Indien: Wirtschaftswachstum verursacht Wasserkrise

93,8 Prozent der indischen Bevölkerung hat Zugang zu sauberen Trinkwasser, doch das ganze Land steckt in einer Trinkwasserkrise. Foto: Gilbert Kolonko

Dank des durch Reformen ausgelösten Wirtschaftswachstums sollen 271 Millionen Menschen aus der Armut befreit worden sein. Genaueres Hinsehen entlarvt dessen Früchte als ungenießbar

In den 1990er Jahren begann Indien seine Wirtschaft marktliberal zu reformieren, um so das Wachstum zu beschleunigen. Dass dadurch zum Beispiel der indische IT-Boom möglich gemacht worden sei, ist einer unter vielen Mythen.

Doch durch eine aktuelle Studie der Vereinten Nationen fühlen sich die Reformer jetzt in ihrer Sicht bestätigt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben: Zwischen 2006 und 2016 seien in Indien 271 Millionen Menschen aus der Armut befreit worden, heißt es darin. In der umfangreichen Liste der Indikatoren für den erreichten Fortschritt figuriert auch der gesamtindisch auf 93,8 Prozent angestiegene Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Diese Erfolgsnachricht wird allerdings durch die Tatsache, dass ein Großteil des Landes unter Trinkwassermangel leidet, eindeutig infrage gestellt. In der 10 Millionen Einwohner-Stadt Chennai kann der Staat nicht einmal die Hälfte des Wasserbedarfs der Bevölkerung decken.

Unter den 21 indischen Städten, denen im nächsten Jahr aller Wahrscheinlichkeit nach das Grundwasser ausgehen wird, ist auch die Hauptstadt Delhi mit ihren 18,6 Millionen Einwohnern (2012), wobei Delhi mittlerweile mit seinen unkontrolliert gewachsenen Vorstädten verschmolzen ist, so dass sogar von ca. 40 Millionen Menschen gesprochen werden muss.

Es ist aber nicht nur die steigende Einwohnerzahl der Hauptstadt, die zu einer starken Zunahme der Menge an hochgepumpten Grundwasser geführt hat, sondern auch die Verwandlung des Hauptflusses der Metropole, des Yamunas, in eine verseuchte, nicht zur Trinkwasserbeschaffung nutzbare Kloake.

Gini-Koeffizient in Indien: Höchstes Niveau in Asien

Dass die Einwohnerzahlen in den indischen Großstädten so rasant ansteigen, hat weniger mit dem in absehbarer Zeit stagnierenden Bevölkerungswachstum zu tun als mit der Landflucht. Die durch das Wirtschaftswachstum generierten Vorteile werden nicht nur in sozialökonomischer Hinsicht ungerecht auf die Einwohner Indiens verteilt - der Gini-Koeffizient, ein Maßstab für die Einkommens- und Vermögensverteilung einzelner Länder, ist auf das höchste Niveau in Asien geklettert.

Selbst die USA haben Indien mittlerweile in Sachen Einkommens-Ungleichheit überholt. Ebenso wichtig ist vielmehr der Stadt-Land-Gegensatz, denn den größten Teil des "Wachstums" bekommen die Großstädte ab. Im Juli dieses Jahres musste die indische Regierung zugeben, dass nicht einmal jeder fünfte der 180 Millionen Haushalte im ländlichen Indien fließend Wasser im Haus besitzt.

Kolkata - Die reichen 10-Prozent Indiens besitzen 77 Prozent Prozent des Vermögens. Die 30-Prozent-Mittelklasse 18,3 Prozent. Foto: Gilbert Kolonko

Während in Delhi die Hitze die Trinkwasserprobleme verstärkt, stand der Großraum Mumbai (ehemals Bombay) mit seinen 80 Millionen Bewohnern schon beim ersten Monsunregen unter Wasser. Es kam zu Häusereinstürzen und Kurzschlüssen, die mindestens 18 Tote verursachten.

