In jedem Moment kann das Leben eine unerwartete Wendung nehmen

Über American Football, die Faszination am Sport, die Unterschiede zwischen Europa und den USA und die Kritik am "zerebralen Ton" der europäischen Intellektuellen

Ein mehrteiliges Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht, der an der Stanford University Vergleichende Literaturwissenschaft lehrt und in die USA übergesiedelt ist, über Patriotismus und Sportfaszination, über universitäre Bildung und College-Sport, über die Idee des Westens und das Schurkenstaat-Image, das Amerika derzeit in aller Welt genießt.

Hans Ulrich Gumbrecht. Foto: Maria Maresch
Im Sport scheinen die unterschiedlichen Mentalitäten von Amerikanern und Europäern handgreiflich zu werden. Während Europa den Fußball über alles liebt, spielt er in Amerika kaum eine Rolle. Dagegen rangieren Sportarten wie Baseball und American Football, die hierzulande nur Exoten wahrnehmen, an allererster Stelle. Die Fußballweltmeisterschaft in den USA von 1994 hat daran nichts ändern können. Warum ist das so?
Sepp Gumbrecht: Einerseits sind die National Leagues der vier großen Mannschaftssportarten, American Football, Baseball, Basketball und Eishockey, ausgesprochen gut organisiert. Sie sind jeweils assoziiert mit einer Jahreszeit, und der Spielplan wird von den Organisatoren so geschickt ausgehandelt, dass es möglichst wenig Wochenenden gibt, an denen alle vier Sportarten gleichzeitig stattfinden oder jedenfalls auf dem Zenith der Saison stehen. Schon angesichts dieses ausgeklügelten Systems vor allem, das keine ökonomischen Nischen für andere lässt, glaube ich, hat Fußball so gut wie keine Chance in Amerika.
Hinzu kommt, dass es, trotz aller Verschiedenheit von American Football und Baseball zum Beispiel, in den hier populären Sportarten eine eigenartige Ökonomie gibt zwischen Momenten extremer Komplexität und Intensität und solchen, in denen sich gar nichts ereignet. Diese Zeitstruktur ist für mich der entscheidende Unterschied zum Fußball. Auch sie hilft verstehen, warum Fußball in Amerika nicht ankommt. Während im Fußball permanente Aufmerksamkeit und Spannung auf einer mittleren Ebene vorausgesetzt wird, müssen die Zuschauer und Spieler in der Lage sein, sehr rasch zu reagieren, wenn die intensiven Abschnitte in den amerikanischen Mannschaftssportarten einsetzen. Sie müssen simultan für kurze Spannen sehr viel erfassen, um differenzieren und trennen zu können.
Ein Beleg dafür war die berühmte „Operetten-Liga“, in der vor Jahrzehnten Pelé und Beckenbauer gekickt haben. Da wurde versucht, die Zeitstruktur des Fußballspiels zu ändern, sie dem Countdown der Zeitnahme, Auszeiten und der Einteilung in vier statt in zwei Spielzeiten anzupassen, wie sie der American Football kennt.
Vielen gilt American Football als Allegorie der US-Gesellschaft. Weswegen er bei uns, genauso wie Baseball, nur ein Nischendasein führt.
Sepp Gumbrecht: Ja, tatsächlich, manche sind der Überzeugung, dass es beim Football vor allem um „Landgewinn“ geht, also erst drei Yards, dann fünf Yards usw. Das mag sein. Entscheidender als die Landnahme ist für mich jedoch die Tatsache, dass sowohl im Baseball als auch im American Football noch in den Schlussminuten extreme Turnarounds möglich sind. Und vor allem: Glaubst du wirklich, dass irgendein Fan irgendeinem Sport mit Leidenschaft folgt, weil er in ihm eine Allegorie seiner Gesellschaft sieht? Das ist doch eher eine etwas fantasielose, fast zwanghafte Vorstellung von Intellektuellen, die so sehr und ausschließlich auf Interpretation fixiert sind.
