Info-Überfluss, Hyper-Konkurrenz, Entortung, digitale Verlustmodelle

  –  Daniel Hermsdorf

Grafik: TP

Wer darf bei diesem Artikel gähnen? - Nicht einmal der Gemüsehändler, dem künftig Lieferdienste das Wasser abgraben. Nicht der Gitarren-Lehrer, der plötzlich weltweite Konkurrenz erhält. Und erst recht nicht der zu diesem Thema schon häufiger besprochene Journalist, dessen Angebote mit tausendfacher Gratis-Ware im Netz konkurrieren. Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung sind Prinzipien, mit denen verantwortliche Politiker im Lebensalter 40+ weder in ihrem Studium noch einem früheren Berufsleben, so vorhanden, eigene Erfahrungen machten.

Vorab dazu dies Wesentliche: Nicht alle absehbaren Entwicklungen sind apokalyptisch. Bei allen Armuts- und Gewaltproblemen im Rest der Welt blinken sie für die Industrienationen geradezu verheißungsvoll, was die Reduktion von körperlicher Belastung und Zeitaufwand der Werktätigen betrifft. Für eine wünschenswerte Realisierung des "Arbeitens 4.0" (so der Titel eines Weißbuchs vom Arbeitsministerium) sind jedoch weitere Paradigmenwechsel in Miteinander und Administration dringend erforderlich, wie gleich zu zeigen.

Beginnen wir mit Brot und Butter: Mag der in seinen Druckauflagen und seinem Image so leidende Journalismus noch als Luxusproblem wahrgenommen werden, machen sich die Folgen der Digitalisierung zunehmend am Beginn der warenförmigen Nahrungskette bemerkbar. Wenn schon im Luxusherzen der deutschen Hauptstadt Leerstände zur Zwangsverwaltung führen, wird es langsam ungemütlich im Staate Digitalistan.

Wenn die Millionärin statt Shoppen lieber Joggen geht und ihre Gucci-Tasche anschließend im Onlinestore erwirbt, mag dies den Normalverbraucher immer noch nicht rühren. Der 2016 um 2 % gestiegene Umsatz im Einzelhandel hatte die Hälfte seiner Steigerung im Online-Handel. Laut dem Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, sind in den realen Städten bis 2020 "mehr als 50.000 vor allem kleinere Läden von der Schließung bedroht."

Will und kann man die weitläufigen Räume der Ladenzeilen mit hohen Decken schließlich zu privatem Wohnraum umformatieren? Oder was sonst belebt künftig diese derzeit öffentlichen Interieurs? Die Umorientierung menschlichen Handelns auf die Milliarden Bildschirme hat sicher noch ungeahnte psychosoziale Folgen, für die erst Begriffe und organisatorische Reaktionen gebildet werden müssen. Soziales Leben generell steht auf dem Spiel, für Millionen weiterer Menschen die Würde und Anerkennung, die eine Werktätigkeit verleiht.

Was den Städten teils noch bevorsteht, ist in der Medienwirtschaft schon weiter fortgeschritten.


Es sei hier nur global skizziert, was die meisten Internet-Besucher täglich nutzen, um sich zu informieren: Es sind die großen Nachrichten-Portale, die Mühe haben, ihre Online-Inhalte zu monetarisieren, während gekauftes Papier schwindet und bezahlte Abos digital im Verhältnis nur langsam nachziehen. 2016 wurden 19 Mio. Zeitungen verkauft. Hinzu kommen 977.156 E-Papers. 1991 waren es noch 27 Mio.

