasserschiff überhaupt einst amerikanisch und aus Holz war.

Auch die Sowjets spielten hier sofort mit, aus dem „21“ wurde das „613“, während sie in der Luft anfangs von dem Aufklärungsflugzeug U2 und anderen fliegenden Eindringlingen kalt überrascht worden waren.

Eines der ersten Fotos einer Wasserstoffbombe überhaupt. Am 17. Januar 1966 verliert eine amerikanische B-52 nach der Kollision mit einem Tankerflugzeug vier Nuklearbomben und stürzt ab. Eine Bombe fällt auf das Festland, zwei werden durch Explosion ihres Zünders zerstört, die letzte Bombe vom Typ B28 wird erst nach acht Tagen fieberhafter Suche von Tauchern aus dem Meer geborgen. (Zum Glück gab es selbst bei der Detonation der Zünder keine Nuklearexplosionen.) Auch die Sowjets waren an diesem Fundstück interessiert. Der Unfall war eine der Ursachen für die Entwicklung der NR-1. Von links nach rechts: Don Antonio Velilla Manteca, Spanische Nuklearbehörde; Brigadegeneral Arturo Montel Touzet, Spanischer Koordinator der Such- und Bergungsoperation; Konteradmiral William S. Guest, Commander U.S. Navy Task Force 65; und Generalmajor Delmar E. Wilson, Kommandant der 16. Air Force. (Bild: ZDF / Lee Vyborny)

1954 läuft USS 571 Nautilus vom Stapel – ein Typ 21 mit Atomantrieb, das so monatelang unter Wasser bleiben kann und nur alle 20 Jahre neue Brennstäbe braucht. 1959 taucht das erste U-Boot dieser Bauart unter dem Nordpol auf. Unter dem ewigen Eis sind U-Boote kaum anzupeilen – und die Arktis reicht bis an die Küsten der Sowjetunion.

Zunächst werden Lenkflügelwaffen ähnlich der deutschen V1 mit Atombomben bestückt. Doch zu deren Start müssen die U-Boote auftauchen, was sie verrät und angreifbar macht. John Pina Craven, der Cheftechniker der Navy und Leiter des Polaris Raketenprogramms, bei dem der Start von Atomraketen von Schiffen getestet wird, will die Atomraketen auch in U-Boote einbauen. Die Navy ist begeistert: Nun wird auch sie Atomraketen haben und nicht nur die Airforce.

Dazu werden kurzerhand vier Jagd-U-Boote quer aufgesägt und hinter dem Turm mit einem zusätzlichen Segment mit Atomraketen versehen. Von da ab wird jeden Monat ein neues Atom-U-Boot gebaut, das bis zu 50 Millionen Tote verursachen kann.

Ich würde nicht gerade sagen, dass wir gegen unsere Nukleartechnik gekämpft haben. Doch was stimmt, ist dass wir mit dieser Technik experimentieren mussten – auch mit dem eigenen Körper!

Juri Jerastow, Oberstleutnant Reaktorabteilung K-19

Das Gleichgewicht der Abschreckung beruhte darauf, dass jede Seite auch selbst verwundbar war und so wirksam davon abgehalten wurde, selbst einen Angriffskrieg zu starten. Es gab jedoch auch Leute, berichtet Craven, die nach der absoluten Überlegenheit strebten, nach dem gewinnbaren Atomkrieg. So der ungarische Physiker Edward Teller, der durchaus einen Atomkrieg wollte, um die Sowjets auszurotten, die seine Familie getötet hatte. Oder Reagan, der ein Raketenabwehrsystem wollte, um das Gleichgewicht des Schreckens zu beenden und den Angriffskrieg zu ermöglichen, weil die USA nicht mehr verletzbar wären.

1959 haben die Sowjets mit der K-3 ihr erstes Atom-U-Boot – noch ohne Raketen. Da es sehr hastig gebaut wurde, fehlt die Erprobungsphase. Die sowjetischen Boote sind alles andere als ausgereift. Die Atomraketen stecken dagegen in normalen Diesel/Elektro-U-Booten – selbst Chrustschow wird hier von den Militärs vorgespielt, man habe bereits mit den Amerikanern gleichgezogen.

