Insider-Bericht über die Entführung des Hanns-Martin Schleyer

Eine dokumentarische Fiktion

Bizarr war es schon, dieses hagere Männlein mit den tiefen Furchen im Gesicht da sitzen zu sehen, mitten auf der Frankfurter Buchmesse am Stand des Eichborn Verlags, Halle 4.1, Stand E 140. Auf einem roten Plüschsofa, flankiert von Gesprächspartnern, deren Fragen es artig beantwortete. Bizarr deshalb, weil seine Anwesenheit für das vorbeihetzende Fachpublikum nicht weiter von Bedeutung war. Auch die blonden Schülerinnen, die sich am Eichborn-Stand drängelten, schauten ratlos drein. Nicht zuletzt, weil das Mikro auf dem Couchtisch stumm blieb. Vielleicht hatten sie die grüne Bistro-Tafel übersehen, die in der Manier selbstgeschriebener Tageskarten Peter-Jürgen Boock angekündigte. Oder sie konnten mit dem Namen nichts weiter anfangen und hatten gehofft, außerplanmäßig Karen Duve zu sehen. Immerhin führte deren Roman die Top Ten des Eichborn-Verlages an, während Boock mit "Die Entführung und Ermordung des Hanns Martin Schleyer. Eine dokumentarische Fiktion" nur Platz fünf belegte.

Bevor es um das Buch als solches geht, hier für alle Fälle ein paar Fakten über den Autor Peter-Jürgen Boock geboren 1951 in Nordfriesland, ab 1969 diverse Erziehungsheime. Im Heim Renghausen lernt er Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Thorwald und Astrid Proll kennen, die - gemeinsam mit Studenten der Frankfurter Uni - im Rahmen einer bundesweiten "Heimkampagne" Kontakte zu Insassen verschiedener Heime aufbauten. Boock flieht aus Renghausen und geht "in der festen Absicht nach Frankfurt, mit diesen Leuten zusammen leben und kämpfen zu wollen"1. 1975-1980 Mitglied der Roten Armee Fraktion, Festnahme 1981 in Hamburg, 1984 und 1986 zu mehrfach lebenslänglicher Haft verurteilt, u.a. wegen Beteiligung an der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto und der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Boock beteuert seine Unschuld und bekommt deshalb u.a. Unterstützung vom Komitee für Grundrechte und Demokratie. 1991 erneut Anklage aufgrund von Aussagen ehemaliger RAF-Mitglieder, die in der ehemaligen DDR verhaftetet wurden. 1992 gesteht Boock seine Beteiligung an der Schleyer-Entführung. 1999 Entlassung auf Bewährung. Inzwischen lebt und arbeitet Boock als freier Autor und Journalist in Süddeutschland.

Peter-Jürgen Boock also hat inzwischen seine Täterschaft gestanden und ein Buch geschrieben über die Schleyer-Entführung. Pünktlich zum 25. Jahrestag des so genannten Deutschen Herbstes ist es erschienen. Im vorgeschalteteten Impressum ist zu lesen, der Verlag habe "sich zur Publikation entschlossen, weil er in dieser ersten Darstellung der Innensicht eines der wichtigsten historischen Ereignisse der Bundesrepublik einen Beitrag zur Zeitgeschichte sieht. " Ob es sich bei Boocks "dokumentarischer Fiktion" tatsächlich um die "erste Darstellung" ihrer Art handelt, sei angesichts der umfangreichen RAF-Literatur dahingestellt. Interessanter ist die Frage nach der Form, die Boock gewählt hat, nämlich die "dokumentarische Fiktion". Anders als Jürgen Teipel, der für seinen Doku-Roman über den deutschen Punk mit dem Titel Verschwende Deine Jugend (vgl.RAF, LSD und Graninisaft) Passagen realer Interviews neu - also fiktiv - angeordnet hat, sind bei Boock sowohl die Dialoge als auch die Anordnung mehr oder weniger fiktiv. Zwar gab es von sämtlichen Gesprächen mit Schleyer Mitschnitte, doch sind diese Bänder bis zum heutigen Tage verschollen. Bleibt also nur die subjektive Erinnerung des Autors. Boock weiß, dass ihm kein Mensch glaubt, wenn er nach einem Vierteljahrhundert mit wörtlicher Rede daherkommt. Deshalb betont er in seiner Einleitung: "Ich versuche in meine Worte zu fassen, woran ich mich nach 25 Jahren noch zu erinnern vermag. " (Hervorhebungen Boock)