Einverstanden! Das ändert aber nichts an den kulturellen Unterschieden. Die sind so markant, dass wir ums Verstehen nicht herumkommen. Oder was sollte sonst unser Geschäft sein?
Sepp Gumbrecht: Ja, natürlich, die Frage fasziniert mich auch. Fantasielos ist, dass wir fuzzy-Intellektuellen kein anderes Paradigma zu haben scheinen als das der Interpretationen. Und das projizieren wir dann auf den Sportzuschauer. Hat in den guten alten Zeiten des Kalten Kriegs die Tschechoslowakei gegen die Sowjetunion Eishockey gespielt, dann war das schon die Allegorie einer politischen Spannung. Ich meine nur, dass das nicht immer so ist bei den Sportfans.
Und was die Turnarounds angeht – die gibt es mit Verlaub beim Basketball und beim Eishockey auch. Drei Sekunden können dort eine halbe Ewigkeit bedeuten. Weswegen diese Sportarten auch gut ankommen in Europa.
Sepp Gumbrecht: Richtig! Doch anders als im Basketball oder Eishockey kann auch ein einem 0:5 entsprechender Rückstand im American Football in wenigen Minuten noch umgedreht werden. Im Baseball ist es theoretisch sogar denkbar, dass in der zweiten Hälfte des letzten Innings so etwas wie ein 0:14 noch umgedreht wird. Das vielleicht hat für mich [aber nicht für die Zuschauer selbst] etwas Allegorisches – oder besser: etwas Symptomatisches im Blick auf unsere Gesellschaft: die Überzeugung eben, dass in jeden Moment dein Leben eine unerwartete Wendung nehmen kann, ins Tragische wie ins Positive.
Im Fußball aber auch. Nimm nur den Moment, als Manchester United Bayern München in der Schlussminute und in der Nachspielzeit den schon sicher geglaubten Champions League Erfolg geraubt hat. Auch da sind Spieler und Zuschauer fast kollabiert.
Sepp Gumbrecht: Schon, aber das war, was die Wahrscheinlichkeit angeht, eher ein Wunder. Hingegen könnte ich dir aus dem Football sofort und ohne Probleme fünfundzwanzig Beispiele allein aus dieser Saison aufzählen, wo es einen so dramatischen Turnaround noch kurz vor Spielschluss gegeben hat. Das ist im Fußball in solcher Häufung nicht möglich.
Ich will gar nicht behaupten, dass Amerika da Europa in irgendeiner Hinsicht voraus sei. Worauf ich aber hinaus will, ist einfach, dass die Strukturen der Erregung, nach denen sich die Zuschauer sehnen, eben andere sind. Auch hier zeigt sich wieder, was ich eingangs schon erwähnt habe: Es ist viel interessanter und produktiver, primär von solchen kulturellen Unterschieden auszugehen. Der Turnaround ist, so gesehen, etwas spezifisch Amerikanisches. Die Heimmannschaft, die 3:0 führt und dann defensiv spielt oder Ersatzspieler einwechselt, schafft hier größte Verstimmung unter den Zuschauern.
Man kann das bei uns kaum, wie bei den Bayern in München oder bei Juventus in Turin, als „rational und erfolgreich“ legitimieren. Es ist Tabu, einen Sieg, wie im Fußball üblich, nach Hause schaukeln zu wollen. Eine Führung oder ein Unentschieden über die Zeit zu retten oder sich den Erfolg zu ermauern, das ist für das Prestige eines Coach äußerst schlecht – selbst wenn er erfolgreich ist, was die Statistik von Siegen und Niederlagen angeht. Das gilt im Übrigen auch für die Entwicklung der Zuschauerzahlen. Besser – oder amerikanischer – ist es jedenfalls, heroisch zu verlieren und mit fliegenden Fahnen unterzugehen.