Die Überschwemmungen in Mumbai sind die Folge einer Kombination aus natürlichen und menschengemachten Ursachen. "Der vorwiegend durch den Menschen verursachte Klimawandel macht alles noch schlimmer", sagt die Umweltjournalistin Nidhi Jamwal aus Mumbai gegenüber Telepolis. Dann erklärt sie, dass die Metropole zum Teil auf ehemaligen Inseln erbaut worden sei und viele Wohngegenden unterhalb des Meeresspiegels lägen: "Während des Südwest-Monsuns zwischen Juni und September gehen 2.100 mm Niederschläge auf Mumbai nieder, was in den tiefer liegenden Gegenden zu Überschwemmungen führt."

Nidhi Jamwal beschreibt, wie der Klimawandel den Regen auf noch weniger Tage konzentriert: "Dieses Jahr kam der Monsun 15 Tage zu spät, dafür gingen am ersten Juli gemäß der Messstation im Stadtteil Santa Cruz innerhalb von 24 Stunden 375,2 mm Regen auf die Metropole nieder. Nach zwei weiteren Tagen war knapp die Hälfte der während der gesamten Monsunperiode üblichen Niederschlagsmenge erreicht."

Klimawissenschaftler sagen voraus, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren verstärken wird. "Dazu kommt, dass Mumbai immer noch kein funktionierendes Abwassersystem hat, worauf Bürgerorganisation seit Ewigkeiten hinweisen. Und dass das Regenwasser wegen der dichten Bebauung nicht mehr in die Erde einsickern kann. Mumbais Außenbezirke sind, wie Teile der Feuchtgebiete, gleichfalls zugebaut. Früher konnte das Wasser dahin ablaufen."

Nidhi Jamwal verweist auch auf die ebenfalls überbauten Ufer der vier Flüsse der Metropole und schließt: "Solange die Rolle der Flüsse bei den Überschwemmungen nicht berücksichtigt wird, wird es noch schlimmer werden."

Während Mumbai unter Wasser stand, brach etwa 100 Kilometer entfernt mit dem ersten Regen der 308 Meter breite Ratnagiri-Damm, mindestens 19 Menschen wurden getötet, viele weitere sind vermisst.

In Chennai wird das Wasser mittlerweile teuer mit dem Zug aus dem benachbarten Bundesstaat Kerala herantransportiert. Wie in Mumbai verdichtete der Immobilienboom die Böden und gleichzeitig wurden große Teile der Feuchtgebiete und Seen zerstört (Feuchtgebiete, natürliche und menschengemachte Seen überlappen sich und sind nicht vollständig voneinander zu trennen).

Obwohl die Grundwasserstöcke sich längst nicht mehr vollständig regenerieren, wurde ihre Nutzung weiter gesteigert. Und das nicht nur in Chennai. Wie eine Studie des Wasserministeriums aufzeigt, ist der Grundwasserspiegel im gesamten Land von 2007 bis 201 um durchschnittlich 61 Prozent zurückgegangen.

So verlieren die natürlichen Grundwasserspeicher in den dicht besiedelten Gegenden Delhi, Haryana, Punjab, West-Uttar Phradesh and Rajasthan jedes Jahr 32 Kubikkilometer Wasser. Die Anzahl der Tiefbrunnen ist von 1,44 Millionen auf 2,61 Millionen in die Höhe geschwappt. Die Studie des Wasserministeriums stellte ebenso fest, dass im unterentwickelten Osten des Landes der Grundwasserspiegel nur minimal gesunken ist.

