"Independence Day: Wiederkehr": Zum Kern vorgedrungen

Bild: Twentieth Century Fox

Warum man jeden neuen Roland-Emmerich-Film gesehen haben sollte

Nach seinem Ausflug in die Welt ernsthafter Sujets ("Anonymous", "White House Down", "Stonewall") besinnt sich Roland Emmerich wieder seiner Wurzeln und dreht einen weitere Weltuntergangs-Science-Fiction. Und auch wenn "Independence Day: Wiederkehr" als Erzählung eher dürftig daher kommt und ideologischer wieder "amerikanischer als amerikanisch" auftritt, schreibt Emmerich damit in seinem Kern (s)ein Projekt der europäischen Ästhetik-Tradition weiter.

Wir erinnern uns: Am 4. Juli 1996 erschienen wie aus dem Nichts riesige Raumschiffe am irdischen Himmel und richteten eine Katastrophe an: Die Städte der Welt brannten, der amerikanische Präsident (Bill Pullman) und seine Familie konnten nur mit knapper Not entkommen und mit Hilfe eines schwarzen Haudrauf-Piloten (Will Smith), eines jüdischen Wissenschaftlers (Jeff Goldblum), seines trunksüchtigen Vaters (Judd Hirsch) und eines homosexuellen Alienforschers (Brent Spiner) das Armageddon verhindern. Die Aliens starben oder wurden in die Flucht geschlagen und die Menschheit siegte.

Zwei Jahrzehnte später ist man auf deren Rückkehr vorbereitet: Mit Hilfe der zurückgelassenen Alien-Technologie haben die Autos inzwischen fliegen und die Waffen mit reiner Energie zu schießen gelernt und superschnelle Computer sind in alle denkbaren Dinge des Alltags eingezogen. Die ganze Menschheit ist im Frieden geeint und die USA, als ihr Anführer, werden von einer Frau - Madam President Lanford (Sela Ward) - regiert.

Präsident Thomas J. Whitmore (Pullman) ist seelisch wie körperlich gebrochen, hat einen weißen Bart und muss sich auf einen Stock stützen. Seine Tochter Patricia (Maika Monroe) arbeitet mittlerweile für die neue Präsidentin und ist mit dem rebellischen Piloten Jake Morrison (Liam Hemsworth) liiert. Dr. Brakish Okun (Spiner) liegt seit zwei Jahrzehnten im Koma und Will Smith wollte nicht mitspielen, weshalb seine Figur als Kriegsheld gestorben ist, anstelle seiner aber sein Film-Sohn Dyllan Hiller (Jesse T. Usher) den zweiten Fliegerheld des Films mimt, der mit Jake allerdings im Clinch liegt.

Aliens - Die Rückkehr

Nach also exakt 20 Jahren, am 4. Juli 2016, kehren die Aliens zur Erde zurück. Dieses Mal mit einem größeren Schiff: Es misst 5000 Kilometer im Durchmesser und landet (flächendeckend) auf dem Atlantik. Die angrenzenden Küstenregionen werden dadurch sofort überflutet und entvölkert. In der inzwischen völlig un-geheimen Area 51, wo einige der Aliens seit damals gefangen gehalten werden und auch sonst viel mit außerirdischer Technologie experimentiert wird, treffen sich die Politiker und Militärs und planen, wie gegen die außerirdische Invasion vorzugehen ist.

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Man findet heraus, dass die Aliens eine Art Königin mit sich führen und dass sie es auf die Energie unseres Erdkerns abgesehen haben (wie sie überhaupt zahllose Welten wegen derer planetarer Energiereserven überfallen haben). Wie die Protagonisten im Einzelnen zusammentreffen, wer überlebt und wer nicht, wäre müßig hier zu rekapitulieren. Ebenso, wie viele gescheiterte Angriffe der Menschen es geben muss, bis es dann schließlich glückt, die Aliens zu besiegen, soll der Film ruhig selbst erzählen.

Es wäre dabei sowieso nicht viel neues zu berichten. Seine Plot-Versatzstücke borgt sich das Drehbuch nämlich ohne Scham bei Vorbildern wie "The Day the Earth stood still (1951/2008), Aliens - Die Rückkehr(1986), Krieg der Sterne 1-3 (pardon: "Star Wars 4-7", 1977-1983) und Starship Troopers (1997).

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Die Figuren-Entwicklung ist ebenfalls sattsam aus den vorherigen Roland-Emmerich-Filmen bekannt: Wird irgend ein Charakter länger als 30 Sekunden gezeigt und in irgend einem famliären, emotionalen oder sozialen Kontext eingebettet, bedeutet das, dass er oder sie fortan für die Story "eine Rolle spielt" und deshalb alles überlebt. Falls er oder sie später dennoch stirbt, dann aus eigenem Willen und für ein höheres Gut. Und wie bereits im ersten Teil sind es auch hier wieder die Randgruppen, die Verlierer, die Ausgegrenzten und Missverstandenen, die die Erde retten … und ein wortwörtlicher deus ex machina, der ihnen über ein großes Drehbuchloch hinweghilft.

