Industrie 4.0 - paradiesische Aussichten mit Marx und Keynes?

Mit der umfassenden Automatisierung und Vernetzung der industriellen Produktion gedeihen Angst und Rettungsvorschläge

Als "4. industrielle Revolution" seit einigen Jahren in der Diskussion, weckt die mehr und mehr Fahrt aufnehmende Verschmelzung von IT und Produktion Befürchtungen, den Menschen könnte bald die Arbeit ausgehen: "Arbeitnehmer spüren, dass sich gerade gewaltig etwas ändert. Täglich künden die Medien, was neue Algorithmen, Roboter oder künstliche Intelligenz alles können. Im Zweifel mehr als sie, die Menschen. Maschinen, die ja 24 Stunden schuften, nie erkranken oder den Chef kritisieren, scheinen gerade die Zukunft zu besetzen." (Alexander Hagelüken, Marx für die Maschinenära, SZ vom 27./28. Oktober 2018, S. 26)

Dass den Menschen möglicherweise die Arbeit ausgeht, könnte eigentlich als gutes Zeichen gewertet werden, denn wenn die gleiche Menge oder mehr Güter mit weniger Arbeitsaufwand hergestellt werden können, sollte sich der Anteil der für individuelle Zwecke nutzbaren Zeit eigentlich vergrößern lassen. Gäbe es da nicht die gegenteilige Erfahrung, dass rationelleres Produzieren die Intensität und Dauer der Arbeit keineswegs verringert und die Einsparung ihres Arbeitsvermögens für die Beteiligen auch keineswegs mit einer Entspannung ihrer Arbeitssituation verbunden ist, sondern im Gegenteil sogar den Verlust des Arbeitsplatzes und somit ihrer Lebensgrundlage nach sich ziehen kann.

Der Grund dafür liegt darin, dass es den Unternehmen gar nicht um die praktische Nutzanwendung der von ihnen produzierten Güter geht, sondern um den finanziellen Erlös, der mit ihnen zu erzielen ist. Und die Arbeitskräfte, welche die zur Herstellung erforderlichen Arbeiten ausführen, interessieren die von ihnen gefertigten Güter ebensowenig, denn ihnen geht es um die finanzielle Vergütung ihrer Arbeitsleistung. Beide Seiten folgen darin lediglich ihren Interessen als Eigentümer von Kapital bzw. Arbeitsvermögen, und die sind nun mal ausschließlich auf den Gelderwerb ausgerichtet.

Die aus Kostensenkungsgründen beim Unternehmer jederzeit willkommene Einsparung von Arbeitskosten durch Rationalisierung und Automatisierung der Produktionsverfahren führt deshalb auf Seiten der Beschäftigten nicht zu einer ihnen zugute kommenden Verringerung des Arbeitsbedarfs, sondern stellt ihren Beschäftigungsstatus in Frage. Denn das unternehmerische Motiv dafür, Arbeit einzusparen, liegt ja gerade nicht darin begründet, den Beschäftigten durch Rationalisierungsmaßnahmen ein weniger anstrengendes Arbeitsleben zu ermöglichen, sondern den Kostenfaktor Arbeit zu reduzieren. Und daran fortwährend tätig zu werden, entspringt nicht einer den Unternehmern gern unterstellten moralisch fragwürdigen "Gier" nach immer mehr, sondern dem Umstand, dass die Konkurrenz ihre Arbeitskosten gleichfalls zu senken bemüht ist, was wiederum als alternativlose Aufforderung genommen wird, es jener gleich tun oder besser noch darin vorausschauend aktiv zu werden, will man nicht ins Hintertreffen geraten und dadurch das eigene Geschäft gefährden.

Der unter Privateigentümern von Produktionsmitteln herrschende Konkurrenzzwang ist deshalb durchaus als das zu nehmen, was er ist, nämlich eine sachliche Notwendigkeit, an der es nichts zu rütteln gibt, auch wenn die auf Entscheidungen von Managern beruht, denen man im Konfliktfall gern unterstellt, sie hätten sich ja auch mal anders, nämlich das persönliche Schicksal ihrer Mitarbeiter berücksichtigend, entscheiden können. Konnten oder können sie aber nicht! Gegen Sachzwänge hat die Moral immer hintan zu stehen!

