Irak: Enormes Bevölkerungswachstum und ein großes Wasserproblem

Der Euphrat im Irak. Bild: U.S. Marine Corps/gemeinfrei

"Wir wollen ein Glas Wasser für uns und unsere Kinder." Die Probleme im Nahen Osten werden durch den Klimawandel verschärft

Im Jahr 2035 wird Bagdad eine Megacity sein, eine Stadt mit über 10 Millionen Einwohnern, so die Voraussage. Im Oktober letzten Jahres wurde von mehr als 8 Millionen Einwohner der irakischen Hauptstadt berichtet. 1957, zum Zeitpunkt des "letzten echten, auf wissenschaftlicher Basis" durchgeführten Zensus, so der US-Think Tank American Enterprise Institute, wurden für den ganzen Irak 6,3 Millionen Bewohner gezählt.

Nun ist bei diesem Think Tank, wenn es um Informationen aus dem Irak geht, zwar grundsätzlich Vorsicht geboten (vgl. Das Geheimherz der Lügenfabrik), aber in diesem Fall ist die Diskussion darüber, wann es den letzten echten wissenschaftlichen Zensus gegeben hat, nebensächlich. Der nächste nationale Zensus ist, wie auch andere Quellen bestätigen, im nächsten Jahr, im Herbst 2020 durchgeführt. Und er wird mit größter Sicherheit ein Problem aufzeigen, von dem man außerhalb der Region nicht wirklich viel weiß: ein erstaunliches Bevölkerungswachstum.

"Im Jahr 2030 könnte Irak mehr als 50 Millionen Einwohner haben, das ist etwa doppelt so viel wie zur Zeit der US-amerikanischen Invasion", prognostizierte der US-Think Tank Ende Juli dieses Jahres. Derzeit sind es etwa 38 Millionen, wie das statistische Amt im Irak im Oktober letzten Jahres festgestellt hat (manche gehen gegenwärtig von 40 Millionen aus). Ein Bericht von Al-Monitor hat dem Kommentare von irakischen Forschern beigegeben, die Zweifel daran erkennen lassen, dass die Regierung in Bagdad Bedingungen schaffen kann, die es der gewachsenen Bevölkerung erlauben, ein "annehmbares Leben" zu führen.

Nährboden für die Eskalation von Konflikten

Die Regierung sei ja schon mit der Durchführung eines Zensus überfordert, ganz zu schweigen mit Maßnahmen zur Geburtenkontrolle, so ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bagdad.

Es gibt eine ernstzunehmende demografische Explosion, ein schwerwiegendes Problem mit dem Bevölkerungswachstum, das einen Nährboden für die Eskalation von Konflikten, Gewalt und der Fragmentierung der irakischen Gesellschaft auf politischen, sozialen, religiösen und tribalen Ebenen liefert. (…) Die Regierung ist hilflos angesichts der demografischen Bombe.

Najeh al-Obeidi

Als eines der Hauptprobleme, mit denen Irak neben der Versorgung mit dem Lebensnotwendigen (Nahrung, Wohnung, Strom) und der Beschäftigungspolitik allem Anschein nach überfordert sein wird, nennt der Ökonom, "Umwelt und Natur".

Diese beiden Kategorien sind politisch bislang so behandelt worden, wie es der Altkanzler Schröder in Deutschland einmal zur deutschen Familienpolitik formulierte: "Gedöns". "Umwelt und Natur" waren Themen für Sonntagsreden. Das gehört wie die Schrödersche Sottise zu einer vergangenen Epoche. Der Klimawandel ist jetzt neu, heftiger und bestimmender in die politischen Diskussionen gekommen. Er hat neue Bewertungen und Perspektiven zur Folge. Das gilt auch für den Nahen Osten.

Bislang wurden Konflikt-Analysen, die mit dem Klimawandel argumentierten, in Debatten häufig als Nebensache abgetan. Als etwa die Trockenheit der vorangegangenen Jahre - die zur Verarmung der Landbevölkerung in Syrien und zu Migrationsbewegungen an die Peripherien der großen Städte führte (wo der Lebensunterhalt auch schwierig zu erkämpfen ist) - als Grund für die Aufstände in Syrien im Jahr 2011 angeführt wurde, gab es viel Widerstreit gegen diese Ansicht. Das sei doch nicht die Hauptsache, sondern ein Ablenkungsmanöver, wurde in Diskussionen geäußert.