Überforderung

In der Hauptstadt West Bengalens in Kolkata gestanden zum Teil hohe Staatsdiener unter vier Augen ein, dass sie das Tempo des "Fortschritts" einfach überrollt. Das zeigt sich beispielhaft an der Anzahl zugelassener Fahrzeuge. Indien brauchte knapp 60 Jahre (1951 - 2008), um 105 Millionen registrierte PKWs unter die Leute zu bringen. Die gleiche Anzahl kam in den Jahren 2009 - 2015 hinzu. Im Mai 2018 wurden in Indien jeden Tag im Schnitt 73.632 Fahrzeuge verkauft.

Um den wachsenden Verkehr irgendwie am Laufen zu halten, werden hastig sogenannte overflys aus dem Boden gestampft, selbst wenn die Stadthochstraßen über die Balkone der Einwohner führen. Wenn solche overflys dann einstürzen, was in Kolkata öfter vorkommt, bleiben die Reste oft einfach stehen.

Es gibt Gesetze gegen den Lärmterror, aber der Staat schafft es nicht, die Einhaltung zu kontrollieren. Das gleiche gilt in Sachen Luftverschmutzung: Eine aktuelle Studie mit während sechs Monaten erhobener Daten kommt zum Ergebnis, dass ein Drittel aller Verkehrspolizisten in Delhi aufgrund ihrer täglichen Arbeit in den Abgasen der mittlerweile zehn Millionen motorisierten Fahrzeugen unter schwerwiegenden Gesundheitsproblemen leidet.

Es gibt Gesetze, die das Einleiten von Abwasser in Flüsse verbieten, doch der Staat kommt mit den Kontrollen nicht nach, bzw. will nicht kontrollieren, aus den gleichen Gründen, aus denen indische Staatsdiener ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, wenn sie von Überforderung sprechen.

Denn vom Premier Narendra Modi bis zur Chefministerin von West Bengalen, Mamata Banerjee, - alle schreien sie nach mehr Wirtschaftswachstum.

Um dies zu erreichen, setzt Indien auf noch mehr massiv kontaminierende Billigindustrie, von den Ledergerbereien in Kolkata und Chennai über die Textilindustrie im Rest des Landes bis zur Pharmaindustrie in Hyderabad. Und alle leiten sie ihre chemisch verseuchten Abwässer in den nächstliegenden Fluss.

Lösungen gibt es

Lösungen für Indiens Trinkwasserprobleme liegen seit 20 Jahren in der Schublade. Schon in den Achtzigerjahren "entdeckte" der Umweltjournalist Dr. Anil Agarwal, dass die Landbevölkerung mit Hilfe von Kanälen Regenwasser speichert.

Mitte der Neunziger wurden in vielen Bundestaaten Indiens künstliche Seen und Teiche angelegt, doch es fehlte ein durchdachtes System, das Wasser länger als bis zum nächsten Monsun zu speichern. Vor seinem Tod im Jahr 2002 hinterließ Anil Agarwal nicht nur einen Plan für den Umgang mit den Wasserproblemen, sondern auch das Umwelt-Magazin Down to Earth, in dem zahlreiche Wissenschaftler seit 27 Jahren auf diesbezügliche Lösungen hinweisen. Bis auf ein paar Vorzeigeprojekte wurde davon nichts realisiert.

Odisha - Indiens Fischer bezahlen den Fortschritt und seine Folgen in vielfacher Hinsicht. Foto: Gilbert Kolonko

Im Gegenteil, Indiens Bauern haben das Sammeln von Regenwasser so gut wie eingestellt und pumpen stattdessen das Grundwasser ab. Dass die meisten indischen Bundesstaaten aus wahlpopulistischen Gründen den Strom für die Pumpen subventionieren oder sogar kostenlos zur Verfügung stellen, fördert die Verschwendung. Ebenso der Anbau von Reis in dafür nicht geeigneten Regionen. Auch veraltete und lecke Bewässerungssysteme tragen zur Wasserverschwendung bei.

Die großen Agrarkonzerne

In absehbarer Zukunft werden die großen Agrarkonzerne den indischen Markt übernehmen, denn die heutigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind auf sie zugeschnitten. Nur die "Großen" können sich "digitale Landwirtschaft" leisten.

