"Internationalisierung des Yuan"

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Die Chinesen fürchten eine Dollar-Inflation

Um wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise entgegenzuwirken, hat die amerikanische Federal Reserve Bank ihre Bilanzsumme alleine seit Mitte März um 2,9 Billionen Dollar ausgeweitet. Sie kommen zu etwa acht Billionen Dollar hinzu, die die FED in den Jahren nach der Finanzkrise 2008 virtuell gedruckt hat. Bislang führte das noch nicht zu einer größeren Inflation, weil Löhne und Preise nicht im selben Umfang stiegen. Chinesische Staatsmanager wie Fang Xinghai, der stellvertretende Chef der chinesischen Wertpapierregulierungsbehörde CSRC, und Guo Shuqing, der Vorsitzende der Bankenaufsicht CBRC, glauben jedoch, dass das nicht unbegrenzt lange so bleiben wird.

Beide befürchten auch, dass eine Dollar-Inflation nicht nur negative Auswirkungen für US-Bürger, sondern auch auf China haben könnte. Nicht nur wegen der Investitionen in amerikanische Staatsanleihen (deren Volumen die Volksrepublik 2019 um etwa 60 Milliarden verringerte und die sie schwer schneller abbauen kann, ohne größere Verwerfungen zu riskieren), sondern auch wegen der derzeitigen Architektur des Weltfinanzsystems. Sie setzen deshalb auf eine "Internationalisierung des Yuan".

CIPS vs. CHIPS

Um sie zu fördern, rief China bereits 2015 das "Cross-Border Interbank Payment System" CIPS ins Leben - eine Alternative zum "Clearing House Interbank Payment System" (CHIPS) der Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT). Diese 1973 gegründete Organisation regelt den internationalen Zahlungsverkehr - und zwar in Dollar. CIPS dagegen läuft mit Yuan.

Bislang ist das chinesische System allerdings noch nicht ganz unabhängig von SWIFT, sondern nutzt dessen Kommunikationskanäle. Die werden der Ansicht des China-Securities-Chefökonomen Zhang Anyuan nach aber bald überholt sein - auch wegen der zunehmenden Bedeutung von Kryptowährungen. Sein Nachfolger muss Zhang zufolge dem Yuan deutlich mehr Bedeutung zumessen, als SWIFT das derzeit tut.

Damit bezieht er sich auch auf den Vorstand der Organisation, in dem die USA aus historischen Gründen die meisten Sitze einnehmen. Deshalb können sie die Organisation auch für politische Ziele nutzen, indem sie dort eine Abkoppelung von Ländern durchsetzen oder zumindest damit drohen. Russland hat wegen solcher Drohungen nach der Krim-Krise das die SWIFT-Alternative SPFS ins Leben gerufen, die sich im letzten Jahr dem chinesischen CIPS anschloss.

Den Chinesen haben die Amerikaner bislang noch nicht so direkt mit einer Abkoppelung von SWIFT gedroht wie den Russen - aber ein im Juni von der Republican Studies Committee's Task Force on National Security and Foreign Affairs veröffentlichtes Papier mit dem Titel Strengthening America & Countering Global Threats nennt die Maßnahme explizit als legitimes außenpolitisches Instrument.

Langsamer Bedeutungsverlust

Nicht nur chinesische Staatsmanager, sondern auch amerikanische Analysten wie Stephen Roach kamen in letzter Zeit zum Ergebnis, dass sich Valery Giscard d’Estaings Prophezeiung, die Zeit des Dollars als Reservewährung der Welt gehe vorbei, nach fast 60 Jahren doch noch erfüllen könnte. In einem Aufsatz für das Wirtschaftsnachrichtenportal Bloomberg hält es der Yale-Wirtschaftswissenschaftler für möglich, dass das im Zuge der Coronakrise auf ein Rekordhoch von 117,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegene amerikanische Haushaltsdefizit in Verbindung mit einer extrem niedrigen Sparquote der amerikanischen Privathaushalte im internationalen Vergleich zu einem Wertverlust von einem guten Drittel innerhalb der nächsten zwei Jahren führen könnte.

Bislang ging der Abschied des Dollars als Leitwährung eher langsam vor sich: In den letzten 20 Jahren verlor er zwar Anteile - aber nur gut acht Punkte von über 70 auf knapp 62 Prozent. Das hat auch mit den Krisen in dieser Zeit zu tun, in denen sich Investoren immer wieder an die alte Faustregel hielten, dass der "Greenback" in solchen Zeiten im Kurs steigt.

Gewinner des graduellen Dollar-Bedeutungsverlust war entgegen der Träume von EU-Politikern nicht nur der Euro (dessen Menge die EZB ebenfalls kräftig erhöhte und dessen Anteil sich in den letzten 15 Jahren von 28 auf etwa 20 Prozent verringerte), sondern auch der Yuan und "Rohstoffwährungen" wie der australische Dollar. Die (inzwischen nicht mehr ganz so neuen) Kryptowährungen schwanken dagegen immer noch erheblich im Kurs, was sie trotz ihrer teilweise eingebauten Inflationssicherheit nur sehr bedingt als sichere Häfen in Krisenzeiten erscheinen lässt. (Peter Mühlbauer)