Inverse Panopticon: Digitalisierung & Transhumanismus

Bild: Singularity Utopia/ CC BY-SA 3.0

Transhumanisten fordern in der Digitalisierungsdebatte auch eine Revision der Menschenwürde - wir brauchen aber eine Umkehr von Machtstrukturen

Lobby-Netze und -Konzerne, die Facebook und anderen Hilfe bei ihrer "Krisenkommunikation" anbieten, sind Big Player der Netzmedienwelt. Die Medienwissenschaft gehörte lange vor KI-Forschung und Quantencomputern zu den strategisch wichtigen Wissensgebieten. Mit transhumanistischen Wortführern tritt heute zunehmend auch die Philosophie auf diese Bühne. Wird der Transhumanismus zum Austragungsfeld eines neuen Kulturkampfes um Netz-, Digital- und Biotechnologien?

Von vernetzten Machteliten zur Ethik

Im ersten Teil (Digitalisierung und Lobby: Transhumanismus I) wurde ein Blick auf die Transhumanisten als Teil einer Bewegung geworfen, die vom "Posthumanismus" abzugrenzen ist, der nicht den Menschen selbst, sondern als eher theoretische Richtung das Menschenbild des Humanismus überwinden will.

Dabei wurden wichtige Akteure vorgestellt. So etwa der transhumane Philosoph Stefan Lorenz Sorgner, der für exponierte euphorische Positionen steht, und die Medienforscherin Miriam Meckel, die auf die Probleme des Datenschutzes verweist, in deren Werdegang aber auch die Phänomene des Lobbyismus einer allzu euphorischen Digitalisierung sichtbar werden.

Es werde sich zeigen, dass der Transhumanismus differenziert gesehen werden muss - und dass man am Ende bei aller Technik-Euphorie doch nicht um eine Kritik des Internet-Panoptikums herumkommt, hieß es im vorgängigen Artikel über "gefährliche Blütenträume, Lobbyismus und Angst - vor den Chinesen".

Mit Miriam Meckel haben wir damit eine derart weitreichend mit diversen Machteliten vernetzte V.I.P. kennengelernt, dass die Fantasien eines transhumanen Übermenschen sich in ihr zu manifestieren scheinen. Lag bei Meckel der Fokus auf Digitalisierung, blickt ihr Kollege Sorgner primär auf Biotechnik. Im Vergleich zu Prof. Meckel wirkt Deutschlands "führender Transhumanismus-Experte" Prof. Stefan Lorenz Sorgner fast harmlos wie ein Chorknabe, aber auch marktschreierisch wie der Obstverkäufer vom Wochenmarkt.

Allerdings kann man selbst beim Thema Obst ins Fettnäpfchen treten, wenn man etwa (wie Sorgner) Erdbeeren zur Begründung einer Relativierung des Wertes der Menschenwürde heranzieht. Unsere Verfassung basiert im ersten Artikel bekanntlich auf Kants Kategorischem Imperativ, der verbietet, einen Menschen nur als Zweck zu instrumentalisieren und ihm damit seine Würde zu verweigern.

So sehr es damit in der Praxis hapert, zumindest in der Theorie war dies bislang unumstritten. Weil die Menschenwürde laut Sorgner aber auf einem überkommenen Dualismus aus der christlichen und kantischen Anthropologie beruht, sei ihr Gebot problematisch wegen "paternalistischer Implikationen" (Sorgner 2016, S.150, siehe Literaturliste am Ende des Artikels).

Yvonne Hofstetter sieht dagegen Paternalismus eher bei Transhumanisten bzw. beim "Silicon Valley, das die menschlichen Lebensbedingungen auf paternalistischem Weg zu verbessern sucht. Da ist sie: die neue "imperialistische digitale Elite, die ökonomisch denkt und politisch handelt, ohne dazu ermächtigt zu sein" (Hofstetter 2016, S. 457).

Sorgner folgert, die kategoriale Unterscheidung von Menschen und Tieren sei nicht haltbar, denn - um die Ausführungen zu verkürzen - die Philosophen hätten den Theologen bewiesen, dass die Existenz einer unsterblichen Seele unplausibel sei. Man sollte daher zu einer graduellen Mensch-Tier-Unterscheidung übergehen, mit dieser aber…

...könnte auch die alleinige Instrumentalisierung von Menschen moralisch legitim werden bzw. die alleinige Instrumentalisierung von Gras, Blumen oder Erdbeeren moralisch illegitim werden. Beide Implikationen sind unplausibel und würden praktisch problematische Konsequenzen mit sich bringen.

Stefan Lorenz Sorgner, Transhumanismus: "Die gefährlichste Idee der Welt"!?