Daneben platzt die Blogosphäre aus allen Nähten. Fast egal, für welche weit verbreiteten Inhalte man sich interessiert - es tauchen im Netz laufend neue Autoren auf, die mehr oder minder originell kleinere Publika an sich ziehen. Der Erfolg ist detailliert schwer einzuschätzen. Doch die einzelne kleinere Seite ist selten der Publikumsmagnet, die Mechanismen der Aufmerksamkeit und algorithmischen Steuerung sind nicht immer durchschaubar. Letztere beide finden in sozialen Netzwerken und anderen Verteilstationen wie Meta-Portalen und Messengers statt. Zahlreiche Formen der E-Mail-Benachrichtigung und der Weiterleitung von Links wie RSS-Reader werden genutzt. Zu den mobilen News-Apps mit hohem Marktanteil bemerkt die Website "contentmanager.de":

Man könnte auch sagen: Je kleiner der Bildschirm, desto höher ist die Konzentration auf die großen Medienhäuser.

(contentmanager.de)

Man kann hieraus eigentlich durchweg Paradoxien ableiten, die betriebswirtschaftlich formuliert ein Desaster nach dem anderen bedeuten: sinkende Einnahmen für mehr Aufwand, Konzentration auf Gratis-Anbieter mit großem Kapital bei gleichzeitigem rasantem Wachstum der Zahl vieler weiterer kleiner und kleinster digitaler Anbieter, die unweigerlich weitgehend ehrenamtlich tätig sind. Digitale Produkte sind für unbezahlte Kopien sehr anfällig; keine aktuelle große Zeitschrift, die als PDF auf Tauschportalen nicht findbar wäre, ebenso E-Books oder gescannte ältere Bücher, die sonst ggf. gekauft würden. Im Arbeitsministerium scheint man noch eher im "Wünsch Dir was"-Modus zu verweilen, wenn man in der Foresight-Studie "Digitale Arbeitswelt" (2016) formuliert:

Wenn unternehmerisch und politisch die Überzeugung vertreten wird, dass die Digitalisierung Chancen für den Erhalt von Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit bietet, müssen die gleichen Akteure dafür sorgen, dass die einhergehenden wirtschaftlichen und sozialen Risiken - wie sie etwa in der Flexibilisierung von Arbeit bestehen - nicht auf den Einzelnen übergehen.

(Digitale Arbeitswelt)

Es geht in einer solchen Studie wesentlich um materielle Produktionsbereiche, Automatisierung von Fertigungsabläufen und deren Datenverwaltung. Nicht nur in den ministeriellen Verlautbarungen zum Thema bricht sich eine Wissenschaftsprosa Bahn, die geradezu zwanghaft positiv besetzte Adjektive vor jede effektive Krisen-Entwicklung schiebt.

Man muss es den digital primitives vielleicht nochmal vor Augen führen: Was hätte man vor 30 Jahren gedacht, wenn Menschen auf Dauer massenhaft eine Zeitschrift fotokopiert und per Post an viele ihnen persönlich Unbekannte verschickt hätten, statt dass diese ihre Zeitschrift selber kauften?

Dass Digitalisierung so selbstverständlich geworden ist, ändert noch nichts daran, dass sie alles, was als Produkt in Buchstaben, Bildern und Tönen daherkommt, rasend inflationiert. Das Jammern über die Radikalisierung von Diskursen übersieht allzu oft auch dies: dass an höchsten Stellen kaum Bewusstsein, Kompetenz und Sensibilität dafür vorhanden zu sein scheint, dass wie zu Zeiten von Weberaufständen im 19. Jahrhundert Maschinen (und heute auch Programmcodes) Arbeitende um ihr Einkommen bringen, die anschließend als verzweifelte einsame Rufer in Lumpen durch die Siliziumwüste irren. Mit Betteln im Realraum lässt sich teilweise schneller und einfacher Geld verdienen.

Ich gehe hier nicht auf die sich ebenfalls ändernden Aspekte von Bildung, Urteilsfähigkeit, die inhaltlichen und formalen Strukturen von Medieninhalten ein. Sie wären Gegenstand einer Medienwissenschaft, die es kaum noch gibt, weil alles nur noch über ‚das Mediale‘ spricht oder die allgegenwärtige Vernetzung besingt.

