Indiens Regierung und der Kampf von reich gegen arm

Die Regierung und die Wohlhabenden fordern, dass die Armen in ihren Hütten bleiben. Foto: Gilbert Kolonko

Die indische Regierung schiebt die Schuld für ihr Versagen in der Corona-Krise auf die Wanderarbeiter und Muslime. Willige Helfer dabei sind große Teile der indischen Medien und die obere Mittelklasse

Am 13. Tag der Ausgangssperre sind die Wanderarbeiter aus den Schlagzeilen der indischen Medien weitgehend verschwunden. Ohnehin hatten sie es nur dahin geschafft, als das Thema nicht mehr zu leugnen war. Hunderttausende irrten auf Straßen und Autobahnen umher, ohne Nahrung und Medizin - erledigt hat sich das Problem noch immer nicht: Viele sind noch unterwegs und die, die zu Hause angekommen sind, werden dort wie Aussätzige behandelt.

Dazu könnte der Hälfte der indischen Bevölkerung in ein paar Tagen das Bargeld ausgehen. Wie viele Menschen an Hunger leiden oder gar schon verhungert sind, kann nur geschätzt werden.

Dafür war plötzlich die muslimische Gemeinschaft der Tablighis in den Schlagzeilen. Etwa 4.000 ihrer Mitglieder hatten sich schon vor der Ausgangsperre in Nizamuddin/New Delhi zu einem mehrtägigen Treffen versammelt. 25 Prozent aller Neuinfizierten stammen von diesem Treffen, titelte zum Beispiel der Indian Express und vermittelte damit den Eindruck, dass die Tablighis für die Ausbreitung des Corona-Virus verantwortlich seien.

Spieglein an der Wand, wer sind die Bösen im Land. Foto: Gilbert Kolonko

Zuvor waren es laut Regierung die ausländischen Touristen gewesen, die das Virus verbreitet haben sollen. Dass unter den Corona-Infizierten anfänglich besonders viele Ausländer waren, lag jedoch daran, dass fast nur diese getestet wurden.

Wie Telepolis am 31. März berichtete, hatte Rajiv Gauba, Cabinet Secretary of India, am 26. März alle Chief Secretaries of States der Regierung in einem Brief darauf aufmerksam gemacht, dass eine weitaus größere Zahl von "Ausländern" kaum beachtet wurde: jene Inder, die im Ausland arbeiteten und nun auf Urlaub heimkamen - immerhin über eine Million Menschen in zwei Monaten, die den Corona-Virus ungestört überall im Land verbreiten konnten.

Mittlerweile ist auch klar, wie planlos die indische Regierung agierte. Zuerst wurden sogar Extra-Züge bereitgestellt, um einen Teil der Millionen arbeitslos gewordener Wanderarbeiter zurück in ihre Dörfer zu bringen. Doch nachdem Narendra Modi am 24. März eine komplette Ausgangssperre verhängt hatte - mit nur vier Stunden Vorbereitungszeit für die Bevölkerung -, mussten auch diese Züge sofort halten.

Kritiker werfen Narendra Modi nicht die Ausgangssperre an sich vor (die kann richtig sein oder gerade für Indien falsch), sondern, dass er überhaupt nicht an die Armen und Wanderarbeiter des Landes gedacht hat. Die ersten großen Hilfsmaßnahmen der Regierung liefen erst fünf Tage nach Verhängung der Ausgangssperre an. Als Sofortmaßnahme gab es einzig warme Worte des Landesführers.

Nun dreht die indische Regierung mit Hilfe der Medien den Spieß um und tadelt auch die Wanderarbeiter für ihr "unverantwortliches Handeln", den Corona-Virus im Land zu verbreiten. Modi dagegen darf beinahe kritiklos seinen Anhängern verkaufen, dass der Rest der Welt die Anstrengungen der indischen Regierung im Kampf gegen den Corona-Virus würdigt.

Zudem lobt er die Bevölkerung dafür, wie diszipliniert sie sich an die Ausgangssperre hält - als wenn es die Bilder von prügelnden Polizisten nicht gegeben hätte. Und auch keine Wanderarbeiter. Keine verzweifelten Slumbewohner, die bei schon jetzt 38 Grad Celsius in Kolkata auf engstem Raum eingepfercht sind.

