Indien: Streik der "Unberührbaren"

Screenshot aus dem Video, das zeigt, wie Dalit von "Kuhschützern" verprügelt werden

Proteste nach "Kuhschützer"-Übergriff und Zorn einer Dalit-Politikerin

Der indische Bundesstaat Gujarat empfiehlt sich derzeit nur bedingt für Besuche, weil dort massenhaft Kuhkadaver auf den Straßen verrotten. Diese Kuhkadaver werden sonst von Dalit entsorgt - "Unberührbaren", die außerhalb des indischen Kastenwesens stehen und traditionell Berufe ausüben, die als "unrein" angesehen werden. Diese Dalits streiken jetzt.

Anstatt die Kadaver wegzuräumen demonstrieren sie und blockieren Straßen. Dabei kam bis jetzt mindestens ein Polizeibeamter ums Leben, der mit Steinen erschlagen wurde. Außerdem gibt es eine Selbstmordversuchswelle bei der bislang ebenfalls ein Mann starb. Dass Anandiben Patel, die der Hindu-Partei BJP und der Patidar-Händlerkaste angehörende Regionalregierungschefin von Gujarat, Anfang der Woche ihr Amt aufgab, konnte die Situation nur bedingt beruhigen.

Ein Anlass für die Streiks ist ein viral gewordenes Video, auf dem zu sehen ist, wie Gau Rakshaks - extremistische "Kuhschützer" vier junge Dalit-Männer prügeln und demütigen, denen sie vorwerfen, nicht abgewartet zu haben, bis eine Kuh von selbst stirbt, sondern sie getötet zu haben, um an ihre Haut zu kommen. Der Vorfall geschah bereits Mitte Juli in der in Gujarat gelegenen Ortschaft Una, ohne dass die Polizei Maßnahmen gegen die Gau Rakshaks ergriff.

Ein weiterer Anlass ist die am 28. Juli geschehene Tötung eines Dalit-Ehepaares in Uttar Pradesh durch einen Lebensmittelhändler, dem das Paar 15 Rupien - umgerechnet etwa 22 Cent - für Kekse schuldete. Der Tat ging ein lautstarker Streit voraus und es ist unklar, ob es einen Totschlag oder ein Mord war. Allerdings soll der Einzelhändler den Dalit-Ehemann nicht einfach erstochen, sondern enthauptet haben.

Zornige Dalit-Führerin Mayawati

Dritter Anlass ist ein Vergleich, den der ehemalige BJP-Vize Dayashankar Singh anstellte: Er behauptete, dass die Dalit-Bundesparlamentsabgeordnete Mayawati Kandidatenplätze ihrer Bahujan-Samaj-Partei an den Höchstbietenden verkauft, weshalb ihr Charakter "schlimmer als der einer Prostituierten" sei. Mayawati, die vier Mal Regionalregierungschefin von Uttar Pradesh war, ist bekannt dafür, dass sie für umgerechnet 900 Millionen Euro Statuen von sich selbst und anderen Dalit-Führern errichten ließ, die für jährlich 2,7 Millionen Euro von der Polizei vor Vandalismus beschützt werden.

Die Politikerin mit nur einem Namen verlangte nach der Äußerung die Festnahme von Singh und ließ sich auch dadurch nicht beschwichtigen, dass der Vize - der sich inzwischen für seinen Vergleich entschuldigte - seinen Posten binnen Stunden nach seiner Äußerung aufgeben musste und aus der BJP ausgeschlossen wurde. Die BJP reagierte wahrscheinlich auch deshalb so schnell, weil sie fürchtet, bei Wahlen im nächsten Jahr bei den 240 Millionen Dalit schlecht abzuschneiden.

Statistischer, aber nicht absoluter Zusammenhang zwischen Kastenzugehörigkeit und wirtschaftlichem Wohlstand

In Indien gibt es 68 Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Diskriminierung nach Kasten zwar einen statistischen, aber keinen absoluten Zusammenhang zwischen Kastenzugehörigkeit und wirtschaftlichem Wohlstand: 80 Prozent der Menschen, die in Indien unterhalb der Armutsgrenze leben, gehören niedrigen Kasten an, aber die restlichen 20 Prozent kommen aus anderen. Und Personen wie Mayawati oder Kocheril Raman Narayanan, der von 1997 bis 2002 indischer Staatspräsident war, entstammen den Dalit (vgl. Tabuthema Quote).

Um die wirtschaftliche Position von Angehörigen niedrigerer Kasten zu fördern, führte das Land Zugangsquoten ein. Dieses Quotensystem hat seine Anfänge bereits in der Kolonialzeit und entwickelte sich zu einem undurchschaubaren Gewirr mit den unterschiedlichsten Regelungen - nicht nur für verschiedene Kasten, sondern auch für Volksgruppen und Religionen, was zu Situationen führt, die als häufig ungerecht empfunden werden. Im letzten Jahr kam es deshalb zu Ausschreitungen der Patidar-Kaste (vgl. Kasten-Quoten-Unruhen in Indien). Ein anderer Vorwurf gegen das Quotensystem ist, dass es das Kastensystem durch den Konnex mit Bildungsmöglichkeiten und wirtschaftlichen Gelegenheiten immer weiter perpetuiert, anstatt es aufzuheben. Die Kastenzugehörigkeit, so die Kritiker der indischen Variante von "Affirmative Action", wäre im städtischen Indien des 21. Jahrhunderts weit weniger wichtig, wenn sie durch die Quoten nicht Karrieren bestimmen würde. (Peter Mühlbauer)

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