Industrie 4.0

Marketingstrategie oder nächste industrielle Revolution?

Die Schaltflächen auf dem Bildschirm sehen so gut aus, dass Sie daran lecken wollen.

Steve Jobs bei der Präsentation des Betriebssystems Mac OS X im Jahr 2000

Ähnlich wie bei Web 2.0 soll die Versionsnummer 4.0 suggerieren, dass es sich hier um eine qualitative Entwicklung handelt.1 Es wird von einer vierten Revolution der Produktionsweise gesprochen: Nach der Mechanisierung, Massenproduktion und Automatisierung folgt nun die Digitalisierung.

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Wie ehemals der Einsatz der Dampfmaschine und später der von Fließbändern sollen nun intelligente und zum Teil autonom agierende Produktionsautomaten grundlegende Veränderungen herbeiführen.

Doch genauso wie bei Web 2.0 verbirgt sich hinter der Versionsnummer vor allem das Bestreben, die Neuerungen zu übertreiben, um Kapital anzuziehen. Die Digitalbranche selbst mitsamt ihrer Hardware-, Softwareentwicklung und ihren Marketingfirmen basiert darauf, durch eine möglichst aufgeblasene Darstellung der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten Venture Capital2 anzuziehen. Selbst das neueste und kleinste Mobile Marketing Startup bietet den "am fortgeschrittensten und intelligentesten Weg, deine App zu bewerben", basierend auf der "in der Industrie führenden Technologie".

Die zugrundeliegende revolutionäre Technologie besteht zumeist in der Nutzung oder Kopie schon vorhandener Algorithmen und Technik. Beim aktuellen Zustand der Weltwirtschaft rasen Fonds um den Globus, um das Geld der Investoren irgendwo gewinnbringend anzubringen. Schätzungsweise neun Billionen US-Dollar liegen gerade auf Konten mit Negativzinsen. Der länderübergreifende Kapitalfluss nimmt ab und seit Januar 2015 sinkt der Welthandel.

Angesichts enormer Summen, die in Folge der Wirtschaftskrise von 2007/2008 in wachsendem Maße nach einer profitablen Anlagemöglichkeit suchen, ist die übertriebene Darstellung des eigenen Potentials nicht verwunderlich. Der Druck, mit möglichst hohen Renditen eine möglichst große Summe zu investieren, steigt mit der Zunahme "heimatlosen" Kapitals. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich die Tendenz verstärkte, nur noch den großen Vorhaben Gehör und damit potentiell auch ein Investment zukommen zu lassen.

Die Entwicklung einer App, die das Bankgeschäft für Privatkunden vereinfacht (normales Online-Banking für mobile Endgeräte) erscheint vergleichsweise langweilig und hat nur geringes Wachstumspotential. Eine Firma, die jedoch nicht weniger verspricht, als die Art und Weise, wie Banking geschieht, grundlegend und ein für alle Male zu verändern. scheint hingegen "disruptiv". Das Londoner Startup Transferwise wurde so nach nicht einmal fünf Geschäftsjahren Anfang 20163 zum Einhorn4, ohne selbst in irgendeiner Form eine Bank zu sein oder zu besitzen.

Ähnlich war dies bei der Dot-Com-Blase5, die 2001 platzte, geschieht hier eine Überspitzung der Gewinnerwartung bei Firmen, deren Kerngeschäft in einer Dienstleistung liegt, die selbst keinen Wert erzeugt.

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Der Text stammt aus dem Buch "Maschinen ohne Menschen? Industrie 4.0: Von Schein-Revolutionen und der Krise des Kapitalismus" von René Arnsburg, das vor kurzem im Manifest Verlag erschienen ist.

Genau wie die Dot-Com-Blase ist auch diese Art der Überbewertung eine Blase, die platzen wird, sie stellt in erster Linie eine kurzfristige Umverteilung von Kapital dar. Industrieunternehmen können auf Grund des hohen Anteils an fixem, also wortwörtlich in Produktionsanlagen gebundenem Kapital, weniger riskante Schritte unternehmen. Aber auch hier wird nur noch in etwas investiert, dass revolutionär und disruptiv scheint und "shooting for the moon"6 bedeutet.

Wie bei jedem Lauf in eine neue Anlagesphäre, treiben auch hier banale Betrügereien ihr Unwesen: Eine Firma namens Juicero sammelte unter anderem von der Google Holding Alphabet 120 Millionen Dollar für eine Maschine ein, die Saft aus Plastiktüten presst und die Information des Saftkonsums an eine App überträgt. Erste Tests ergeben, dass der Saft auch genauso gut per Hand aus der Tüte gepresst werden kann, was sich negativ auf die Absätze auswirkte, obwohl Juicero den Verkaufspreis des Geräts von $700 auf erschwinglichere $400 gesenkt hat. Im September stellte die Firma den Verkauf der Presse ein.

