Interpol startet neues System zur Gesichtserkennung

Wenn die Menschen schon als Überwacher fungieren, sollte dies auch ausgenutzt werden. Bild: Interpol

Der neue Interpol-Generalsekretär fordert die verstärkte Nutzung biometrischer Daten. Auch das BKA will an der Plattform teilnehmen. Eigene Datenbanken werden schon seit 10 Jahren mit Fotos durchsucht

Eine neue Plattform zur Gesichtserkennung bei Interpol hat erste Erfolge erzielt. Das teilte der Generalsekretär der internationalen Polizeiorganisation, Jürgen Stock, auf einer Konferenz zur polizeilichen Nutzung biometrischer Daten mit. Demnach habe ein Abgleich einer bei Interpol geführten Datenbank zu rund 50 "Treffern" geführt. Die dort hinterlegten Fotos stammten aus 135 Ländern.

Für welche Zwecke die biometrischen Gesichtsbilder genutzt wurden, erklärt Interpol nicht. Eine schon länger bei Interpol existierende Fingerabdruck-Datenbank wird in zweifelhaften Fällen zur Überprüfung der Identität bei einem Übertritt der Außengrenze der Europäischen Union abgefragt. Dort sind laut Interpol derzeit 180.000 Einträge enthalten. Die Datenbank verzeichnet mehr als 40.000 jährliche Abfragen, die in 2017 weltweit zu mehr als 1.700 "Identifizierungen" geführt habe.

Bei dem neuen System handelt es sich um die Software "MorphoFace Investigate", die nach einem zweijährigen Testlauf vor einem Jahr bei Interpol an den Start ging. Von der französischen Firma Safran Identity & Security entwickelt, lassen sich damit verschiedene Bild- und Videoformate verarbeiten. Zunächst werden Fotos jener Personen genutzt, die über Interpol zur Fahndung ausgeschrieben sind oder als vermisst gelten. Die in zwei entsprechenden Datenbanken enthaltenen Bilder werden auf ihre Qualität überprüft und, im Falle ihrer Eignung zur Gesichtserkennung, übernommen.

Die neue Fähigkeit zur Gesichtserkennung ist Teil des Projekts "INTERPOL 2020", mit dem das Generalsekretariat in Lyon/ Frankreich die Aufgaben, Prioritäten und Strukturen der Organisation reformiert. Unter dem Stichwort "Interoperabilität" werden die bereits vorhandenen Interpol-Datenbanken ausgebaut und weitere Mitgliedstaaten angeschlossen.

Für die Umsetzung des neuen Verfahrens bei Interpol und die Anbindung der 190 Mitgliedstaaten hat die Organisation eine "Facial Expert Working Group" eingerichtet. Nach mehreren Konferenzen und Arbeitstreffen hat die Gruppe einen Leitfaden für Format und Qualität der an Interpol übermittelten Gesichtsbilder erarbeitet, Fachwissen kam dabei vom US-amerikanischen FBI.

Eine Lichtbildrecherche in der Interpol-Datenbank darf gegenwärtig nur von einem Regionalbüro durchgeführt werden, das jeder Mitgliedstaat bestimmt (im Falle Deutschlands das Bundeskriminalamt). Der Zugriff erfolgt nach dem "Treffer/ Kein Treffer"-Verfahren: Wird eine Person mithilfe der Gesichtserkennung gefunden, können weitere Informationen abgefragt werden.

Auch das BKA will "MorphoFace Investigate" bei Interpol nutzen. Außer zur Identifizierung unbekannter Personen oder zum Abgleich von Fahndungsfotos nennt der Hersteller von "MorphoFace Investigate" weitere Anwendungsgebiete. Demnach könnten die Fotos auch mit öffentlich zugänglichen Bild- und Videodaten ("public media images") verglichen werden, um auf diese Weise gesuchte Personen ausfindig zu machen.

Gemeint sind Fotos und Videos im Internet beziehungsweise in sozialen Netzwerken. Dies bestätigt ein technischer Leiter von Interpol in einer Präsentation, die weitere Kriminalitätsbereiche für den Einsatz beschreibt. Hierzu gehören Menschenhandel, maritime Piraterie, Drogen, Raub oder Fälschungen. Interpol habe außerdem Bedarf, im automatisierten Verfahren Bilder aus der Videoüberwachung zu nutzen oder Personen bei "kritischen Veranstaltungen" aufzuspüren.

Denkbar sei zudem, das System in Grenzkontrollsysteme zu integrieren. Bei einem Grenzübertritt würde dann automatisch eine Anfrage bei Interpol erfolgen. Dies könne auch "in Echtzeit" über mobile Geräte von Polizeikräften erfolgen. Die Europäische Union errichtet derzeit ein neues "Ein- und Ausreiseregister", das auch Gesichtsbilder verarbeiten soll. Derzeit wird bei einer regulären Kontrolle an EU-Außengrenzen lediglich die Interpol-Datenbank für gestohlene oder als vermisst gemeldete Ausweisdokumente abgefragt.

Das Projekt "INTERPOL 2020" wurde vom neuen Generalsekretär Jürgen Stock angestoßen. Vor seinem Wechsel zu Interpol war Stock Vizepräsident im BKA dort für technische Entwicklungen und Kontakte zur Industrie zuständig. Er beaufsichtigte im Jahr 2006 unter anderem das im öffentlichen Raum getestete Projekt zur Gesichtserkennung in Mainz. Im Ergebnis wurde der Abgleich nach dem mittlerweile veralteten 2-D-Verfahren als zu fehleranfällig bewertet, die Pläne zur Überwachung des öffentlichen Raumes fanden ihr vorübergehendes Ende.

Ein Jahr später führte das BKA ein Gesichtserkennungssystem für die in Wiesbaden zentral verwaltete INPOL-Datei ein. Über eine Verbundschnittstelle steht die Datenbank angeschlossenen Landeskriminalämtern zur Verfügung, auch die Bundespolizei nutzt das System. Der Abgleich mit Fahndungsfotos nahm in den letzten Jahren deutlich zu. In Forschungsprojekten arbeiten das BKA und die Bundespolizei an der Verbesserung der Technik. Jetzt testet das BKA ein neues Verfahren am Berliner Bahnhof Südkreuz. (Matthias Monroy)

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