Ins Auge des Betrachters

"Hamburger Linie": Provokation, Repression und vollkommenes Fehlen von Flexibilität

Der Tod als Drohung ist die Münze der Macht.

Elias Canetti

Die Proteste von Hamburg und ihr Aufeinanderprallen von Masse und Macht mit Canetti zu lesen, ist verführerisch (vgl. Das Klirren der Dinge als Beifall). Ein möglicher Versuch, das zu tun, könnte so aussehen, dass man den Text von 1960 ("Masse und Macht") nicht nur mit den Augen von 2017 liest, sondern auch zwei weitere Dinge hervorhebt.

Masse für Canetti ist eine körperliche Erfahrung: Eine besondere Form der Berührung, die man körperlich erlebt. Man ist gedrängt in der Menge, man ist einerseits Dirigiermasse des Machthabers, andererseits verschmilzt man zum autonom handelnden Schwarm, zum kopflos, aber reflexhaft handelnden Etwas, zum zuckenden Rhizom. Man fühlt alles stärker: Angst, Erregung, Stärke, Gewalt.

Macht wiederum ist nach Canetti eine paranoide Erfahrung. Der in seinem Sinn zu Ende gedachte Machthaber ist ein Paranoiker. Er fühlt sich von Feinden umzingelt, bedroht, reagiert auf die kleinste Herausforderung mit Unerbittlichkeit und Verständnislosigkeit. Die Folge ist Gewalt. Das genau ist, was in Hamburg passiert ist, verstärkt noch durch die Hybris beider Seiten.

Die Autonomen und Dudde

Der Selbstermächtigung der Autonomen steht der absurde Einsatzleiter Hartmut Dudde gegenüber, ein Duracell-Männchen in Uniform und typischer "kleiner Mann", der Typ Mensch, der fünf Tage nach einem Herzinfarkt wieder im Dienst ist. Dieser Schöpfer der überharten "Hamburger Linie", die auch in Polizeikreisen umstritten ist, hat mit Provokation, Repression und vollkommenem Fehlen von Flexibilität die Gewalt mutwillig oder fahrlässig erschaffen, die er dann nicht mehr zu beherrschen vermochte.

Dudde, der vom Rechtsaußen-Senator Schill geförderte "Mann fürs Grobe" (Tagesspiegel) erzeugte bereits vor Beginn des Wochenendes eine fatale Wirkung, indem er friedliche Zeltlager räumen ließ, Gerichtsbeschlüsse höchst einseitig und willkürlich interpretierte, beziehungsweise deren Geist unterlief: Denn, nachdem die Übernachtungen vom Gericht erlaubt wurden, führte er alle zwei Stunden offenkundig schikanöse nächtliche Zeltkontrollen durch.

So verlor der Staat den Kampf um die öffentliche Meinung. "Was ist das für ein Staat, der wegen ein paar Lagen Polyester und Zeltstangen so austickt?" (Tagesspiegel) So wurde die Eskalation heraufbeschworen, der Rechtsstaat auch im Empfinden vieler Bürger außer Kraft gesetzt.

Vollkommen unabhängig davon könnte es trotzdem zutreffen, dass die Gewalt einer Masse womöglich schlimmer ist, weil totalitärer, als es jede Gewalt eines Einzelnen je sein könnte.

Nicht übersehen darf man aber das, was seit Canetti sich verändert hat: die Medien. Die Medien sind es, die Massen erzeugen und lenken, und durch die Massen mehr denn je mit sich selbst kommunizieren. Viele Demonstranten in Hamburg haben sich für dieses Wochenende eigens zweite Smartphones und Sim-Karten angeschafft, um unkomplizierter und vor allem unabhängiger kommunizieren zu können.

Medien sind es, durch die die Massen auch überwacht und gesteuert werden von den Machthabern. Zudem gibt es Medienmassen, also Massen, die erst durch Medien überhaupt entstehen und formiert werden. Es gibt Massen, die nur medial existieren. Als virtueller Schwarm.

Die Medienmassengesellschaft

Die moderne Gesellschaft als ganze ist heute eine Medienmassengesellschaft. Und Massenmediengesellschaft. Das heißt, dass sie durch (elektronische) Medien sich überhaupt erst in ihrer Form konstituiert, dass sie mit sich selbst nur über diese Medien kommuniziert. Die moderne Gesellschaft braucht Medien, um zwischen den zerstreuten Individuen zu vermitteln, um einzelne Milieu-Massen zu einem Größeren, Ganzen, einer Gesellschaft zu verbinden. Gesellschaft wird sichtbar und erfahrbar erst durch Medien.

Es gibt Bilder von Massen und Massenphänomen, die wiederum Massen bewegen. Bilder von Massen, mit denen Macht ausgeübt wird. Um diese Bilder ging es in Hamburg. Gleiches gilt auch für die Macht. Medien gehören zu den wichtigsten Machttechniken der politischen Akteure und der Institutionen. Die Macht wollte andere Bilder als die, die wir gesehen haben. Sie war den modernen Techniken nicht gewachsen.

"Exemplarisches Unverständnis"

Man kann die Situationen nicht vergleichen, aber nützlich ist trotzdem der Hinweis auf den Text "Privilegien, Anpassung, Widerstand", den Rainald Goetz 1978, im Kursbuch 54, kurz nach dem "Deutschen Herbst" schrieb. Darin heißt es:

Als ob es nicht gerade diese Alternativlosigkeit wäre, die uns an systemimmanenten Lösungen radikal zweifeln lässt. Welche, wenn nicht solche Erfahrungen, solche unzureichenden Antworten, solch exemplarisches Unverständnis treiben die jungen Leute, einige wenigstens, stückweise in die politische Kriminalität, oder zumindest in ein handfestes Sympathisantentum? Denn der politische Wahnsinn des Terrors verliert angesichts des staatlichen Wahnsinns der Reaktion viel von seinem scheußlichen Gesicht.

Rainald Goetz

(Rüdiger Suchsland)

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