Der Kollektivkörper ächzt also bei erhöhtem Bewusstsein und starker Aktivität unter einem damit verbundenen Hochdruck der zirkulierenden Informationen. Die empirisch fundierten Medienwissenschaften werden eher Industrie-intern veranstaltet: als quantitative Auswertungen der Fülle von Medieninhalten. So erst kann man stärker verallgemeinern, was gerade massenhaft wahrgenommen und was übersehen wird, wo es bedenklichen Wildwuchs und totale Aberration gibt.

Der Expertokratie der übrigen Wirtschaftssektoren steht die Pluralisierung und Amateurisierung der Medienproduktion gegenüber. Das zuvor angerissene Problem der Radikalisierung umfasst (teils anonyme) Blog-Beiträge, Podcasts und Videos bis zu Leserkommentare und Postings in sozialen Netzwerken. Entweder, es werden Leser auf andere Inhalte an vielen verteilten Stellen umgelenkt, die teilweise nur Inhalte neu formulieren, oder es treten nur Überschrift und Anreißer in der Weiterleitung an die Stelle der Übersicht eines einzelnen Anbieters.

Die nur in wenigen Büchern wie Andrew Keens "Die Stunde der Stümper" (2007) behandelte Entprofessionalisierung ist ein Teilproblem der Entwicklung. Wo in der etablierten Presse schon nicht alles Blattgold ist, was glänzt, führt Selbstproduziertes teilweise bisher ungefilmte Idiotie in die Manege. Oder mehr sowie minder begabte Laien kompilieren und reproduzieren schlicht das von anderen erarbeitete Wissen, oft, ohne dass Leser dies zwingend bemerken müssen. Reblogging und Re-Uploads machen zwar auch Interessierte erst aufmerksam, lenken aber Besucher von der eigentlichen Quelle des Beitrags ab, wenn sie sie überhaupt kenntlich machen.

Nicht jeder wird erwarten dürfen, daraus einen Lebensunterhalt zu machen. Aber auch die, die nicht selbst an dieser ihrer Digitalarbeit verdienen, nehmen anderen Zeitbudget respektive Einnahmen weg. In allerlei Varianten spielen dabei noch Querfinanzierungen eine Rolle, durch die in Blog- und YouTube-Kultur eher skurrile oder merkwürdige Blüten aufdringlicher sprießen. Wer hingegen allzu Abgewogenes und Intellektualisiertes wie in Traditionsblättern produziert, aber keine Sendezeiten und Werbeplätze kaufen kann, hat abermals geringere Chancen. Schneller, schärfer, in der Qualität stark schwankend und undurchschaubarer in ihrer Herkunft und Güte sowie weit verstreut sind die neuen Inhalte.


Eine Reflexion über den Verlust publizistischer und künstlerischer Erwerbsmodelle durch das Internet führt immer zur Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Während Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) bei diesem Thema noch kieksend bekundet, lieber Menschen in "Arbeit" bringen zu wollen, rufen etwa dm-Gründer Götz Werner sowie neuerdings - mit demselben als Co-Autor - Marc Friedrich und Matthias Weik nach dem BGE - "Sonst knallt’s" (Buchtitel, 2017). (vgl. Industrie 4.0[1].)

Damit wären utopische Dynamiken des Teilens und der Kooperation zu verbinden. Wenn allerlei Zwänge und Ausbeutungslogiken wegfielen, bestünde die Chance auf eine Wissens-Allmende, die sich jetzt schon gerade in den Krisenphänomenen unumgänglich aufdrängt. Man kann das an tausenderlei Beispielen aufzeigen, wie etwa Musik-Unterricht auf YouTube. Will jemand online Gitarre lernen und weiterlernen, so kann er zwischen verschiedenen Lehrern wählen. Was auch immer etwa Kinder nur mit einem menschlichen Lehrer lernen mögen, ist hier für Erwachsene eine Ausweichoption zur bezahlten Dienstleistung. Verbirgt ein Lehrer vertiefte Inhalte hinter einer Bezahlschranke, enthält die YouTube-Empfehlungsliste gleich das Konkurrenz-Angebot, doppelt so umfangreich, noch besser erklärt in allen Details, die früher als Spezialistenwissen verkaufbar waren. Und das Video-Tutorial ist dem gedruckten Anleitungsbuch in einem solchen Fall haushoch überlegen.