Seine Rolle bei der Schleyer-Entführung ist mittlerweile bekannt: Boock war einer der vier Attentäter, die den Vorsitzenden des Bundes deutscher Arbeitgeber und des Bundesverbandes der deutschen Industrie am 5. September 1977 mittels einer Karambolage sowie einer verheerenden Schießerei bei Köln in ihre Gewalt brachten. Während der ersten 14 Tage der insgesamt 43-tägigen Geiselnahme gehört Boock zu den Bewachern von Schleyer und führt zahlreiche Gespräche mit ihm. Mit Schleyers Geiselnahme soll die Freilassung der "Stammheimer" erzwungen werden. Doch die Regierung Schmidt bleibt hart. Als der Fahndungsdruck immer größer wird, setzen Boock und zahlreiche andere RAF-Mitglieder sich nach Bagdad ab. Dort bekommen sie eine so genannte Unterstützungsaktion der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) angeboten: Die Entführung einer Lufthansa-Maschine. Die RAF nimmt an. Boock hilft bei den Vorbereitungen, indem er beispielsweise Mittel und Wege findet, Waffen an Bord der Landshut zu schmuggeln. Doch die Aktion scheitert: die entführte Maschine wird in Mogadischu von der GSG-9 gestürmt. Am nächsten Morgen werden die Gefangenen in Stammheim tot bzw. schwer verletzt in ihren Zellen aufgefunden. Für einen Teil der RAF steht fest, dass die Inhaftierten ermordet wurden, andere wiederum werten die Selbstmorde als selbstbestimmte Aktion. Nachdem die Forderung nach Freilassung der Stammheimer sinnlos geworden ist, wird Schleyer auf einstimmigen Beschluss sämtlicher Kommandomitglieder kurz darauf per Genickschuss getötet und den Fahndern überlassen.

Woran Boock sich am intensivsten erinnert, sind die Nächte mit Schleyer. Denn nachts diskutierten die Entführer mit Schleyer - über den Kapitalismus, die Ziele der RAF und die Machenschaften der deutschen Großkonzerne.

Von diesen Gesprächen ging eine Faszination aus, der sich auch jene unter uns kaum entziehen konnten, für die der Gefangene anfangs nur die Inkarnation alles Bösen war. Er zwang uns durch seine Antworten mit jedem Tag mehr, von unseren Vorstellungen und Vorurteilen Abschied zu nehmen, auch wenn wir das unter uns nicht zugeben konnten. Wer sich an den linken Politjargon der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts und seine stereotypen Denk- und Argumentationsmuster erinnert, wird diesen rückblickend - wie ich - intellektuell und sprachlich schwer erträglich bis peinlich finden.

Außerdem entlarvt Schleyer die Widersprüche in der Argumentation der RAF und vermutet folgerichtig, dass die RAF keinen Plan für die Zeit nach der "Befreiung" der Bundesrepublik hat.

Dass sich jemand wie Boock als Autor betätigt, passt nicht jedem in den Kram. Horst Herold zum Beispiel, von 1971 bis 1981 Chef des BKA und seinerzeit Oberverfolger der RAF, grämt sich über die Bücher, die entlassene Ex-Terroristen schreiben, weil so

die Interpretationshoheit den Tätern überlassen bleibt. Er selber aber will nicht mehr schreiben, kann nicht mehr, will Ruhe haben und will sie doch nicht. Es ist nicht nur die Angst vor quälender Erinnerung, die ihn jetzt am Schreiben seines großen Werks über den Terrorismus hindert. Es ist auch die Perfektionssucht und das Gefühl, dass er seinen Ansprüchen als alter Mann vielleicht nicht mehr genügt.

So beschreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung das Dilemma jenes Mannes, der die Rasterfahndung nach Deutschland brachte und sich gerne mal als "der letzte Gefangene der RAF" bezeichnet.

Schließlich wohnt er bis zum heutigen Tage in einer "Fertighausfestung" hinter den Mauern einer Grenzschutzkaserne in Oberbayern und würde es wohl nicht mal im Traum wagen, wie Boock auf einem roten Sofa auf der Frankfurter Buchmesse Platz zu nehmen ohne massive Schutzmaßnahmen. Insofern muss man Boock und dem Eichborn Verlag zutiefst dankbar sein, dass zumindest auf der Messe nichts mehr zu spüren war von der unerträglichen Paranoia der Bleiernen Zeit.

Peter-Jürgen Boock Die Entführung und Ermordung des Hanns Martin Schleyer Eine dokumentarische Fiktion von Peter-Jürgen Boock 176 Seiten Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 2002 ISBN 3821839767 Preis € 19,90 / SFr 36

(Katja Schmid)

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