Indien: Selbstmorde für den guten Zweck

In Dhaka sind alle Flüsse verseucht. Foto: Gilbert Kolonko

In Indien setzen immer mehr Gläubige ihr Leben ein, um den Ganges und seine Umwelt zu retten

"Er hat sein Leben geopfert, damit es zukünftige Generationen mal besser haben", sagt Madhu Jhunjhunwala und meint damit den Hindupriester Swami Gyanswaroop Sanand: Am 11. Oktober 2018 starb dieser an den Folgen seines Hungerstreiks, den er 111 Tage vorher begonnen hatte. Sanand wollte Premierminister Narendra Modi zwingen, endlich seinem Wahlversprechen von 2014 Taten folgen zu lassen und den Ganges zu reinigen.

Religiöse Umweltaktivisten

Als die indische Kongress Partei 1979 einen ersten Versuch zur Rettung des Ganges startete und den Central Pollution Control Board (CPCB) ins Leben rief, war der Priester dessen erster Vorsitzender. Damals hieß Sanand noch G.D. Agarwal und lehrte als Professor an verschiedenen Universitäten und Instituten Umwelttechnik. 2011 nahm Agarwal enttäuscht von der Politik seinen neuen Namen an und wurde ein aktivistischer Priester - mit mehreren Hungerstreiks zwang er die Regierung kleinere Maßnahmen zur Reinigung des Ganges einzuleiten.

Doch auch heute ist der Ganges nachweislich an den meisten Stellen dreckiger als bei Modis Amtsantritt vor 4 Jahren - an vielen Abschnitten gilt er als biologisch tot. So überrascht es nicht, dass die Bewohner am Ufer des Ganges die höchste Krebsrate Indiens aufweisen.

Deswegen hat Madhu Jhunjhunwala am 18. Januar nach Haridwar in den Bundestaat Uttarkhand zu einer Konferenz gerufen, um nach Wegen zu suchen, die Reinigung voranzutreiben. Etwa 80 Aktivisten, Wissenschaftler und ein Anwalt des Höchsten Gerichts des Landes sind dem Ruf gefolgt.

Der Tagungsort ist nicht ohne Grund der Matri Sadan Ashram, der an einem naturbelassenen Stück des Ganges liegt: Nigamananda Saraswati, ein Schüler des Ashrams, war im Juni 2011 während eines Hungerstreiks aufsehenerregend ums Leben gekommen. Sein Guru und Leiter des Ashrams, Swami Shivanand, führte den Hungerstreik sechs Tage fort, dann knickte die Regierung von Uttarkhand ein und Verbot im Distrikt Haridwar Bergbau an den Ufern des Ganges.

Der Priester Swami Shivanand und sein Schüler, der sich seit 88 Tagen im Hungerstreik befindet. Foto: Gilbert Kolonko

Shivanand sitzt auch heute im Mittelpunkt seitlich vom Podium. Neben dem Guru hockt einer seiner Schüler, der sich seit 88 Tagen im Hungerstreik befindet - beide werden von jedem Redner mehr oder weniger ehrerbietig begrüßt.

Umwelt und Investitionen

Die Vorträge der Konferenzteilnehmer zeigen, wie regional verschieden die Anliegen der Bewohner des Ganges sind. In der Bergregion Uttarkhand bereiten Wasserkraftwerke Sorgen, deren Staudämme den Fluss komplett stauen: Aktuell gibt es 38 - 199 weitere sind in Planung. Dazu gibt es etliche legale und illegale Minen.

Die Sorge ist keine Angst vor dem sogenannten Fortschritt: Uttarkhand wird immer wieder von Erdrutschen heimgesucht - im Juni 2013 starben dort in wenigen Tagen 5.748 Menschen bei Erdrutschen in Verbindung mit Fluten. Seitdem verloren etwa 1000 weitere Menschen bei Erdrutschen ihr Leben.