Manchem Gitarrenlehrer auf YouTube sieht man geradezu an, dass ihm schon klar geworden ist, dass alle Gesten, die er hier ausführt, von Tausenden anderen nicht mehr ausgeführt werden müssen - und von ihm selbst auch ab jetzt fast nie mehr. Das Bewegtbild ist an die Stelle des realen Menschen getreten. Manch anderer wirbt gleich offensiv vor der Kamera damit, seine Zuschauer könnten sich durch ihn teure Gitarrenstunden sparen. Wenn hier einer noch verdient, dann immer und unwiederbringlich auf Kosten sehr vieler anderer. Aber selbst, ob jemand nur den Lohn für wenige Gitarrenstunden per YouTube-Werbeeinnahmen der eigenen Videos verdient, ist bei den meisten Beitragenden mit Nein zu beantworten.

Man wird voraussichtlich keinen objektiven Modus finden, wie man unbezahlte kreative Arbeit ausreichend alimentiert, wenn sie nicht direkt bezahlt wird. Ein Pauschalbetrag wie das BGE gleicht dabei nicht jede Ungerechtigkeit aus - der Einzelne könnte nur so viel oder wenig für einen Grundbetrag arbeiten, wie er selbst will. Das Mehr an Einnahmen unterliegt dann wieder bekannten und eher unbekannten wie unvorhersehbaren Marktgesetzen.

Kaum einmal erwähnt finde ich, dass zumal in bestimmten Marktsegmenten die Dominanz der Englisch sprechenden Welt weiter zunehmen wird. Sollten immer mehr Menschen englischsprachige Inhalte annehmen, wird der Spielraum der übrigen Sprachkulturen und ihrer Wirtschaft sich auf für sie noch absurdere Weise verkleinern. Heute konkurriert eben schon nicht nur der eine deutschsprachige Website-Autor, Video-Blogger oder Tutor im Netz mit anderen Deutschsprachigen, sondern auch mindestens mit den Englischsprechenden. Manche dieser Kommunikationen (wie die Musikstunde oder das Beratungsgespräch zu allerlei Fragen) finden auf diese Weise ohnehin nur noch virtuell, nicht mehr real auf viele Personen verteilt statt, und kosten im bloßen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit im Netz, wie erwähnt, für Konsumenten wenig bis gar nichts mehr - jedenfalls bis zu einem gewissen Spezialisierungsgrad.

Es schwirren so - und nach wie vor - allerlei Ideen durch die angeschlossene politische und ökonomische Philosophie, von Kommunismus über Keynesianismus bis Libertarismus. Gerade Kultur und Information haben dabei noch ganz eigene Kriterien, die in Deutschland bisher z. B. "öffentlich-rechtliche" Produktionsweise heißen. Wen wundert es, dass die Presse tendenziell links-grün gesonnen ist, lebt sie doch in ihren Spitzen von einer milliardenschweren Umverteilung per Gesetz. Mit Auflagenschwund der Printmedien, Gebühren-Verweigerung und "Lügenpresse"-Rufen wird die Infragestellung dieses Systems immer lauter.

Der Entscheidungsprozess dazu wird einstweilen einfach im Krisen-Modus fortschreiten. Mancher Journalist, der bei seiner Sache bleibt, harzt eben oder lebt von seinen Eltern. Auch diese Geschichten gehören zu denen, die Journalisten selbst kaum erzählen können und/oder wollen: die unerfreulichen, beschämenden, 'uncoolen', 'politisch unkorrekten' Ereignisse und Erlebnisse, die sich der Aufzeichnung im Privaten entziehen oder die der Zeuge von sich selbst nicht gerne preisgibt, weil es sein Ego kränkt und sein Image weiter beschädigt, was eine Abwärtsspirale in Eigen- wie Fremdwahrnehmung ist.

