Iran, Information Overkill und die Medien

Bei den Unruhen in Iran spielen Twitter und soziale Netzwerke eine Schlüsselrolle

Als die Iraner 1979 den Schah stürzten, nutzten sie Tonbandkassetten für ihre Zwecke. Die Bänder, auf denen die Revolutionsführer aus dem Exil ihre Mitteilungen an das iranische Volk aufzeichneten, wurden von Sympathisanten ins Land geschmuggelt und unter das Volk gebracht. Die Tonbandkassetten von heute heißen Twitter und Facebook. Im Unterschied zu 1979 werden diese Medien aber nicht nur zur Information und Koordination im Lande genutzt.

In einem Staat mit beschnittener Pressefreiheit dienen sie auch als Lautsprecher für Nachrichten an den Rest der Welt. Wer jedoch im digitalen Gezwitscher verlässliche Informationen sucht, wird nur all zu oft enttäuscht. Echte Informationen aus erster Hand, weitergegebene Gerüchte und gezielte Desinformationen sind kaum zu unterscheiden. Dennoch räumen auch etablierte Medien Informationen aus sozialen Netzwerken einen immer breiteren Raum ein und übernehmen häufiger auch ungeprüft Informationen. Objektivität und Neutralität bleiben dabei auf der Strecke und der Medienkonsument weiß nachher nur noch, dass er trotz des Information-Overkill eigentlich nichts weiß.

Die Stimmen aus Iran, die über Twitter und soziale Netzwerke auf die Welt einprasseln, stammen nicht von Bauern auf dem Lande oder Hilfsarbeitern aus den Hafenanlagen von Bandar Abbas. Verfasser der fast ausschließlich englischsprachigen Textnachrichten sind meist gebildete, technikaffine Studenten, die eher der gehobenen Mittelschicht angehören. Dies ist in einem zerrissenen Land, in dem die Frontlinien zwischen Konservativen und Reformern auch zwischen Bildungs- und Einkommensschichten verlaufen, nicht eben unproblematisch.

Die Verfasser der Nachrichten sind keine neutralen Beobachter, sie sind Angehörige einer Konfliktpartei und als solche selbstverständlich weder der Neutralität noch der Objektivität verpflichtet. So interessant der in Sekundenabständen auflaufende Wust an Meldungen auch sein mag – man sollte sich als Rezipient darüber im Klaren sein, dass man es mit gefilterten und teilweise auch manipulierten Meldungen zu tun hat.

Letztendlich verhält es sich dabei wie bei einem Fußballspiel. Wenn man Fan einer der beiden Mannschaften ist, sieht man auch mal gerne dort ein Handspiel, ein Foulspiel oder ein Abseits, wo – objektiv betrachtet – nichts Regelwidriges geschehen ist. Aufgabe eines journalistischen Berichterstatters ist es, überparteilich zu sein. Wenn ein Sportreporter nun aber das Fußballspiel nicht selbst sehen kann, verlässt er sich dann bei seinem Bericht auf die Schilderungen der Fans einer Mannschaft? Die Medien haben kaum Informationen aus erster Hand über die Ereignisse in Iran, umso vorsichtiger sollten sie sein, wenn es darum geht, Schilderungen einer Konfliktpartei zu vertrauen.

Dabei ist es verständlich, dass westliche Nachrichtenkonsumenten sich eher auf die Seite der reformhungrigen Generation Twitter stellen. Bilder von attraktiven, modisch gestylten, jungen Männern und Frauen mit Mussawi-Plakaten, die auch in der eigenen Nachbarschaft leben könnten, wirken nun einmal sympathischer, als Bilder von bärtigen Männern mit abgetragenen Anzügen, die Ahmadinedschad unterstützen.

Die Werte, für die in Iran nun die Jugend aus besserem Hause auf die Straße geht, sind - oberflächlich betrachtet - westliche Werte. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung – dafür gingen auch schon unsere Vorfahren auf die Straße. So sympathisch einem die Ziele der Demonstranten auch sind, sie vertreten Partikularinteressen und es ist aus der Außenperspektive nur sehr schwer zu beurteilen, ob die Demonstranten nicht selbst Marionetten in einem Ränkespiel hinter den Kulissen sind.

