Indien: Wirtschaft runter, Corona-Zahlen hoch, dazu Kriegsvorbereitungen

Modi weiter populär, auch dank Facebook

In Indien ist Modis Popularität ungebrochen. Dass dies nicht nur an den schwachen Oppositionsparteien und Modi freundlichen Medien-Mogulen liegt, zeigen Recherchen des Wall Street Journals: Indiens Facebook Chefin Ankhi Das hatte unter anderem persönlich verhindert, dass gemeldete Hassreden von regierungsnahen Personen gegen Muslime gelöscht werden.

Schon im Jahr 2019 hatten Paranjoy Guha Thakurta and Cyril Sam in ihrem Buch aufgedeckt, dass die guten Kontakte zwischen Modi und Facebook bis zu seiner Zeit als Chief-Minister von Gujarat zurückreichen. Dies bestätigt eine neue Recherche des Wall Street Journals, in der aufzeigt wird, wie Anki Das ihre Funktion als Facebook-Chefin (Indien) nutzte, um Wahlkampfhilfe für Narendra Modi zu leisten. Facebook hat in Indien 300 Millionen Nutzer.

Doch der propagierte Nationalismus fällt Narendra Modi schon jetzt auf die Füße: Nach Kämpfen zwischen indischen und chinesischen Streitkräften Mitte Juni in der Bergregion Askai Chin, mit Todesopfern auf beiden Seiten, musste Narendra Modi kleinlaut mitteilen lassen, dass China keine indische Gebiete besetzt hat. Trotzdem rühren mittlerweile auch die Oppositionsparteien die nationale Suppe an und fordern ein hartes Durchgreifen und Handels-Boykotte gegen China.

Ein weiterer Vorfall in Aksai Chin Ende August zwischen beiden Armeen heizt die Lage noch mehr an. So sagte General Bipin Rawat, bis Ende 2019 Chef der indischen Streitkräfte, die Regierung müsse sich auf einen Zweifrontenkrieg mit China und Pakistan vorbereiten. Zudem verwies General Rawat darauf, dass er es für einen Mythus halte, dass Atomnationen wie Indien, Pakistan und China keinen Krieg miteinander führen würden.

Der 82-jährige Journalist Prem Shankar Jha hat den indisch-chinesischen Grenzkrieg noch selbst erlebt. Damals musste Indien eine schnelle und erniedrigende Niederlage einstecken. Jha erinnert sich:

Es gibt (heute) die gleiche Selbstgerechtigkeit, die gleiche Hauptschuld auf der anderen Seite, die gleiche kalkulierte Ungenauigkeit über die tatsächlichen Einsätze vor Ort und die gleichen Zusicherungen, dass unsere Streitkräfte bereit sind, weitere Einfälle der anderen zu verhindern Seite.

Der einzige Unterschied zwischen 1962 und heute besteht darin, dass wir dank der Fortschritte in der Kommunikationstechnologie jetzt auch wissen, was die Chinesen sagen und welche Anschuldigungen sie erheben. Wir wissen also, dass die Chinesen uns dieselben, sich selbst rechtfertigenden Anschuldigungen wegen Verstoßes gegen das LAC und gegen die jüngsten Vereinbarungen indischer Truppen vorwerfen, die wir gegen sie vorbringen.

Prem Shankar Jha

Alleine den Schein aufrecht zu erhalten, dass Indien einen Zweifronten-Krieg stemmen kann, wird dem Land viel Geld kosten. Geld, das wegen der wirtschaftlichen Krise nicht da ist. Das merken gerade die Bundesstaaten. Nach der Reform der Umsatzsteuer versprach die Zentralregierung, im Notfall für einen Ausgleich zu sorgen.