Daher sollte unsere Verfassung zur Setzung kontingenter, also veränderbarer Werte und Normen übergehen, so Sorgner. Das ist rechtlich wie politisch heikel, denn Artikel 1 zur Menschenwürde gehört zu den auch mit Zweidrittel-Mehrheit nicht änderbaren Teilen des deutschen Grundgesetzes. Unverständlich erscheint auch, warum Sorgner hier an einer Stelle wo andere, etwa die Transhumanistische Partei Deutschlands (TPD) von Tierwohl und -rechten reden, die Menschenwürde (ironisierend?) auf Gras und Erdbeeren ausweitet.

Auch scheut Sorgner durchaus denkbare nicht-dualistische Wege einer kategorialen Abgrenzung des Menschen vom Tier, etwa die Sprache als emergente Eigenschaft des menschlichen Gehirns ("materialistischer Monismus", vgl. Janina Loh 2018, S. 27, siehe Literaturangaben am Ende des Artikels). Doch die menschliche Sprache, deren respektvollere Würdigung bei Sloterdijk und Heidegger gleich noch zu erörtern ist, ist für Sorgner nicht wirklich etwas Besonderes. Denn jede Spezies hat ihre Tricks im evolutionären Überlebenskampf:

Menschen mögen bezüglich der Fähigkeit, eine der vielen menschlichen Sprachen erlernen zu können, eine Sonderstellung haben. Südamerikanische Vampirfledermäuse mögen hinsichtlich der Fähigkeit, sich als einzige Säugetiere alleine von Blut ernähren zu können, ebenso eine Sonderstellung besitzen…

Stefan Lorenz Sorgner, Transhumanismus: "Die gefährlichste Idee der Welt"!?

Metahumanismus und Unsterblichkeit, die keine ist

Janina Loh, die Sorgners "Metahumanismus" in ihrem Buch "Trans- und Posthumanismus zur Einführung" in einem kurzen Kapitel analysiert, mag diesen letztlich nicht als eigenständigen Ansatz anerkennen (Loh 2018, S. 175). Auch Sorgners duales Theoriesystem von Kohlenstoff- bzw. Siliziumbasiertem Transhumanismus (womit er Bio- von Digitaltechnik trennt) lehnt Loh als zu schematisch und daher nur bedingt brauchbar ab (ebd. S. 78).

Aber Loh schreibt Sorgner auch zu, die von Transhumanisten prognostizierte Unsterblichkeit nur als "rhetorisches Mittel" zu sehen (ebd. S. 173), hat dabei jedoch evtl. überlesen, dass Sorgner Unsterblichkeit zwar für unmöglich erklärte, aber nur wegen eines in Milliarden Jahren drohenden kosmologischen Kollaps des Universums (Sorgner, 2016 S. 11, 2018 S. 157).

Bis dahin könnte Sorgners extrem langlebiger (wenn auch im haarspalterisch-philosophischen Sinne nicht völlig unsterblicher) Transhumaner noch eine ganze Menge Neutrinos die Galaxis runterfließen sehen - und evtl. auch eine Revision der schließlich nur auf läppischen 200 Jahren Forschung basierenden Big-Bang-Theorie.

Der Kritik am transhumanen Unsterblichkeitsstreben entgeht Sorgner mit seiner kosmologischen Scholastik aber nicht. Katharina Klöckner kritisiert gegen Enhancement-Methoden allgemein, insbesondere aber die Vermeidung von Alter und Tod:

Letztlich steht also hinter der transhumanistischen Optimierung das Ziel möglichst optimaler Anpassung an die Gegebenheiten. So geht die Geringschätzung menschlicher Begrenztheit… einher mit einer ‚fundamentalen Affirmation der gegenwärtigen sozialen und politischen Umstände‘ und einer Verhärtung gegenüber dem Leiden… Wer die Kontingenzen des menschlichen Lebens abschaffen möchte, wird letztlich nur einen vermeintlich freien Menschen kreieren. Dieser wird sich als eine Marionette der Biotechnologie entpuppen.

Katharina Klöckner, Zur ethischen Diskussion um Enhancement

Sorgners "anti-utopischer Transhumanismus" stört sich weniger an technologischen Risiken, scheut aber die "Gefahr, dass die Gegenwart für eine utopische Zukunft geopfert wird" (2018, S. 159) und wirkt auch sonst eher an Arbeitgeber-Interessen orientiert. "Frauen müssen nicht mehr schwanger werden. Kinder entwickeln sich in künstlichen Gebärmüttern (biobags), was für die Inklusion von Frauen auf dem Arbeitsmarkt von unschätzbarer Bedeutung ist." (Sorgner 2018, S. 178)

Sorgners rein auf technischen Fortschritt gerichtete Zukunftsvision erinnert frappierend an historische PR-Propaganda der US-Industrie. Die hatte einst Edward Bernays, den Erfinder der Public Relations persönlich, engagiert um gegen Roosevelts sozialdemokratischen New Deal Stimmung zu machen.