Mit der "Industrie 4.0" beginnt für Hagelüken die sogenannte "Maschinenära", ausgestattet mit einem folgenreichen Charakteristikum: "In fünf Jahren könnten Maschinen mehr Arbeit erledigen als Menschen." Was die Zukunftsängste lohnabhängiger Bürger befeuere, müsse allerdings gar nicht so wörtlich genommen werden, denn "die Angst vor dem Fortschritt habe sich nie bewahrheitet. Es entstanden für die alten Tätigkeiten einfach immer neue", und viele vormals kräftezehrende Arbeiten würden mittlerweile durch Maschinen erledigt.

Wo es um "Chancen" geht, herrscht immer ein Mangel an realen Möglichkeiten

"Fortschritt", so kann daraus geschlossen werden, schafft einerseits Arbeitserleichterung, ist andererseits aber auch immer dann am Werk, wenn die Industrie Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt und die daraus resultierenden Arbeitslosen vor existenzielle Probleme gestellt werden! Letzteres sei nicht zu ändern, meint Hagelüken:

Die Menschen können nicht wissen, was geschehen wird. Aber das ist weniger dramatisch als es klingt. Entscheidend ist, dass sie Herren des Verfahrens bleiben - und eine Vision für das neue Maschinenzeitalter entwickeln.

"Eine Vision ..." entwickeln, wenn man gar nicht weiß, "was geschehen wird": eine wahrhaft herausfordernde Aufgabe! Als "Herren des Verfahrens" mit "Vision" dürften sich überflüssig gewordene oder zu werden drohende Arbeitskräfte eher nicht fühlen, denn darauf, ob sie ihren Arbeitsplatz verlieren, haben sie keinen Einfluss. Das brauche sie aber nicht bekümmern, denn "die Maschinenära lässt sich auch, ja: als Chance begreifen". Und Chancen sind ja überhaupt das Zauberwort, wenn es darum geht, den Leuten die Teilnahme an eher ziemlich aussichtlosen Konkurrenzverfahren schmackhaft zu machen: Wo es um "Chancen" geht, herrscht immer ein Mangel an realen Möglichkeiten, sonst müsste um die ja nicht konkurriert werden.

Allein aber die Aussicht auf die und mit genügend ausgeprägtem Eigeneinsatz betriebene Teilnahme am Wettbewerb um eine wie auch immer geartete "Chance" lässt optimistisch gestimmte Gemüter rasch vergessen, dass sie an einem Ausleseverfahren teilnehmen, welches nur eines mit Sicherheit hervorbringt: wenige Gewinner und viele Verlierer! Denn in Konkurrenzverfahren setzen sich immer diejenigen durch, die auf Leistung und Durchsetzungsbereitschaft getrimmt und persönlich bereits bestens an die funktionellen Aufgaben in bis auf's Letzte durchgetakteten Produktions- und Distributionssystemen angepaßt sind.

Sollte die anbrechende "Maschinenära" also massenhaft Arbeitsplätze kosten, ist die Zeit für neue "Chancen" gekommen. Denn es gebe ja auch "anspruchsvollere(n) Arbeitsplätze" als jene, die zukünftig durch Maschinen ersetzt würden. Arbeitsplätze, für die Eigenschaften wie "Kreativität, Überzeugungskraft oder Empathie" gefordert sind: "Etwas entwerfen und entwickeln, jemanden unterrichten, beraten oder sich um ihn kümmern."

Der gesamte Dienstleistungssektor ist ja ohnehin ein schier unerschöpfliches Reservoire an "Chancen"! Und für die schöne neue Welt des vernetzten Produzierens werden natürlich auch noch lebendige Arbeitskräfte benötigt, nämlich: "Datenalaytiker, Social-Media-Fachleute oder Verkäufer". Freilich, wenn digital gesteuerte und vernetzte Arbeitsprozesse weitgehend automatisiert ablaufen, müssen die programmiert und überwacht und die daraus resultierenden Produkte auch weiterhin beworben und unter's Volk gebracht werden. Und wem diese gar nicht so neuartigen Berufsbilder trotzdem nicht zusagen sollten, kann sich eben immer noch "kreativ" betätigen. Aber genau dafür sollen die Menschen von ihren unzeitgemäßen Erwartungen an ein gesichertes und möglichst ungestört verlaufendes Leben ablassen und sich auf lebenslanges Lernen einstellen, denn die Bedingungen, unter denen sie ihren Lebensunterhalt zukünftig werden verdienen können, erfordern ein großes Maß an Anpassungsbereitschaft und Flexibilität.