Im Baseball scheinen mir die Unterschiede von Europäern und Amerikanern noch markanter hervorzutreten. Warum sind für europäische Leser Baseball-Anekdoten so schwer verständlich? Warum wirkt ein Baseball-Match, wie es jemand mal ausgedrückt hat, auf den nicht-amerikanischen Betrachter etwa so spannend und ästhetisch wie eine Kakteenschau.
Sepp Gumbrecht: Vor allem aus zwei Gründen. Zunächst, weil die Proportion zwischen ereignislosen und extrem ereignisgefüllten Momenten beim Baseball zum Extrem getrieben ist. Zum Zweiten, weil es große Detailkenntnis und über Jahre entwickelte Sehgewohnheiten voraussetzt, um beim Baseball das wahrzunehmen, was wirklich bewundernswert ist – zum Beispiel die sehr verschiedenen und strategisch eingesetzten Wurftechniken der pitchers, mit deren Beschreibungen die NYT jahrein, jahraus täglich sehr gut geschriebene Seiten füllt.
Babatunde, der Gladiator, und sein geistiger Mentor Sepp Gumbrecht. Foto: Rudolf Maresch
Und was ist das Faszinosum am American Football? Zumal der Spielfluss fehlt und das Spiel, ideal für TV und Werbepausen, ständig unterbrochen wird.
Sepp Gumbrecht: Ich nenne das die „Epiphanie der Form“ – und denke, dass es darum auch bei der Fußball-, Eishockey- oder Basketball-Faszination vor allem geht. Das ist das Aufscheinen einer substantiellen, aus Körpern bestehenden schönen Form in einem gelingenden Spielzug, einer Form, die gegen die Abwehr als Chaos-Prinzip durchgesetzt werden muss und deshalb nie vorhersehbar ist, einer Form vor allem, die von dem Augenblick an vergeht, in dem sie aufzuscheinen beginnt.
Speziell im Football ist der schöne Spielzug getragen durch eine Kombination aus Gewalt und Intelligenz. Und zwar nicht nur die strategische Gewalt wie beim militärischen Scharmützel, sondern eine Gewalt, die sich in jedem Play explosionsartig entlädt. Der Impact, also der Zusammenprall der Körper, löst bei mir ungeheure Adrenalinschübe aus. Hinzu kommt gewiss auch die [noch einmal: fast klammheimliche] Freude über einen gelungenen Spielzug, der den Gegner, fast stierkampfmäßig, ins Leere laufen lässt. Auch im Stierkampf paart sich Gewalt mit schneller Reaktionsfähigkeit und strategischer Intelligenz.
Im Baseball verhält es sich ähnlich, was die Struktur der Ereignisse angeht – nur ist Baseball natürlich kein contact sport. Es kommt nicht zu Gewalt, weil kaum ein Spieler je in Versuchung kommt, seinen Körper in den des anderen zu rammen. Aber sowohl auf der Seite des batters, der schnelle visuelle Reaktion mit einer momentanen Entfaltung maximaler Muskelkraft kombiniert, als auch auf der Seite des pitchers, der den Ball mit Efee-Effekten und zugleich über hundert Meilen schnell wirft, gibt es diese Konvergenz extremer Kraftentfaltung mit hoch differenzierter Wahrnehmungsfähigkeit.
Vermutlich ist das der Grund, warum die großen Momente des Boxens vor allem in Amerika stattgefunden haben. Auch bei Lance Armstrong spielt die Verbindung von extremer Kraftentfaltung und kühler strategischer Intelligenz die ausschlaggebende Rolle. Genau das wirft man ihm ja in Europa sogar vor – so als seien Siege nichts wert, die man geplant hat.
