Informationskrieg um Auftragsmorde in Nordirland

Netzveröffentlichungen bringen britische Regierung in arge Verlegenheit

Die US-Website Cryptome.org wird derzeit von britischen Journalisten genutzt, um den Eisernen Vorhang des britischen Geheimhaltungsgesetzes zu durchdringen. Stein des Anstoßes: Auftragsmorde in Nordirland. Journalisten, Polizeibeamte, Regierung und Gerichte stehen sich in einem Geheimdienstskandal gegenüber, bei dem es der einen Seite um mehr Informations- und Pressefreiheit geht, während die Regierung mittels des "Official Secrets Act" Under-Cover-Geheimagenten der Armee zu schützen versucht, die bei Auftragsmorden eine Rolle gespielt haben sollen.

Am 7. Februar veröffentlichte der New Yorker Architekt und Cyberrechtsaktivist John Young auf seiner Website cryptome.org einen anonym eingereichten Text über den irischen Bürgerkrieg, den Telepolis nun auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

Der professionell geschriebene Artikel schildert die Versuche britischer Geheimdienste, politische Morde in Nordirland zu verschleiern. Zudem nennt er eine Undercover-Agentin beim Namen, die bis heute als Verbindungsglied zwischen den protestantischen Ulster Terroristen und dem britischen Geheimdienst fungiert.

Kurz nach der Veröffentlichung erfuhr Young am 9. Februar, dass die britische Regierung den Text aus dem Netz nehmen will. Die Chancen dafür stehen jedoch schlecht: Schon ein Jahr zuvor hatten britische Geheimdienste vergeblich versucht, die Veröffentlichung von Geheimpapieren auf Cryptome.org zu verhindern. Young ließ sich jedoch nicht erweichen und bestand auf einem US-amerikanischen Gerichtsbeschluss - der nicht kam.

Die Hauptstoßrichtung zielt diesmal jedoch weniger auf die Website, denn auf die einheimischen Publikationen: Britischen Zeitungen wurde hinterbracht, dass mit dem Internet-Service-Provider der Site, Verio, eine Vereinbarung getroffen werden konnte, den Text aus dem Netz zu nehmen.

Britischen Zeitungen drohte die Regierung nach Angaben von Young mit einer gerichtlichen Verfügung, sollten sie Informationen aus dem Text veröffentlichen: Dass der Text nun bei Cryptome.org veröffentlicht worden sei, bedeute nicht, dass er damit weit verbreitet sei - was wiederum eine Veröffentlichung in Großbritannien rechtfertigen würde. Deshalb greife noch der Official Secrets Act, das britische Geheimhaltungsgesetz.

Dieses Argument unterfütterten Regierungsvertreter mit Zahlen: Auf bislang ungeklärte Weise verschafften sie sich Zugang zu den Logfiles auf dem Verio-Server. So zitierten britische Zeitungen, dass der Text inzwischen 233 Mal heruntergeladen worden sei. Diese Zahl ist laut Young jedoch falsch, da sie nur die Downloadzahlen für eine bestimmte Zeitspanne wiedergäben. Die Logfiles würden bei einem großen Besucheransturm mehrfach gelöscht. Am 9. Februar sei der Text bereits um die 3000 Mal heruntergeladen worden.

Veröffentlichung nicht nur bei Cryptome

Inzwischen veröffentlichte auch der US-Journalist Declan McCullagh auf seiner Mailingliste Politech den Text. Zwischen 5000 und 10.000 Nutzer haben sich auf der Liste eingeschrieben. Dem schloss sich der österreichische Journalist Erich Möchel mit seiner Quintessenz-Liste mit rund 2.400 Nutzern an. Quintessenz verfügt auch über ein Web- Archiv. Dort seien die Zugriffe allerdings, so Möchel gegenüber Telepolis, nicht besonders hoch gewesen. Auch konnte Möchel noch nichts von staatlichen Einschüchterungsversuchen berichten.

Der Kampf um die Veröffentlichung auf Cryptome.org ist der vorerst letzte Schachzug, um das rigide britische Geheimhaltungsgesetzes zu Fall zu bekommen. Dabei verfolgen die Gegner eine Taktik der Nadelstiche: Zuletzt hatten sie den abtrünnigen Spion David Shayler, während der Verleihung des Big-Brother-Preises präsentiert. Der Geheimdienst- Aussteiger hatte sich nach Paris abgesetzt, um den britischen Strafverfolgern wegen Verstößen gegen den Official Secrets Act zu entgehen.

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