Interessengeleitetes Schreiben: EEG, das Gehirn und Depressionen

Bild: Chris Hope/CC BY-2.0

Wieder einmal wird der Öffentlichkeit über psychische Störungen ein Bär aufgebunden

Im Newsticker des Informationsdienstes Wissenschaft (idw) erschien am 28. Mai eine Pressemitteilung über eine Studie amerikanischer Forscher zur medikamentösen Behandlung von Depressionen. Untersuchungen des Gehirns mit der Elektroenzephalographie (EEG) würden Hinweise darauf liefern, ob Antidepressiva bei einem Patienten helfen: "Depression: EEG liefert Hinweise, ob Medikamente richtig anschlagen."

Im Fokus der Forscher waren dabei die langsam Theta-Wellen (4-7 Hz) in einem Teilbereich des Gyrus cinguli. Das ist ein Ort im limbischen System, der in verschiedenen Studien mit Depressionen in Zusammenhang gebracht wurde.

Da Antidepressiva im Allgemeinen, je nachdem, wessen Standpunkt man einnimmt, kaum bis gar nicht helfen ("Größtenteils nutzlos und potenziell schädlich", "Bei rund 90% wirken Antidepressiva nicht besser als Placebo"), wäre es sehr nützlich, den Erfolg der medikamentösen Behandlung vorherzusagen. Dann müssten zum Beispiel diejenigen, denen die Mittel sowieso nicht helfen, keine Nebenwirkungen in Kauf nehmen.

Ungereimtheiten

Bei der Pressemitteilung fielen mir schnell einige Merkwürdigkeiten auf: Erstens heißt es gleich am Anfang: "Antidepressiva sind das Mittel der Wahl" - gemeint ist: zur Behandlung von Depressionen. Das widerspricht aber schon den offiziellen Richtlinien. Diese sehen nämlich sowohl Psychotherapie als auch eine medikamentöse Therapie zur Behandlung der Störung vor.

Nur wenige Zeilen später wird deutlich, dass sich hier die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) dazu berufen fühlt, auf die neue EEG-Studie hinzuweisen. Es sind also eher Neurologen am Werk, die sich beruflich weniger mit depressiven Störungen beschäftigen. Laut Selbstdarstellung der Gesellschaft geht es ihren Ärzten und Wissenschaftlern um Verbesserungen von "Diagnose und Therapie neurologischer Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Migräne, Epilepsie, Schlaganfall oder Multiple Sklerose."

Werbung für amerikanische Forscher

Für diese Gesellschaft schreibt nun die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. die Pressemitteilung. Eben diese Menschen, die nichts davon wissen, dass Depressionen auch mit anderen als medikamentösen Mitteln behandelt werden.

Auffällig ist weiterhin, dass keiner der Forscher der Studie, die kürzlich in JAMA Psychiatry erschien, mit einer Forschungsinstitution im deutschsprachigen Raum verbunden ist. Das ist bei den Pressemitteilungen des Informationsdienstes Wissenschaft eher unüblich.

Verstehen könnte man das, wenn es sich bei der Studie um einen echten Durchbruch handelte. Denn dann sollte man ja auch die deutschsprachige Öffentlichkeit darüber informieren, dass der Erfolg einer Behandlung mit Antidepressiva nun anhand von Gehirnaktivität vorhergesagt werden kann.

Faktenfehler

Als kritischer Leser stolpert man als Nächstes über die Zusammenfassung der Studie: "296 Patienten aus vier US-Kliniken, die an einer schweren Depression litten, nahmen an der Untersuchung teil und erhielten entweder ein Antidepressivum in Form eines Serotonin-Wiederaufnahmehemmers (SSRI) oder ein Placebo. Zu Beginn der Therapie und eine Woche später wurde ein EEG durchgeführt."

Wer selbst in der Studie nachliest, der findet dort den Hinweis, dass Patienten mit einer "moderate depression", also einer eher mäßigen depressiven Störung, untersucht wurden. Das gibt schon den zweiten Faktenfehler, zusammen mit der Sache mit der Psychotherapie.