Impact der Körper. Foto: Rudolf Maresch
Warum sollen ausgerechnet die Leute, von denen man die höchsten physischen Leistungen erwartet, die einzigen in den westlichen Gesellschaften sein, die keine enhancers nehmen? – Es ist tatsächlich unwahrscheinlich, dass Armstrong keine verbotenen Substanzen zu sich genommen hat. Aber die Tour de France zu gewinnen, ist heute ohne solche Mittel wohl für niemanden möglich. Vor diesem Hintergrund neutralisiert sich der Drogengebrauch. Auch in dieser Hinsicht ist Armstrong eben der Beste. Dass er nie richtig erwischt wurde, zeigt nur, wie perfekt durchgeplant die Vorbereitung gewesen ist. Oder glaubst du, dass Jan Ullrich ganz „sauber‘ ist?
Einmal abgesehen von den Drogen und dem Hodenkrebs, ist die Armstrong-Geschichte wohl symptomatologisch ähnlich interessant wie die Differenz Football-Fußball oder Baseball-Fußball. Armstrong ist in Europa keine Identifikationsfigur. Zumindest nicht für die breite Masse. Die fiebert lieber mit Jan Ullrich. Wie Armstrong die Tour fährt, seine akribische Planung und generalstabsmäßige Vorbereitung, das Gewinnen nur der entscheidenden Etappen – all das sind, wie schon angedeutet, Züge und Leistungen, die ihn in Europa unattraktiv machen. Wogegen er in Amerika gerade deswegen bewundert wird.
Während im Baseball und Eishockey weiße Athleten den Ton angeben, werden Basketball und American Football von schwarzen Sportlern dominiert. Ist dies vielleicht auch eine Art von Allegorie, zum Beispiel auf den latenten oder gegenwärtigen Rassismus in den USA?
Sepp Gumbrecht: Wieder so eine Wunschvorstellung und Sorge um die andere Seite. Gehörst du auch zu denen, die glauben, Europa hätte Anlass, den Amerikanern ihren Rassismus vorzuwerfen? Ich sehe das eher umgekehrt: Wenn irgendein schwarzer Fußballspieler in Deutschland den Status von Michael Jordan [oder auch von Pelé] erreicht, dann sprechen wir uns wieder.
Interessanter ist natürlich die Frage, ob es Sportarten gibt, für die – statistisch gesehen wenigstens – schwarze Körper besser als weiße oder auch weiße Körper geeigneter als schwarze sind. Vielleicht ist die Dominanz der schwarzen Footballspieler [auf vielen, nicht auf allen Positionen] nur die Kehrseite der Tatsache, dass es meines Wissens bisher nie einen schwarzen Schwimmer der Weltklasse gegeben hat. Aber das Thema ist unerfreulich – oder vielleicht handelt es sich da um eine riskante Frage, die man heute noch nicht stellen sollte.
Schwarzer Heros des American Football. Foto: Rudolf Maresch
Es gibt keine riskanten Fragen, höchstens unangenehme Wahrheiten. Jemand, der wie du für „riskful thinking“ plädiert, sollte darauf ruhig mal eine Antwort riskieren.
Sepp Gumbrecht: OK, ich will nicht kneifen. Also – es könnte ja sein, denken wir an gewisse Positionen beim Fußball, dass es im statistischen Durchschnitt gesehen bei Menschen schwarzer Hauptfarbe eine bessere Disposition für bestimmte Funktionen und bestimmten Sportarten gibt. Jeder American Football Fan weiß, dass es kaum weiße receivers gibt, Spieler, die weite Pässe im Lauf, bedrängt von mehreren Abwehrspielern in oft artistischer Weise fangen. Darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen ist ein – fast immer eingehaltenes Tabu – und vielleicht ist das auch gut so. Aber wir sprechen ja auf Deutsch – und ich glaube tatsächlich, dass zum „riskanten Denken“ der Mut gehört, für Momente wenigstens solche Tabus nicht zu beachten oder kurzzeitig außer Kraft zu setzen.