Der weite, durch Stürme empörte Ozean

In seiner "Kritik der Urteilskraft" definiert Immanuel Kant die ästhetischen Kriterien für eine Theorie des Schönen und des Hässlichen. Eine dritte Kategorie, die bereits in der philosophischen Debatte zuvor verhandelt wurde, steht orthogonal zu diesen beiden Konzepten: das Erhabene.

Dabei handelt es sich um jene ästhetische Wirkung, bei der der Verstand nicht betört oder abgestoßen, sondern überwältigt und betäubt wird und bei der menschliche Betrachter das Grauen seiner eigenen Kleinheit und Unbedeutendheit erfährt: In der weite und Tiefe des Ozeans, der Unendlichkeit des Weltalls, der Vorahnung auf das Nichts des Todes usw. scheint das Erhabene auf. Solche Erfahrungen sind es, die uns die Kunst der Romantik (etwa bei Caspar David Friedrich oder William Turner) zeigt.

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Und sowohl Friedrichs Der Mönch am Meer (1808) und sein Gemälde Das Eismeer (1823) als auch Turners Snow Storm: Steam-Boat off a Harbour's Mouth (1842) führen uns das Erhabene in der Gegenüberstellung Mensch, Eis und Meer vor Augen. Denken wir an die letzten Katastrophen-Szenarien Roland Emmerichs, dann waren es dort ebenso das Meer (2012) und das Eis (The Day After Tomorrow, die die Menschheit vor ihre "Auslöschung" gestellt und in denen sich die einzelnen Protagonisten verloren haben.

Die Bedrohungen in den Filmen Emmerichs sind nie klein (Bakterien, Viren oder Nano-Roboter) oder gar menschlichen Ursprungs. Es ist immer das Große, das die Film-Menschheit überwältigt. Das kann ein Tachionengewitter von der Sonne, eine Flutwelle, ein Dinosaurier oder eben ein Tausende Quadratkilometer großes Raumschiff sein.

In den Kern vordringen

Und als Angriffsflächen dienen diesen Bedrohungen dann auch nicht Nationen, Gruppen oder gar Individuen. Es sind Kontinentalplatten, das Klima oder eben der Erdkern, wie in "Independence Day: Wiederkehr". Bei einem derartig katastrophal-groß eingestellten erzählerischen Weitwinkel: Wie soll da der Einzelne noch bedeutsam sein und das, was er sagt und tut, noch irgendwie ernsthaft wirken?

"Independence Day: Wiederkehr": Zum Kern vorgedrungen (15 Bilder)

Bild: Twentieth Century Fox

Dass "Independence Day: Wiederkehr" ebenso wie Emmerisch andere Katstrophen-Filme derartig große Probleme mit ihren Dialogen, Figurenzeichnungen und -motivationen haben, liegt nicht nur daran, dass sich das Drehbuch wieder einmal zu viele von ihnen aufhalst und nachvollziehbar auf einen Plot(zeit)punkt zusammenlaufen lassen möchte, sondern vor allem daran, dass sie einfach zu klein gegenüber dem erhabenen Schrecken sind, das der Regisseur und sein Effekt-Team ihnen gegenüberstellen.

Emmerichs Filme sind diesbezüglich wie Wagner-Opern. Man muss sie als audiovisuelle Gesamtkunstwerke sehen, nicht nur, weil sie zur (Pop)Kultur gehören, sondern auch, weil sie ihr Medium in seiner radikalsten Klarheit vorführen und auf sein absolutes mediales Paradigma konzentrieren: Nirgendwo ist das Wort vom Kino als Kunst "larger than life" wahrer als im Emmerich-Katastrophenkino. Zumal, wenn der Film, wie "Independece Day: Wiederkehr", in 3D in einem IMAX-Kino gesehen wird.

Bild: Twentieth Century Fox

"Einen Film gucken" kann man in jedem Kino und zur Not auch als Konserve auf dem heimischen Fernsehschirm. Einen Emmerich-Film kann man aber eigentlich nur auf der (ganz) großen Leinwand goutieren, denn nur dort verlieren sich seine Schwächen hinter seiner absoluten Stärke: dem Anblick des Erhabenen. Das führt uns seit nunmehr 20 Jahren in stetiger technischer und ästhetischer Eskalation Roland Emmerich vor Augen. (Stefan Höltgen)

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