"Inflation institutionalisierter Rechthaberei"

Thomas Edlinger über volkstümliche Kritik und opfernarzisstische Hyperkritik

Der FM4-Radiomacher und Kunstkurator Thomas Edlinger wurde vor drei Jahren mit seinem bei Suhrkamp erschienenen Band In Anführungszeichen - Glanz und Elend der Political Correctness über die Sendegrenzen des ORF hinaus bekannt. Nun ist sein neues Buch erschienen: Der wunde Punkt - Vom Unbehagen an der Kritik. In ihm konstatiert er unter anderem, dass eine "opfernarzisstische Haltung" an Diskursmacht gewinnt, die "nicht wahrhaben will, dass nicht jeder, der sich als Opfer glaubhaft darzustellen vermag, in jedem Fall Recht hat.

Diese übertriebene Kritik, bei der "der zu kritisierende Sachverhalt im Extremfall überhaupt nur im Auge des opfernarzisstischen Betrachters existiert", ist nicht nur im Hinblick auf Diskussionen in Foren und auf Twitter interessant, sondern auch, weil sie durch eine "die Wirklichkeit verdrängende Dogmatik" Folgen in der Realität haben kann - wie zum Beispiel im englischen Rotherham, wo Polizisten und Sozialarbeiter Kindsmissbrauchsanzeigen nicht nachgingen, weil sie Angst hatten, mit Ermittlungen gegen die pakistanischen Tatverdächtigen gegen "Diversity"-Richtlinien zu verstoßen (vgl. Neuer Straftatbestand für Sozialarbeiter und Kommunalpolitiker).

Herr Edlinger - Sie trennen in ihrer Bestandsaufnahme der Kritikformen der Gegenwart unter anderem zwischen "volkstümlicher Kritik" und "opfernarzisstischer Hyperkritik". In den Ausführungen zur opfernarzisstischen Hyperkritik bringen sie viel Theorie unter, in denen zur volkstümlichen Kritik eher weniger. Auf Twitter drängt sich jedoch leicht der Eindruck auf, dass gerade die Vertreter der opfernarzisstischen Hyperkritik mit dem Holzhammer arbeiten und unreflektiert Abweichler denunzieren. Operiert die opfernarzisstische Hyperkritik in der Praxis nicht viel volkstümlicher als die volkstümliche?
Thomas Edlinger: Eigentlich nicht. Ich habe den Begriff der opfernarzisstischen Hyperkritik ja durch die Beobachtung akademischer und künstlerischer Milieus entwickelt. Aber es gibt manchmal widersprüchliche Entwicklungen in diesen beiden eigentlich einander gegenüberstehenden Kritikformen.
Ein sehr gutes Beispiel für diese widersprüchlichen und überraschenden Entwicklungen ist die Debatte um das Impfen: Diejenigen, die man dort dem hyperkritischen Lager zurechnen würde, zeigen sich oft sehr ressentiment- und paranoiagetrieben (was man normalerweise den volkstümlichen Kritikern unterstellt), indem sie einen anti-wissenschaftlichen anti-evidenzbasierten Kurs fahren und sehr stark auf ihre eigene Intuition und das eigene Empfinden setzen.
Die volkstümlichen Kritiker, denen man normalerweise unterstellt, die dächten mit dem Bauch und hätten leichte Lösungen und Verschwörungstheorien parat, sind hier diejenigen, die man als wissenschaftsgläubig bezeichnen würde - indem sie nämlich sagen: Schau'n wir uns einmal die Zahlen an und bleiben wir doch vernünftig. In diesem Fall ist der "gesunde Menschenverstand" (von dem man oft sagt, er sei ungesund) oft tatsächlich gesünder.
Bei der opfernarzisstischen Hyperkritik ersetzt die Opferrolle meinem Eindruck nach häufig die Kritikfähigkeit: Da sticht nicht das Argument oder der aufgezeigte Widerspruch, sondern der lauteste Aufschrei - wie beim Auto-Quartettspiel von Kindern die PS. Auf Kritik wird oft nicht mit Reflexion reagiert, sondern mit reflexhafter Abwehr in einer sehr ritualisierten, formelhaften Sprache. Ist diese Hyperkritik - auch wenn sie sich in akademischen Milieus findet - nicht eher eine Religion als etwas, das neue Erkenntnis gewinnen will und dazu die bestehenden immer wieder infrage stellt? Lehrstühle gibt es ja auch für katholische Dogmatik ...
