Industrieländer auf dem falschen Kurs

Bild: currens/Pixabay License

Die Energie- und Klimawochenschau: Appell von 11.000 Wissenschaftlern, Meere und Küsten im Klimawandel und das ungelöste Atommüllproblem

In einem Interview mit dem Tagesspiegel warnt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Hinblick auf die Bewegung Fridays for Future davor, "apokalyptische Bedrohungen" zu beschreiben und die "Lösungsfähigkeit der Demokratie gerade bei der Klimapolitik" zu unterschätzen. Auch wenn er anerkennt, wie viel Aufmerksamkeit Fridays for Future geweckt hat. Wörtlich sagt er:

Wir kommen aber nicht weiter, wenn wir jede Woche apokalyptische Bedrohungen beschreiben, die kaum zu bewältigen scheinen. Denn Apokalypse lähmt! Und - absichtlich oder nicht - dadurch werden die Möglichkeiten der Demokratie immer kleiner geredet.

Frank-Walter Steinmeier

Doch die Wissenschaft lässt sich nicht davon abhalten, immer neue Erkenntnisse zu dem zu veröffentlichen, was den Planeten und die Menschheit mit dem voranschreitenden Klimawandel erwartet, sowie darauf hinzuweisen, dass die bisher ergriffenen Klimaschutzmaßnahmen der Weltgemeinschaft nicht annähernd ausreichen.

Auch wenn die Botschaft lautet, dass der Menschheit mit Voranschreiten der Klimakrise "unsägliches Leid" droht. 11.000 Wissenschaftler warnen in einem im Fachjournal BioScience veröffentlichten Appell vor einem Klimanotstand, der große Teile der Erde unbewohnbar machen könnte.

"Wissenschaftler haben eine moralische Verpflichtung die Menschheit deutlich vor jeglicher katastrophalen Bedrohung zu warnen und die Dinge so zu sagen, wie sie sind", heißt es in dem Artikel. Seit der ersten Weltklimakonferenz im Jahr 1979 in Genf, auf der ein alarmierender Trend zur Klimaerwärmung festgestellt wurde, seien die Treibhausgasemissionen weiter rapide gestiegen. Die Klimakrise sei eng verbunden mit exzessivem Konsum und dem Lebensstil in den wohlhabenden Ländern, die auch die größten Pro-Kopf-Emissionen aufweisen.

Die wirtschaftlichen Ziele müssen sich verschieben

Beunruhigend finden die Verfasser den weiteren Anstieg der Weltbevölkerung wie auch der Nutztierbestände und des Fleischkonsums, ebenso den Anstieg des Weltsozialprodukts, den Verlust von Wäldern, den Konsum fossiler Brennstoffe und die Anzahl der Flugpassagiere. In sechs Handlungsbereichen sprechen die Wissenschaftler konkrete Empfehlungen aus.

Im Energiebereich müsse ein Wechsel zu erneuerbaren Energien stattfinden, verbleibende fossile Ressourcen im Boden bleiben, Subventionen für fossile Brennstoffe abgebaut werden und die reichen Länder müssten die ärmeren bei der Umstellung unterstützen. Die Emissionen von kurzlebigen, aber hochpotenten Treibhausgasen wie Methan müssten sofort eingedämmt werden. Ökosysteme wie Korallenriffe, Wälder und Moore sollten geschützt und wiederhergestellt werden. Die menschliche Ernährung sollte weitgehend auf Pflanzen basieren und die Verschwendung von Nahrungsmitteln gestoppt werden.

Insgesamt müssten sich die wirtschaftlichen Ziele verschieben. Statt stetiges Wachstum anzustreben, müssten Grundbedürfnissen erfüllt und Ungleichheit reduziert werden. Aber auch das Bevölkerungswachstum müsse eingedämmt werden etwa durch Zugang zu Verhütungsmitteln und Bildung sowie durch die Gleichstellung der Geschlechter.