Man bejubelte unter Bernays Anleitung auf der New Yorker "World’s Fair", der Weltausstellung 1939 in Wochenschaufilmen und Wanderausstellungen jahrelang den kommenden Segen der Konsumgüterbranche, bis hin zum witzigen Roboter (Wasson S.162), technischen Fortschritt, der angeblich besonders der Industrie zu verdankenden sei. Ziel der Kampagne des Industrieverbandes war, deren von Massenentlassungen und Verelendung angeschlagenes Image aufzupolieren.

Sorgner bejubelt in Bernays Tradition, aber bereichert um den nicht von jedem goutierten Hippie-Ausruf "Yeah!" etwa medizinischen Fortschritt: "Vor 250 Jahren war die Verbesserung des Menschen durch Impfung noch nicht entwickelt worden. Ich bin sehr froh in einer Zeit zu leben, in der die Impfung vorhanden ist. 'Yeah!'" (2016 S.31)

Später bejaht Sorgner noch die Erfindung des Haartrockners, des Smartphones, des Kühlschranks, der Waschmaschine, der Pockenimpfung und des Penicillins -in dieser Reihenfolge (S.168). Dann schwärmt er auf die zu erwartende Zukunft bezogen, die Technologie immer wieder "bejahend":

Wir benötigen nur noch einen Computer mit Internetzugang, der in absehbarer Zeit in unseren Körper integriert sein wird (…), ein warmes Bett und etwas Leckeres zum Essen, vielleicht ein Filesteak, das zu Hause in einer Petrischale gewachsen ist, so dass keine Tiere zur Essensproduktion mehr getötet werden müssen… wodurch der Kohlendioxidausstoß stark reduziert wird.

Stefan Lorenz Sorgner, Transhumanismus: "Die gefährlichste Idee der Welt"!?

Von Sorgner zu Sloterdijk und Kittler

Auf seiner Website zitiert Sorgner einen Steve Fuller, der ihn, Sorgner, zum "evolutionären Nachfolger" von Peter Sloterdijk auslobte. Sloterdijk hatte vor zwei Dekaden mit seiner transhumanistisch angehauchten Elmauer Menschenpark-Rede einen Philosophenstreit ausgelöst, vor allem Habermas gegen sich aufgebracht.

Als Ahnherren berief sich Sloterdijk - wie heute Sorgner - auf Nietzsche, aber auch auf Heidegger als dessen existenzialistischen Fortdenker. Heidegger sah den Menschen hellsichtig in künftiger Technik verschwinden - und sah ihn als Wesen, das vor allem in der Sprache seine existenzielle Behausung findet. Diese Dimensionen von Mensch und Technik müssen Sorgner, der die Sprache allzu gering schätzt (sie sei einmalig nur wie etwa das Blutsaugen der Vampirfledermaus), zwar verborgen bleiben.

Aber Sorgner stellt sich, wenn auch etwas spät, an die Seite von Sloterdijk gegen Habermas und empört sich über des Letzteren Diffamierung der Posthumanisten als "ausgeflippte Intellektuelle". Habermas hätte, so Sorgner, Post- und Transhumanisten verwechselt, zu welchen er Sloterdijk nur fälschlich gezählt hätte, ferner hätte Habermas die Popularität des Transhumanismus unterschätzt (Sorgner 2016, S. 20).

Habermas sei ein Biokonservativer, dessen Kritik an der von Sloterdijk diskutierten und von Sorgner befürworteten "liberalen Eugenik" nur deswegen so viel Gehör finde, weil leider der Begriff "Eugenik" durch die Nazis vorbelastet sei (S.42).

Wenn Sloterdijk und Sorgner sich im Wettbewerb um die Ehre des "transhumansten Denkers im Land" bewerben würden, würde ihnen freilich ein verstorbener Medientheoretiker mühelos den Rang ablaufen: Friedrich Kittler, der sich wie Sloterdijk auf Nietzsche und Heidegger berief und schon seit den 1980er-Jahren die Digitalisierung analysierte, wobei er - sehr transhuman - die kommende Künstliche Intelligenz euphorisch begrüßte.

Wie Miriam Meckel verfügte auch Kittler über gute Beziehungen zur Machtelite der Medienindustrie, genauer gesagt, zum sechsfachen Bilderberger und Medienzar Hubert Burda. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kittlers durchaus transhuman zu nennende Medientheorie über seinen Gönner Burda in Kreise der Bilderberger wanderte und deren aktuelles Engagement für Digitalisierung, KI und andere transhumanistische Kernthemen mit geprägt hat.

Wenn die Transhumanistische Partei Deutschlands ihre Forderung nach Transparenz für Lobby-Netze ernst nimmt, sollte sie evtl. mit der Aufhellung der Bilderberg-KI-Connection anfangen.

Doch Kittler selbst ist tot. Für ihn kommen die Transhumanisten zu spät mit ihrer Verlängerung der Lebensspanne bzw. Verheißung der Unsterblichkeit als Klon, Cyborg oder in digital-entkörperlichter Form innerhalb künftiger Computernetze (wozu Kittler vermutlich nicht nein gesagt hätte).