Ähnlich ging es den Analysen, die eine wirtschaftliche Entwicklung als Erklärung heranführten oder mithineinnahmen. Ehsani2, ein US-amerikanisch-syrischer Banker, skizzierte auf seinem Twitter-Account in mehreren Threads eine Dynamik, die - grob verkürzt - darlegte, wie die Subventionspolitik der Baath-Partei unter Baschar al-Assad zur "Bevölkerungsexplosion" beitrug. Wie sie später dem wachsenden Kinderreichtum der Familien nicht mehr Schritt halten konnte, die Familien aber darauf zählten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Dies trägt letztlich auch dazu bei, dass die US-Sanktionen, die formell gegen die syrische Regierung gerichtet sind, die Bevölkerung stark treffen.

"Der Aufstand der Natur"

Auch dieser beachtenswerte Blick auf die Ursachen des Konfliktes in Syrien fand nicht wirklich viel öffentliche Aufmerksamkeit. Es dominiert der geopolitische Blick und der Blick darauf, wer die Dschihadisten, die in Syrien ein islamisches Emirat errichten wollen, unterstützt, bzw. wie die Lager der "Guten" und "Bösen" voneinander geschieden werden können.

Auch Irak findet in der Berichterstattung vor allem als Zone - oder manchmal auch als Einflussfaktor - geopolitischer Interessen Beachtung. Die inneren Probleme werden dieser Sicht untergeordnet. Ein von der üblichen Berichterstattung deutlich abweichender Essay von Peter Harling erweitert den Horizont. Seine Arbeit, die auf zahlreichen Quellen basiert, trägt den Titel "Natur's Insurgency" (Der Aufstand der Natur").

Iraks Umwelt schlägt zurück. Zunehmend gewalttätige Regenstürme und Sturzfluten haben Städte überschwemmt und ländliche Gebiete verheert.

Peter Harling

Die Anspielung auf den innerirakischen Aufstand gegen die US-Besatzung im letzten Jahrzehnt ist nicht zu übersehen. Der Aufstand kommt diesmal aus der Natur.

Es geht hauptsächlich ums Wasser und was hier auf dem Spiel steht macht ein kurzer Clip von Russia Today sofort verständlich. Er zeigt tintendunkles Wasser aus dem Wasserhahn, eine irrsinnige Menge von Plastikmüll in einem Fluss, bewaffnete und vermummte Protestierer. Einer der Aufgebrachten erklärt: "Wir wollen ein Glas Wasser für uns und unsere Kinder."

Proteste in Basra

Die Szenen spielen in Basra im Süden Iraks, wo die Temperaturen im Sommer über 50° Celsius erreichen. In den Vorjahren kam es regelmäßig zu Protesten, die die Regierung in Bagdad vor schwere Probleme stellten. Als Paradox wird von den Demonstranten immer wieder angeprangert, dass die ölreiche Provinz doch Mittel genug zur Verfügung haben müsste, um mit den Versorgungsproblemen fertig zu werden- zum Trinkwasserproblem gesellen sich eine miserable Stromversorgung, die sich wegen der Klimaanlagen umso dringlicher ausnimmt, und Krankheiten infolge der erbärmlichen Hygiene.

Dieses Jahr kam es im Juni erneut zu Protesten. Die irakische Regierung reagierte im Juli mit dem Kappen von Internetverbindungen, um die Kommunikation in sozialen Netzwerken zu unterbinden. Seither ist in den gängigen Publikationen nichts mehr von "aufgebrachten Mengen" zu lesen. Manche Aktivisten erklärten, dass sie Angst vor den paramilitärischen Einheiten hätten, die gegen die Demonstrationen eingesetzt werden

Iran muss dort mit Energielieferungen aushelfen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die USA bei ihre "Maximaldruck"-Strategie gegen Iran auf den Irak ausdehnen.

Ständige Spannung zwischen Überfluss und Mangel

Das Paradox, wonach eigentlich doch alles da ist, sogar im Überfluss, ist auch für die "Wasserkrise" im Irak bezeichnend. Die beiden Flüsse Euphrat und Tigris sind namensgebend für "Mesopotamien" und, wie Peter Harling erklärt, unzählige Geschichten und Legenden, die sich um den damit verbundenen Reichtum an Wasser ranken, sind prägend für das Selbstverständnis der Iraker im Umgang mit Wasser. Statistiken untermauern diesen Reichtum:

Im Jahr 2014 standen der irakischen Bevölkerung pro Kopf 2500 Kubikmeter an Wasser zur Verfügung - mehr als der Bevölkerung in Großbritannien oder Deutschland. Kein anderer arabischer Staat hat mehr als 1000 Kubikmeter. In Ländern wie Kuwait, dem Jemen oder Saudi-Arabien und Libyen sind es unter 100.

