"Internetpartnerbörsen sind Bourdieumaschinen"

Grafik: TP

Michael Hirsch über die romantische Liebe und die neulinke Identitätspolitik aus der Sicht der Soziologie von Pierre Bourdieu

Nach der Theorie von Pierre Bourdieu erfahren objektive Herrschaftsverhältnisse dann den letzten Schliff, wenn sie von den Menschen versubjektiviert, verdichtet und verabsolutiert werden, so dass sich die Menschen gar nichts mehr anderes als die gegebene gesellschaftliche Situation vorstellen können und ihre Repression als Schicksal hinnehmen, als Freiheit begreifen oder gar als Lust empfinden. Die zentrale Vermittlungsinstanz für diesen Subjektivierungsprozess ist der Staat. Telepolis sprach mit Michael Hirsch, der zusammen mit Rüdiger Voigt den Band Symbolische Gewalt - Politik, Macht und Staat bei Pierre Bourdieu herausgegeben hat.

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Herr Hirsch, Sie vertreten die These, dass in Liebesbeziehungen am Ende stets die Klassenzugehörigkeit der amourös Verwickelten den Ausschlag gibt. Mag es zwischen den Klassen anfangs sauber flunzen, on the long run macht sich stets die Stellung in der jeweiligen Klasse entscheidend bemerkbar. Dauerhafte Mesalliancen sind auf Dauer eher selten. Was hat dieser Sachverhalt mit der Theorie von Pierre Bourdieu zu tun?
Michael Hirsch: Bourdieus soziologische Untersuchungen behandelten immer wieder Heiratsstrategien als Teil des allgemeinen Problems der Reproduktion der bestehenden Gesellschaftsordnung, das heißt: der Reproduktion ihrer Ungleichheitsverhältnisse. Von Verwandten oder Freunden arrangierte Ehen tendieren (ganz genauso wie moderne Partnervermittlungen) dazu, Liebe und Familienbildung streng auf Beziehungen innerhalb von Klassen und bestimmten Milieus oder Klassenfraktionen zu beschränken. Das ist ein Erfahrungswert - sozusagen eine erfahrungsgesättigte Risikovermeidungsstrategie.
Trifft dieser Sachverhalt im Internet-Zeitalter immer noch zu?
Michael Hirsch: Oh ja. In gewisser Weise könnte man sogar sagen, dass die heutigen Internetpartnerbörsen Bourdieumaschinen sind: Der Algorithmus, der Einzelpersonen nach Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialer Klasse, Herkunftsfamilie, Bildungsstand, Einkommen, Vermögen und Freizeitverhalten unterscheidet, ist die praktische Variante der Bourdieuschen Sozialtheorie.
Paare, die aus unterschiedlichen Klassen oder Klassenfraktionen stammen, schleppen also ein nicht individuelles, sondern kollektives Problem mit sich?
Michael Hirsch: Ja, sie tragen ein allgemeines soziales Problem aus, das ihnen sozusagen individuell unterm heimischen Küchentisch explodiert. Persönliche Konflikte, die in Liebesbeziehungen ja an der Tagesordnung sind, bekommen dann schnell eine allgemeinere und damit heftigere Dimension. Dabei stehen dann die jeweiligen Herkunftsfamilien der beiden Partner exemplarisch für Gruppen in der Sozialstruktur und ihnen zugeschriebene (positiv oder negativ konnotierte) Merkmale. Stets geht es dabei um die Inszenierung sozialer Unterschiede: um Abgrenzungen von "oben" nach "unten" und umgekehrt.
