Iran: Hardliner und Kleriker sterben an COVID-19

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Die Epidemie fordert etliche Tote unter der iranischen Elite. Das Regime prangert US-Sanktionen an

Das Coronavirus hat im Iran bisher 145 Todesopfer unter 5823 Infizierten gefordert, wie der Sprecher des iranischen Gesundheitsministeriums, Dr. Kianush Jahanpur, am 7. März mitteilte. Derzeit sollen 16.000 Verdachtsfälle in Krankenhäusern in iranischen Großstädten behandelt werden. In einigen Gebieten sollen sich 40 Prozent der hospitalisierten Personen erholt haben, sagte Jahanpur. 1.669 Patienten sollen nach ihrer Genesung aus den Krankenhäusern entlassen worden seien.

Nach Angaben der iranischen Opposition People's Mojahedin Organization of Iran (PMOI/MEK) sollen dagegen über 1.800 Menschen in 105 Städten des Iran bereits an dem Coronavirus gestorben sein. 180.000 Menschen sollen möglicherweise an dem Coronavirus infiziert sein.

Mittlerweile hat der Iran in betroffenen Gebieten bis Mitte März Schulen und Universitäten geschlossen und die Freitagsgebete ausgesetzt. Die Stadt Ghom, eine größten Brandherde des Coronavirus, ist noch nicht abgeriegelt. Derzeit befindet sich keine Stadt unter Quarantäne.

Ebenfalls wird der Luftverkehr mit China fortgesetzt, obwohl das Gesundheitsministerium bereits Ende Januar verlautbart hatte, dass alle Flüge von und nach China aussetzt werden. Mahan Air, die mit der Revolutionsgarde kooperieren soll, fliegt nach wie vor zwischen China und dem Iran.

Offen bleibt, mit welchen Maßnahmen die iranische Regierung auf die in zwei Wochen stattfindenden Neujahrsfeierlichkeiten reagieren will. Teilweise wird im Fernsehen die Meinung verbreitet, dass die Ausbreitung des Virus durch die beginnende warme Jahreszeit aufgehalten werde. Eine Meinung, die übrigens auch Donald Trump vertritt.

Hohe Funktionäre und Kleriker betroffen

Als Epizentrum gilt die iranische Stadt Ghom. Als dort die ersten Todesfälle zwei Tage vor den Parlamentswahlen gemeldet wurden, sprach Ayatollah Ali Khamenei von einer Desinformationskampagne des Westens und warf den Gegnern des Landes vor, die Bedrohung durch das Coronavirus kurz vor den Wahlen zu übertreiben, um die Wähler von den Wahllokalen fernzuhalten. Entsprechend wurde die Krankheit von der Regierung vertuscht, heruntergespielt oder als amerikanische Propaganda abgetan.

"Ehrlich gesagt, die mangelnde Bereitschaft der Islamischen Republik Iran, groß angelegte Besuche dieser Heiligtümer einzuschränken, ist im Falle dieser Krankheit kriminell", sagte Amir A. Afkhami in The New York Times, ein Arzt und Historiker an der George-Washington-Universität, der die iranische Reaktion auf frühere Epidemien untersucht hat.

Diese Haltung der Regierung zeigt nun auch Konsequenzen in der politischen und religiösen Führungsebene. Unverhältnismäßig viele Funktionäre sind mittlerweile infiziert oder finden sich unter den Todesopfern. Am Freitag starb Fatemeh Rahbar, eine islamistische Hardlinerin, die bei den Wahlen im vergangenen Monat ins Parlament gewählt wurde, durch das Coronavirus.

Am Donnerstag erlag Hussein Scheicholeslam den Folgen seiner Coronavirus-Infektion, ein ehemalige Berater von Außenminister Zarif. Scheicholeslam, der in den Jahren 1979-1981 444 Tage lang amerikanische Diplomaten als Geiseln genommen hat, war auch Mitglied der Gruppe, die in den 1980er Jahren die libanesische Hisbollah gründete.