Die Wirtschaft an die Wand gefahren und ein nutzloser Lockdown - erfolgreich war Modi nur dabei, den Widerstand gegen seine Politik der Spaltung zu brechen. Noch Anfang des Jahres waren Hundertausende auf den Straßen. Foto: Gilbert Kolonko

Nun, während der Corona-Krise, will sie nichts mehr davon wissen, obwohl die Bundestaaten die Hauptlasten im Kampf gegen Covid-19 tragen und noch heftiger von den Steuerausfällen betroffen sind als die Zentralregierung

Doch es gibt auch Positives: Das Oberste-Gericht von Madras hat die Schließung der Kupferfafrik Sterlite bestätigt. Bei Protesten im Mai 2018 gegen die Fabrik des Vedanta-Konzerns wurden mindestens 12 Demonstranten erschossen. 25 Jahre lang protestierte die örtliche Bevölkerung in der südindischen Hafenstadt Thoothukudi gegen die nachgewiesenen Umweltsauereien der Kupferfabrik.

Überraschend ist das Urteil des Obersten-Gerichtes, weil die Modi-Regierung versucht hat, die Fabrik durch die Hintertür wieder zu eröffnen. Anil Agarwa, der Besitzer der Vedanta-Gruppe, ist ein bekennender Modi-Freund.

Seit sechs Jahren ersetzt die Zentralregierung unliebsame Richter mit ihr wohlgesinnten. Seit sechs Jahren werden kritische Journalistin, Studenten und Aktivisten festgenommen und mit Klagen überhäuft - auch mit Hilfe von Anti-Terror-Gesetzen.

Nein, die Inder sind nicht plötzlich "irre" geworden, dass sie einem gefährlichen Populisten wie Modi zujubeln. Die meisten Menschen haben den täglichen Überlebenskampf zu meistern, während der technische Fortschritt über sie hinwegrollt. Dass ein Großteil der Medien von der Modi-Regierung manipuliert wird, kommt noch dazu. Trotzdem hörte ich einen Satz in den letzten 15 Monaten am häufigsten, wenn ich fragte, ob sie für Modi oder die Opposition stimmen würden: "Das ist ein Abwiegen, zwischen zwei großen Sch…haufen."

Die Modis dieser Erde fallen nicht vom Himmel. Auch in Indien ist der Boden für nationalistische Heilsbringer durch die etablierten Parteien wie den Indian Kongress vorbereitet worden - die wachsende finanzielle Ungleichheit ist nur einer von vielen Düngern.

Politik in Indien - für viele das Abwiegen zwischen zwei miserablen Alternativen. Foto: Gilbert Kolonko

Ein Blick in das Land des viertgrößten Waffenverkäufers der Erde zeigt, dass auch hierzulande viele Scheuklappen aufhaben: Bis zu 90 Prozent aller Produkte, die in Deutschland zur Herstellung von Antibiotika benötigt werden, kommen mittlerweile aus China und Indien.

Doch die Billigproduktion gerade in Indien hat ihren Preis: Mit sogenannten Superbugs (gegen Antibiotika resistente Bakterien) verseuchte Flüsse und Umwelt ist die Entstehung eines neuen Supererregers, der auch nach Europa getragen werden kann, eine Frage der Zeit. Deutschland ist der zweitgrößte Käufer indischen Leders, das unter katastrophalen Bedingungen für Mensch und Natur hergestellt wird.

Für die Wahrnehmung von offensichtlichen Widersprüchen in Deutschland zwischen grünen Ansprüchen und Wirklichkeit reicht eine Bahnfahrt im August von Anklam nach Berlin aus. Am Ausgangsbahnhof kamen alle Radfahrurlauber noch gerade so in den überfüllten Zug. Auf den restlichen Stationen mussten Hunderte von Passagieren draußen bleiben, die umweltfreundlich reisen wie propagiert: Mit dem Fahrrad bis zur Bahn.

Im überfüllten Zug, der an indische Verhältnisse erinnerte, gab es kaum jemanden, der nicht einmal seine Maske "durchlüftete". So werden aus Vorbildlichen Corona-Spreader. Da diese Zustände bekannt sind und nichts passiert, kann das nur eins heißen: Bleiben Sie zu Hause oder kaufen Sie sich ein Auto. Das Klima versauen eh die Chinesen und Inder. (Gilbert Kolonko)