Manches von dem, was den Content-Produzenten jetzt in der Tretmühle der Selbst-Präsentation im Internet abgerungen wird, lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Löscht ein Blogger oder YouTuber nicht seine Informationsangebote, sind sie bis auf weiteres abrufbar oder kehren teils unerwünscht in Raubkopien wieder. Das darin enthaltene Wissen ist entwertet, jede derartige wiederholte Arbeitstätigkeit ist unnötig geworden und wird keinem Geschäftsnachfolger mehr bezahlt, sofern Kunden stattdessen eine gleichwertige Gratis-Ware leicht finden. Der Medienproduzent oder überflüssig gewordene sonstige Dienstleister muss und kann sich anderem zuwenden, von dem wir noch nicht so genau wissen, was es sein wird und wie sich die veränderte Wissensorganisation weitergehend auswirkt. Noch ungewisser, ob sich damit von den Betroffenen wiederum auf andere Weise Geld wird verdienen lassen.


Soziale Institutionen wie die Kirche oder der Trachtenverein verloren über frühere Jahrzehnte hinweg an Bedeutung - wie gegenwärtig die Leitmedien, vielleicht auch wirklich differenzierte Informationen generell. Kritische Überlegungen zu Kommunikationskultur, Erwerbsmodellen und öffentlichem Raum werden schnell als die "kulturpessimistisch" genannte Tendenz wahrgenommen, da sie den Begeisterungsstürmen der nachwachsenden Online-Spieler und Snapchatter entgegenstehen.

Jedes Gespräch über Online-Handel führt doch zu dem Eingeständnis, er sei für einen selbst von praktischem Vorteil. Die dadurch fehlende Mieteinnahme für das Ladengeschäft steht bei den wenigsten auf dem eigenen Zettel. Sie wird derzeit nur beim Blick in manche Einkaufszeile der Verdacht beschleichen, es habe dort früher anders ausgesehen und könne bald an noch mehr Orten genauso leer sein. Der Übergang zu einer nicht existierenden Zukunft des stationären Handels ist der Outlet-Store mit Ansichts-Exemplaren für die Online-Bestellung.

Man wird unter größeren logistischen, sozialen, emotionalen, finanziellen und sicherheitspolitischen Problemen städtischen Lebensraum umgestalten oder aufgeben müssen. Womit sollte er neu bespielt werden?

Konsum-Tempel eher noch als das Lädchen werden materiell verbleiben. Künftige Kunden-Typologien, die es in die Städte oder stattdessen an die Computermaus zieht, sind noch nicht in jeder Hinsicht absehbar. Gemeinsames Essen, Politik- und Kulturereignisse jeder Art einschließlich der Religion sind die heute bekannten anderen Gründe, ein städtisches, öffentliches und gemeinschaftliches Leben zu führen.

Es gibt verschiedene Abstufungen zwischen den Zukunftsromanen "1984" und "Schöne neue Welt", die für die Realität gedacht werden können. Pragmatismus bis Euphorie von BGE-Entwürfen stehen den Befürchtungen von sinkendem allgemeinem Wohlstand und Überwachung bis zum Chip-Implantat für den gläsernern Bürger gegenüber. Für totale Grundversorgung könnte, zumal unter Krisendruck, totale Kontrolle gefordert werden. Informationell ist sie jetzt für Geheimdienste schon fast gegeben.