Anders als es gerne suggeriert wird, sind die populären Twitter-Kanäle, auf denen Informationen aus Iran verteilt werden, keine Kommunikationskanäle, in denen sich die Oppositionellen koordinieren. Wäre dies ihr Zweck, sie wären in Farsi gehalten, um möglichst viele Iraner zu erreichen. Man twittert aber auf Englisch – es geht also weniger um die interne Kommunikation, sondern mehr um die Medienwirklichkeit der Auslandspresse.

Hierbei besteht natürlich auch die Gefahr, Manipulationen auf den Leim zu gehen. Jeder Benutzer kann im Twitter-Netzwerk den Anschein erwecken, in Teheran zu sitzen. Es wäre naiv, anzunehmen, dass diese Möglichkeit nicht auch von der äußerst aktiven und umtriebigen iranischen Exilgemeinde genutzt wird, um das Land zu destabilisieren. Die Ziele dieser „Expats“ unterscheiden sich dabei freilich von denen der meisten Demonstranten – sie wollen keine Reform des Systems, sie wollen einen Systemwechsel.

Wenn man einige populäre Twitter-Kanäle näher betrachtet, so kommen einem gewisse Zweifel ob der Urheberschaft. Die populärsten Kanäle wurden erst am Samstag gegründet, werden ausschließlich auf Englisch geschrieben und zeichnen sich durch einen wahren Information-Overkill aus. Der oder die Betreiber des Twitter-Accounts StopAhmadi brachten es beispielsweise in nur vier Tagen auf über 1.300 Beiträge – ob sich hinter dem Account, der sehr gut mit ähnlichen Twitter-Accounts vernetzt ist, wirklich Iraner verbergen, ist unmöglich zu sagen. Genau so gut könnte der Account von einer PR-Agentur oder einem Think-Tank betrieben werden.

Zeitungen wollen gefüllt, Nachrichten gesendet und Onlinemedien mit Content versehen werden – wenn nur eine Konfliktpartei Bilder und Nachrichten anbietet, so hat sie die besten Chancen, dass ihre Ziele medial besser wahrgenommen werden. China sperrte während der Aufstände in Tibet Journalisten aus, während die (Exil-)Tibeter twitterten, was das Zeug hielt.

In den Medien setzte sich die tibetische Sicht der Dinge durch – Falschmeldungen, Manipulationen und Enten inklusive. Als Russland im Georgienkrieg ausländischen Journalisten den Zutritt zu den Konfliktgebieten verbot und Georgien professionelle PR-Agenturen für sich arbeiten ließ, nahm die Welt vor allem die georgische Perspektive wahr - Falschmeldungen, Manipulationen und Enten inklusive. Die iranische Regierung hätte ihre Lektion lernen können, aber auch sie wiederholt die Fehler Chinas und Russlands. Die Welt nimmt auch heute vor allem die Sichtweise der Oppositionellen in Iran wahr - Falschmeldungen, Manipulationen und Enten inklusive.

Ohne verlässliche Informationen aus erster Hand ist es schwer, über die Ereignisse in Iran zu schreiben. Zweifelsohne lassen sich aus den Twitter-Kanälen sehr viele interessante Meldungen herauslesen, die man in klassischen Medien vergeblich sucht. Dem medienkompetenten Leser ist hierbei allerdings meist klar, dass die Meldungen mit Vorsicht zu genießen sind. Wenn diese ungeprüften Meldungen allerdings ihren Weg in redaktionelle Medien finden, verschwimmt diese Trennung und ungeprüfte Gerüchte erhalten dabei ihr Qualitätssiegel. Wie Twitter-Falschmeldungen ihren Weg in die Medien finden, zeigen diverse Beispiele der letzten Tage.

Am Samstagabend meldeten diverse Medien zunächst die Verhaftung des Oppositionskandidaten Mussawi – Quelle dieser Falschmeldungen war Twitter. Später verbreitete sich in den Medien die Version, Mussawi stünde unter Hausarrest – als Ursprung dieser Nachricht diente auch hier Twitter, Nachrichtenagenturen übernahmen die Ente allerdings bereitwillig. Dass diese Falschmeldungen von Mussawis Ehefrau Zahra Rahnavard in einem Interviewmit „Voice of America“ dementiert wurden, fand hingegen kaum Verbreitung.

