Intermezzo: Bildung und Individualismus

Bild: Gerd Altmann / Pixabay

Oder: Wie wir uns Tag für Tag selbst an der Nase herumführen

Bildung. Ein großes Wort. Oft wird sie gefordert. Wir haben Bildungspolitiker, Bildungsaufträge, etwas altmodisch anmutend auch Bildungsanstalten, so wie es früher einmal Badeanstalten gab. Aber was heißt Bildung? Wofür brauchen wir sie?

Der eigentliche Wortsinn fiel mir erst auf, nachdem ich merkte, dass im Niederländischen für "Bildung" das Wort "vorming" (Formung) verwendet wird, etwa in der Form: "academische vorming", die meine Kolleginnen und Kollegen mitunter fordern, also akademische Bildung.

Nun ist aber in Diskussionen "academische vorming" hier in aller Regel so unbestimmt, dass viele Niederländer auf das deutsche Wort "Bildung" ausweichen. Es steht sogar im Wörterbuch und wird dort als "algemene ontwikkeling" (allgemeine Entwicklung) erklärt. Das ist für die drei dicken Bände des Grote van Dale, vergleichbar mit unserem Duden, doch eher dünn. Gerade dann, wenn man bedenkt, dass gebildete Menschen dieses Wörterbuch zusammenstellten.

Also dann doch wieder zurück zur Muttersprache. Vom Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm hätte ich mir jedenfalls mehr erwartet, waren das doch gestandene Sprach- und Literaturwissenschaftler sowie Juristen und übrigens auch zwei der Göttinger Sieben, Professoren also, die sich für die Freiheit der Universität gegen den neuen König stellten, dabei vom Rest der Bildungseinrichtung im Stich gelassen und schließlich vom König verbannt wurden.

Selbst ihr Wörterbuch erklärt Bildung eher im Sinne von Formung, wie etwas gebildet ist, beispielsweise ein Kunstwerk, aber auch ein Menschen- oder Tierkörper. Unser heutiger Duden ist auch nicht viel ergiebiger, sieht darin in Anlehnung an das Bilden schlicht Erziehung oder erworbenes Allgemeinwissen.

"Mehr als nur Wissen"

Für ein Wort, das die Nabe so vieler Diskussionen, vielleicht sogar unserer ganzen Kultur ist, ist das alles erstaunlich vage. In der Dezemberausgabe der Psychologie-Zeitschrift Gehirn&Geist erklärte dann aber der Bildungsforscher David Kergel von der Hochschule Niederrhein in Krefeld, dass Bildung "mehr als nur Wissen" sei.

Er greift darin auf keinen Geringeren als Meister Eckhart (ca. 1260-1328) zurück, den großen Mystiker unserer Kultur. Für den bedeutete Bildung, "sich selbst nach dem Ebenbild Gottes zu formen". Dabei dachte der Mystiker aber nicht daran, sich als Schäfchen in der Kirche berieseln zu lassen, sondern die Begegnung mit Gott selbst zu suchen. Für solche aufrührerischen Ideen wollte man ihm den Prozess machen, bloß konnte man ihn nicht dingfest machen. Es hatte auch seine Vorteile, im 14. Jahrhundert zu leben.

Und dann ist da natürlich der preußische Bildungsvater Wilhelm von Humboldt (1767-1835) mit seiner humanistischen Bildung zur Entwicklung der Persönlichkeit: Die Bildung wird dem Menschen eben nicht aufgrund äußerer Zwecke auferlegt, sondern soll ihm schließlich die Selbstbestimmung, man könnte wohl auch sagen: Selbst-Formung, ermöglichen.

Kergel widerspricht sich aber doch etwas, wenn er nämlich feststellt: "So wenig Bildung bloße Ausbildung ist, so wenig darf man sie mit Erziehung verwechseln, jenes 'Einpassen' in die Gesellschaft." Aber an anderer Stelle schreibt:

"Natürlich muss sich der Inhalt von Bildung immer auch an den Erfordernissen der jeweiligen Zeit orientieren. Technisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse und Fähigkeiten sowie Knowhow im Umgang mit digitalen Medien sind heute nicht umsonst ein wichtiger Bestandteil des Lehrplans.

David Kergel, Gehirn&Geist 12/2018, S. 14

Also doch An- beziehungsweise Einpassung? Und wie viel Bildung ist heute noch in Lehrplänen enthalten, wenn der Bildungsforscher darüber schreibt:

Griechisch und vielfach auch Latein sind aus dem Unterricht der meisten Schulen verschwunden, stattdessen rückten die MINT-Fächer ins Zentrum des Interesses. Auch der Unterricht in Kunst, Musik und schöner Literatur gilt häufig als weniger wichtig, Sport nur als Regeneration für müde Lernende.