Auf den U-Booten der ersten Generation dienten doch nur einfache Bauern und Arbeiter. Die Boote der zweiten und dritten Generation, die technisch auf besserem Stand waren und von denen manche sogar das Niveau der amerikanischen Boote erreicht hatten, was Geräuschdämpfung und auch Lebensbedingungen an Bord betraf, wurden dann auch von den Kindern der „besseren Schichten“ bedient.

Valentin Schabanow, Steuermann K-19

Im russischen Atom-U-Boot K-19 fällt der Primärkühlkreislauf aus. Acht Freiwillige steigen in den Reaktorraum, um eine Notreparatur durchzuführen und ihre Kameraden zu retten – sie konnten es nicht überleben. Ein neunter Soldat musste sich für eine zweite Reparatur opfern(auch umgesetzt als Spielfilm: K-19 – Showdown in der Tiefe).

Die Amerikaner legen wiederum „U-Boot-Wanzen“ am Meeresgrund aus: „Sosus“ soll anrückende russische U-Boote frühzeitig melden. Sie wissen nun die Standorte der sowjetischen Boote. Gleichzeitig meldet der US-Geheimdienst der Sowjetregierung, wenn irgendwo im Militär Putschgefahr besteht.

Im März 1968 läuft das diesel-elektrische, aber mit Atomraketen bestückte Sowjet-U-Boot K-129 zu einer Patrouille aus. Es meldet seinen Standort nicht nach Hause und wird sogar von den eigenen Streitkräften gesucht. Allerdings fährt es immer weiter auf die USA zu. Am 8. März explodiert das Boot auf 180°W 40°N – angeblich nach einer Wasserstoffexplosion durch Laden von Batterien.

Die NR-1 war das kleinste Nuklear U-Boot der US Flotte. Im Vergleich wirkt das erste U-Boot Versorgungsschiff USS "Mizar" wie ein Gigant. "Mizar" schleppte NR-1 zum Einsatzort. NR-1 selbst war zu langsam und zu klein, um lange Reisen zu den Einsatzorten ausführen zu können. (Bild: ZDF / Lee Vyborny)

Es wird allerdings auch spekuliert, dass die Mannschaft in eigener Regie ohne Freigabe durch den Kreml eine Atomrakete auf Hawaii schießen wollte, wobei bei dieser der aus Sicherheitsgründen für solche Fälle vorgesehene Selbstzerstörungsmechanismus auslöste. Allerdings konnte K-129 seine Raketen nur aus 45 Meter Tiefe abschießen, explodierte jedoch maximal 15 Meter unter der Wasseroberfläche. Die Russen denken wiederum, dass K-129 von einem US-U-Boot gerammt wurde.

Nun wissen die Amerikaner, wo das U-Boot gesunken ist, die Sowjets dagegen nicht. Für 500 Millionen Dollar lassen sie ein Spezialschiff bauen, die Hughes Glomar Explorer, um das U-Boot aus 5200 Meter Tiefe zu heben – die teuerste Bergungsaktion aller Zeiten. Offiziell sollen Manganknollen vom Meeresboden geschürft werden.

Offiziell sagt die CIA, beim Heben des U-Bootes sei ein Teil des Greifarms abgebrochen, sodass man nur den Bug mit sechs toten Sowjetsoldaten geborgen habe – die Raketen seien wieder zum Meeresboden zurück gefallen und dort zerschellt. Die CIA schickt 1992 den Russen ein Videoband mit der Seebestattung der sechs Soldaten. Doch es liegen keine Trümmer am Meeresboden, was gegen die Version spricht, dass wirklich nur der Bug gehoben wurde.

Die NR 1 ist das kleinste und leistungsfähigste Atom-U-Boot der amerikanischen Flotte. Es ist seit 1969 in Dienst, bis vor wenigen Jahren war seine Existenz geheim. Mit maximal 1000 Meter Tauchtiefe kann es dreimal so tief tauchen wie die anderen U-Boote der US-Flotte. NR 1 hat noch weitere spezielle Eigenschaften: Es kann mit ausfahrbaren Rädern am Meeresgrund wie ein Auto herumfahren und mit seinem Greifarm Dinge vom Seeboden aufsammeln. Lee Vyborny, ein Besatzungsmitglied der ersten Stunde, berichtet im Film über seine Einsätze in der NR-1. (Bild: ZDF / Lee Vyborny)