Im Frühjahr 2005 ist bei Suhrkamp dein Buch „Lob des Sports“ erschienen, das von Kritikern hierzulande ambivalent aufgenommen worden ist. Warum hast du ausgerechnet den Sport einer literarisch-ästhetischen Betrachtung unterzogen?
Sepp Gumbrecht: Jemand hat mal zu mir gesagt: You look very chaotic or even Bohemian – but in reality you are very structured and disciplined. Will sagen: Ich bin sehr ökonomisch im Arbeiten, kontrolliert und gut organisiert. Ich hoffe, dass man das nicht so wahrnimmt. Deswegen passe ich auch gut nach Amerika, ein Lance Armstrong der Literaturwissenschaft, wenn der Kalauer nicht zu hochtrabend wäre.
Jedenfalls – eines von den zweieinhalb Dingen in meinem Leben, über die ich keine Kontrolle habe, ist eben die Sportfaszination. Was ich allein für Jahrestickets ausgebe und welche Zeit ich dafür aufwende, ist enorm und in meiner sonstigen Ökonomie nur schwer zu verantworten. Die Frage, die ich mir gestellt habe, war folglich: Was fasziniert mich so am Sport? Was ist es, das meine Augen da hinlenkt? Um darauf eine Antwort zu finden, habe ich alles aufgeboten, was mir philosophisch zur Verfügung stand. Deswegen ist „Lob des Sports“ auch kein Buch über die „schönste Nebensache der Welt“. Ganz im Gegenteil, es ist ein Buch über das, was mir beinahe am allerwichtigsten auf der Welt ist.
Ich möchte dabei nicht wie Klaus Theweleit in seinem, was die Sachkenntnis angeht, sehr bewundernswertem Buch über Fußball, den Bundestrainer mimen. Meine Bewunderung für die Sportler ist so hagiografisch, dass ich gar nicht auf diesen Gedanke käme. Gelänge es mir nur zu verstehen, was mich an den Sportlern so bezaubert und warum ich sie eben so bewundernswert finde, so würde mir das schon genügen. Über die Komplexifizierung dieser Frage kam dann der literarische Ehrgeiz, worauf manche Kritiker sauer reagiert haben. Dass ich einen geradezu pindarischen Diskurs erfinden wollte, ein Äquivalent für unsere Zeit wenigstens, das ist mir erst beim Schreiben aufgefallen – oder unterlaufen. Enthusiasmus fließt seither mehr in mein Schreiben und meine Lehre ein. Ich bin eben auch nicht mehr der Überzeugung, dass die größte Bewährung des Intellektuellen darin liegt, immer nur – Kassandra-artig – worst case scenarios heraufzubeschwören.
Ist das vielleicht auch einer der Gründe, warum dir, wie du schreibst, neuerdings der „ausschließlich zerebrale Ton der akademisch-intellektuellen Welt auf die Nerven geht?“
Sepp Gumbrecht: Es ist nicht genau dasselbe – denn man kann ja auch zerebral loben und nicht-zerebrale worst case scenarios beschreiben. Ich sage also besser, dass dies eine andere Volte des Intellektuellenlebens ist, die mir auf den Geist geht, dass man sozusagen weder beim Denken noch im Leben [wenn man die trennen kann] je zur Sache kommt. Ist es nicht interessant, dass westliche Intellektuelle um das Wort „Substanz“ so einen großen Bogen machen?
Weißer Heros des Sports. Foto: Rudolf Maresch
Darauf kommen wir noch zurück. Aber ist eine solche Betrachtung des Sports, du hast Pindar genannt, der die Athleten zu Halbgöttern aufbauscht, um sie präsent und berührbar zu machen, nicht doch eine mittlerweile etwas antiquierte Auffassung von Sport? Nicht zuletzt die Umstände um den Kartenerwerb für die WM in Deutschland, die Gängelung durch FIFA und Sponsoren und das Feilschen um die Übertragungsrechte der Bundesliga zeigen doch, dass es im modernen Sport darum überhaupt nicht mehr geht.