Thomas Edlinger: Die Geschichte der Hyperkritik beginnt schon als Differenzierung (wie es ja bereits im Wortsinn angelegt ist). Hyperkritik meint ja zunächst einmal eine Verfeinerung der Differenzen, eine Verfeinerung des Sensoriums. Wenn zum Beispiel Feministinnen sich darüber austauschen, dass sie nicht alle vom gleichen gesellschaftlichen Ort aus über Fragen des Feminismus sprechen, dann ist das ja zunächst einmal tatsächlich ein Erkenntnisgewinn, weil man da intersektionale Unterschiede benennt. Zwischen einer Wall-Street-Bankerin und einer puertoricanischen Putzfrau ist das Trennende wahrscheinlich wichtiger als das Gemeinsame, dass sie beide Frauen sind.
Wenn aber diese Hyperkritik in einer opfernarzisstischen Wendung überreizt wird (und erst dann bezeichne ich sie als solche - und nicht als eine "verbesserte Kritik"), dann kann es dazu führen, dass sie etwas Dogmatisches und eher Diskursschließendes als Diskursöffnendes erzeugt und dann auch in realen Fällen Menschen nicht zum Kommunizieren, sondern zum Verstummen bringt. Ursprünglich gemeinsame politische Anliegen werden dann über die Fetischisierung der Binnendifferenz aus den Augen verloren. Das kann man sehr gut anhand von innerfeministischen Kämpfen beobachten.
Unbehagen macht mir dabei auch, dass Gegen-den-Strich-Lesarten der Sprache (auch dekonstruktivistische) durch diese Vergitterung verloren gehen. Das war eigentlich einmal eine Errungenschaft einer progressiven Linken, dass sie mit Begriffen produktiv gespielt hat - zum Beispiel mit dem Wort "Bitch". Ich halte es auch für philosophisch problematisch, wenn man glaubt, Bedeutungen in der Sprache einfach zu arretieren, in ein Gefängnis werfen zu können, wo doch die Sprachphilosophie und die Sprachwissenschaft seit vielen Jahrzehnten großen Wert darauf legen, dass sich Bedeutung vor allem in der Referenz zu anderen Begriffen formiert - aber nicht in der eindeutigen Referenz auf einen Gegenstand.
Aber ist die Hyperkritik eine Religion?
Thomas Edlinger: Sie ist vielleicht ein Glaube an eine Verbesserbarkeit der Welt durch bestimmte hypothetische Sprech-, Denk- und Lebensformen. Und auch eine Form von in das Subjekt eingesenkter Moral. Die ist seit dem vielbeschworenen "Ende der Religion" nicht einfach verschwunden, sondern in die Individuen selbst versenkt worden. Es gibt ein Lacan-Zitat: "Wenn Gott tot ist, dann ist alles verboten." Das bringt dieses Paradoxon ganz gut auf den Punkt.
An einer Stelle deuten Sie an, das Slavoj Žižek Recht haben könnte, wenn er die Religion als "tyrannisches Über-Ich-Monster" bezeichnet, dem man es ohnehin nie recht machen kann. Gilt das nicht auch für die opfernarzisstische Hyperkritik? Ist das eigentliche Ziel dieser "Inflation institutionalisierter Rechthaberei" nicht die Abgrenzung, weshalb ein Nachgeben nur immer bizarrere Forderungen zur Folge hat?
Thomas Edlinger: Diese Fälle gibt es. Ich würde dem aber nicht prinzipiell alles zuschlagen, was einer Verfeinerung von Gesellschaftskritik angehörig ist. Nur weil jemand sehr genau auf Unterschiede schaut und diesen Unterschieden Recht und Raum gibt, heißt das nicht, dass er so eine Unterwerfung fordert, die nie genug sein kann. Aber in gewissen Auswüchsen findet das statt. Wobei die Sache auch deshalb kompliziert ist, weil eine gewisse Unterordnung, durch selbst verordnete moralische Imperative, die von Dritten geteilt werden, auch ein Genießen auslösen kann. Man genießt, dass man sich selbst als ein besserer Mensch als das Gegenüber fühlen kann.
Von aktuell sechs Spiegel-Online-Kolumnisten könnte man derzeit mindestens drei der opfernarzisstischen Hyperkritik zuordnen. In Schulen, Diskotheken etc. herrscht dagegen ein komplett umgekehrtes Wertesystem. Haben Medien und Hochschulen den Einfluss, den sie früher auf die Gesellschaft hatten, durch übertriebene Kritik aufgegeben?
Thomas Edlinger: Ich weiß nichts über den aktuellen Stand der Spiegel-Kolumnisten. Es gibt aber sicherlich eine gesteigerte - wie es modisch heißt - "Awareness" in vielen Milieus. Und es gibt einen Riss zwischen einer fortgeschrittenen Hyperkritik und dem, was man den Stand des volkstümlichen Kritikbewusstseins nennen könnte, das sehr oft konträr dazu verfasst ist und in Wiederaufnahmen alter Muster mündet.