David Kergel, Gehirn&Geist 12/2018, S. 14

Und warum wird wohl alles diesen MINT-Fächern untergeordnet, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, wenn nicht, weil diese für den Wirtschaftsstandort wichtig sind? Oder weil diese eben in den PISA-Studien (Kritik an PISA-Studien: "teilweise fehlerhafte Daten und gewagte Schlussfolgerungen") eine große Rolle spielen? Den Studien also, die die OECD, die Institution zur Förderung der Wirtschaft, in einem geschickten Coup den meisten Gesellschaften oktroyiert hat.

Hat vielleicht die Politik eine Antwort auf die Frage, was Bildung ist? Dafür habe ich ein Beispiel aus den Niederlanden: Dort gab es schon 1806 einen Gesetzesparagraphen, der Bildungseinrichtung zur Förderung der persönlichen Entwicklung und des gesellschaftlichen Verantwortungsgefühls verpflichtete. Das dürfte damals vor allem bedeutet haben, Menschen zu guten Christen zu erziehen.

Im heutigen Gesetz für die Hochschulen findet sich immerhin Artikel 1.3, in dessen fünften Absatz es heißt: "Die Universitäten, … Hochschulen und die Offene Universität schenken auch der persönlichen Entfaltung und der Förderung des persönlichen Verantwortungsgefühls Aufmerksamkeit." Wobei das mit dem "heutigen Gesetz" nicht ganz stimmt. Dies war die Version vom 1. September 2010. Seit 1. Februar 2018 ist dieser Teil vorübergehend außer Kraft gesetzt.

In der in Zukunft in Kraft tretenden Fassung des Artikel 1.3 wird ausgeführt, was es mit dem "persönlichen Verantwortungsgefühl" auf sich hat: "Die Förderung des persönlichen Verantwortungsgefühls beinhaltet zumindest, dass die Bildungseinrichtungen, einschließlich ihrer Repräsentanten, sich diskriminierender Verhaltensweisen und Äußerungen enthalten." Aha. Dadurch, dass Menschen etwas nicht tun, fördern sie das Verantwortungsgefühl der Studierenden?!

Aufschlussreicher als der Gesetzestext sind in der Regel aber die Gesetzesbegründungen. Und in dem immerhin mehr als 300-seitigen Begründungstext aus dem Jahr 2006 heißt es, dass den Verpflichtungen aus Artikel 1.3 zumindest auch im Unterricht nachgekommen werden muss. Denn, jetzt kommt es: "Die Studenten müssen die Möglichkeit bekommen, sich so zu entwickeln, dass sie nach dem Abschluss ihrer Ausbildung für den Arbeitsmarkt bereit sind" (S. 315).

Der letzte Teil lautet im niederländischen Original: "klaar zijn voor de arbeidsmarkt." "Klaar zijn" könnte man auch mit "fertig" oder "fertiggestellt zijn" übersetzen. Das Bild, das dabei bei mir aufkommt, ist das von Sardinen in der Büchse, die fertig zum Verzehr ausgeliefert werden. Essensklar abgefertigt. Guten Appetit!

Sind die ewigen Diskussionen über Bildung mehr als nur ein Feigenblatt für das dahinschwindende Bildungsbürgertum? Gehirn&Geist ergänzt seinen Schwerpunkt zum Thema Bildung mit Statistiken, dass Gebildete weniger rauchen, mehr Sport treiben, sich gesünder ernähren, also insgesamt gesünder sind. Auch seien sie mit dem Leben zufriedener und würden sie sich häufiger ehrenamtlich engagieren.

In dem anschließenden Interview mit dem Wiener Philosophieprofessor Konrad Liessmann wird immerhin Tacheles geredet, etwas Klartext gesprochen:

Bildung heißt auch, nicht alles für bare Münze zu nehmen, sondern die dahinterstehenden Interessen zu erkennen und zu berücksichtigen. Werbung beispielsweise oder die medialen Inszenierungen von Politik produzieren viele Klischees, Mythen, ja blanke Lügen. Gebildet zu sein bedeutet, diesen Dingen gegenüber wach und aufmerksam zu sein.

Konrad P. Liessmann, Gehirn&Geist 12/2018, S. 15

Damit sehen wir auch den ganzen Haken an der Sache: Unsere heutige Gesellschaft braucht für ihr ökonomisch-ideologisches Rückgrat vor allem Menschen, die ökonomisch, am Arbeitsplatz, in der Familie und in der Schule funktionieren. Alles ist vom Pragmatismus beherrscht, der eigentlich blanker Opportunismus ist. Bildung und damit kritisches Nachfragen steht dem nur im Wege.

