Info-Überfluss, Hyper-Konkurrenz, Entortung, digitale Verlustmodelle

Grafik: TP

Die Gefahr ist seit Jahren erkannt, aber keineswegs gebannt: Internet-Folgen treffen Öffentlichkeit und Arbeitswelt bis ins Mark

Wer darf bei diesem Artikel gähnen? - Nicht einmal der Gemüsehändler, dem künftig Lieferdienste das Wasser abgraben. Nicht der Gitarren-Lehrer, der plötzlich weltweite Konkurrenz erhält. Und erst recht nicht der zu diesem Thema schon häufiger besprochene Journalist, dessen Angebote mit tausendfacher Gratis-Ware im Netz konkurrieren. Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung sind Prinzipien, mit denen verantwortliche Politiker im Lebensalter 40+ weder in ihrem Studium noch einem früheren Berufsleben, so vorhanden, eigene Erfahrungen machten.

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Vorab dazu dies Wesentliche: Nicht alle absehbaren Entwicklungen sind apokalyptisch. Bei allen Armuts- und Gewaltproblemen im Rest der Welt blinken sie für die Industrienationen geradezu verheißungsvoll, was die Reduktion von körperlicher Belastung und Zeitaufwand der Werktätigen betrifft. Für eine wünschenswerte Realisierung des "Arbeitens 4.0" (so der Titel eines Weißbuchs vom Arbeitsministerium) sind jedoch weitere Paradigmenwechsel in Miteinander und Administration dringend erforderlich, wie gleich zu zeigen.

Beginnen wir mit Brot und Butter: Mag der in seinen Druckauflagen und seinem Image so leidende Journalismus noch als Luxusproblem wahrgenommen werden, machen sich die Folgen der Digitalisierung zunehmend am Beginn der warenförmigen Nahrungskette bemerkbar. Wenn schon im Luxusherzen der deutschen Hauptstadt Leerstände zur Zwangsverwaltung führen, wird es langsam ungemütlich im Staate Digitalistan.

Wenn die Millionärin statt Shoppen lieber Joggen geht und ihre Gucci-Tasche anschließend im Onlinestore erwirbt, mag dies den Normalverbraucher immer noch nicht rühren. Der 2016 um 2 % gestiegene Umsatz im Einzelhandel hatte die Hälfte seiner Steigerung im Online-Handel. Laut dem Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, sind in den realen Städten bis 2020 "mehr als 50.000 vor allem kleinere Läden von der Schließung bedroht."

Will und kann man die weitläufigen Räume der Ladenzeilen mit hohen Decken schließlich zu privatem Wohnraum umformatieren? Oder was sonst belebt künftig diese derzeit öffentlichen Interieurs? Die Umorientierung menschlichen Handelns auf die Milliarden Bildschirme hat sicher noch ungeahnte psychosoziale Folgen, für die erst Begriffe und organisatorische Reaktionen gebildet werden müssen. Soziales Leben generell steht auf dem Spiel, für Millionen weiterer Menschen die Würde und Anerkennung, die eine Werktätigkeit verleiht.

Was den Städten teils noch bevorsteht, ist in der Medienwirtschaft schon weiter fortgeschritten.

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