Sepp Gumbrecht: Wirklich? – Wenn es nur um wirtschaftliche Interessen ginge, könnte man sich nicht gleich – Bertolt Brecht variierend – die folgende Situation vorstellen: Stell dir vor, da ist eine Fußball-Weltmeisterschaft und keiner geht hin. Für wen als für die Fans findet das denn statt? Und mit wem außer mit den Fans kann man denn Geld verdienen? Hast du dich da nicht in einen dieser Intellektualismen verhakelt?
Das finde ich jetzt etwas zu platt. Das erinnert an die Sache mit dem Krieg, wo auch keiner hingehen soll. Natürlich wird mit dem Fan Kohle gemacht. Und natürlich braucht es die Begeisterung der Fans, damit so was stattfinden kann. Andererseits beklagen sie sich doch, dass ihre Interessen zunehmend an den Rand gedrängt werden und sie am Ende der Vermarktungskette rangieren. Fußball und seine Stars sind Handelswaren, die an den Meistbietenden verhökert werden. In den Stadien und am Bildschirm sitzen längst die Sponsoren in der ersten Reihe, nicht der Fan. Dem werden mittlerweile auch noch die Stehplätze abmontiert, aus Sicherheitsgründen, sagt man. Und nirgendwo anders lässt sich die Zweidrittelgesellschaft besser studieren als in den modernen WM-Stadien, wo ein Michael Ballack oder ein David Beckham, aber auch Trainer und Manager, längst wandelnde Litfasssäulen sind und die Globalisierung, was Entlassungen und die menschlichen Transfers angeht, ihre reine Form entwickelt.
Sepp Gumbrecht: Trikotwerbung gibt es in amerikanischen Mannschafts-Sportarten übrigens nicht – just for the record. Wir übernehmen also durchaus nicht alle europäischen Fehlentwicklungen, selbst wenn sie neu sind. Aber etwas ernsthafter – ich finde, deine scharfe Reaktion zeigt, dass vor allem in Deutschland, nicht woanders in Europa, Medien-Bewusstsein und Medien-Theorie die allerheiligsten Kühe eines bestimmten Typs von Intellektuellen geworden ist.
Dazu habe ich, wie du weißt, vor vielen Jahren mein Scherflein beigetragen. Heute komme ich mir, wenn immer ich in Deutschland bin, vor wie der arme Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr zähmen kann. Ich nehme also die intellektuelle Dramatik deines Protests nicht an. Denn ich will ja nur den folgenden, ausnehmend schlichten Sachverhalt anerkannt sehen: dass Leute wie Berlusconi und früher Leo Kirch Milliarden Euro an deiner und meiner Fußballbegeisterung verdienen, bedeutet doch nicht, dass meiner Begeisterung am Fußball oder auch der Schönheit eines Passes von Kaká irgendetwas verloren geht. Wie man es zu beurteilen hat, wenn Leute Berlusconis Partei „Forza Italia“ wählen, weil sie Milan-Fans sind, das steht auf einem anderen Blatt. Aber das ist ja nicht gerade besonders intellektuell prickelnd. Oder noch anders gesagt, mit Luhmannscher Inspiration: Wirtschaft und Politik als Referenzrahmen haben [sozusagen] „Verwendung für die Fußball WM“, aber das bedeutet doch nicht, dass sie dann kein Objekt der ästhetischen Erfahrung für die Fans mehr sein kann.
Kann sich denn der Betrachter, respektive der Fan, überhaupt von allen Zeichen und Codes, von Doping, Marken und Image, frei machen und solche „Momente der Intensität“, die du in den Stadien wahrnimmst, rein genießen? Schauen wir die Körper der Sportler, die Anmut ihrer Bewegungen und das Gelingen von Spielzügen nicht immer schon im Lichte bestimmter Theorien an?
