Indien: Die Politisierung des Hinduismus

Religion als Privatangelegenheit kann zur Vielfalt beitragen. Bild: Gilbert Kolonko

Sich an der Religion abzuarbeiten, ändert nichts; es müssen diejenigen entlarvt werden, die Religion für ihre Ränkespiele missbrauchen

Der Ladenverkäufer Bahadur schimpft aus seinem Kiosk heraus: "Unsere politischen Parteien mit ihrer Korruption sind schuld, dass der König wieder die Macht ergriffen hat." Dann setzt Bahadur etwas leiser dazu: "Und die Religion benutzen sie, um die Menschen dumm zu halten." 20 Minuten zuvor war sein Sohn mit den Utensilien zum täglichen Puja-Ritual erschienen und Bahadur bekam das rote Segenszeichen auf die Stirn getupft. Es war das Jahr 2006 in Katmandu.

König Gyanendra hatte 2005 die Monarchie zurück an die Macht geputscht und für viele Nepalesen galt er als Reinkarnation des Gottes Vishnu. Die Zu- und Ausgänge des Katmandu Tals wurden bestreikt. Gyanendra stand das Wasser bis zum Hals, denn selbst die USA hatten dem König die Gefolgschaft im Kampf gegen die maoistische "Gefahr" in den Wäldern Nepals gekündigt.

Dafür waren die Chinesen an die Seite Gyanendras gesprungen. Vor der indischen Botschaft in Katmandu herrschten lange Schlangen. Ausländische Geschäftsleute wollten Nepal schnell verlassen, bevor die Maoisten die Hauptstadt stürmen würden. Einer verglich die Situation sogar mit der von Saigon im April 1975, als die Amerikaner Hals über Kopf aus Vietnam abzogen.

Nepal: Verbot der Religion und Zwangsvorträge über Marx

Doch von einer Erstürmung Katmandus waren die maoistischen Rebellen weit entfernt, denn sie waren selbst am Ende und hatten noch höchstens 10.000 Kämpfer. Gerade in ihren Hochburgen im Westen Nepals waren die Dorfbewohner in Scharen weggerannt, obwohl sie die Maoisten zu Beginn des Aufstandes im Jahr 1996 unterstützt hatten. Aber mittlerweile hatten die Maoisten den Dorfbewohnern auch ihre hinduistischen Feste und Bräuche verboten, als Ersatz gab es Zwangs-Vorträge über Karl Marx.

Auch Inder staunen jeden Tag über Indien - im Guten wie im Schlechten. Foto: Gilbert Kolonko

Im Februar 2017 steigt der ehemalige maoistische Front-Kommandant Janardhan Sharma aus einem verstaubten Jeep - er ist mittlerweile Energieminister und Nepal versucht es mit Demokratie. Bewohner des Dorfes Lukumgau hängen dem Minister zur Begrüßung Blumenketten um den Hals, dann bekommt er das rote Segenszeichen auf die Stirn getupft.

Minister Sharma lächelt tapfer, denn er hat gelernt: Wenn er mit den Menschen in Nepals Dörfern zusammenarbeiten will, muss er ihre religiösen Gewohnheiten tolerieren. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo - viele Dorfbewohner Lukumgaus stehen mit einem Bein immer noch im Mittelalter.

An nächsten Morgen verlaufen die Gespräche zwischen Sharma und dem Dorfkomitee gut: Sie haben verstanden, dass sie von den Einnahmen für den Strom ihres kleinen Wasserkraftwerks Rücklagen bilden müssen, um Geld für eventuelle Reparaturen bereit zu haben. Dann tanzt der Energieminister tapfer eine Runde mit den lokalen Schamanen und übergibt Lukumgau ein wieder funktionierendes Wasserkraftwerk, das nicht den Fluss staut und trotzdem mehr als genug Strom für 2000 Haushalte der Gegend liefert.

Insgesamt 17 von 18 kleinen Wasserkraftwerken im hiesigen Berg-Distrikt Rukum kann Sharma retten, in toleranter Zusammenarbeit mit den Tradition behafteten Dorfbewohnern (Von der Schwierigkeit, ein Wasserkraftwerk am Laufen zu halten).