Was im Fall des Einzelhandels und der produzierenden Gewerbe mindestens noch sehr viele Arbeitsplätze kosten wird, hat im Fall der Aufzeichnungen und Informationen den gravierenden zusätzlichen Aspekt der sich permanent erweiternden Speicher- und Abrufbarkeit. Das Ende vieler ökonomischer Grundlagen von Medienproduktion wird verstärkt wohl auch mit Neuordnungen und Präsentationen der Archivinhalte, der Substratbildung und Abstrahierung verbunden sein. Wie viele der Nutzer diese letztlich verstehen und für sich praktisch handhaben können, ist noch nicht absehbar.

Der Realismus heutiger TV-Erzählungen steht typologisch und reflexiv noch im 19. Jahrhundert. Nicht unbedeutend sind im Internet ja schlichteste Formen des Geschicklichkeitsspiels oder der Pornografie als Zeitvertreib. - Könnte das Massenpublikum selbst etwas mit der Auswertung von Big Data anfangen? Wie weit folgt das Expertenwissen der Demokratisierung von Medien-Produktionsmitteln und Zugangsberechtigungen?

Dass die erfolgreichsten wirtschaftlichen Profiteure der unaufhaltsamen Entwicklung neben den Kapitaleignern die Betriebswirte und Programmierer sind, ist bereits erwiesen. In einem globalen Umfeld welthistorischer Tragödien und härtester Überlebenskämpfe verläuft die ökonomische, technische und kulturelle Entwicklung der verspielten Gesellschaften, die dabei in nur von wenigen halbwegs verstandenen Finanzkrisen um ihren geldbasierten Wohlstand bangen.

Durchaus ist schon von einer Wiederkehr des Realen über die demokratisierten Kanäle zu sprechen. Mit der Nähe und Präsenzbildung internationaler Konfliktherde steigt eine gewisse Hysterie der überforderten Einzelnen, die ahnen, nach Generationen wieder einen Krieg oder einen Währungscrash erleben zu können.

Die hier beschriebenen Fragmentarisierungen und Pluralisierungen eines zugleich an ökonomischer Tragfähigkeit verlierenden Marktes der Informationen, Spiele und Sinnesreize sind auch ein riesiger symbolischer Schutzschild über einer harten Realität weitester geografischer Bereiche, die mit der Vergrößerung der Bildschirme zugleich immer deutlicher hindurchschimmert - für den, der aufmerksam hinsieht. Wir kennen keine Statistiken, wie viele andere allein ins noch Trübere blicken als das, was sie vor der Internet-Revolution von der Welt sahen. Es gibt Millionen von Menschen, die nur in Verehrung und naiver Wahrnehmung von Sport- oder Filmhelden, in Computerspielen oder Kaufsüchten leben.

Die Letztgenannten werden von den laufenden Entwicklungen noch mehr überrollt werden als jene, die sie schon kommen sehen - aber selbst auch kein erwiesenermaßen tragfähiges Modell des BGE vorweisen können, geschweige denn von sich aus die größeren Konflikte um Lebensraum, Rohstoffe und Märkte erwartbar friedlich zu schlichten imstande wären.

Digitalisierung, Internet und Automatisierung (mit vielen weiteren, hier ungenannten technischen Aspekten) werden ein Millionen-Heer von Arbeitslosen hervorbringen, wo diese sich nicht jetzt schon hinter irreführenden Arbeitslosenzahlen in allerlei Niedriglohn-Bereichen bewegen. Hinzu kommen Migrations- und Finanzkrisen, sicher auch erfolgreich verdrängte ökologische Krisen wie verschmutzte Meere und gefährdete Bestände am Beginn der wirklichen Nahrungskette. Kleinere und größere Fragezeichen stehen noch hinter Energieversorgung und Rohstoffvorräten für die in einer neuen Lebens- und Arbeitswelt erforderliche Gerätetechnik.