Mohammad Abolghasemi, der auch "der Schlächter von Teheran" genannt wird, soll am Dienstag gestorben sein. Seine Basij-Miliz beteiligte sich an der blutigen Niederschlagung der pro-demokratischen Proteste des letzten Jahres. Haj Ramezan Pour-Qasem, Leiter der Geheimdienstabteilung der Revolutionsgarde, soll ebenfalls gestorben sein.

Ebenfalls in dieser Woche starben die Kleriker Mullah Seyed Hadi Khosroshahi und Akbar Dehghan. Dehghan zählte zu den entschiedenen religiösen Gegnern der Einführung von Quarantänen, als das Virus zum ersten Mal ausbrach. Sie sagten, dass die Schreine in Ghom und Mashhad die Gläubigen heilen würden.

Der erste hochrangige Beamte, der an der COVID-19 starb, war Mohammad Mirmohammadi, ein enger Berater von Irans Oberstem Führer Ali Khamenei. Insgesamt sollen über 20 Parlamentsabgordnete infiziert sein, unter anderem Vizepräsident Masumeh Ebtekar.

Besonders zur Ausbreitung der Krankheit unter den Funktionären dürfte ausgerechnet Gesundheitsminister Iraj Harirchi beigetragen haben. Sichtlich von Fieber geplagt, sprach er auf Pressekonferenzen und in Talk-Shows, bevor er am 25.Februar tweetete, er habe sich mit dem Coronavirus angesteckt und sich selbst in Isolation gebracht. Er hatte die Verbreitung des Virus heruntergespielt und gesagt, dass Massenquarantänen unnötig seien. Auch sein Stellvertreter Dr. Kianush Jahanpur zeigte Anzeichen der Krankheit, als er gestern vor die Presse trat

Sanktionen

Ungeachtet der internationalen Spannungen hatte die Regierung von US-Präsident Donald Trump Ende Februar dem Iran Hilfe bei der Bekämpfung des Coronavirus angeboten. US-Außenminister Mike Pompeo teilte mit, die USA stünden dem iranischen Volk in der Gesundheitskrise zur Seite. Die US-Regierung habe das Angebot zur Unterstützung den iranischen Behörden formell über die Schweizer Regierung zukommen lassen.

Irans Führungsriege stellt sich derweil als Opfer der US-Sanktionen dar. Außenminister Mohamamd Javad Zarif sagte gestern, dass die amerikanischen Sanktionen - die ab 2018 nach dem Ausstieg Washingtons aus einem multilateralen Nukleargeschäft wieder eingeführt wurden - Irans Kampf gegen das Coronavirus behindern.

US-Präsident Donald Trump "verschärft böswillig die illegalen US-Sanktionen mit dem Ziel, dem Iran die Ressourcen zu entziehen, die er im Kampf gegen #COVID-19 benötigt - während unsere Bürger daran sterben", twitterte Zarif am Samstag. Die Welt dürfe nicht länger darüber schweigen, dass der US-amerikanische Wirtschaftsterrorismus durch einen medizinischen Terrorismus verdrängt wird, so Zarif weiter.

Zarif könnte dennoch Recht haben. The Intercept zufolge soll nun die anti-iranische Organisation United Against Nuclear Iran (UANI) große Pharmaunternehmen dazu drängen, "ihre Iran-Geschäfte zu beenden". Die UANI, für die auch John Bolton arbeitet, führt eine Online-Datenbank (Iran Business Registry) von Unternehmen, die im Iran Geschäfte machen. Dahinter stehe die Strategie diese Unternehmen anzuprangern, um die wirtschaftliche Isolation des Iran zu verstärken. Zu den anvisierten Unternehmen gehöre Bayer, Merck, Pfizer, Genzyme, AirSep, Medrad, Becton, Dickinson & Company, Eli Lilly und Abbott Laboratories, heißt es.

Ohnehin auf Druck der USA vom internationalen Zahlungsverkehr IBAN ausgeschlossen, sind die Möglichkeiten dem Iran zu helfen limitiert. INSTEX, ein von der Europäischen Union konzipiertes Instrument zur Erleichterung des legitimen Handels mit Teheran, hat bisher nicht zu Transaktionen geführt. In dieser Situation soll sich die chinesische App WeChat als hilfreich erweisen, dem Land Geld zukommen zu lassen. (Bulgan Molor-Erdene)