Eine gebildete Gesellschaft hätte sich den PISA-Bären erst gar nicht aufbinden lassen. Warum hätte sie sich sonst von einer Wirtschaftsinstitution ohne jegliches demokratische Mandat diktieren lassen, wie sie ihr Bildungssystem ausgestalten muss? Unsere "vierte Gewalt", die Presse, hat uns auch nicht davor bewahrt, sondern im Gegenteil den PISA-Schock erst herbeigeschrieben, frei nach dem Motto: Vielleicht ist es Bullshit, was da gemessen wird, aber immerhin ist es gemessen; und wie können wir großen Deutschen dann so niedrig auf der Rangliste stehen?! Daraus spricht der Geist des New Public Management im Sinne Reagans und Thatchers.

Was könnte Bildung sein?

Dennoch sagt man, alles drehe sich ums Individuum. Das möge man ja einmal probieren, mit seinen ganz eigenen Werten und Vorstellungen zu leben - und damit bei anderen anzuecken. Die werden das wohl eher nicht als Ausdruck von Freiheit willkommen heißen, sondern vielmehr als störende Extrawurst geißeln. "Individualismus" heißt bei uns heute, sich mit dem Erwerb von Konsumgütern einschließlich Nahrung und Reisen so zu inszenieren, dass alle sehen, dass man zum wohlhabenden Teil der Gesellschaft gehört.

Wären wir wirklich gebildet, dann wüssten wir mit den antiken Philosophen, dass Konsum und Besitz unserem Leben keinen höheren Sinn verleihen. Dann würden wir auch nicht so viel für den Erwerb von Statussymbolen arbeiten. Dann würden wir auch nicht einfach so hinnehmen, dass in dieser Gesellschaft das Prinzip "Arbeit muss sich lohnen" durch Steuerschlupflöcher und ein sozial ungerechtes Erbrecht krass verzerrt wird: Wer hat, dem wird gegeben.

Dennoch wundern sich unsere Intellektuellen beziehungsweise diejenigen, die sich in den Medien als solche inszenieren, über die Verführbarkeit des "Volks", dass Menschen massenweise Populisten hinterherlaufen und in den USA sogar ein Trump an der Macht ist. Das Problem ist aber hausgemacht: Denn unabhängig von der Frage, ob etwa ein Putin oder dessen Handlanger Wahlen manipuliert haben (Philosophischer Schnellschuss zu Wahlmanipulationen), mussten die Bürgerinnen und Bürger für solche Manipulationen erst einmal anfällig sein.

Ein demokratischer Rechtsstaat lebt nicht vom Herdendenken. Wie oft haben wir in der Geschichte schon miterlebt, wie schnell die Herde einem Wolf im Schafspelz hinterherläuft? Eine echte Demokratie lebt nicht nur von der Freiheit, sondern vor allem auch von der tatsächlichen wie wirklichen Präsenz der anderen Meinung. Und nur mit genügend Hintergrundwissen und Analysefähigkeiten kann man der Meinung, den Argumenten, schließlich den Dingen selbst auf den Grund gehen.

Wie schön diese Suche sein kann, hat in jüngerer Zeit niemand so gelungen ausformuliert wie der italienische Literaturprofessor Nuccio Ordine in seinem Buch "Von der Nützlichkeit des Unnützen: Warum Philosophie und Literatur lebenswichtig sind." Er zitiert gegen Ende erst unseren guten alten Lessing:

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.

G. E. Lessing, "Eine Duplik", 1778

Woraufhin Ordine ergänzt:

Diese Worte Lessings wie auch der anderen Autoren, die wir davor gelesen haben, haben die Kraft, etwas in uns in Schwingung zu versetzen und zu bezeugen, als was für ein höchste nützliches Instrument sich die angebliche Nutzlosigkeit der Klassiker ganz im Gegenteil erweisen kann, um uns und zukünftige Generationen - alle Menschen, die bereit sind, sich entflammen zu lassen - daran zu erinnern, dass Besitz und Profit töten, während die von jeder Art von Utilitarismus losgelöste Suche die Menschheit freier machen kann, toleranter und menschlicher.

Nuccio Ordine, 2014, S. 207

Solange wir Schule, Studium, Arbeit, ja das ganze Leben den Nützlichkeitserwägungen, also dem Utilitarismus im wahrsten Sinne des Worts, unterordnen, wird sich nichts daran ändern: Dass wir Liebe predigen aber Hass säen; dass wir ein Lied vom Frieden singen, aber Kriege abnicken; dass wir die Menschenrechte beschwören, aber Folter in schöne Worte kleiden; dass wir unseren Müll trennen, aber unsere Natur vernichten.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)

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