Ein viel größerer (und gefährlicherer) Skandal umrankt Theranos seit letztem Jahr. Das Medizintechnik-Startup war zu seinem Höhepunkt mit $10 Milliarden dotiert. Die Gründerin, Elizabeth Holmes, war die jüngste Milliardärin und ihr Privatvermögen belief sich zu Bestzeiten auf knapp fünf Milliarden Dollar.

Holmes war allenthalben zu hören, wie sie davon sprach, dass ihr die Milliarden nicht so wichtig wären, sondern es um das Grundrecht aller Menschen gehe, Informationen über ihre eigene Gesundheit zu erfahren. Theranos sollte die teure Blutwertermittlung revolutionieren und statt mehrerer Entnahmeröhrchen für Blut nur noch einige Tropfen zur Messung benötigen - zu einem Bruchteil der Kosten.

Über zehn Jahre lief das Geschäft mit der angeblich neuen Medizintechnik und Holmes wurde schon mit Marc Zuckerberg und Steve Jobs verglichen. Dann kam heraus, dass das Verfahren medizinisch nicht tragbar war und ungenaue Messergebnisse lieferte und Theranos die Technik fremder Firmen kaufte, um sie den Investoren beim Meeting vorzuführen. Das Geschäftsmodell basierte auf einer Lüge, die Elizabeth Holmes reich machte und mit den Leben vieler Menschen spielte.

Nach Web 1.0 war das Misstrauen der Kapitaleigentümer in die weitere Entwicklung von Internetfirmen groß, und es musste der Eindruck erweckt werden, dass sich etwas so grundlegend geändert hat, dass sich eine erneute Investition lohnt. Web 2.0 war dabei in keiner Weise revolutionär, bereits vorher gab es interaktive oder kooperative Plattformen im Internet. Natürlich boten die flächendeckende Einführung von Smartphones, Social-Media-Plattformen und der Ausbau des mobil verfügbaren Internets neue Investitionspotentiale, die einen wirtschaftlichen Abschwung in einigen Bereichen nach der Weltwirtschaftskrise zumindest hinauszögerten.7 Nicht zuletzt durch das umfassende Zur-Ware-Machen von Lebensbereichen wie dem persönlichen Nutzungsverhalten oder den personenbezogenen Daten. Dies war allerdings alles andere als neu und existierte schon in der "offline"-Welt zuvor in Form von Kundenprofilen.

Gibt es hinsichtlich der Industrie 4.0 qualitativ neue Entwicklungen, die es rechtfertigen würden, von einer Revolution der Produktionsweise zu sprechen? Das Kernstück der Digitalisierung sind die vernetzten cyberphysischen Systeme. Als solche werden programmierbare Maschinen bezeichnet, die entweder selbständig oder als Ergänzung menschlicher Arbeitskraft eingesetzt werden können. Dabei sind sie durch das Internet ständig miteinander verbunden und in der Lage, auf einem gewissen Niveau zu kommunizieren und unter Umständen flexibel auf sich ändernde äußere Bedingungen zu reagieren.

Sowohl das Konzept, als auch die Technologie, die der Entwicklung zugrunde liegen, unterscheidet sich nicht revolutionär von bisher Dagewesenem. Fernab davon, sich Quantenmechanik zuverlässig zunutze machen zu können, basieren heutige Computer weiterhin auf immer leistungsfähigeren Mikroprozessoren und -chips.

Das Konzept des computer-integrated-manufacturing (CIM) lässt sich auf das Jahr 1973 datieren, Teilgebiete davon stammen sogar bereits aus den 60er Jahren. Unterschiede bestehen hier sogar darin, dass von der ursprünglichen Vision einer komplett menschenlosen Produktion aus früheren Jahren Abstand genommen wurde und momentan davon ausgegangen wird, dass es eine Reihe von entweder sehr einfachen oder sehr intuitiven, bzw. komplexen Arbeitsvorgängen gibt, die (noch) nicht automatisierbar sind. Damals wie heute wurde von einer analytischen und datenbasierten Produktion ausgegangen.

Seit einigen Jahren verspricht "Growth Hacking", "Data Mining" oder einfach nur "Big Data", die Handlungen von Individuen durch komplexe Berechnungen vorhersagen zu können. Daraus soll eine Anpassung der Produktion bereits vor der eigentlichen Handlung geschehen, um Konsumenten eine auf ihre vermeintlichen Bedürfnisse angepasste Ware anzubieten. Dies würde einen großen Unterschied zur heutigen nachgelagerten Anpassung an Marktentwicklungen bedeuten.