"Um den Klimawandel abzuschwächen und sich an ihn anzupassen und gleichzeitig die Diversität der Menschen zu respektieren, bedarf es einer großen Transformation der Funktionsweise unserer globalen Gesellschaft und der Art, wie sie mit natürlichen Ökosystemen interagiert", so die Autoren des Appells.

Die Fortschritte die G20-Staaten beim Klimaschutz ...

Dass wenige wohlhabende Länder die Hauptverantwortlichen für den Großteil der Emissionen sind, bestätigt auch der jährliche Bericht "Brown to Green" von Climate Transparency, der sich damit beschäftigt, welche Fortschritte die G20-Staaten beim Klimaschutz machen. Doch von Fortschritt kann nicht die Rede sein. Die CO2-Emissionen im Energiesektor sind im vergangenen Jahr sogar um 1,8 Prozent gestiegen, der Anteil der Fossilen bei der Energieerzeugung liegt noch bei 82 Prozent.

Auch im wachsenden Stromsektor, wo der Anteil der Erneuerbaren immerhin bei einem Viertel liegt, ist der CO2-Ausstoß um 1,6 Prozent gestiegen. Ebenfalls gestiegen sind die Emissionen im Verkehrssektor. Hier werden von den G20 politische Anstrengungen verlangt, Autos mit Verbrennungsmotoren bis spätestens 2035 zu verbieten. Und obwohl die Subventionen für fossile Energien zurückgegangen sind, lagen sie 2017 immer noch bei 127 Milliarden US-Dollar.

Folge von nur 15 Jahren

Dass es dringend notwendig ist, die Pariser Klimaziele nicht nur einzuhalten, sondern auch zu verschärfen, geht aus einer Publikation von Climate-Analytics und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung hervor. "Allein die bislang vorliegenden Klimaschutzpläne der Länder für den Zeitraum 2016 bis 2030 würden den Meeresspiegel bis 2300 um 20 Zentimeter ansteigen lassen, wenn die Regierungen ihre Selbstverpflichtungen nicht noch einmal deutlich nachbessern", heißt es in einer Pressemitteilung.

Kohlendioxidemissionen wirken in Bezug auf den Meeresspiegel langfristig. "Durch das langsame Tempo, mit dem der Ozean, die Eisschilde und Gletscher auf die globale Erwärmung reagieren, entfalten sich die wahren Folgen unserer Emissionen für den Meeresspiegelanstieg erst über Jahrhunderte. Je mehr Kohlendioxid-Emissionen jetzt freigesetzt werden, desto stärker bestimmen wir auch bereits den Meeressspiegelanstieg der Zukunft", erklärt der Leitautor der Studie Alexander Nauels von Climate-Analytics.

In den 20 Zentimetern sind die Folgen abschmelzenden Antarktiseises dabei nicht einmal eingerechnet. Dass ein Anstieg von 20 Zentimetern auf nur 15 Jahre menschlicher Treibhausgasemissionen zurückgehen kann, fanden die Forscher dabei selbst erstaunlich. "20 Zentimeter sind keine kleine Zahl, das entspricht grob dem bislang im gesamten 20. Jahrhundert beobachteten Meeresspiegelanstieg", so Nauels.

Küstenerosion

In die Kategorie der unbequemen wissenschaftlichen Erkenntnisse fällt auch, dass die Küstenerosion in Permafrostregionen stärker zum Klimawandel beitragen könnte als bislang angenommen. Es ist bekannt, dass durch das Auftauen von Permafrostböden im Zuge der Klimaerwärmung große Mengen von Treibhausgasen freigesetzt werden, die wiederum zur Erwärmung beitragen. Nicht berücksichtigt wurde dabei bislang die Erosion von Permafrostküsten ins Meer.

In einem Laborexperiment vermischten Wissenschaftler nun Permafrost- und Meerwasserproben und maßen die danach austretenden Treibhausgase. Auf diese Weise simulierten sie den Prozess, der während der meereisfreien Zeit in der Arktis stattfindet.