Hagelüken ahnt wohl, dass sich die Anforderungen an zukünftiges Arbeitsvermögen allein individuell nicht werden bewältigen lassen, fordert deshalb ein Umdenken und unterstützende Aktivitäten von Industrie und Politik und fände es prima, wenn die Regierung "Köpfe und Herzen der Bürger mit einer Digitalstrategie zu erobern suchte: Hier geht es um Eure Jobs und Löhne! Gestaltet die Zukunft, bevor Unternehmer oder globale Investoren über Euch entscheiden!" Die betroffenen Bürger würden sich einen derartigen Appell sicher sofort zu Herzen nehmen und sich zu eigen machen und die Gestaltung ihrer Zukunft entschlossen in Angriff nehmen!

Kann der "steigende Wertschöpfungsanteil der Maschinen" verteilt werden?

Hagelüken aber will noch mehr, sucht Rat bei John Meynard Keynes und wird fündig. Der nämlich "sah schon 1930 technologische Arbeitslosigkeit kommen: die 15-Stunden-Woche - für alle." Denn wenn die meisten Arbeitsplätze wegrationalisiert seien, werde die Menschheit "endlich frei sein. Dank der Maschinen." Um eine Einschränkung kam allerdings auch Keynes nicht herum: "... er setzte voraus, dass die Erträge der Maschinen so verteilt werden, dass alle Menschen profitieren."

Dass es zwischen dem Verlust des Arbeitsplatzes aufgrund vermehrten industriellen Maschineneinsatzes und den Kosten des Lebensunterhalts einen mit existenziellen Problemen behafteten Zusammenhang gibt, ist auch Hagelüken nicht entgangen. Es müsse deshalb "die Maschinenära mit aller politischen Energie gestaltet werden, denn sie wirkt sich nicht von selber für alle Menschen positiv aus. Dafür sind die Interessen von Kapitalisten und Arbeitnehmern zu unterschiedlich", Er vergaß hinzuzufügen: aber eigentlich zu gegensätzlich! Denn Auseinandersetzungen um den Erhalt der Beschäftigung oder des Erhalts oder der Verbesserung des Einkommensniveaus gehen, sind sie erfolgreich, immer zu Lasten der Ertragskraft eines Unternehmens. Deshalb waren und sind ökonomische Umverteilungskämpfe nie ein Zuckerlecken. Erfolge darin erziel(t)en die Beschäftigten immer nur aufgrund ihrer Bereitschaft zu solidarischem Handeln. Doch darauf zielt Hagelüken gar nicht ab.

Es geht Hagelüken um den erwarteten "steigenden Wertschöpfungsanteil der Maschinen", den es zukünftig gerechter zu verteilen gebe. Er geht davon aus, dass die Digitalisierung und Vernetzung der industriellen Fertigung (bei Hagelüken verkürzt: "Maschinen") ihren Anwendern ein beträchtliches Mehr an Profit einbringen werde, als dies bisher der Fall gewesen ist. Es würden dadurch ja auch Arbeitsplätze, also Kosten entfallen.

Hier wäre anzumerken, dass im maschinellen Wertschöpfungsprozeß immer nur der in den "Maschinen" vergegenständlichte Kostenanteil auf das bearbeitete Produkt übergeht. Daraus resultiert aber keineswegs dessen Wertvergrößerung. Denn die Steigerung der Arbeitsproduktivität hat zum Ziel, mehr Produkte in gleicher Zeit als zuvor herzustellen. Dies führt dazu, dass sich der gestiegene Anteil an fixem Kapital (die "Maschinen") auch auf mehr Produkte verteilt. Da der Preis der Waren durch Rationalisierung jedoch gesenkt werden soll, sinkt in der Regel der im Produkt vergegenständlichte "Maschinen"-Anteil und damit dessen Wert.