Interessenkonflikte

Wichtig wäre auch ein Hinweis auf die umfangreichen finanziellen Interessenkonflikte der Forscher gewesen: Die Zusammenfassung der Verbindungen mit der pharmazeutischen Industrie füllen mit 871 Wörtern mehr als 1,5 dicht bedruckte Seiten eines Word-Dokuments.1 So eine lange Liste habe ich vorher noch nicht gesehen.

In der Pressemitteilung hebt neben dem heutigen Pressesprecher der DGKN, Professor Dr. Stefan Knecht, Chefarzt der neurologischen Klinik der St. Mauritius Therapieklinik in Meerbusch, noch deren ehemaliger Präsident, Professor Dr. Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig, die Bedeutung der Studie für die Patienten hervor. Hegerl ist zugleich Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und bereits in der Vergangenheit mit fragwürdigen Aussagen über Depressionen aufgefallen (Mehr über Ursachen von Depressionen).

Eher bescheidener Effekt

Zu der Studie schreibt nun der Verein für die Gesellschaft: "Wurde in diesem Bereich [des Gehirns] … eine höhere Aktivität in Form von Thetawellen gemessen, sprachen die Patienten besser auf die Behandlung an. Dies könnte ein wichtiger Hinweis auf den Therapieerfolg sein."

Das ist zwar nicht falsch, doch um sein Publikum richtig zu informieren, sollte man dabei auch erwähnen, dass der gemessene Effekt - ebenso wie die Depressionen der untersuchten Personen - doch eher moderat war: Nur 8,5% der Unterschiede in den Symptomen ließen sich durch die EEG-Messung erklären. So hatten die Patienten mit niedriger Theta-Aktivierung nach acht Wochen einen Depressionswert von knapp 10, die mit durchschnittlicher Aktivierung 8 und die mit höherer Aktivierung ca. 7.

Ein sehr ähnlicher Treppeneffekt zeigt sich interessanterweise aber auch für die Patienten, die ein Placebo erhielten: Diese hatten bei niedriger Theta-Aktivierung nach acht Wochen einen Depressionswert von knapp 12, die mit durchschnittlicher Aktivierung 10 und die mit höherer Aktivierung etwas über 8. Das spricht gegen einen spezifischen Zusammenhang zwischen dem Antidepressivum und der Gehirnaktivierung - und widerspricht somit der Logik der Pressemitteilung. Wird das nicht erwähnt, weil das kein gutes Marketing für das Medikament wäre?

Ausschluss von Patienten

Ein wichtiger Hinweis wäre auch gewesen, dass die untersuchten Patientinnen und Patienten gar nicht repräsentativ waren: So wurden nur Personen untersucht, deren Depressionen bereits vor dem Alter von 30 Jahren begannen - warum gerade diese Grenze, das wird in der Studie nicht erklärt - und entweder lange dauerten, nämlich mindestens zwei Jahre, oder wiederholt auftraten.

Wer sich die Mühe macht, in den erweiterten Methoden nachzuschlagen, der findet dort noch die folgenden Ausschlusskriterien: 1) Frauen, die schwanger waren, ein Kind stillten oder keine hormonelle Verhütungsmittel nahmen; Hinweis des Autors: die eignen sich wegen der natürlichen hormonellen Schwankung im weiblichen Zyklus schlechter für wissenschaftliche Studien. 2) Menschen, die schon einmal Psychosen hatten oder eine bipolare - sogenannte manisch-depressive - Störung.

3) Menschen mit einer Substanzabhängigkeit innerhalb der letzten sechs Monate oder die innerhalb der letzten zwei Monate Substanzen missbraucht haben; das schließt wohl auch schon einen Alkoholrausch ein. 4) Menschen mit einer instabilen psychiatrischen oder medizinischen Lage, für die ein Krankenhausaufenthalt nötig ist.