Eine der Thesen Bourdieus in diesem Zusammenhang lautet, dass Geschmacks- und Stilfragen dabei eine zentrale Funktion übernehmen…
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Michael Hirsch: So ist es. Bourdieu hat dies in epischer Breite und mit massenhaft empirischem Material in dem Buch Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft untersucht. Er hat dabei eine Theorie der gesellschaftlichen Kapitalsorten entwickelt, in deren Zentrum die Unterscheidung von ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital steht. Die relative Dominanz des ökonomischen Kapitals in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wird in gewisser Weise überdeterminiert oder gebrochen durch die Bedeutung von kulturellem Kapital, das über Bildungssysteme und die kulturellen Institutionen der Gesellschaft vermittelt wird. Geschmack, humanistische Bildung und ästhetische Sensibilität spielen dabei eine herausragende Rolle. Zumeist sind sie ererbt. Kulturelles Kapital ‚bricht’ insofern die Übermacht von ökonomischem Kapital und seinem Machtpotential, als es einen Eigenwert darstellt: Auch und gerade in den herrschenden Klassen hat es eine symbolisch bedeutsame Funktion. Es symbolisiert zum Beispiel den "Abstand" von materiellen Werten, Interessen und Alltagssorgen, und verleiht damit seinem Besitzer gleichsam einen höheren Rang. - Vorausgesetzt natürlich, die übrige Gesellschaft erkennt den Wert dieses Kapitals an. Diese Frage, also die Frage nach dem jeweiligen Kurswert von gesellschaftlichen Kapitalsorten, ist der eigentliche Gegenstand gesellschaftlicher Machtauseinandersetzungen.
Beim Ringen um kulturelles Kapital handelt es sich also auch um eine Art Klassenkampf?
Michael Hirsch: In der Tat. Analog zum Klassenkampf, den Karl Marx zum Wesenskern des Kapitalismus erklärt, tobt Bourdieu zufolge ebenfalls ein permanenter Kampf der Klassen, der aber ihm zufolge zum einen mehr noch als bei Marx ein Kampf aller Einzelnen um ihre soziale Stellung ist, zum anderen ganz wesentlich auch die "Ökonomie der symbolischen Güter" betrifft: die Sprache, den Stil, den Geschmack, das Auftreten, den Habitus. Anders gesagt, die ökonomische Macht (die insbesondere eine Macht des Kapitals und des Patriarchats ist) herrscht nicht unvermittelt. Sie muss sich sublimieren, um anerkannt zu werden, sich verfeinern, sozusagen verweiblichen.
Trifft dieses Theorem nicht eher auf das gerade vergangene Modell der sogenannten Sozialen Marktwirtschaft zu als auf das aktuelle neoliberale Gesellschaftsmodell des Raubtierkapitalismus, der viel unsubtiler und brutaler auftritt?
Michael Hirsch: Auch im Neoliberalismus spielen bei der Reproduktion der Gesellschaft, die im wesentlichen über drei Institutionen, die Bildungs-, die Arbeitsmarkt- und die Heiratssysteme stattfindet, das kulturelle Kapital und die symbolischen Güter eine herausragende Rolle. Die hohen Scheidungsraten sind eine Symptom nicht nur von wachsender Emanzipation, und auch nicht nur von wachsendem Leistungsdruck, der die Einzelnen im Alltag zermürbt. Sie sind auch ein Ausdruck dafür, dass die soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft immer geringer wird, sich also die verschiedenen Milieus immer mehr segmentieren.
Diejenigen Ehen, oder unehelichen Partner- oder Familienverbände, die unter Missachtung der angeratenen Homologie der Herkunftsfamilien eingegangen werden, halten den verschiedenen Lebenskrisen (berufliche Schwierigkeiten, Kindererziehung, Altenbetreuung, Midlife-Crisis, und so weiter) nicht mehr so leicht stand wie früher. Irgendwann wird die fortgesetzte Kränkung des Mannes aus proletarischen Verhältnissen durch seine bourgeoise Frau (oder umgekehrt der proletarischen Frau durch ihren bourgeoisen Mann) eben unverzeihlich. Das betrifft dann natürlich auch genauso homosexuelle Paare. Bourdieu spricht im Zusammenhang mit diesen Fragen von der symbolischen Verdoppelung realer sozialer Positionswerte.
In den Schriften von Bourdieu wird immer wieder die "symbolischen Kräfteverhältnisse" bzw. die "symbolische Gewalt" oder "symbolische Macht" verhandelt. Was hat es damit auf sich?