Nun konstruiert Craven die NR-1 – ein kleines Atom-U-Boot mit Greifarm, das bis zu 1000 Meter tief tauchen kann – 3x so tief wie jedes normale U-Boot – und dann mit ausfahrbaren Rädern auf dem Meeresboden fahren kann. Es soll durch gesunkene U-Boote oder abgestürzte Flugzeuge verlorengegangene Atomraketen (Atombombe über Bord!) am Meeresboden finden. Doch nun stürzt die NR-1 in eine Meeresschlucht ab…

Andere US-U-Boote werden für Foto-Spionage verwendet, auch mit Tauchern. Bei Petropawlowsk zapfen sie in über 200 Meter Tiefe ein Telefonkabel an, das die Halbinsel mit dem Festland und somit die Pazifikflotte mit Moskau verband. Ein Mini-Plutonium-238-Reaktor liefert die Energie für die Tiefsee-Tonbandgeräte – jahrelang, bis ein Verräter im US-Geheimdienst die Sowjets informiert.

Im Hafen von Wladiwostok fotografiert die Besatzung eines eingedrungenen US-U-Boots eine merkwürdige Ausbuchtung an einem sowjetischen U-Boot. Als sie abrücken wollen, rückt auch das Sowjet-U-Boot aus und rammt sie dabei. Das US-Boot sinkt im Hafen von Wladiwostok.

Zu den Aufgaben der US Navy Taucher gehörten auch Spionageeinsätze in sowjetischen Häfen. W. Craig Reed, ein Taucher und Spionagespezialist der US Navy, berichtet von seinem Fotoauftrag im sowjetischen Marinehafen Petropawlowsk. Bei der Kollision seines US U-Bootes mit einem neuen sowjetischen Unterseeboot wäre es fast zur Katastrophe gekommen. (Bild: ZDF / Lee Vyborny)

Olof Palme wollte eine neue Weltordnung, einen „internationalen Rechtsstaat“, um den Kalten Krieg zu beenden. Doch die USA wollte die Überlegenheit. Da läuft die russische U-137 nur 30 km vor dem schwedischen Marinehauptquartier Karlskrona auf Grund – ein Fettnäpfchen erster Güte. Da die US-Presse reagiert wie bestellt, wird vermutet, dass nachgeholfen wurde. Tatsächlich können US-Militärs russischen U-Booten mehr Wasser unter dem Kiel vorgaukeln, als wirklich existiert, und so ein solches Malheur provozieren.

Anschließend werden jede Menge U-Boote vor Schweden gesichtet – mit weit ausgefahrenem Periskop und sogar mit sichtbarem Turm. Anscheinend Sowjet-U-Boote. Die Schweden bitten schließlich sogar ihre Bevölkerung um Hilfe. Olof Palme gerät mit seiner Politik in Bedrängnis. Man vermutet Sowjetagenten in der schwedischen Marinekommandatur. Doch dann ist die Nationalität der eingedrungenen U-Boote nicht mehr klar…

Ola Tunander, Professor für Friedensforschung in Norwegen (SIPRI) und ehemaliger U-Boot-Experte der schwedischen Regierungskommission zur Untersuchung der U-Boot Zwischenfälle in schwedischen Gewässern, ist sich sicher: Die angeblich sowjetischen U-Boote, die Anfang der 80er Jahre erfolglos von den Skandinaviern gejagt wurden, waren in Wirklichkeit Teil der psychologischen Kriegführung der Amerikaner. Das Kernstück der größten Operation der psychologischen Kriegführung in den Jahren des Kalten Krieges. Das gemeinsame Ziel einiger sehr hoher schwedischer Offiziere, der Thatcher- und Reagan-Regierung sei die Diskreditierung der Regierung Olof Palme und ihrer Initiative für ein nuklearwaffenfreies Nordeuropa gewesen. Ein ungeheuerlicher Verdacht. Doch die Indizien sprechen für sich.

In feindlichen Tiefen, Der geheime U-Boot-Krieg der Supermächte, Deutschland 2005, Dokumentation von Dirk Pohlmann, 52 Minuten, Arte TV, Erstausstrahlung: Mittwoch 15. Juni 2005, 20.45 Uhr, Wiederholung: Freitag, 17. Juni 2005, 16.45 Uhr

Geschichte am Mittwoch: Der Kalte Krieg, Dokumentarfilmreihe auf Arte TV, Mittwoch 18. Mai 2005 bis Mittwoch 15. Juni 2005, jeweils um ca. 20.45 Uhr

(Wolf-Dieter Roth)

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