"Die Forschenden fanden heraus, dass CO2 beim Auftauen des Permafrostes im Meerwasser ebenso schnell freigesetzt wurde wie beim Auftauen des Permafrostes an Land. (…) Das stellt die Emissionsbudgets in Frage, die die Küstenzone bisher hauptsächlich als Durchgangspunkt für Kohlenstoff vom Land zum Meer ausgemacht hatten, wobei ein möglicher Kohlenstofftransport in die Atmosphäre vernachlässigt wurde", heißt es in der Pressemitteilung. Bis zu 900.000 Tonnen CO2 könnten jährlich freigesetzt werden, wenn die Permafrostküsten ins Meerwasser erodieren.

6,6 Millionen Kubikmeter Atommüll

Ein weiteres ungelöstes Problem der Menschheit, das angesichts der Klimakrise etwas aus dem öffentlichen Bewusstsein gerückt ist, ist die sichere Lagerung von Atommüll, der in den letzten 70 Jahren der Nutzung der Kernenergie angefallen ist. Wie in dem am gestrigen Montag erschienenen World Nuclear Waste Report 2019 - Focus Europe festgestellt wird, verfügt kein Land der Erde über ein funktionstüchtiges Endlager für abgebrannte atomare Brennstäbe.

Finnland ist das einzige Land, das derzeit ein Endlager baut, Schweden und Frankreich haben Standorte für zukünftige Endlager festgelegt. In den USA gibt es lediglich ein Endlager für Uran aus Atomwaffen, nicht aber für Brennstäbe aus ziviler Nutzung.

Laut dem Bericht, der von der Grünen Rebecca Harms initiiert wurde, lagern in Europa derzeit über 60.000 Tonnen abgebrannter nuklearer Brennelemente in Zwischenlagern, meist an den Kraftwerksstandorten, davon 25 Prozent in Frankreich, 15 Prozent in Deutschland und 14 Prozent in Großbritannien. Der Schweizer Geologe und Sozialwissenschaftler Marcos Buser sagte bei der Präsentation des Berichts:

Immer größere Mengen an hochradioaktivem Müll müssen für immer längere Zeiten zwischengelagert werden, da bislang kein Land der Welt ein geologisches Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb genommen hat. Das Problem ist, dass diese Zwischenlager auch unter Sicherheitsaspekten nicht für eine derart langfristige Nutzung konzipiert wurden.

Marcos Buser

Diese Menge wird sich in Zukunft die Menge des Atommülls angesichts der Stilllegung und des Rückbaus von Atomkraftwerken noch deutlich erhöhen. Dabei stoßen Zwischenlager schon jetzt an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Rechnet man schwach- und mittelradioaktiven Abfall hinzu, werden die europäischen Reaktoren (Russland und die Slowakei nicht einberechnet) über ihre gesamte Lebensdauer 6,6 Millionen Kubikmeter an strahlenden Abfälle produzieren, so die Schätzung.

Die derzeitige Lagerung in Abklingbecken, aber auch die Wiederaufbereitung von radioaktiven Abfällen stelle ein Risiko für Umwelt und Gesundheit dar, zu dem es aber bislang keine ausreichenden Studien gebe. Neben der ungelösten Entsorgungsfrage und den Risiken der Lagerung wird in dem Bericht bemängelt, dass die Kosten für Rückbau, Zwischen- und Endlagerung von Kraftwerksbetreibern wie auch von Staaten unterschätzt würden. Zudem würde das Verursacherprinzip nicht konsequent angewandt. Dadurch würden diese Kosten aber letztlich den Steuerzahlern auferlegt.

Der WDR berichtete übrigens gerade über Transporte von radioaktivem Material aus der Urananreicherungsanlage Urenco in Gronau nach Russland. Offiziell wird das deklariert als Wertstoff zur Wiederaufbereitung, doch ein großer Teil des radioaktiven Materials verbleibe dabei als Müll in Russland, wobei es deutliche Zweifel gibt, dass dieser dort sicher gelagert wird.