5) Menschen, bei denen eine Kontraindikation für die Gabe des Antidepressivums vorliegt; das ist freilich eine ethische Voraussetzung für die Teilnahme an der Studie. 6) Menschen mit klinisch relevanten Abweichungen ihrer Laborwerte. 7) Menschen, die schon einmal einen epileptischen Anfall hatten oder an einer Störung leiden, für die krampflösende Medikamente verschrieben werden.

8) Menschen, deren gegenwärtige Depression schon einmal mit Elektroschocks, Vagusnervstimulation, Magnetstimulation oder anderen körperlichen Therapien behandelt wurde. 9) Menschen, die andere Medikamente nehmen, beispielsweise Antipsychotika oder Mittel zur Stabilisierung des Gemüts.

10) Menschen, die eine Psychotherapie machen. 11) Menschen, die ein ernsthaftes Suizidrisiko haben; immerhin haben wir es hier mit depressiven Patienten zu tun. 12) Menschen, deren gegenwärtige Depression sich nicht durch Antidepressiva verbesserte.

Mangelnde Repräsentativität

Man mag sich fragen, für welche Personengruppe die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der neuen Studie dann eigentlich noch repräsentativ ist? Die typischen Patienten, die wegen depressiver Störungen beim Psychologen oder Psychiater Hilfe suchen, sind es aber mit Sicherheit nicht.

Damit ist der Zusammenhang mit der Theta-Aktivierung im Gehirn für die Durchschnittspatienten, denen Antidepressiva verschrieben werden, gerade nicht hergestellt. Um die soll es laut der Studie und Pressemitteilung aber doch gehen. Davon abgesehen scheint der (moderate) statistische Effekt nicht so viel zu herzugeben, wenn so viele Kunstgriffe nötig sind, um ihn zu finden - oder vielleicht wäre hier gar "produzieren" ein treffenderes Wort.

Kritische Wissenschaftler wie Michael Hengartner haben bereits drauf hingewiesen, dass ein Großteil der Untersuchungen über die Wirkung von Antidepressiva überhaupt nicht repräsentativ ist ("Größtenteils nutzlos und potenziell schädlich"). Das ist ein großes Problem für die klinische Praxis. Schließlich wollen die Psychiater und anderen Ärzte, die die Medikamente verschreiben, ja deren Wirkungschancen in der Gruppe echter Patienten wissen.

Falsche Erwartungen?

Für Berichte von Umfrageergebnissen schreibt der deutsche Pressekodex vor, dass die Repräsentativität thematisiert werden muss (Richtlinie 2.1). Es wäre sinnvoll, das auch auf wissenschaftliche Studien über klinische Behandlungen auszuweiten. Denn die Medizin-Berichterstattung soll vermeiden, unbegründete Hoffnungen beim Leser zu erwecken (Ziffer 14).

Ein depressiver Patient, der die hier analysierte Pressemitteilung liest, denkt wahrscheinlich, dass eine Untersuchung seines Gehirns die Erfolgschancen einer Behandlung mit Antidepressiva vorhersagen kann. Das ist aufgrund der genannten Einschränkungen aber äußerst unwahrscheinlich.

Die Moral von der Geschicht'

Was ist also das Fazit der ganzen Sache? Der Titel der Pressemitteilung "Depression: EEG liefert Hinweise, ob Medikamente richtig anschlagen" würde korrekter lauten: Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften schreibt für die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung eine Pressemitteilung über eine Studie amerikanischer Autoren mit einer schwindelerregend langen Liste finanzieller Verstrickungen mit der pharmazeutischen Industrie, gespickt mit Faktenfehlern und ethisch zumindest fragwürdigen Auslassungen, die einen eher moderaten Zusammenhang zwischen Gehirnaktivität und depressiven Symptomen nahelegt, der nicht wirklich spezifisch für Antidepressiva ist und auch nur in einer Personengruppe gefunden wurde, die echten Patienten allenfalls entfernt ähnelt.

Das wäre doch auch einmal eine Pressemitteilung wert.

Hinweis: Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)

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