Michael Hirsch: Im Rahmen von Bourdieus Theorie der sozialen Kapitalsorten nimmt das symbolische Kapital eine herausragende Rolle ein. Es hat eine Mittlerfunktion für den Austausch oder Umtausch verschiedener Kapitalsorten. Es ist sozusagen ein Anerkennungskapital: Es ist mit entscheidend für die Bestimmung des genauen Wertes der gesellschaftlichen Währungen (Geld und Vermögen, Bildung und Arbeitsmarktqualifikationen, soziale Beziehungen und Netzwerke, kulturelle Bildung und ästhetische Sensibilität, usw.). Die symbolische Gewalt ist gleichsam die Gewalt der Anerkennung. Bourdieus sagt: Nichts ist so ungerecht und so grausam verteilt wie die symbolische Macht, die letztlich Macht über die Rechtfertigung der Existenz ist. Der materielle Existenzkampf der Einzelnen wird also Bourdieu zufolge dupliziert durch die Ökonomie der symbolischen Güter.
Es wird also nicht nur um die Aneignung und Verteilung materieller, sondern auch um symbolische Güter gekämpft?
Michael Hirsch: Genau. Die Gesellschaft ist dieser Kampf; ihr Wesen ist der soziale Unterschied. Unsere heutige Gegenwart ist dadurch charakterisiert, dass dieser Kampf viel unverblümter ausgefochten wird und den Alltag immer stärker und sichtbarer bestimmt; dass immer mehr Phänomene der Barbarisierung sozialer Beziehungen auftreten. Das deutet darauf hin, dass der Wert des ökonomischen Kapitals ins Uferlose gestiegen ist. Die sogenannte weiter werdende Schere zwischen arm und reich ist auch eine symbolische Schere: Sie drückt die zunehmende soziale Missachtung von ‚einfachen’ sozialen Tätigkeiten und Positionen aus, welche traditionell ebensosehr proletarischen Formen der materiellen Produktion wie weiblichen Formen der Reproduktion entsprechen.
Bourdieus These ist, dass die symbolische Herrschaft die unscheinbarste Form der Herrschaft ist: Sie drückt dasjenige an der Gesellschaft und an gesellschaftlichen Verhältnissen aus, was scheinbar selbstverständlich ist und scheinbar keiner weiteren Rechtfertigung bedarf.
Welche Rolle kommt den Staat bei der Konstituierung dieser "symbolischen Macht" zu?
Michael Hirsch: Bourdieu behauptet, dass der Staat zwei Funktionen hat: Zum einen die klassische Funktion, die er gemäß der neuzeitlichen Staats- und Verfassungstheorie hat, nämlich die des Inhabers des Monopols auf den legitimen Gebrauchs physischer Gewaltsamkeit. Zum anderen die des Inhabers des legitimen Monopols der symbolischen Gewaltsamkeit. Anders gesagt, der Staat sanktioniert soziale Urteile und Werte. Er kodifiziert und legitimiert das Normale. Das ist eben nicht nur ein juristisches, sondern auch ein symbolisches Problem. Es betrifft die ganze soziale Welt: nicht nur die Eigentumsverhältnisse, die Tarifverträge und die Sozialversicherungen, sondern bereits die Geltung des Kalenders und die Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht; die Geltung der Bildungssysteme und überhaupt die gesamte Anerkennung dessen, was in einer Gesellschaft als normal gilt, insbesondere die Hierarchien, Rollen- und Wertmuster von Geschlechterverhältnissen, aber eben auch die ‚normalen’ Formen der Strukturierung des Alltags, zum Beispiel durch die ebensosehr zeitlichen wie symbolischen Formen der Unterscheidung und Arbeitsteilung von Lohnarbeit, Sorgearbeit und Freizeit.
Bourdieu erklärt, dass der Staat die "Zentralbank" gesellschaftlicher Kapitalsorten sei: die Instanz, welche ihre Umtauschraten festsetzt; welche also den relativen Wert sozialer Praktiken und Verhaltensweisen festlegt. Das betrifft über das Steuer- und Abgabensystem vermittelt alle ökonomischen, aber eben auch alle nichtökonomischen Praktiken in ihrer Relation.
Können Sie hierzu ein Beispiel geben?