Wertschöpfung mit Profitanteil resultiert ausschließlich aus der Anwendung menschlicher Arbeitskraft

Die Arbeitszeit eines jeden Lohnarbeiters besteht aus einem Anteil bezahlter und einem Anteil unbezahlter Arbeitsleistung. Der bezahlte Teil muss seine Lebenshaltungskosten abdecken, mit Betonung auf "muss"! Denn dessen Höhe - wie auch immer zustande gekommen - und die darin sich widerspiegelnden Möglichkeiten und Notwendigkeiten seiner Verausgabung ist immer in Bezug zu setzen zu den Kosten der dafür zu erwerbenden Gebrauchsgüter. Mietsteigerung, Teuerung von Lebensmitteln und anderen Gütern oder eine Lohnsenkung wirken sich immer unmittelbar auf die Lebenshaltungskosten aus und sind existenzielle Unsicherheitsfaktoren.

Der unbezahlte Teil bildet den Mehrwert oder Profit des Unternehmers nach Abzug aller sonstigen in der Produktion anfallenden anteiligen Kosten. Die unbezahlte Mehrarbeit steht bei Marx als Synonym für Ausbeutung. "Maschinen" bzw. die zur Produktion eingesetzten technischen und sonstigen Hilfsmittel allein erwirtschaften keinen Mehrwert, sie sind Mittel zum Zweck für menschliche Arbeit. Letztere "... bildet Mehrwert, der den Kapitalisten mit allem Reiz einer Schöpfung aus Nichts anlacht".1 Es ist die unbezahlte Arbeit, die den "Reiz einer Schöpfung aus Nichts" ausmacht und dem Kapital überhaupt sein Dasein ermöglicht!

Profitinteressen stehen gegen Lohninteressen, denn das Interesse der einen Seite geht immer auf Kosten der anderen. Gerade weil Unternehmer und Lohnabhängige im Prinzip unversöhnliche Interessen verfolgen, sollen die daraus resultierenden Konfliktlagen entschärft, besser noch gänzlich aufgehoben werden. Hagelüken möchte die Lohnabhängigen deshalb zu Miteigentümern an den sie beschäftigenden Unternehmen machen und ihnen ein Mitspracherecht an den Unternehmensentscheidungen geben: "Eigentum plus demokratische Entscheidungsmacht: So kommt die Masse der Menschen in die Maschinenära, ohne zu verelenden." Das mag, würde es gelingen, ja für alle jene zutreffen, die ihren Arbeitsplatz behalten werden, doch was ist mit denen, die ihn an die Maschinen verlieren? Denen dürfte die Möglichkeit der Beteiligung am Betriebsvermögen herzlich egal sein.

"Marx ohne Murks"

Hagelüken geht es darum, Arbeitnehmer mit Kapitalinteressen auszustatten. Wie "demokratische Entscheidungsmacht" aussehen könnte, erläutert er nicht. Arbeitnehmer mit Besitzanteilen an "ihrem" Unternehmen werden sich die Anliegen des Betriebes zu ihren eigenen machen (müssen) und es sich zweimal überlegen, ob sie ihre Interessen als Lohnabhängige in einen Gegensatz zu jenen der Geschäftsleitung setzen wollen. Ausgestattet mit Betriebsanteilen, werden sie die Leistungen ihrer Mitkolleg/inn/en einer fortwährenden Überprüfung unterziehen und damit den innerbelegschaftlichen Konkurrenzkampf anheizen.

Damit nicht genug werden sie auch die Lage "ihres" Unternehmens auf dem Felde der Wettbewerber zum Gegenstand ihrer Sorge machen. Die Bemühungen ihrer Unternehmensleitung um Erhalt und Ausbau der Konkurrenzfähigkeit könnten für lohnabhängige Anteilseigner in letzter Konsequenz zu der wenig erfreulichen Situation führen, aus Gründen notwendiger Kostenreduzierung ihre eigene Entlassung befürworten zu müssen. Wäre die Beteiligung von Arbeitnehmern am Firmeneigentum ein für die Inhaber allerdings wirklich lohnenswertes Geschäft, hätten die sie schon längst von sich aus in nennenswertem Umfang eingeführt. Dass dies nicht der Fall ist, lässt den Schluss zu, dass die allermeisten Firmeninhaber es bevorzugen, Ertrag und Leitung ihrer Unternehmen ausschließlich selbst und ungeteilt in Anspruch zu nehmen.