Es gibt Hoffnungszeichen, dass verschiedene Altersgruppen, sicher an erster Stelle Jüngere, die Notwendigkeiten neu denken können und von manchem Abschied nehmen werden, was sich zunächst als Normalität gegenüber allerlei alternativen Lebensentwürfen der 1960er und 70er durchgesetzt hatte: Konsumkulturen und -fetische, Egotrips in Wohlstandsverteilung, Gehaltsverhandlung und prohibitionistische Behandlung von Informationen. Doch hat an so mancher Mauer, Gegensprechanlage und Vertragsvereinbarung der Altruismus nach wie vor schnell ein Ende.

Die Wissens-Allmende hat vorerst zu Zwischenstadien geführt, in denen ökonomisch eine extrem vergrößerte Präsenz kostenloser Inhalte erreicht ist sowie Unübersichtlichkeit und Unsicherheit notwendige Begleitumstände einer erweiterten Realitätswahrnehmung sind. Leakings und Verschwörungstheorien gehören dazu ebenso wie die mächtigsten Schnatter-Werkzeuge, virale Kurzzeit-Hypes, schier endlose Schleifen der Selbstreferenz, von Duplikaten, Zitaten und Varianten.

Es lässt sich hier nicht ausführen, wo Demokratisierung Illusion sein kann, wo in den realen Begebenheiten schließlich außermediale machtpolitische Faktoren anstatt von Erkenntnissen, ethischen Prinzipien und Basisdemokratie über den Fortgang der Ereignisse entscheiden und wer die konkreten Vertreter dieser Machtpolitik sind. Das Internet hat einigen jedenfalls (wie vielen?) davon eine deutlichere Ahnung vermittelt.

Es sind Titanenkämpfe der Etablierten mit den brüllenden Mäusen an der Peripherie. Wir rätseln einstweilen, wie genau die Roadmaps unserer Zukünfte auf Reißbrettern von Think Tanks schon aufgezeichnet sind - und was dies für jeden Einzelnen bedeutet.

Es bleibt als formulierbare Handlungsalternative nur die größtmögliche Aufmerksamkeit, Geländegewinn nicht wieder zu verspielen und alle lebensbejahenden und emanzipatorischen Effekte von Medien zu nutzen. Dies löst noch nicht alle ökonomischen und Gerechtigkeitsprobleme, die eine Gesellschaft hat, die sich, wie hier thematisiert, traditionell eine Widerspiegelung ihrer Realitäten in Formen des Berichtes und der Kunst wünscht.

Gerade Vertreter mit einer großen Reichweite haben die konkreten Folgen der Medienrevolution offensichtlich persönlich noch nicht deutlich genug gespürt. Sie stehen immer mehr mittellos werdenden Konkurrenten und einer mächtiger werdenden Backlist der Public Domain gegenüber. Und auch das Bild der hintergründigen Machtstrukturen wird präziser, ermöglicht immer weniger die vollständige Verdunkelung nebst ertragreichen und unhinterfragten Komplizentums.

Vielleicht ist das neue Wissen und seine prekäre wirtschaftliche Lage in allgemeinsten Begriffen dieses Knäuel von Begebenheiten: das zugespitzte Ringen um Zugänge der Distribution bei teilweise nahezu kostenfreier Produktion; der erleichterte Zugang zu Information bei ihrer gleichzeitigen Entwertung.

Die politische Arbeit aller entscheidet darüber, ob am Verkauf von Gütern und der Verbreitung von Information in Zukunft nur noch immer weniger Einzelne großen Wohlstand erlangen, während die Übrigen sich dem Existenzmininum nähern - oder ob eine kooperative, partizipative und kreative Utopie halbwegs einlösbar wird. Selbst diese wird sich wesentlich auf jene beschränken müssen, die aktiv an ihr teilhaben können und wollen.

Der Rest des Geschehens deutet sich gegenwärtig an als eine Kombination aus Maschinisierung und Sozialismus. Hoffen wir, dass mit dem, was daran als Freiheit bezeichnet werden kann, sinnvoll wird umgegangen werden können. Und dass entstehende Freiräume keine weiteren sozialen und psychologischen Wüsten, sondern Lebensräume hervorbringen.


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