Intelligenz heißt Ausblendung von "unwichtigen" Informationen

Menschen mit hohem IQ unterdrücken automatisch visuelle Daten

Intelligenz heißt vermutlich, Informationen gut und schnell verarbeiten zu können. Dabei ist nicht nur entscheidend, die wichtigen Informationen aus der Datenflut herausholen zu können, sondern auch die Kehrseite davon: unwichtige Informationen auszublenden oder zu zensieren.

Einen Beleg für die intelligente Informationsausblendung und die Konzentration aufs Wesentliche haben nun Wissenschaftler der University of Rochester gefunden. Menschen mit einem hohen IQ verarbeiten sensorische Informationen anders als Menschen mit normalem IQ, berichten sie in der Zeitschrift Current Biology.

Das Experiment war ganz einfach. Die Versuchspersonen sollten einfach bestimmen, ob sich ein kleiner oder großer schwarzer Kreis, der blitzschnell sichtbar ist, auf einem Computerbildschirm nach rechts oder links bewegt. Gemessen wurde, wie lange das Video laufen musste, bis die Versuchspersonen die Richtung bestimmen konnten. Jeweils 15 Versuchspersonen haben an den den beiden Tests mit sich bewegenden kleinen und großen Objekten teilgenommen und haben, trotz der geringen Zahl, nach den Autoren signifikante Ergebnisse geliefert Menschen mit einem hohen IQ können schnell die Richtung von kleinen Objekten erkennen, aber sie sind unverhältnismäßig schlechter gegenübere Menschen mit niedrigerem IQ, wenn die Größe zunimmt. Sie können unwichtige Informationen ausblenden, also sich bewegende große Objekte und Hintergrundinformationen, die angeblich weniger relevant sind, und schnell wichtige Informationen verarbeiten, so die Autoren. Die Menschen mit einem hohen IQ haben mithin keine bessere visuelle Wahrnehmung, sondern sie unterscheiden automatisch oder unbewusst besser zwischen wichtigen und unwichtigen sensorischen Informationen bzw. sie blenden stärker aus, was direkt vor ihnen geschieht.

Warum große Objekte unwichtiger oder ablenkender sein sollen, klären die Autoren nicht wirklich. Mag ja sein, dass sie eher dem Hintergrund zugehören, allerdings wäre ein heranrasender Lastwagen deutlich gefährlicher als eine Wespe. Die Autoren sagen, dass die Unterdrückung von Hintergrundinformationen in der visuellen Wahrnehmung bereits in den bewegungsselektiven Neuronen vorhanden ist, die zwischen Zentrum und Peripherie unterscheiden.

Interessant bleibt jedoch die Interpretation, dass Intelligenz weniger auf Aufmerksamkeit, denn auf Ausblendung beruht. Besteht Intelligenz, zumindest diejenige, die in IQ-Tests gemessen wird, in einer Ausblendung der Vielfältigkeit der Welt? Diese Komplexitätsreduktion mag durchaus in manchen Hinsichten schnellere Lösungen ermöglichen, aber das stellt auch die IQ-Messung in Frage. Ist dümmer, wer die Tiefe der Welt und den Hintergrund der Dinge wahrnimmt und erkennt? Und ist effizienter, wer weniger wahrnimmt?

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