Irak: Shengal als geopolitisches Schachbrett

Kämpferin der ezidischen Selbstverteidigungseinheit YBS. Bild: Kurdishstruggle / CC BY 2.0

Der innerkurdische Machtkampf, die Eziden, schiitische Milizen, die Türkei und die USA

Eziden (auch Jesiden geschrieben), Schiiten und die irakische Armee vereint im Kampf gegen den IS? Barzani ist alarmiert. Diese Entwicklung passt nicht in seinen Fahrplan für sein Referendum. Noch in diesem Jahr soll von der Bevölkerung der nordirakischen Autonomieregion (KRG) über die Unabhängigkeit Kurdistans entschieden werden. Die USA, aber auch die irakische Regierung sind besorgt über einen möglichen iranischen Korridor durch den Irak nach Syrien.

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Für die demokratische Föderation Nordsyriens (Rojava) könnte dies ein Ende des Embargos um sie herum bedeuten. Eine explosive Gemengelage ist am Entstehen. Am Ende könnte dies zur Spaltung der Eziden führen, weshalb sie diese neue Entwicklung mit Skepsis betrachten. Durch die Brille der Global Player gesehen sieht es nach einem Kräftemessen der Großmächte und ihrer Vasallenstaaten auf Kosten der Bevölkerung aus - mit unvorhersehbaren Folgen für die Region.

Die schiitisch-irakischen Milizen Hashd al-Shaabi haben in der vergangenen Woche mit Unterstützung der irakischen Luftwaffe zahlreiche Dörfer im Süden der nordirakischen Region Shengal befreit. Darunter war auch das Dorf Kocho, Heimat von der UN-Sonderbotschafterin für Opfer des Menschenhandels Nadia Murad. Zwei Tage nach der Befreiung besuchte sie erstmals ihr Heimatdorf - und fand ihr Elternhaus in Trümmern.

Die 23-Jährige wurde vom IS 2014 mit weiteren Frauen und Kindern des Dorfes gefangen genommen und versklavt. 600 männliche Bewohner des Dorfes wurden ermordet, über 1000 Frauen und Kinder verschleppt. 2015 konnte sie aus der Gefangenschaft fliehen. Baden-Württemberg nahm sie im Rahmen eines Sonderkontingents 2015 auf. Das Beispiel dieses Dorfes steht für viele ezidische Dörfer, als "Ungläubige und Teufelsanbeter" waren sie einer besonders grausamen Vernichtung ausgesetzt.

Mit Hilfe der schiitischen Milizen, die eigens dafür die "Lalish-Einheit" gegründet hatten, konnten viele der 2014 besetzten Dörfer befreit werden (Lalish ist der Ort des ezidischen Heiligtums und Sitz des religiösen Oberhaupts der Eziden im Nordirak an der Grenze zur Türkei. Anm. d. Verf.). Die Einheit wird vom ehemaligen Bürgermeister des Dorfes Kocho, Nayif Qaso, kommandiert.

Sie besteht aus über 100 ezidischen Kämpfern und desertierten KDP-Peschmerga aus Kocho und den umliegenden Dörfern. Sie wollten nicht mehr länger die Untätigkeit der KDP-Peschmergas im Shengal mitansehen: "Die KDP hat nichts getan, um die Invasion des IS im Shengal zu verhindern. Wir warten nun schon drei Jahre, aber die KDP hat noch keinen Plan für die Befreiung der Stadt Shengal ... ", begründete Qaso die Entscheidung gegenüber den Fernsehsender KNN.

Bei einem Treffen der unzufriedenen Perschmergas mit KDP-Kommandanten wurden sie aufgefordert, ihre Waffen abzugeben und Süd-Kurdistan zu verlassen. Dieser Aufforderung kamen die meisten desertierten Peschmergas mit ihren Familien nach. Die schiitischen Milizen erklärten, sie würden die Kontrolle über die zurückeroberten Dörfer an die Eziden übergeben.

Aber unklar ist, welchen Eziden sie die Kontrolle übergeben, jenen, die auf Seiten von Barzanis KDP kämpfen und für die Angliederung an Barzanis KRG sind? Oder sind die YBS gemeint, die ezidischen Selbstverteidigungseinheiten, die sich einen autonomen Kanton nach dem Vorbild Rojavas wünschen? Oder wird die Kontrolle die ezidisch-schiitische Miliz mit der irakischen Regierung übernehmen?

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Die Eziden befürchten, dass auf ihrem Territorium einerseits der Machtkampf zwischen Bagdad und Erbil um diese Region ausgetragen wird. Andererseits gibt es eben auch den innerkurdischen Machtkampf zwischen Barzanis KDP auf der einen und der PUK und Gorran-Partei sowie der PKK und YBS auf der anderen Seite.

Mit dem Vormarsch der schiitischen Milizen fürchtet Barzani den Verlust seines Einflusses im Süden des Shengals und seine Rolle als "Befreier der Eziden".

Die Region steht bereits seit dem Fall Saddam Husseins sowohl im Fokus von Barzanis Autonomieregion als auch der irakischen Führung. 2003 waren die Eziden noch optimistisch, dass sie unter einer kurdischen Regierung mehr Rechte als Minderheit bekommen würden. Ein Teil der Eziden wünschte sich eine Verwaltung unter der KRG, ein anderer wollte unter der Verwaltung der irakischen Zentralregierung bleiben.

Die Shengal-Region wurde damals spärlich von Bagdad finanziert. Gleichzeitig beorderte die KDP ihre Leute in die örtliche Verwaltung; so wurde auch der Bürgermeister von Shengal nicht von der Bevölkerung gewählt, sondern von der KDP bestimmt.

Die Autonomieregion versucht seit dem Fall Saddams beständig, ihre Grenzen zu erweitern, um möglichst viel Siedlungsgebiet von Kurden kontrollieren zu können. Dies ist angesichts ihrer Unterdrückungsgeschichte auf den ersten Blick verständlich. Allerdings macht das Barzani-Regime den gleichen Fehler wie alle nationalistisch orientierten Feudalherrscher: Es berücksichtigt nicht, dass es auch andere Minderheiten auf seinem Territorium gibt, die ohne Assimilierungszwang Schutz und Respekt brauchen.

Schon unter Saddam wurden im Sheikhan-Distrikt sunnitische Kurden angesiedelt, um die ezidische Mehrheitsbevölkerung zugunsten der Sunniten zu schwächen. Heute ist die historische Heimat der Eziden mehrheitlich muslimisch-kurdisch. Auf diese demographische Mehrheit beruft sich Barzani mit seinem Gebietsanspruch im Shengal.

Die höchste Autorität der Eziden, der Mîr, teilte schon vor Jahren den US-Behörden seine Befürchtung mit, auch die KDP würde die Vertreibung bzw. Assimilation der Eziden vorantreiben.

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