Irak verurteilt Israel

Die arabische Öffentlichkeit, "pro-amerikanische Diktatoren" und unerwünschte Dominoeffekte

Seine Haltung zu den israelischen Aktionen im Libanon ist eindeutig: "Ich verurteile diese Agressionen", sagte der irakische Premierminister gestern zu Journalisten in der Grünen Zone Bagdads und forderte die Außenminister der arabische Liga und "die Welt" auf, die "israelischen Aggressionen" so schnell wie möglich zu stoppen.

Das Statement ist bemerkenswert. Einmal im Vergleich zu den Reaktionen anderer arabischer Staaten; zum anderen angesichts der Rolle, welche die Regierung Bush für den neuen Irak geplant hatte – vor der Invasion. Ein Dominostein für eine neue Ordnung in der Region sollte das Land nach Absetzung des irakischen Dikators Saddam Hussein werden: ein "demokratischer Staat, von den USA unterstützt, der zwangsläufig zu einem Verbündeten Israels wird und damit als Katalysator für einen Einstellungswechsel beim Rest der arabischen Welt fungiert", so formuliert die New York Times das frühere strategische Kalkül.

Al-Maliki will davon nichts wissen; er geht deutlich auf Distanz zur amerikanischen Rückendeckung der israelischen Militär-Offensive. Ebenso das irakische Parlament, dessen 275 Abgeordnete einstimmig die gleiche Verurteilung äußerten wie ihr Regierungschef. Dass Muktada as-Sadr und andere Schiitenführer aus dem Irak noch viel schärfere Worte zur Verurteilung Israels fanden und den Konflikt in der Region einmal mehr religiös aufheizten - "The battle is all of Islam against all of the nonbelievers” - war zu erwarten. Der wichtigste irakische Schiitenführer, Großayatollah Ali al-Sistani, hält sich dagegen zurück; er sagt öffentlich nichts zum Krieg im Libanon.

Dass die eindeutige Verurteilung Israels durch al-Maliki von anderen Reaktionen in der arabischen Welt, vor allem aus Saudi-Arabien, Jordanien, Ägypten und einigen Golfstaaten, kontrastiert wird (vgl. "Iran ist im Libanon. Wo sind die Araber?"), wird teilweise mit der Angst sunnitischer Regierungen vor einem Machzuwachs der Schiiten in der Region erklärt. Als Indiz dafür werden Aussagen des jordanischen Königs herangezogen. Er hatte vor einem "schiitischen Halbmond" in der Region gewarnt. Als weiteres Indiz gilt der Satz des ägyptischen Präsidenten Mubaraks, welcher den Schiiten pauschal Loyalität einzig gegenüber Iran unterstellte, sowie bekannte Ängste der saudischen Herrscher in dieser Sache.

Zwar hat die saudische Führung nach ihrem spektakulärem Ausfall gegen die Hisbollah - und Iran als Macht im Hintergrund – als Hauptverantwortliche für die gegenwärtige Eskalation, kürzlich eine wenig beachtete "rethorische Wende" vollzogen und erklärt, dass man nie implizieren wollte, dass Iran sich im Libanon einmischen würde. Wenn Iran sich aber einmischen würde, so die saudische Führung, sei das auch gut. Die tendenziell gegen die Hisbullah und Iran gerichtete Berichterstattung von saudischen Medien, ägyptischen und jordanischen Medien hält jedoch an, wie Marc Lynch vorgestern berichtete.

Möglich jedoch, dass sich dies ändern kann. War die Stimmung in der Bevölkerung arabischer Länder schon zu Anfang der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah anders als die ihrer Regierungen, könnte denen die Kluft zu groß werden. Es geht um ihre Glaubwürdigkeit. Mit jedem Tag, an dem Satelliten-TV-Sender neue Bilder von toten Zivilisten und Zerstörungen im Libanon zeigen, geht die Öffentlichkeit mehr auf Distanz zu ihren "apathischen" Führern, wird die Kritik an ihnen lauter. Selbst in Syrien, wo das Regime die Hisbollah mit Worten unterstützt, sollen die Forderungen der Straße nach deutlicherem Engagement lauter werden.

Wie die Führungen der einzelnen arabischen Länder auf den wachsenden Druck ihrer Bevölkerung reagieren werden, wenn die Forderungen der "arabischen Straße" lauter werden, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass die Kluft zwischen "pro-amerikanische Dikatoren" und ihrer Bevölkerung, was die Haltung gegenüber der Hisbollah und der Hamas betrifft, die viele als legitime Widerstandsgruppen verstehen, das brisantere Problem der arabischen Welt ist - mehr als die Furcht vor einerVorherrschaft der Schiiten im Nahen Osten – und einen unerwünschten Dominoeffekt herbeiführen kann. Auch wenn das die saudischen Herrscher lieber nicht so sehen . (Thomas Pany)

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