Indien boomt

Indien gilt neben China als kommende Wirtschaftsmacht, die erzielten Erfolge der IT-Branche sollen nun in der Biotechnologie wiederholt werden

Indien erlebt zurzeit ein echtes Wirtschaftwunder. Der Aufbruch des Agrarstaats in die Wachstumsbranchen verändert die Gesellschaft. Die internationale IT-Branche hat die Dienste der Inder schon seit langem in Anspruch genommen, Call-Center für verschiedene englischsprachige Länder haben sich in großer Zahl angesiedelt. Ein Heer hervorragend ausgebildeter Ingenieure und Techniker ermöglicht ganz neue Aufbrüche, zum Beispiel in die Raumfahrtindustrie, die Nano- oder die Biotechnologie.

Indien ist schon vor Jahren geballt in die virtuelle Zukunft aufgebrochen Auf dem Subkontinent sind eine Fülle von Computer-Unternehmen entstanden und weltweit arbeiten Inder höchst erfolgreich in der IT-Branche (vgl.9 223 372 063 854 775 808 Reiskörner).

Die Deutsche Bank prophezeit, dass Indien von 2006 an noch schneller wachsen wird als sein kommunistischer Nachbar im Nordosten – die Banker sagen durchschnittlich 5,5 Prozent pro Jahr voraus.

Indien dürfte bis 2020 zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt (gemessen in Kaufkraftparität (KKP), d.h. wechselkursbereinigt) nach den USA und China aufgestiegen sein. Gemessen in KKP dürfte das Niveau des indischen BIPs im Jahr 2020 etwa 40% des Niveaus der USA betragen (2002: 27%).

Die Investmentbank Goldmann Sachs sieht das ähnlich: "Indien könnte eine noch größere Wachstums-Story darstellen als China - und das langfristig."

In Indien ist der Wirtschaftaufschwung hausgemacht, das eigene intellektuelle Potenzial ist beträchtlich. Die gebildeten Inder sprechen alle Englisch und die Ausbildung an den Universitäten entspricht absolut den westlichen Standards. Jedes Jahr werden alleine 400.000 IT-Ingenieure und Programmierer ausgebildet, die es problemlos mit ihren Kollegen aus den USA oder der Bundesrepublik aufnehmen. Allein im südindischen Bangalore arbeiten heute 250.000 Programmierer, das sind mehr als im kalifornischen Silicon Valley.

"Indien versucht, eine Abkürzung zu nehmen, die industrielle Entwicklung zu überspringen und eine auf Wissen basierte Wirtschaft zu etablieren", war im Wissenschaftsmagazin New Scientist zu lesen.

Investoren interessieren sich zunehmend für Indien. In den letzten fünf Jahren bauten ungefähr 100 internationale Konzerne neue Entwicklungs- und Forschungslabors. Rund um die Metropolen wie Mumbai, Neu-Delhi, Madras, Kalkutta oder Hyderabad sind brandneue Elektronik-, IT-, Pharma- und Medizin-Zentren aus dem Boden geschossen.

Handelspartner Deutschlands

Schon seit langem gibt es viele geschäftliche Kontakte deutscher Firmen in Indien (vgl. Deutsch-indische Handelskammer). Die Deutsch-Indischen Wirtschaftsbeziehungen entwickelten sich schon im 19. Jahrhundert durch Firmen wie die Krupp AG, Siemens oder Bayer.

Deutschland rangiert unter den fünf wichtigsten Handelspartnern Indiens. Das Gesamtvolumen des Handels zwischen Indien und Deutschland belief sich im Jahr 2000 auf 4 Milliarden Euro, wobei ungefähr die Hälfte jeweils auf indische Exporte und indische Importe entfielen (vgl. Bilaterale Wirtschafts- und Handelsbeziehungen). Tendenz steigend. Carl Voigt, Frankfurter IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des Außenwirtschafts-Ausschusses, schreibt dazu:

In der Wachstumsregion Asien reift mit Indien eine zweite Wirtschaftsmacht heran. Oftmals unterschätzt, weist der indische Subkontinent nach China nicht nur das kräftigste Wirtschaftswachstum der Welt auf, sondern hat weit mehr zu bieten als vielfach bekannt: gut ausgebildetes englischsprachiges Personal im ingenieurtechnischen und kaufmännischen Bereich, international äußerst wettbewerbsfähige Dienstleistungsunternehmen, vermehrte Erfolge im industriellen Bereich, eine schnell wachsende und kaufkräftige Mittelschicht und nicht zuletzt einen Investitionsbedarf, der allein in der Infrastruktur auf 500 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Biotechnologie

Das Wissenschaftsjournal Nature widmet dem Aufschwung der indischen Biotechnologie in seiner aktuellen Ausgabe ein 20seitiges Special. Der indische Staat fördert die Biotechnologie als wichtigen Zukunftsmarkt. In diesem Sektor soll wiederholt werden, was im Computerbereich bereits gelungen ist. Erst kürzlich kündigte die Regierung an, dass bis zum Jahr 2010 mindestens zehn neue Biotech-Parks entstehen sollen, insgesamt sind rund eine Million neue Arbeitsplätze geplant. Ausländischen Investoren will die Regierung geringe Steuern und steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten einräumen.