Alle, die jedoch einigermaßen die angeblich maßgeschneiderten Anzeigen auf Facebook oder Google verfolgen, dürften bemerkt haben, dass selbst diese Technologieriesen davon noch ein gutes Stück entfernt sind. Nicht zuletzt deshalb, da ein etwaiger "God-Code", also ein Algorithmus, der jede menschliche Regung nicht nur nachvollziehen, sondern sogar voraussagen kann, nur schwer vorstellbar ist. Selbst hochentwickelte Maschinen haben damit ihre Schwierigkeiten, wie wir in einem Dialog aus Terminator 3 gelernt haben:

"John Connor: Fick Dich doch selber du Arschloch! Terminator: Negativ, Befehl nicht ausführbar."

Ein Unterschied zum damaligen CIM ist, dass entgegen der dortigen Insellösungen für Produktionseinheiten in der Industrie 4.0 alles durch das Internet miteinander vernetzt ist. Doch selbst dieses trat seinen Siegeszug bereits vor zwei Jahrzehnten an.

Die Kommunikationstechnik RFID (radio-frequency identification), also Identifikation basierend auf elektromagnetischen Wellen, wird seit Jahrzehnten verwendet. Ab den 70er Jahren war die Technik soweit massentauglich, dass damit Waren in Supermärkten gesichert wurden, die bei unerlaubtem Passieren des Ausgangs das Vielen bekannte Alarmsignal auslösen. Durch die Erweiterung der Frequenzen und Effizienzsteigerung der Speichermethoden bei gleichzeitig gesunkenen Produktionskosten können heutzutage sogar Rohmaterialien mit einem RFID-Chip versehen werden, der alle Informationen für die gesamte Produktion abrufen kann. Das Material kann so mit den Maschinen "kommunizieren" und ihnen sagen, welcher Arbeitsvorgang vorgenommen werden muss.

Eine weitere Neuerung ist, dass Funkchips problemlos in Menschen eingepflanzt werden können, seitdem Sender und Empfänger nur noch einige Millimeter groß sind. Bis zu 400 Beschäftigte in den Räumlichkeiten des Epicenter-Gebäudes in Stockholm haben mittlerweile ein RFID-Implantat, mit denen sie Türen öffnen, in der Kantine bezahlen und den Drucker bedienen können. Gleichzeitig wird damit die Kontrolle über die übermittelten Daten abgegeben und eine allseitige Überwachung durch das Management (zum Beispiel der schwedischen Bank SEB) möglich. Es wird ersichtlich, dass es sich hier keinesfalls um eine Revolution, sondern vor allem quantitative Änderung handelt, die dennoch deutliche Auswirkungen haben wird.

Der Begriff Industrie 4.0 ist vor allem ein Begriff, der Kapitalisten investitionsfreudig stimmen soll. Angesichts der bereits beschriebenen wirtschaftlichen Ausgangslage ist das auch für deutsche Unternehmen nicht verwunderlich. Nicht zuletzt, weil Deutschland eine der weltweit führenden Industrienationen durch den Export von Maschinen und Produktionsanlagen ist. Zusammen mit China, USA, Japan und Südkorea sind 80 Prozent aller Roboter weltweit ausschließlich in diesen fünf Ländern eingesetzt.

Die entscheidende Entwicklung in Bezug auf Produktionsdigitalisierung dürften vor allem die gefallenen Produktionspreise bei gleichzeitiger Leistungssteigerung von Robotern gewesen sein. Die Boston Consulting Group errechnete, dass im Zeitraum von 2005 bis 2014 die durchschnittlichen Anschaffungskosten für einen Punkt-Schweiß-Roboter von 182.000 auf 133.000 US-Dollar gesunken sind und durch Weiterentwicklung eine jährliche Produktivitätssteigerung von fünf Prozent erreicht wurde.

Durch technischen Fortschritt und Lohneinsparungen werden weitere Kostensenkungen erwartet, was die Investitionen in solche Anlagen weniger kapitalintensiv und damit risikoärmer macht und sie sich dadurch schneller rentieren. Im Gegensatz zu James Watts Dampfmaschine, die die industrielle Revolution einleitete, dem Elektromotor oder dem Mikroprozessor, ist die technische Grundlage von Industrie 4.0 keinesfalls revolutionär.

Dennoch hat die umfassende Anwendung automatisierter Produktion das Potential, im Verlauf der nächsten ein bis zwei Jahrzehnte eine qualitative Änderung der Produktion und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen herbeizuführen, wenn auch nicht in der Art und Weise, wie wir glauben sollen, sondern vor allem in der massiven Verelendung breitester Schichten und einem brutalen Wettlauf um die letzten natürlichen Ressourcen, um überhaupt weiter produzieren zu können. (René Arnsburg)

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