Wie kommt es zu solch einer Berichterstattung?

Am 24. März trommelte Narendra Modi die wichtigsten Presse-Mogule der indischen Leitmedien zusammen. Darunter die Indian Express Group, The Hindu Group und die Punjab Kesari. Bei diesem Treffen machte er ihnen deutlich, wie wichtig es sei, dass die Regierung in den kommenden Wochen nicht kritisiert werde. Dies passierte sechs Stunden, bevor Narendra Modi die Ausgangssperre aussprach.

Nun klappt so etwas nur, weil die indischen Medien unter Modi schon auf Linie gebracht worden sind. In Modis Indien werden Fernsehsender nach kritischer Berichterstattung einfach mal abgeschaltet. Die kritische Journalistin Gauri Lankesh wurde von fanatischen Hindus ermordet und nicht von Islamisten oder Maoisten, den angeblichen Gefahren eines "demokratischen" Indiens.

Wenn es etwas in Indien zu bewundern gibt, dann ist es die Friedfertigkeit und der Lebensmut der einfachen Inder auf den Straßen. Foto: Gilbert Kolonko

Zudem wenden Medien und Regierung jetzt die gleiche Taktik an, die schon erfolgreich im Februar 2019 praktiziert wurde: Damals schwächelte das indische Wirtschaftswachstum, dazu herrschte die größte Arbeitslosigkeit seit 44 Jahren im Land - Modis Stern war am Sinken.

Dann wurden am 14. Februar im Bezirk Pulwama in Kaschmir 45 indische Paramilitärs bei einem Anschlag getötet. Die indische Regierung machte Pakistan dafür verantwortlich. In der Vergangenheit gingen derartige Anschläge vom Nachbarland Indiens aus - selbst der pakistanische Ex-General Musharraf gab das zu.

So schickte die indische Regierung Kampfflugzeuge über die Grenze, wo bei Angriffen auf ein angebliches Terrorcamp nahe der pakistanischen Stadt Balakot angeblich 350 Terroristen getötet wurden. Doch die ganze überhastete Militär-Aktion war in Wirklichkeit ein Desaster: Satellitenbilder legen nahe, dass die indische Armee nur einfach hastig in den Wald gebombt hatte.

Dazu wurde ein indischer Kampfjet abgeschossen und der Pilot gefangen genommen. Um die Demütigung perfekt zu machen, drangen pakistanische Kampfjets, ohne zu bomben, in den indischen Luftraum ein. Als Krönung gab Imran Khan den indischen Piloten frei - ohne Bedingungen, als reine Geste, um die Situation zwischen den beiden Atommächten zu deeskalieren.

Trotzdem verbreiteten die indischen Medien die Geschichte von getöteten pakistanischen Terroristen weiter und feierten ihren Premierminister als Helden, der durchgreift.

Arme und Wanderarbeiter werden zum Ziel eines Shitstorms

Die obere indische Mittelklasse nahm das dankend auf, denn sie hat genug vom schlechten Image ihres Landes. Schließlich unterscheidet sich ihr Lebensstandard nicht vom Westen - auch sie fährt SUV und Mercedes und geht in riesigen Malls shoppen. In den sozialen Medien Indiens wurden die Armen und Wanderarbeiter zum Ziel eines Shitstorms. Sie wurde als asozial bezeichnet, weil sie sich nicht einfach in ihren "Wohnungen" einschließen würden. Mit Fake News soll der "Pöbel" aufgehetzt werden.

Laut einer Studie, die im letzten Dezember 2019 im Lancet Global Health veröffentlicht wurde, sterben in Indien jeden Tag mehr als 4.500 Menschen an folgenden Krankheiten: 938 an einer Infektion der Atemwege (nicht COVID-19); 1421 Menschen an Durchfall; 928 an Fieber unbekannter Herkunft; 1.026 an Tuberkulose; und 508 Menschen jeden Tag an Malaria.

