Irak: "Befreiung vom IS geht auch ohne US-Unterstützung"

Tikrit: Der Kampf gegen IS-Milizen wird hauptsächlich von schiitischen Gruppen geführt

Zwei Drittel der 30.000 Soldaten, die von der irakischen Regierung mobilisiert wurden, um Tikrit der Kontrolle des IS zu entreißen, stellen schiitische Milizen, werden Angaben aus Führungskreisen der Milizen wiedergegeben. Auch US-Generalstabschef General Dempsey bestätigt dies und sieht in der starken Beteiligung schiitischer Milizen Positives für die Anti-IS-Kampagne, solange sie eine "glaubwürdige Vorstellung" abgeben. Zum Problem würde das erst, wenn sich dadurch die Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten weiter aufschaukeln würden.

Dempsey machte diese Angaben vor einem Senatsauschuss. Ganz sicher wollte er dort keine schlechte Figur abgeben. Tatsächlich gibt es nämlich schon ein paar Aspekte der Tikrit-Offensive, die von der amerikanischen Regierung und dem Militärkommando wahrscheinlich nicht so positiv gesehen werden. Sollten sich die schiitischen Verbände bei Kampf gegen den IS auszeichnen, so hätte dies wahrscheinlich Beschränkungen des amerikanischen Einflusses im Irak zugunsten des Einflusses aus Teheran zur Folge.

Mehrere Quellen wiesen in den letzten Tagen darauf hin, dass Qasim Suleimani, ein iranischer Kommandeur für Spezialeinsätze außerhalb des Landes, an der Offensive mitwirkt; als beteiligte schiitische Milizen werden u.a. aufgezählt die Badr-Brigade, die Hisbullah-Brigaden, Asaib al Haq, Milizen von Muqtada as-Sadr und die Kata'ib Sayyid al-Shuhada. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich allesamt bislang nicht gerade als Freunde der USA verstanden haben, sondern als entschiedene Gegner. Manche ihrer Führer stehen auf US-Terrorlisten und manche kämpfen auch in Syrien, aufseiten Baschar al-Assad.

Sollten die IS-Milizen aus Tikrit vertrieben werden und der militärische Erfolg auf ihre Fahnen geschrieben werden, so hätte dies Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Schiiten und Sunniten im Irak und auf die Situation in Syrien. Ein militärischer Erfolg würde unterstützen, was die irakische Regierung im Vorfeld der Offensive behauptete: Dass es auch ohne die USA geht.

Auschnitt aus einem Video zur Offensive vom irakischen Militär (ISF).

Die USA unterstützen die Anti-IS-Offensive nicht mit Luftangriffen, heißt es. Die letzten Luftangriffe, die Centcom aus dem Irak meldet, stammen vom 3.März und berichten von einem Luftangriff auf einen IS-Checkpoint bei Mosul.

Die USA seien nicht um Unterstützung gebeten worden. Darüber hinaus dürfte eine Rolle spielen, dass die Unterstützung der US-Luftwaffe für eine mehrheitlich schiitische Streitmacht gute Etiketten für die IS-Propagandaabteilung abgäbe und sunnitische Stämme, die man auf die Seite der Anti-IS-Allianz ziehen will, abschrecken würde.

Es gab Streit zwischen der Regierung al-Abadi und Washinton, berichtet die New York Times. Hineingespielt hatte die die Ankündigung von US-Militärs, dass eine geplante Offensive auf Mosul im April erfolgen würde, was dann aber zurückgezigen wurde, weil die irakische Armee nach Auffassung der US-Militärs noch nicht so weit sei.

Diese Art der Kommando-Einmischung der ehemaligen Besatzungsmacht hat der irakischen Regierung laut Zeitungsbericht missfallen. So wurde Kritik an der Langsamkeit der Amerikaner laut. Ein Berater des Premierministers al-Abadi, fügte dem noch die Spitze hinzu: "Irak wird Mosul und Anbar ohne sie befreien."

Zwar sei die Unterstützung der internationalen Allianz, die von den Amerikanern geführt wird, willkommen, aber man habe kein Problem damit, wenn sie ausbleibe, verkündete Ali al-Alaa. Vom Premierminister selbst gibt es diese Aussagen nicht zu hören. Aber dass sie ein Berater an die Medien weitergibt, ist ein Zeichen dafür, dass man mit dem amerikanischen Einfluss nicht sonderlich zufrieden ist.

Bislang wurde der US-Einfluss auf die Regierung auch mit dem Standing der Sunniten im Irak verbunden. Amerikanische Medien und Experten wiesen immer wieder darauf hin, dass die Vorgängerregierung unter Premierminister al-Maliki mit ihrer einseitigen Bevorzugung der Schiiten ein entscheidender Faktor dafür war, dass der IS mit dem Label "Sunnitische Revolution" viele sunnitische Stämme auf seine Seite bringen konnte. Ob al-Abadi nun in eine ähnliche Richtung tendiert wie Maliki, ist noch offen. Umso mehr wird nun darauf geachtet, wie sich die Offensive in Tikrit entwickelt. (Thomas Pany)

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