Peter Harling

20 Millionen Palmen soll es im Irak geben, auch das ist ein Zeichen für Üppigkeit. Diesem Reichtum steht aber eine Verschwendung gegenüber, die sich angesichts der durch den Klimawandel verstärkten Trockenperioden als fatal herausstellen könnte.

Diese Reichtümer verschwinden schneller, als dass sie sich regenerieren können. Irak hat innerhalb seiner Grenzen geschätzte 22 Milliarden Kubikmeter frisches Wasser. 19 Millionen Kubikmeter verdunsten in dem sengenden Klima.

Peter Harling

Ein beträchtlicher Anteil des Wassers, das nicht verdunstet, ist versalzt oder verschmutzt, ist dem Essay Harlings zu entnehmen. Die Ursachen sind vielgestaltig, wie es auch anderorts bereits geschildert wurde, wo ebenfalls von einem Versagen der Regierung gerade in Basra berichtet wird. Harling erwähnt den Umgang der Landwirtschaft mit dem Wasser, die Korrosion des veralteten Wasserleitungssystems und die künstlichen Seen, die die Verdunstung begünstigen. Der Irak sei in einer ständigen Spannung zwischen Überfluss und Mangel, schreibt er. Der Klimawandel werde sie noch steigern.

Einer seiner politisch markanten Punkte ist, dass er zwar die geopolitischen Bedingungen berücksichtigt: die "Wasserpolitik" der Türkei und Irans an den Oberläufen von Euphrat und Tigris, die für die Wasserversorgung Iraks die Hauptrolle spielen - dass Staudämme und Abzweigungen an den Flüssen und ihren Zuläufen Erhebliches ausmachen. Aber er betont auch, dass Irak selbst vieles mit einem Kurswechsel der eigenen "Wasserpolitik" entscheidend verändern könnte und dass dies langfristig von großer Bedeutung ist.

Verschwendung und Subventionen

Iraks Landwirtschaft sei unglaublich uneffizient, geht aus Harlings Analyse hervor. 80 Prozent des Wasserverbrauchs gehen laut der Welternährungsorganisation FOA auf die Landwirtschaft zurück, die es aber nicht schafft, das Land nach dem eigenen Anspruch unabhängig von Einfuhren zu machen. Nach wie vor muss Getreide importiert werden. Auch die Düngemethoden sind altvordern und tragen zur Versalzung des Wassers bei. Dazu kommt der große Wasseraufwand bei der Ölförderung, auch da habe man sich nicht um bessere Techniken bemüht.

Auch die Iraker selbst würden mit Wasser großzügig umgehen und täglich(!) 392 Liter für häusliche Zwecke verbrauchen ("On a daily basis, the average Iraqi consumes 392 liters of water for domestic purposes only"), was dem Doppelten des internationalen Durchschnitts entspricht (Anm.: Diese Angabe wurde aufgrund von Leserhinweisen korrigiert). Erleichtert würde dies durch staatliche Subventionen, die das Wasser so sehr verbilligen, dass "Iraker das Wasser aus den Hähnen laufen lassen und ihre Gärten fluten". Sie nutzen Wasser, dass virtuell nichts kostet, so Harling. Der subventionierte Preis pro Kubikmeter belaufe sich auf 0,0002 Dollar. Jährlich würde Haushalten etwa 1,4 Dollar an Wasserkosten in Rechnung gestellt - falls diese von jedem bezahlt würden - so die Informationen Harlings.

Die Kosten für den Staat sind beträchtlich und sie werden nicht weniger, falls eintritt, was Klimaforscher etwa für das Schwemmland im Süden des Landes voraussagen: Dass dort ungewolltes, weil salziges Meerwasser hineindrückt. Harling veranschaulicht Szenarien für den Anstieg des Meerwassers, für einen Meter Anstieg oder drei Meter. Beide Zukunftsszenarien sehen so aus, dass die Probleme in Basra nicht weniger werden.