Heute, 13 Jahre nach der Abdankung des Königs, ist Nepals Politik immer noch korrupt - Minister wie Sharma die Ausnahme. Aber was den Einfluss der Religion auf Gesellschaft und Politik angeht, ist der Staat im Himalaya in vielem moderner als Indien.

Junge Pärchen Hand in Hand sind in Nepals Städten beinahe so normal, wie Männer Hand in Hand - eine rein platonische Freundschaftsgeste. Die Rastriya Prajatantra Partei, die aus Nepal wieder einen Hindustaat machen möchte, bekam bei den letzten Wahlen nur zwei Prozent der Stimmen.

"Hindustaat Indien"

In Indien hat die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) bei den jetzigen Wahlen die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten. Ihr Ministerpräsident Narendra Modi stammt aus der paramilitärischen Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), die aus Indien einen Hindustaat machen möchte.

Doch schon ein langer Blick auf die englischsprachige Seite von Wikipedia verrät, dass sich selbst Hindus nicht einig sind, was diese Religion eigentlich genau ist und sich Gelehrte fragen, ob es denn so etwas wie den Hinduismus überhaupt gibt. Zumindest scheint klar, dass auch diese Religion lange benutzt wurde, um die Gesellschaft zusammenzuhalten - unter anderen mit Hilfe des Kastensystems.

Ende des 19. Jahrhundert formierten sich in Indien jedoch etliche Bewegungen, um den Hinduismus zu reformieren, wie die Brahmo Samaj die von Mohan Roy gegründet wurde. Sie stellten sich gegen das Kastensystem und wollten gegen den Aberglauben vorgehen. Dazu sollte Schluss sein, mit der Diskriminierung von Frauen - noch heute werden in der hohen Kaste der Brahmanen Söhne oft wie Prinzen vergöttert und Töchter wie Dienstboten behandelt.

Doch im Schatten des Widerstandes gegen die britischen Kolonialherren, setzte sich schleichend ein nationalistischer Hinduismus durch. Auch die 1885 gegründete Kongress Partei benutze diesen religiösen Nationalismus im Kampf für die Unabhängigkeit. Ebenso Mahatma Gandhi, der ab 1925 die Führung der Kongress Partei übernahm. Doch Gandhi und seine Partei arbeiteten weiterhin mit den Muslimen zusammen. Diese Zusammenarbeit verweigerte die extreme Hinduorganisation RSS, die 1925 gegründete wurde.

Lukumgau und sein Wasserkraftwerk mit einer Leistung von 85 KW wäre ein Vorbild für ganz Nepal. Foto: Gilbert Kolonko

Die muslemischen Führer Indiens benutzten den Islam und Nationalismus im Kampf gegen die britischen Kolonialherren. Der muslemische Anwalt Ali Jinnah übernahm die Idee des Dichters Mohammad Iqbal auf und warf einen eigenen Staat für die indischen Muslime ins Spiel - Pakistan. Die Ermordung von Mahatma Gandhi am 30. Januar 1948 ist im Zusammenhang mit der Politisierung der Religionen zu sehen.

Genauso die Massaker an bis zu zwei Millionen Hindus und Muslimen, die sich nach der Unabhängigkeit ins neugegründete Pakistan aufmachten oder vo dort nach Indien flüchteten. Gandhis Mörder Nathuram Vinayak Godse hatte den Führer des gewaltlosen Widerstandes für die Teilung Indiens verantwortlich gemacht, doch diese war nie Gandhis Absicht gewesen. Gandhi hatte ein wenig mit den Fackeln Religion und Nationalismus gespielt, die ihm andere entrissen und den Brand auslösten. Godse war ein ehemaliges Mitglied der RSS, der dann eine noch extremere Hinduorganisation gegründet hatte.

Die RSS

Nach der Unabhängigkeit Indiens war es die RSS, die den Hinduismus weiter politisierte, jedoch auf Sparflamme, da ihr der Mord an Mahatma Gandhi mitangehaftet wurde. Der große Rest der hinduistischen Gläubigen und ihre unzähligen Priester und Gurus lebten ihren Glauben eher privat und in spirituellerweise aus - der Mord an Gandhi hatte Indien für einige Zeit zur Besinnung gebracht.