Lohnabhängige zu betrieblichen Miteigentümern machen - dieser nicht ganz neue Vorschlag komme lt. Hagelüken "Marx' Vision vom Volkseigentum nahe". Abgesehen davon, dass Marx' Kritik am Kapitalismus alles andere nahelegt, als die Lohnabhängigen zu Miteigentümern am kapitalistischen Vermögen zu machen und dadurch dessen gesellschaftliche Akzeptanz und Machtposition zu stärken, möchte Hagelüken zuvor "viele Fragen" geklärt wissen, wie z.B. die folgende: "Wie lassen sich die Arbeitnehmer an den Firmen beteiligen, ohne die Effizienz des kapitalistischen Modells zu opfern?" Einfache Antwort darauf: die Beschäftigten spalten, das kapitalistische Konkurrenzwesen als alternativlos propagieren und den Konkurrenzdruck in jeglicher Hinsicht hoch halten! Denn: "Sozialistische Planwirtschaft will keiner. Man bräuchte also Marx ohne Murks. Und ohne Diktatur."

In der öffentlich schon endlos wiederholten Phrase vom (sozialistischen) "Murks" kommt auch bei Hagelüken ...

  1. die abschätzige Wertung eines politischen und ökonomischen Bemühens der ehemaligen sozialistischen Staaten zum Ausdruck, der eigenen Bevölkerung sichere Arbeitsplätze und damit eine sichere Existenz zu gewährleisten, denn auf diesen Anspruch glaubten die seinerzeitigen kommunistischen Parteien des europäischen Ostens aus politischen Gründen nicht verzichten zu können. Man muss kein Anhänger der staatssozialistischen Herrschaftsform sein, um die industriellen Leistungen der damaligen Gesellschaften sowjetischen Typs anzuerkennen. Immerhin hatte der Westen jahrzehntelang alle Hände voll damit zu tun, sie ökonomisch und militärisch niederzukonkurrieren, bis sie ihr "realsozialistisches" Projekt endlich aufzugeben bereit waren und ihre Bevölkerungen dem kapitalistischen Bereicherungsinteresse preiszugeben.
  2. zeigt sich darin die Gleichgültigkeit gegenüber den sachlichen Gründen für die letztendliche politische und ökonomische Selbstaufgabe eines Systems, welches sich den Widerspruch leistete, zentralistische Planung mit erzkapitalistischen Elementen wie Geld, Lohnarbeit, Gewinnstreben und einer darüber autoritär herrschenden Staatsgewalt vereinbaren zu wollen. Die damit verbundenen strukturellen Probleme und der ideologisch begründete Unwille, der Arbeiterschaft organisatorische und politische Selbstverantwortung zu übertragen, verhinderte eine emanzipatorische Entwicklung in diesen Gesellschaften.
  3. Hagelüken lehnt "sozialistische Planwirtschaft (will keiner)" ab und "Diktatur" natürlich ebenso. Planung als verpflichtende Vorgabe, also Diktat, scheint den Zusammenhang von "Planung" und "Diktatur" nahezulegen, und die seinerzeitige sozialistische Einparteienherrschaft scheint das ja auch zu bestätigen. Hier stellt sich allerdings die Frage: wie kommen denn die betrieblichen Planungen in kapitalistischen Unternehmen, ja ganzen nationalen und internationalen Konsernverbünden, zustande? Etwa durch eine demokratische Befragung aller Mitarbeiter? Eher nicht!

Hat die unter dem Schlagwort "Industrie 4.0" als Fortschritt gepriesene IT-mäßige Durchorganisierung ganzer Konzerne und Volkswirtschaften bis hin zur Überwachung des Verfügbarkeitsstatus der kleinsten Schraube samt in den Produktionsablauf integrierter Zuliefererketten, externer IT-Dienstleistern, multinationaler Social-Media- und Vertriebs-Plattformen usw. also mit Planung überhaupt nichts zu tun? Und fällt die darin sich widerspiegelnde Planungshoheit der unternehmerischen Eigentümer auf keinen Fall mit der Vorstellung eines Diktats durch übergeordnete Leitungsinstanzen zusammen? Die ausgefeilte Planungsrealität in kapitalistischen Unternehmen aller Größenordnungen widerspricht der ideologisch motivierten Behauptung, eine vernünftige Planung ökonomischer Ablaufe im gesellschaftlichen Maßstab sei unmöglich! Mit dem immergleichen Verweis auf das angebliche Scheitern der ehemals sozialistischen Volkswirtschaften wird jede Auseinandersetzung über deren wirklichen Charakter abgeblockt und als erledigt zur Seite gewischt!