Michael Hirsch: Ich finde, dass die ebenso sehr materielle wie symbolische Bewertung des Wertes von Erziehungs- und Pflegezeiten hierfür ein gutes Beispiel ist. Diese Inwertsetzung (das heißt jeweilige Auf- oder Abwertung sozialer Praktiken und ihnen zugeordneter Personengruppen) schlägt nicht nur auf das Renten-, Sozial- und Arbeitsrechtssystem durch; nicht nur auf das gesamte Familien-, Gleichstellungs-, Ehe- und Scheidungsrecht. Sondern eben auch auf das Selbstwertgefühl der Einzelnen. Die symbolischen Gewaltverhältnisse betreffen mit anderen Worten nicht nur die ‚objektiven’, sondern auch die ‚subjektiven’ sozialen Beziehungen.
Der Staat kodifiziert nicht nur, sondern er produziert, so Bourdieu, soziale Realität. Insofern ist der Kampf um den Staat und um die Staatsmacht von herausragender Bedeutung. Bourdieu unterscheidet sich hier von vielen auch linken Theorien der Gegenwart, die einen Rückzug progressiver sozialer Bewegungen und Ideen von den staatlichen Institutionen und ihrer Eroberung nahelegen. Die fortschrittliche politische Seite muss aber um die symbolische Herrschaft kämpfen.
Sie schreiben, dass das Oevre von Bourdieu als Gegenentwurf zu dem immer noch dominanten Neoliberalismus eine wichtige Rolle spielen wird. Warum?
Michael Hirsch: Entgegen dem seit langem andauernden Großtrend eines theoretischen Anti-Etatismus empfiehlt Bourdieu einen progressiven Etatismus. Der Gedanke dabei ist, dass auf diesem Terrain um die herrschenden sozialen Normen gerungen wird, und dass eine Linke, die hier nur an Gegenmacht und Widerstand denkt, sich auf Dauer selbst marginalisiert und am Ende in genau jene teils vom Kapitalismus vereinnahmten, teils marginalisierten Nischen gedrängt wird, aus denen man eigentlich heraus möchte.
Können Sie das konkretisieren?
Michael Hirsch: Bourdieus Annahme ist: Die emanzipatorische Umgestaltung der Gesellschaft gelingt nur dann, wenn sie eine Umgestaltung der herrschenden Grundnormen ins Werk setzen kann. Dafür braucht man eine Idee, die mehr ist als nur kritischer Widerstand. Auf dem Feld des Feminismus würde das bedeuten, dass Denkansätze, die unkritisch Michel Foucault und Judith Butler folgend sich auf eine "kritische Beziehung zu den bestehenden Normen" und auf eine Kritik der herrschenden "maskulinen Bedeutungsökonomie" beschränken, viel zu kurz greifen und paradoxerweise gerade die Herrschaft jener sozialen Kategorien, Gruppen- und Opferidentitäten bestärken, deren Überwindung Ziel aller Emanzipationsbestrebungen sein müsste.
Bourdieu könnte aus meiner Sicht deswegen noch einmal eine prominente Rolle als Gegenentwurf zum trotz allen Unbehagens noch immer dominanten Neoliberalismus spielen. Denn dieses Werk insistiert auf der notwendigen Bündelung fortschrittlicher Einzelinitiativen in einem übergreifenden Projekt, einer neuen Erzählung. Nur in diesem Zusammenhang wäre es möglich, unterschiedliche soziale Bewegungen zu vereinen, und insgesamt die "Alte Linke", welche stark auf die soziale Frage und die Klassenbeziehungen fokussiert, mit der "Neuen Linken" zu verbinden, welche die Bedeutung von Geschlechterbeziehungen und insgesamt von Subjektpolitik hervorhebt. So etwas ist nur im Rahmen einer symbolischen Revolution und mithilfe eines progressiven Etatismus möglich.
