Irak: Parlament erlässt Alkoholverbot

Tischdestille "Arabia". Bild: CopperGarden®

Kritiker vermuten, dass die Ablenkung nationaler und internationaler Medien auf die Mosul-Offensive ausgenutzt wurde

Das irakische Parlament hat gestern ein Alkoholverbot beschlossen, das sowohl die Produktion als auch den Import und den Verkauf von alkoholischen Getränken umfasst. Als Begründung für das Gesetz nannte der Abgeordnete Ammar Toma eine Formulierung in der irakischen Verfassung, die besagt, dass es kein Gesetz geben dürfe, das dem Islam widerspricht.

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In diesem Zusammenhang berufen sich er und die Mehrheit der Abgeordneten auf drei Koranverse: 4:43 ("Ihr Gläubigen! Kommt nicht betrunken zum Gebet, ohne vorher zu wissen, was ihr sagt!"), 5:90 ("Ihr Gläubigen! Wein, das Losspiel, Opfersteine und Lospfeile sind Greuel und Teufelswerk. Meidet es! Vielleicht wird es euch wohl ergehen.") und 2:219 ("Man fragt dich nach dem Wein und dem Losspiel. Sag: In ihnen liegt eine schwere Sünde. Und dabei sind sie für die Menschen von Nutzen. Die Sünde, die in ihnen liegt, ist aber größer als ihr Nutzen.").

Diese drei Verse werden jedoch nicht von allen Moslems als strenges Alkoholverbot verstanden: Gegner einer Verbotsauslegung verweisen unter anderem auf die Sure 16:67 (die den Wein als gute Gabe Gottes lobt), auf die Nichterwähnung von Getränken wie Raki und Bier sowie auf die Tatsache, dass der Weinkonsum lediglich im Zusammenhang mit Übermaß, Gebet und Glücksspiel verdammt wird.

Außer im Irak gibt es Alkoholverbote unter anderem in Saudi-Arabien, in Brunei im Sudan, in Mauretanien und im Iran, wo Wiederholungstrinker mit der Todesstrafe rechnen müssen. Eingehalten wird das Alkoholverbot in diesen Ländern nur bedingt - dazu lassen sich alkoholische Getränke viel zu leicht aus Zutaten herstellen, die in jeder Küche vorhanden sind und in jeden Garten wachsen. In den USA wurde ein 1920 eingeführtes Alkoholverbot 1933 wieder aufgehoben, nachdem die Nachfrage vorher zur Entstehung eines Organisierten Verbrechens beigetragen hatte, unter dem das Land noch fast hundert Jahre später leidet. Ähnliche Verbote gab es in der Zeit zwischen den 1910er und den 1930er Jahren in Russland, Island, Norwegen und Finnland.

Im Irak gab es Alkohol vor dem Verbot vor allem in kleinen Bars und Läden, die Zerstörungen durch fanatische Vigilanten nicht fürchteten. Gegner des neuen Verbots haben angekündigt, gegen das Gesetz gerichtlich vorzugehen, weil es ihrer Ansicht nach gegen eine andere Verfassungsvorschrift verstößt, indem es die dort ebenfalls garantierten Freiheiten der religiösen Minderheiten unverhältnismäßig einschränkt.

Das irakische Alkoholverbotsgesetz wurde unangekündigt und sehr überraschend eingebracht, weshalb Beobachter vermuten, die Abgeordneten könnten bewusst die Tatsache ausgenutzt haben, dass sich die nationale und internationale Medienaufmerksamkeit derzeit auf die Rückeroberung der seit 2014 von der Terrororganisation IS besetzten Millionenstadt Mosul konzentriert, die die irakische Armee, kurdische Peschmerga und sunnitische Milizen vor einer Woche begannen (vgl. Mosul-Offensive: Warnung vor schiitischen Milizen).

Am Donnerstag meldeten diese Alliierten die Einnahme von Karakosch, Bartella und etwa einem Dutzend weiterer Ortschaften, die vor allem von Christen bewohnt wurden, bevor der IS sie vertrieb oder tötete. Karakosch, das südöstlich von Mosul liegt, war bis zum August 2014 mit etwa 50.000 Einwohnern die größte überwiegend christliche Stadt im Zweistromland. Viele Medien zitierten zu dieser Meldung irakische Christen, die sich glücklich gaben und "Gott, Jesus Christus und der Jungfrau Maria" dankten. (Peter Mühlbauer)

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