Interstellares Artefakt aus ferner Vergangenheit?

NASA/JPL

In einer fundierten Studie spekulieren seriöse US-Astronomen über einen künstlichen Ursprung des 2017 im Sonnensystem entdeckten interstellaren Exoten 'Oumuamua. Könnte es das Überbleibsel eines außerirdischen Raumgefährts sein?

16 Kilometer westlich der renommierten University of California/Berkeley (USA), abseits der touristischen Hochburg San Francisco und jenseits der hiesigen großstädtischen Lichtverschmutzung thront in Lafayette auf einer Anhöhe von 306 Metern ein geschichtsträchtiges optisches Teleskop. Mit einem Durchmesser von 76 Zentimetern mutet es im Vergleich zur modernen Großfernrohr-Generation wie ein Leichtgewicht an. Dennoch versprüht es ganz besonderen Charme und besetzt eine Nische wie nur wenige Instrumente seiner Art.

Seit 1968 im Einsatz, wird das Universitäts-Fernrohr größtenteils für Schulungen und Studienprojekte von Master-Studenten und Doktoranden genutzt, die schwerpunktmäßig Kometen, Kleinplaneten und Satelliten beobachten. Doch auch in größere professionelle Forschungsprojekte war das Teleskop oft involviert. So nahm es aktiv an der Suche nach Supernovae teil und war überdies bei der Fahndung nach außerirdischer Intelligenz eine Zeitlang ein wichtiges Arbeitsgerät für jene SETI-Forscher, die sich der Optical-SETI-Variante verschrieben hatten.

Einer der Pioniere auf diesem Gebiet war der damals 29-jährige Physiker Robert A. Freitas aus Santa Clara (Kalifornien). Im Jahr 1979 fahndete er just mit dem 76-Zentimeter-Leuschner-Teleskop nach interstellaren Raumsonden in einer stabilen Erd-Mond-Umlaufbahn und markierte damit eine kleinere wissenschaftshistorische Zäsur.

Zusammen mit dem Berkeley-Astrophysiker Francisco Valdes startete er erstmals eine wissenschaftlich-systematische Beobachtungskampagne nach außerirdischer Intelligenz mit einem optischen Teleskop im sichtbaren Licht, die auch offiziell als solche in den SETI-Annalen dokumentiert wurde. Seinerzeit richteten beide Wissenschaftler ihr Augenmerk auf die 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernten L4- und L5-Librationspunkte (Lagrange-Punkte), wo sich die Gravitationskräfte benachbarter Himmelskörper und die Zentrifugalkraft der Bewegung gegenseitig aufheben.

Eine dort positionierte Raumsonde würde sich, so Freitas und Valdes, synchron zur Erde bewegen und daher ihre relative Position zur Erde halten. Vier Jahre später peilte das Duo insgesamt 108 Sterne an und suchte gezielt nach radioaktivem Tritium, das ein außerirdisches Raumschiff mit Fusionsantriebe hinterlassen haben könnte.

Unmittelbar nach dieser Observation versahen sie ihr Projekt mit dem Akronym SETA (Search for ExtraTerrestrial Artifacts). Dabei definierten sie SETA breit und begrenzten diese nicht allein auf die Suche nach außerirdischen "passiven" Artefakten, nach bewusst vergrabenen Monolithen oder Skulpturen à la Arthur C. Clarke. Sie konzentrierten sich indes auf "aktive" Artefakte, auf außerirdische Forschungssonden und Raumschiffe. Solche könnten abseits störender Sonnenflares oder Mikrometeoriten in eine stabile Mond- oder Erdumlaufbahn einschwenken oder auf einem der Lagrange-Punkte parken und die Sonne systematisch als Energiequelle nutzen, vermuteten die Forscher.

Eine künstlerische Darstellung von 'Oumuamua. Wie der kosmische Brocken aber genau beschaffen ist und aussieht, wird vielleicht wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Bild: ESA/NASA

Jetzt aber hat es den Anschein, als hätte uns einer dieser aktiven Artefakte einen kurzen Besuch abgestattet. Zumindest spekulieren zwei Astrophysiker über die Möglichkeit eines solchen Szenarios. Schenkt man dem angesehenen und erfahrenen israelischen Harvard-Astronomen Abraham Loeb und seinem jungen Kollegen Shmuel Bialy Glauben, dann könnte letztes Jahr ein außerirdisches Raumgefährt in unser Sonnensystem eingedrungen und an der Erde in einer Entfernung von nur 24 Millionen Kilometern vorbeigeflogen sein.

Um zu verstehen, weshalb beide mit einer derart verwegenen Hypothese vorpreschen, muss der 19. Oktober 2017 in Erinnerung gerufen werden. An diesem astronomisch-historischen Tag durchforstete Robert Weryk vom Institute of Astronomy der University of Hawaii (USA) die Daten des aktuellen und vorangegangenen Tages, die das 1,8-Meter-Teleskop des Pan-STARRS-Systems Stunden zuvor während einer Himmelsmusterung gesammelt hatte.

Es war eigentlich ein Arbeitstag wie jeder andere. Wie immer hielt das auf einem Schildvulkan der Hawaii-Insel operierende Teleskop Ausschau nach neuen extraterrestrischen Vagabunden. Tagtäglich gingen den Kometen- und Asteroidenfischern neue verheißungsvolle Kandidaten in die Netze. Dieses Mal jedoch zappelte dort ein Objekt, das Pan-STARRS1 bereits ein Tag zuvor gefangen hatte. Die Bahn, auf der sich die 33 Millionen Kilometer entfernte "Beute" bewegte, war ungewöhnlich und keineswegs elliptisch, sondern hyperbolisch (siehe Grafik unten), was für sich genommen nicht unbedingt eine Sensation war, folgen doch bislang 337 katalogisierte Kometen in unserem Sonnensystem solchen Bahnen. Doch das Ding bewegte sich derart auffallend auf einer offenen und stark gekrümmten Kurve, dass sich die Frage aufdrängte, ob es aus einem anderen Sonnensystem stammen könnte.

Auf dieser Grafik springen die rapiden Helligkeitsschwankungen von 'Oumuamua ins Auge, der im Oktober 2017 innerhalb von drei Tagen seine Helligkeit veränderte. Die farbigen Punkte repräsentieren unterschiedliche Messungen, die mit verschiedenen Filtern im sichtbaren und infraroten Licht durchgeführt wurden. Bild: ESO/K. Meech et al.
Anzeige