Seit Mitte der 80er Jahre gibt es das indische Department of Biotechnology, das mit einem Budget von 15 Millionen US-Dollar begann und inzwischen immerhin 125 Millionen Dollar zur Verfügung hat. Die 300 bestehenden indischen Biotech-Firmen erwirtschafteten 2003-2004 immerhin 700 Millionen Dollar und in diesem Jahr bereits mehr als eine Milliarde Dollar. „Der Biotechnologie-Sektor erreicht die beindruckende Wachstumsrate von jährlich 40 Prozent“, erläutert Kiran Mazumdar Shaw, Chefin von Biocon in Bangalore.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Indien der viertgrößte Produzent von Pharmazeutika, wobei Generika bisher den Löwenanteil ausmachten, was bald ein Ende haben wird (vgl. Lizenzen zum Töten). Seit 1. Januar 2005 gibt es in Indien ein neues Patentgesetz, das den Richtlinien der Welthandelsorganisation (WTO) entspricht und die Produktion nachgemachter Arzneien untersagt, wenn keine Lizenz vorliegt. Mehr als 65 Prozent des Exports von Medikamenten ging bisher in Entwicklungsländer. Jetzt muss die indische Biotechnologie-Branche innovativer werden.

Eine besondere Erfolgsgeschichte ist der in Hyderabad entwickelte Impfstoff gegen Hepatitis B (vgl. Shanvac-B). Aber auch andere Vakzine werden erfolgreich exportiert, z.B. beziehen die USA massenweise Masernimpfstoff aus Indien.

Klinische Studien

Es ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Indien ist auch für die klinischen Tests von Medikamenten interessant. Für internationale Pharma-Konzerne ist es schlicht wesentlich billiger, ihre neuen Arzneien an Indern zu erproben. Die Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass amerikanische und europäische Firmen bis 2010 insgesamt 1,5 Milliarden US Dollar jährlich für klinische Studien in Indien ausgeben werden.

Es gibt eine Milliarde Inder und sie leiden zunehmend unter den gleichen Zivilisationskrankheiten wie Europäer oder US-Amerikaner. Dazu gehören Herzerkrankungen und Diabetes. Die medizinische Versorgung ist auf einem hohen Standard, die Ärzte sehr gut ausgebildet und sie sprechen Englisch. Der große Nachteil ist die fehlende Kontrolle. Es fehlt vor allem an einer strikten Kontrolle der ethischen Standards.

1999 gab es große öffentliche Aufregung, als bekannt wurde, dass Wissenschaftler von der John Hopkins University in Baltimore am regionalen Krebszentrum in Thiruvananthapuram zwei experimentelle Substanzen gegen Krebs an 27 Patienten getestet hatten. Für diese Studie an Probanden gab es keinerlei Genehmigung und sie fand ohne vorausgegangene Tierversuche statt. Als dieser Skandal publik wurde, erließ der Indian Council of Medical Research (ICMR) im Jahr 2000 verbindliche und internationalen Standards entsprechende Richtlinien für Studien an Menschen.

Dennoch wurde 2003 bekannt, dass verschiedene Privatkliniken mehr als 400 Frauen, die unter Fruchtbarkeitsproblemen litten, mit einer Version des Krebsmittels Letrozol behandelt hatten. Die Probandinnen waren nicht darüber informiert worden, dass die Substanz dafür nicht zugelassen war, und es gab keine Genehmigung des Gesundheitsministeriums für diese Studie.

Indien ist ein Land großer sozialer Gegensätze. Durch den anhaltenden Wirtschaftsboom hat sich eine neue Mittelschicht gebildet, aber nach Schätzungen der Weltbank leben immer noch 35 Prozent der Inder von weniger als einem Dollar pro Tag. Wo viel Armut herrscht, gilt ein Menschenleben nicht sehr viel. Es ist also nicht erstaunlich, dass Indien in der Vergangenheit auch wegen Organhandels immer wieder in die Schlagzeilen geriet – obwohl die Gesetzeslage das Verkaufen von Lebendspenden streng verbietet (vgl. Organhandel in Indien und Police uncover large scale organ trafficking in Punjab.

Kein Wunder, dass das deutsche Bundesministerium für Forschung und Bildung im Bereich des Wissenstransfers und der Kooperation gerade im medizinischen Sektor noch Klärungsbedarf hat:

Die Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland gestaltet sich auf vielen Gebieten ausgesprochen positiv. (...) Die stärker werdende Vernetzung im Bereich der Gesundheitsforschung und Biotechnologie macht einen Dialog über ethische Fragen notwendig.

. (Andrea Naica-Loebell)