Welche schwerwiegenden Folgen dies für Indien hat, zeigt die aufwendige Studie Konzernatlas 2017, die in einer Kooperation der Heinrich-Böll- und Rosa-Luxemburg-Stiftung, des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Oxfam Deutschland, Germanwatch und Le Monde diplomatique erarbeitet wurde. Statt nachhaltige, biologische Landwirtschaft aus der und für die Region entstehen Massenarbeitslosigkeit unter Kleinbauern und die massive Konzentration von Landbesitz sowie der Einsatz der Chemiekeule.

In "Down to Earth" publizierte Berechnungen zeigen, dass auch Chennai mit Hilfe von Regenwasser seine Bevölkerung ausreichend mit Wasser versorgen könnte, selbst wenn der Regen nur in einer kurzen Periode im Jahr fällt.

Es liegt nicht am mangelnden Erfindungsreichtum des menschlichen Geistes, dass sich in Chennai in naher Zukunft nichts zum Bessern ändern wird. Ob etwa Entsalzungsanlagen die Lösung seien, ist umstritten. Zwei aus Meerwasser Trinkwasser produzierende Anlagen gibt es schon, zwei weitere sind im Bau.

Kolkata: Der Fortschritt überrollt Indien. Hochstraßen führen dann über den Balkon. Foto: Gilbert Kolonko

Doch der Bau der Anlage Nemmeli 40 Kilometer vor Chennai ist ein Beispiel dafür, wie die Auftraggeber aus der Politik und die privaten Anlagebetreiber es selbst bei nicht von vornherein negativen Projekten schaffen, die Umwelt zu schädigen, Trinkwasserquellen vor Ort zu verschmutzen und die Bevölkerung vor den Kopf zu stoßen.

Warnungen

Feststeht, dass die politisch Verantwortlichen nichts aus den krisenhaften Geschehnissen lernen. Weiteres Wirtschaftswachstum soll es geben durch einen von einer Privatfirma gebauten und geführten weiteren Hafens im Norden von Chennai. Er ist bereits genehmigt. Umweltexperten warnen, das Projekt zerstöre Teile der restlichen Feuchtgebiete, fördere damit die Überschwemmungen in der Regenzeit und könne zudem die Existenz von bis zu 30.000 Fischern vernichten.

Auf den Zug der Hafenkritiker ist auch die Kongress-Partei aufgestiegen, also diejenigen, die Indien auf den heutigen wirtschaftlichen Pfad geführt und bis 2014 gehalten haben.

Das Hohe Haus das Buch des schwer zu ersetzenden Roger Willemsen erklärt indirekt auch die indische Politik, wenn der Autor die SPD porträtiert, wie sie innerhalb eines Jahres sowohl die Oppositions- als auch die Regierungsparteirolle spielt. Eine "soziale, liberale Volkspartei" in Deutschland und eine in Indien, die jeweils trotz erdrückender Indizien, dass es in den ökologischen Untergang führt, weiter auf das "bewährte" Wirtschaftssystem setzen.

Es ist unbestritten, dass das Wirtschaftswachstum in Südostasien Hunderte Millionen Menschen aus großer Armut herausgeholfen hat. "Aber", stellte im letzten Jahr der Menschenrechtsaktivist Hasan Mehedi in Hinblick auf den seit 25 Jahren anhaltenden Wirtschaftsboom in Bangladesch fest, "der Preis für dieses Wachstum ist die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen".

300 Kilometer westlich in Kolkata kommt der bengalische Aktivist und Journalist Sushovan Dhar zu einem ähnlichen Schluss: "Jeden Tag wird in Kolkata ein weiteres Stück der Feuchtgebiete zerstört, aus kommerzieller Gier und für mehr Wirtschaftswachstum. Dabei steht das Ergebnis in Chennai doch vor aller Augen."