Die Kategorie symbolische Revolution insistiert darauf, dass es nicht nur um Schutz- und Minderheitenrechte für bisher benachteiligte Bevölkerungsgruppen geht, sondern um die Durchsetzung einer neuen sozialen Norm für die Mehrheitsgesellschaft. Die Kategorie des progressiven Etatismus insistiert darauf, dass dies auf konsistente und machtgestützte Weise in neuen staatlichen Gesetzen und sozialen Institutionen abgesichert sein muss - also eben nicht ‚nur symbolisch’ bleiben darf, sondern sich im Alltag und letztlich in den Köpfen und Körpern der Menschen verkörpern muss. Insofern stellt Bourdieus Theorie einen wichtigen Impuls für die Erneuerung des progressiven politischen Denkens dar. Meines Erachtens bildet es zusammen mit klassischen neomarxistischen Denkmodellen die wichtigste Quelle für eine zukünftige Stärkung der intellektuellen Linken.
Letzte Frage: Kann man mit Bourdieu die sogenannte "Identitätspolitik" der Neuen Linken kritisieren?
Michael Hirsch: Die Kritik lautet ja vereinfacht gesagt schon seit längerem: dass die Identitätspolitik der "Neuen Linken" die Interessen- und Strukturpolitik der "Alten Linken" vernachlässige. Ich halte diese Kritik für zutreffend, und sie kann auch mit Bourdieu gut plausibel gemacht werden. Denn er leugnet ja in keiner Weise die in der Tat herausragende Bedeutung von sozialen Identitäten, von Kategorien der symbolischen Konstruktion sozialer Bedeutung. Doch er insistiert darauf, dass all diese symbolischen Machtverhältnisse (von Klassen, Geschlechtern, kulturellen Gruppen und so weiter) immer einen materiellen Grund haben, der nicht nur allgemein und pauschal auf "Unterdrückung" verweist (und insofern viel zu kurz gegriffen die Affirmation einer verkannten oder verletzten Identität, oder aber die "queere" Suspendierung oder Auflösung aller Identitäten als Ausweg suggeriert), sondern ganz präzise auf rechtlich kodifizierte konkrete soziale Strukturen und Institutionen. Diese sind also politisch konstituiert, und könnten politisch geändert werden.
Bourdieus Vorschlag in diesem Zusammenhang lautet: Wir dürfen nicht nur auf Identitäten schauen und auf den "Habitus" relativ beherrschter wie relativ herrschender Individuen und Gruppen. Sondern wir müssen schauen, wie genau diese Habitus-Formen in gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen gründen, deren Eigenlogik und Strukturprinzipien dementsprechend politisch geändert werden müsste. Die entsprechende Formel lautet daher: Einheit von Strukturpolitik und Habituspolitik. Alle konkreten sozialen Regeln und Institutionen verweisen exakt auf ihnen entsprechende Identitäten und Gewohnheiten. Zum Beispiel ist es auf Dauer, wie wir heute sehen können, unfruchtbar, auf rein symbolischer Ebene den einzelnen Menschen, zum Beispiel Ehepaaren, eine faire Aufteilung ihrer familiären Arbeiten in Haushalt und Kindererziehung anzusinnen. Sondern wir müssen die harten Strukturen der Arbeitswelt und ihre der traditionell männlichen Lebensweise der Vollzeittätigkeit in Lohnarbeit frontal angreifen, damit diese Strukturen im Alltag auf selbstverständliche Weise kompatibel werden mit der Übernahme von Verantwortung für unbezahlte Haus- und Erziehungsarbeit. Die aktuelle politische Fokussierung auf das Problem der Kindererziehung verdrängt in diesem Zusammenhang das zeitlich weitaus gravierendere Problem der Hausarbeit, deren Aufteilung damit der politischen Aufmerksamkeit und bewussten Neugestaltung entzogen wird.
Unterschiedliche soziale Strukturen sind also je konkrete Bedingungen der Möglichkeit der Hervorbringung unterschiedlicher sozialer Gewohnheiten und Habitusformen. Kurz gesagt: Die heute noch akademisch und publizistisch dominierende Fraktion der emanzipatorischen Linken befindet sich tatsächlich in einer Sackgasse, insofern sie Identitätspolitik anstatt progressive Strukturpolitik fokussiert. Eine für die Selbstidentität aller Einzelnen folgenreiche Befreiung der menschlichen Lebensweise wird in Zukunft nur noch durch eine radikale emanzipatorische Strukturpolitik möglich sein. (Reinhard Jellen)
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