Eigentlich gibt es keinen Grund dieses Risiko durch Bauarbeiten an großen Staudämmen zu vergrößern, denn dass es auch in Uttarkhand immer noch zum Stromausfällen kommt, liegt nicht am fehlenden Strom - da produziert Indien mittlerweile einen Überschuss: Jedes Mal, wenn es in Haridwar oder Rishikeh regnet, brechen die alten oberirdischen Stromleitungen zusammen - dann schmeißt ein jeder den Dieselgenerator an.

Da "wundert" es, dass die Regierung nicht stärker in die Infrastruktur investiert, denn an Geld scheint es nicht zu fehlen: Indien ist der größte Waffenimporteur der Erde.

Etwas weiter Flussabwärts bereiten der Sand- und Steinklau aus dem Flussbett dem Ganges große Probleme. Zudem wird er immer mehr begradigt, ohne dass bei Hochwasser Auslaufzonen bereitstehen.

Ein Aktivist aus dem 600 Kilometer östlich entfernten Allahabad weist daraufhin, dass das Wasser in Haridwar zumindest noch sauber sei, bei ihm sei der Ganges schwarz - der Abschnitt in Allahabad gehört zu den am meisten verschmutzten.

"Die indische Bevölkerung ist schneller durch Priester zu erreichen"

Während der Pausengespräche stimmen die meisten Teilnehmer mit der Meinung des verstorbenen G.D. Agarwal überein, dass die Wissenschaft die Menschen Indiens zu langsam erreicht: "Die indische Bevölkerung ist nun mal sehr religiös und schneller durch Priester zu erreichen", sagt ein älterer Teilnehmer.

In den Tempelanlagen in Haridwar denkt niemand an eine Demonstration. Foto: Gilbert Kolonko

Anderer Meinung ist ein 40-jähriger Aktivist aus dem Bundestatt Bihar:

"G.D Agrawal hatte 30 Jahre beste Kontakte zur Regierung. Für mich ist seine Wandlung zum Religiösen eher der Ausdruck eines schlechten Gewissens, das er in seinen letzten Jahren mit kurzfristig erpressten Erfolgen beruhigen wollte: Gesetzesänderungen dürfen nicht durch Religiöse erzwungen werden. Es mag uns heute zum Schutz des Ganges gelegen kommen, aber schon morgen können sie mit den gleichen Mitteln Dinge abpressen, die der Wissenschaft und Aufklärung widersprechen."

Einer der nächsten Redner erklärt, warum die Reinigung des Ganges kein national indisches Thema ist - 21 Prozent des Ganges liegen außerhalb von Indien: "Wenn der Ganges nicht bald gereinigt wird, werden Millionen von Menschen aus Bangladesch flüchten. Die werden dann nicht nur nach Indien kommen, sondern auch nach Europa."

Als eines von vielen Beispielen erwähnt er eine von der WHO finanzierte Studie zum Thema Wasserverschmutzung aus dem Jahr 2016: Danach werde Dhaka in spätestens 20 Jahren das Grundwasser ausgehen, weil alle Flüsse der Hauptstadt Bangladeschs komplett verdreckt sind, so dass sie nicht zur Trinkwasseraufbereitung zu gebrauchen sind.

Zum Abschluss schlägt er eine Menschenkette entlang des Ganges vor, die von Nepal bis nach Bangladesch reicht und nennt sie: "Chain of Shame", die Kette der Schande.

"Die Bewohner jedes Abschnitts sollen die Verursacher der Verschmutzungen an dieser Stelle benennen - auch die Namen westlicher Firmen, die in den Fabriken am Ufer des Ganges billig produzieren lassen."

Da 80 Prozent der Abwasser im indischen Teil des Ganges aus Haushalten stammt, wäre eine solche international aufsehenerregende Menschenkette für die indische Regierung äußerst unangenehm: "Technisch ist es überhaupt kein Problem, den Ganges in vier bis fünf Jahren zu reinigen", sagte Chandni Sooad, die Direktorin von Waterneer Delhi, einem Unternehmen, das Wasserreinigungsanlagen verkauft, schon vor einem Jahr gegenüber Telepolis.

Anzeige