Da kann sich jeder die Unsicherheit der einfachen Bevölkerung vorstellen, wenn das alles nicht zählte, um konsequent Maßnahmen zu ergreifen, aber nun laut Medien die gefährlichste Krankheit des Jahrhunderts ihr Unwesen treibt. Wie erklärt man seinem Kind, dass es jetzt in der Hütte bleiben soll, obwohl es vorher durch den Smog hüpfen durfte? Kinder in Delhi wachsen wegen der Luftverschmutzung mit kleineren Lungen auf als ihre Altersgenossen im Westen.

Anderseits sollen die einfachen Menschen Verständnis haben, wenn nun in ihrer unmittelbaren Wohnnähe Quarantäne-Lager gebaut werden: So kam es allein im Bundesstaat West-Bengalen an mehreren Orten zu Demonstrationen gegen solche Lager, wobei ein Mensch getötet wurde.

Kolkata - die meisten Inder können sich teures Wasser aus Plastikflaschen nicht leisten. Foto: Gilbert Kolonko

Der Mann war einer der Protestler und wurde von einem selbstgemachten Sprengsatz getroffen, den die Lager-Befürworter geworfen hatten. In West-Bengalen sind das in der Regel die lokalen Parteischläger des All India Trinamool Congress (TMC), der politischen Partei der Chief Ministerin Mamata Banerjee.

Die lokalen Parteiführer profitieren finanziell von solchen "Unternehmungen". Egal ob Lager, ein Kohlekraftwerk oder eine dreckige Fabrik, die gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung gebaut wird: Tote Demonstranten sind dabei die Regel.

Für die meisten Medienvertreter (in ihren Büros), für die obere Mittelklasse und für die Regierung ist Corona natürlich die gefährlichste Krankheit des Jahrhunderts, weil auch sie durch den Corona-Virus gefährdet sind. Gegen die Luftverschmutzung können sie sich mit Luftfiltern schützen. Gegen den Lärm mit Lärmfenstern. Auch die giftigen Flüsse und der Trinkwassermangel betrifft sie nicht, denn sie können sich das teure Wasser in Plastikflaschen leisten.

Und wenn die Hitze im Land mal zu groß wird, geht es in die Berge - alleine 750.000 Inder besuchten im Jahr 2017 die Schweiz. Indien ist kein armes Land, wie auch Atomwaffen und Rekord-Waffeneinkäufe beweisen, "nur" der größte Teil der Bevölkerung ist arm.

Ausnahmeerscheinungen

Natürlich gibt es auch unter Angehörigen der besser gestellten Mittelklasse Ausnahmen, die um Indiens Ungleichheit wissen, und ihre Stimme ist Arundhati Roy. Wenn es überhaupt so etwas wie Hoffnung gibt, dass ein radikales Umdenken stattfindet, so könnte man einen Beweis dafür vielleicht darin erkennen, dass Arundhati Roys aktueller Artikel in der Financial Times abgedruckt wurde: Denn in ihrem Artikel fordert die indische Schriftstellerin und politische Aktivistin nichts weniger als ein Ende des neoliberalen Wirtschaftssystems.

Auch unter den indischen Journalisten gibt es noch Ausnahmen, für die ihre Arbeit nicht nur ein Broterwerb ist. Zu den unabhängigen Publikationen existieren noch das Frontline-Magazin, The Wire, The Caravan und mit Abstrichen The Hindu. Doch der überwiegende Teil der Medienleute spielt mit aus Angst um den Job oder macht sich nicht einmal Gedanken über die Verantwortung des eigenen Berufsstandes.

Paradebeispiel dafür ist ein junger Journalist, der mir auf Urlaub im Zug von Kolkata nach Delhi begegnete. Er erzählte freimütig, dass er sechs Tage pro Woche nur vor dem Bildschirm sitze, um täglich fünf bis sechs Artikel für seine News-Agentur zu produzieren. "Bei nur 500 Rupien pro Artikel, die ich bekomme, ist Geldverdienen anders nicht möglich", sagte er gelassen.