Eine stärkere Beteiligung der Beschäftigten an den süßen Früchten des kapitalistischen Warengartens fordern nicht nur marktkonforme Linke aller Coleur seit Jahren, sondern - nationalistisch und rassistisch unterfüttert - auch die Propagandisten eines sogen. "nationalen Sozialismus" (ein absurder Widerspruch in sich: beides schließt sich wechselseitig aus!) vom rechten politischen Rand. Beide haben an einer sozialistischen Perspektive, die sich mit einigem Nachdenken sachlich begründet aus der marxschen Analyse des Kapitalismus herleiten läßt, erkennbar kein Interesse, glauben aber ihre geschmacksarmen bis geschmacklosen Süppchen mit undurchdachten sozialistischen Begrifflichkeiten garnieren zu müssen.

Hagelüken verkündet den von Arbeitsplatzverlust bedrohten Bürgern abschließend goldene Zeiten, sofern es ihnen gelingen sollte, den Unternehmern einen ihre Existenz sichernden Anteil aus den prognostizierten Erträgen der sich ankündigenden "Maschinenära" abzutrotzen - wohl ahnend, dass diese sich mit Zähnen & Klauen dagegen wehren würden und wütende Verteilungskämpfe dem Einzug ins gelobte Zukunftsland voraus gehen müssten, sollte auch nur irgendwas von dem in Erfüllung gehen, was er aus Marx' "Deutscher Ideologie" entnimmt . Nämlich - für Marx allerdings erst nach (!) erfolgter Abschaffung des Kapitalismus, versteht sich - die Perspektive eines vom Arbeitszwang befreiten Bürgers, der in der Lage wäre, "... heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen..." usw.

Die durch den Kapitalismus verursachten Probleme erfordern allerdings mehr als ein bloß verteilungspolitisches Herangehen an die Sache, denn der Zweck des Geldvermehrens schlägt sich auch in den dafür notwendigen industriellen Strukturen nieder. Theoretisches dazu findet sich bei Hegel.2

Hagelüken erblickt, wie sein Redaktionskollege Zielcke (Kapitalismus als Sozialismus) auch, angeblich bereits oder vielleicht bald im Kapitalismus aufscheinende sozialistische Elemente, die aller unser Leben besser zu machen versprechen.

In einer Zeit, in der die kapitalistisch erzeugten Kollateralschäden ein für die gesamte Menschheit existenzbedrohliches Ausmaß annehmen und dadurch die Legitimität des kapitalistischen Gesellschaftsmodells immer mehr Gefahr läuft, grundsätzlich in Frage gestellt zu werden, versuchen Journalisten der SZ dem durch eine ideologische Vereinnahmung von Marx - des nach wie vor überzeugendsten Kapitalismuskritikers - argumentativ entgegenzuwirken. Sie verbasteln dafür bekannte Marx-Zitate mit ihren politischen Wunschvorstellungen zu Rezepten einer für das kapitalistische Ökonomiewesen möglichst schmerzarmen Überlebensstrategie.

Dieses Bemühen ist Ausdruck einer interessengeleiteten und von Konformitäts- und Anpassungswillen geprägten Form öffentlicher Meinungsbildung, die mit dem Anspruch vernunftgeleiteten Räsonnierens auftritt. Einer kritischen Überprüfung halten diese Versuche allerdings kaum stand. Journalismus dieser Art hat mit dem von Faschisten gebrauchten Vorwurf der "Lügenpresse" jedoch absolut nichts zu tun: hier wird nicht gelogen, sondern der freien Meinungsäußerung gefrönt - und zwar bis zum Gehtnichtmehr parteiisch im Sinne bestehender Macht- und Wirtschaftsinteressen.