Sepp Gumbrecht: Klar – nichts sehen und erleben wir je voraussetzungslos. Aber das bedeutet doch nicht, dass wir – konstruktivistisch überdreht – allein das als wirklich anerkennen, was zu den Sehvoraussetzungen des Zuschauers gehört. Trotz aller Theorien und Medientechnologien – bei einer Weltmeisterschaft wird immer noch Fußball gespielt, und das interessiert selbst dich und mich mehr als Codes, Doping und Marken.
Der aber höchst unterschiedlich beobachtet und beurteilt wird. Nicht nur der Zeitungsmarkt, auch Stammtische und Netzforen leben davon. Du kennst bestimmt das „geflügelte Wort“ von den 80 Millionen Bundestrainern, die es in Deutschland gibt. Damit will ich nur sagen, kein Spiel, das nicht auch anders gedeutet und erlebt wird oder werden kann. Werden Bewegungen, Körper und Spielzüge nicht erst durch die „fokussierte Intensität“, die Übertragungsmedien ausüben, durch Super-Slomo, durch Wiederholungen, durch Zooming oder das Festhalten der Geschehnisse und Abläufe aus verschiedenen Perspektiven also, heutzutage zu dem, was du vorhin als „Epiphanien“ bezeichnet hast? Bleibt diese scheinbare „substantielle Realität des Sports“, die du jenseits der Medien ausmachst, nicht doch eine schnöde Utopie angesichts der Entwicklung des modernen Sports, wo es vorwiegend um Ergebnisse, Erfolg und Geld geht? Schließlich sind auch „Epiphanien“ erfolgsabhängig. Würde Ronaldinho nur tanzen und tricksen und dabei keine entscheidenden Tore erzielen, wäre es mit seinem Ruhm rasch vorbei.
Sepp Gumbrecht: Warum Utopie? Vielleicht handelt es sich um eine Substanz und eine Substantialität des Erlebten, von der wir uns immer weiter entfernen, weil wir sie unter immer neuen Schichten technischer Sekundärproduktion ersticken – und die eben deshalb zu einem Objekt nostalgischer Sehnsüchte werden. Darauf könnte ich mich eher einlassen als auf „Utopie.“
Utopie an dieser Stelle ist sicher der falsche Begriff. Aber warum Sehnsucht, und die auch noch nostalgisch? Ist das vielleicht ein alteuropäisches Erbe, das du trotz aller Amerikabegeisterung noch mit dir herumschleppst?
Sepp Gumbrecht: Es könnte schon sein, dass meine Art, Sport zu sehen und ein Fan zu sein, sehr altmodisch geworden ist. Mit siebenundfünfzig hat man, das haben wir ja schon mal erwähnt, gewiss den Status der Auslaufmodelle erreicht. Das wird mir deutlich an dem Platz, wo ich mit meiner Familie im Stanford Stadium Saisonkarten habe. Viele Leute, die dort mit uns sitzen, sind noch älter als ich – und der Durchschnitt wird gewiss nicht jünger. Andererseits bin ich nie ein Nintendo-Fan geworden, und manchmal macht es mich nervös, mit meinen Söhnen Sport am Fernsehen zu sehen, weil sie eben sooft zwischen den Kanälen wechseln. Die Frage ist also, wessen Sportbegeisterung ich in meinem Buch beschrieben habe – und ob diese sozusagen „primäre“ Sportfaszination wirklich, wie ich bisher immer implizit behauptet habe, die notwendige Voraussetzung, der ontologische Grund sozusagen, für alle andere Formen der Sportbegeisterung sein muss.

Im letzten Teil wird sich das Gespräch dem latenten Antiamerikanismus und dem „Schurkenstaat“-Image widmen, das Amerika derzeit in der Welt einnimmt. Es geht folglich um Feindbilder, um die „kulturelle“ Überlegenheit oder Überheblichkeit Europas sowie um den Mythos „ Westen“.

(Hans Ulrich Gumbrecht und Rudolf Maresch)

Anzeige