Auch die Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) Indiens sind schon auf Linie gebracht. Die meisten von ihnen hängen am Geldtropf der Regierung. Kritik wird in bequemen Büros mit Aircondition für den "Aktenschrank" produziert. Es war das Indian Social Action Forum (INSAF), ein kleiner Dachverband von NGOs, der vor dem Supreme Court erstritt, dass auch soziale Organisationen, die sich an Protesten beteiligen, ausländische Spendengelder erhalten dürfen (Indien: David schlägt Goliath).

Die wohlhabenden Inder schämen sich wegen der Armen und rufen sie zur Ordnung. Foto: Gilbert Kolonko

In 10 Jahren, die der Rechtsstreit mit dem indischen Staat dauerte, gab es nicht eine Organisation, die sich der Klage von INSAF anschloss. Nicht einmal Greenpeace-India oder Amnesty International, die ganz andere finanzielle Möglichkeiten haben. Trotzdem wird weiterhin gerne die Geschichte von den NGOs erzählt, die im Auftrag fremder Mächte Indien Schaden wollen, dabei ist Modis Bharatiya Janata Party (BJP) der größte Empfänger ausländischer Spendengelder.

Genauso übernehmen die Medien in anderen Bereichen Modis Worte, ohne sie zu hinterfragen. So auch im letzten Jahr, als der Premier seine Toilettenreform "Latrinen für alle" proklamierte. Nicht nur der morgendliche Blick aus einem Zug auf Hunderte Menschen, die weiterhin im Freien - wo auch sonst? - ihre Notdurft verrichten, straft Modi Lügen, sondern auch die Daten seiner eigenen Regierung.

Dass soll nicht heißen, dass Indien mit einer anderen Regierung keine Probleme durch Corona haben würde. Doch zusätzliches Chaos wäre mit einem vernünftigen Plan vermeidbar gewesen. Die Verantwortlichen des Nachbarlands Bangladeschs hatten ihrer Bevölkerung ein paar Tage Zeit gegeben, bevor sie die Menschen in eine zehntägige Ausgangssperre schickten, die sie "Urlaub" nannten.

Wenn die indische Regierung einige Tage lang klargestellt hätte, dass Wanderarbeiter an ihren gestrandeten Orten keine Miete zahlen müssen und Nahrung und Geld bekommen, hätte viel Chaos vermieden werden können.

Kolkata - Das sind keine Demonstranten, sondern ein Teil des mobilen Schlägertrupps von Mamata Banerjee. Foto: Gilbert Kolonko

Aber selbst wenn dies so durchgeführt worden wäre, würde Indien ein Beispiel dafür bleiben, wie wenig eine 30-jährige neoliberale Wachstums-Politik gebracht hat, die mehr auf die Zahlen schaut als die sozialen Realitäten. Zwar sind Indiens private Krankenhäuser auf dem neusten Stand, so dass auch viele Westler sich die Zähne mittlerweile in Indien machen lassen.

Aber das staatliche Gesundheitssystem, auf das der größte Teil der Bevölkerung angewiesen ist, ist zum Teil im "Mittelalter" stehen geblieben. So gibt es im Bundesstaat Bihar 0,11 Krankenhausbetten auf 1000 Einwohner. Im ländlichen Indien kommt ein Arzt auf 10.000 Einwohner.

"India; India superpower!"

Der Oberklasse ist das egal: "India; India superpower!" schreien, ist den meisten wichtiger. Dabei zeigt gerade eine Krise, welchen Entwicklungsstand ein Land wirklich erreicht hat.

Die nächsten Monate werden zeigen, dass 800 Millionen Menschen, die in dem einen oder anderen Sinne arm sind, nicht ignoriert werden können. Der Corona-Virus hat sich schon verbreitet, wie die täglich steil ansteigenden Werte zeigen, und er wird sich auch nach der Ausgangssperre weiter verbreiten. Im Ausland warten Millionen arbeitslos gewordene indische Arbeitsimmigranten darauf, zurück nach Hause zu können. Sie werden auf einen zerstörten Arbeitsmarkt treffen.

Auch viele, die glaubten, ein Teil der neuen Supermacht Indiens zu sein, werden sich wundern, wenn die Realität an ihre Tür klopft und sagt: Huhu, ich sehe wohl anders aus, als du geglaubt hast!