So hielt sich die RSS politisch im Hintergrund und unterstützte Prasad Mukherjee, der 1951 die Bharatiya Jana Sangh Partei gründete. 1977 konnte die BJS die als unschlagbar geltende Kongress Partei ablösen, die mittlerweile als reine Familienpartei der Gandhi Familie gesehen wurde.

Doch gelang der BJS dieser Schlag nur im Verbund mit anderen Parteien, darunter den Liberalen und den kommunistischen Parteien Indiens. So schlossen sich die kleinen Hinduparteien 1980 zur Bharatiya Janata Party (BJP) zusammen. Seitdem setzte die BJP konsequent auf ihr Steckenpferd, einen extremen nationalen Hinduismus.

Bis heute ist die BJP nichts anderes, als der politische Arm der RSS. Dass die Hindunationalisten Narendra Modi zur Wahl 2014 ins Rennen schickten und ihn als angeblichen Wirtschaftsmacher präsentierten, der mit der Korruption aufräumt, war nichts als kalkulierte Augenwischerei. Die RSS hat durch ihre vielen Gras-Wurzelbewegungen immer ein Ohr am "Volk".

Sie hatten gespürt, dass die Menschen genug von der Korruption der Kongress Partei hatten, weil vom Wachstum nichts viel bei ihnen ankam, seitdem die Kongress Partei in den 1990er-Jahren den neoliberalen Wirtschaftsweg eingeschlagen hatte.

Im Wahlkampf 2019 setzte die BJP dann wieder auf ihr Steckenpferd, denn natürlich konnte auch Modi die Lebensbedingungen der Masse der Inder nicht verbessern - selbst die guten Wirtschaftszahlen der Modi Regierung waren manipuliert, einzig die Börse machte einen Sprung.

Auch der Hinduismus geht mit der Zeit - ohne Werbung wird es schwer bei der Vielfalt. Foto: Gilbert Kolomko

Verantwortung am erneuten Wahlerfolg der Hindunationalisten trägt auch die Kongress Partei. Anstatt sich eindeutig hinter alle Minderheiten Indiens zu stellen, stimmte auch Oppositionsführer Rahul Gandhi immer öfters nationale Töne an. Doch wenn es bei anderen Themen kaum Unterschiede gibt, wählen Menschen das Original.

"Die Wirtschaftspolitik der Kongress Partei unterscheidet sich nicht groß von der Modis. Auch für die Kongress Partei sind Umweltaspekte zweitranging," sagt Wilfred de Costa, Vorsitzender des Dachverbandes INSAF und setzt hinzu:

Doch die negativen Auswirkungen der neoliberalen Wirtschaftspolitik, wie die wachsende Einkommensungleichheit und die Folgen von Umweltzerstörungen treffen die materiell, arme Masse der Bevölkerung am schlimmsten. Diesen Menschen präsentiert er Minderheiten wie die Muslime als Schuldige. Dazu gibt Modi vielen Indern das Gefühl, Teil einer überlegenen Religion zu sein und Teil einer zukünftigen hinduistischen Weltmacht.

Wilfred de Costa, Vorsitzender des Dachverbandes INSAF

Während Narendra Modi den starken Führer spielt, große Töne in Richtung der Nachbarländer spuckt, arbeitet die RSS weiter im Hintergrund am Hauptziel: Indien zu einem Staat zu formen, in dem nur Hindus leben. So werden Darwins Theorien von Ministern der BJP öffentlich angezweifelt und Textbücher in indischen Schulbüchern mit religiösen Märchen untermalt oder die indische Geschichte einfach umgedichtet wird.

In von der BJP regierten Bundesstaaten lernen Schüler jetzt, das Indien den Krieg mit China im Jahr 1962 nicht verloren hat und Gandhi nicht ermordet wurde.

Der Westen taugt auch in Indien nicht als Schutz gegen Demagogen, denn im Westen hat die Wirtschaft schon lange die Politik entmachtet. Die großen Konzerne zeigen nicht nur in Indien täglich, dass es ihnen völlig egal ist, wie gefährlich Nationalisten, Diktatoren oder Religiöse sind.