Ein Beispiel: Es existiert sicherlich ein gesteigertes "antisexistisches" oder (wie das heute heißt) "antiheteronormatives" Bewusstsein dafür, welche empfundenen Kränkungen, Beleidigungen, Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen in Machtverhältnissen verborgen sein könnten. Gleichzeitig gibt es aber einen Neosexismus und ganz normale alte Verhältnisse. Teile des gesellschaftlichen Ganzen (was ja eh' immer eine Fiktion ist) driften da auseinander. Ich wohne im 15. Bezirk in Wien. Wenn ich da sehe, wie sich Männer und Frauen anziehen und vor den Diskotheken geben, dann habe ich nicht den Eindruck, dass da viel von der opfernarzisstischen Hyperkritik angekommen ist. Wenn ich mir aber ein Vorlesungsverzeichnis oder einen Kunstkatalog ansehe, bekomme ich einen ganz anderen Eindruck.
Tragen die opfernarzisstische Hyperkritik und ihre blinden Flecken auch dazu bei, dass der Salafismus als Befreiung gesehen werden kann? Man darf dann ja plötzlich alles und ist praktisch immun …
Thomas Edlinger: Religionskritik ist heutzutage eine sehr komplizierte Sache. Ein linkes Selbstverständnis hat früher mal gedacht, die Sache mit der Religion sei erledigt, sie sei als "falsches Bewusstsein", als falsche Ideologie entzaubert und man könne sich anderen Dingen zuwenden. Das ist das, was man aus Marx viele Jahrzehnte lang herausgelesen hat. Und in weiten Teilen Europas ist es auch so passiert.
Nun kehrt aber die Religion - auch Teile der christlichen Religion übrigens - mit erstaunlicher Vehemenz zurück in unser Leben. Es ist nicht so, dass sie einfach vorbei wäre. Jetzt kann man sich fragen: Warum? Hat man da was übersehen? Greift die Kritik an der Religion nicht? Perlt sie ab wie Wasser an einem eingeölten Körper?
Ich glaube wir haben es heute nicht einfach mit einer Renaissance der alten Religion zu tun (speziell nicht mit einer des Islam), sondern mit einem zweiten - fast zombieartigen - Leben der Religionen, das quasi erst durch die Erfahrungen, durch die Beschädigungen einer Moderne möglich geworden ist. Die Menschen, die sich heute neu Religionen zuwenden, tun das in einem ganz anderen Bewusstsein als die Menschen früher, die sich einfach einer Tradition angeschlossen haben.
Sie bauen sich Versatzstücke religiösen Andersseins, die man als Resultat der Erfahrung einer tiefen Krise verstehen kann, die sowohl in Europa als auch in der arabischen Welt zu spüren ist. Und weil das Versatzstücke sind - quasi collagierte Formen der Dissidenz, des Uneinverstandenseins - geht es auch, dass man Dschihadismus, die "reine Lehre" Mohammeds aus dem 7. Jahrhunderts, iPhones und die Selbstdarstellung in "Selfies" (wie man sie aus Hip-Hop-Videos gelernt hat) zusammenbringt. Die Religion ist da eine Art Werkzeugkasten, aus dem bestimmte "Tools" oder Bezüge herausgenommen werden.
Es gibt noch einen weiteren Punkt, der bei der Religionskritik sehr wichtig ist: Offensichtlich ergibt es keinen Sinn, Religion einfach zu verbieten oder zu sagen: "Falsches Bewusstsein, weg damit!" Was daraus resultiert sieht man jetzt zum Beispiel in Frankreich, wo man einem strengeren Laizismus gefolgt ist als in Österreich oder in Deutschland.
Mich erinnert die Bleiernheit, in der ich die Medienlandschaft derzeit erlebe, an die Situation der damals stark ritualisierten Rockmusikkritik Anfang der 1980er Jahre. Andreas Banaski Tabubrüche und seine Pop-Affirmation empfand ich damals als ausgesprochene Befreiung. Hat er das gemacht, was Sie heute in ihrem Buch "Postkritik" nennen?
Thomas Edlinger: Ich glaube, diese taktische Pop-Affirmation ist nicht das Gleiche wie Postkritik, die auch nicht mehr an die kritische Kraft der Überidentifikation glaubt. Ich würde Postkritik nicht zeitlich verorten. Das ist kein linearer Ablauf, sondern eine Haltung, die sich immer an bestimmten Defiziten der Kritik reibt. Es gibt aber möglicherweise Wellenbewegungen, die die Geschichte der Affirmation verkomplizieren. Affirmativität hat ja viel mit der Besetzung eines Territoriums zu tun: Man nimmt sich die Hitparade, aber irgendwann hat man dann dort wieder falsche Affirmation und nicht mehr "Affirmation With a Twist".
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