Ebenfalls am Samstag sorgte laut Angaben des österreichischen Standard auch eine Falschmeldung der exiliranischen "Kampagne für Menschenrechte im Iran" für Verwirrung. Über soziale Netzwerke wurde die Behauptung gestreut, „Beamte des Innenministeriums hätten Mussawi und seinem Stab am Freitagabend mitgeteilt, dass er die Wahlen gewonnen habe, dies aber noch nicht öffentlich machen solle“. Auch diese Falschmeldung wurde ungeprüft von diversen Medien übernommen – natürlich ohne die Exiliraner als Quelle zu nennen.

Auch angeblich „echte“ Wahlergebnisse, die der Opposition vorlägen, verbreiteten sich sowohl im Netz (siehe Ahmadinedschad angeblich nur dritter "Wahlsieger"), als auch später in den klassischen Medien wie ein Lauffeuer. Während einige Zeitungen vorsichtig „iranische Quellen“ als Urheber für diese Meldungen nennen, erwecken andere Zeitungen, wie der britische Telegraph bereits in der Überschrift den Eindruck, diese Ergebnisse seien überprüft und seriös und werden ihrerseits von Sekundärquellen als Urheber genannt. Nichts könnte falscher sein.

Zuerst veröffentlicht wurden diese Zahlen von einem Nutzer des iranischen sozialen Netzwerkes Balatarin. Angeblich stammen die Zahlen mal von „Whistleblowern“ aus dem Innenministerium, und mal von Wahlbeobachtern der Opposition. Nichts Genaues weiß man nicht, zitiert werden diese Zahlen allerdings von fast allen größeren Medien.

Die Verantwortlichen bei den Medien stecken in einem Dilemma – in Iran droht eine Revolution und man verfügt nur über unzureichend belastbare Quellen. Wie soll man also mit den Informationen von Twitter & Co. umgehen? Die Medien haben durch ihre hämische Berichterstattung über Twitter-Enten in der Vergangenheit selbst dazu beigetragen, dass Twitter als seriöse Quelle verbrannt ist.

Wenn Medien Twitter-Meldungen zitieren, so nennen sie den Dienst meist nicht beim Namen, sondern sprechen von „unbestätigten Meldungen aus Iran“ – wobei sie ehrlicherweise hinzufügen müssten, dass diese Meldungen auch aus Washington, Tel-Aviv oder Bottrop kommen könnten. Es gibt keinen Grund, warum Medien ihren Konsumenten derlei unbestätigte Nachrichten vorenthalten sollten. Allerdings ist das vornehme Lavieren wegen der Urheberschaft eher kontraproduktiv und fördert die Verbreitung von Falschmeldungen. Wie man mit dem Medium Twitter professionell umgehen kann, beweisen beispielsweise der Guardian und die New York Times, die in kommentierten Redaktionsblogs die Meldungen aus Twitter und Co. gefiltert weitergeben.

Ein Nachrichtenmedium, mit dem man die öffentliche Meinung beeinflussen kann, ist für diverse Akteure von Interesse – nicht nur im Falle Iran. Sowohl Exilanten, als auch Geheimdienste, PR-Agenturen oder Trittbrettfahrer jeglicher Art können über Twitter die öffentliche Wahrnehmung eines Konflikts beeinflussen. Anonymität ist Grundlage des Konzepts, als politische Waffe wird Twitter daher eher noch an Bedeutung gewinnen. Die Regierungen, angefangen von Caracas, über Kairo bis Bangkok werden die Vorkommnisse in Iran mit Interesse verfolgen. Die chinesischen Machthaber sind bereits weiter, sie sperrten den Twitter-Dienst bereits zum 20. Jahrestag des Aufstands am Tiananmen-Platz.

In Teheran hat eine technisch versierte, westlich orientierte Gruppe es geschafft, mittels westlicher Technologie im Westen die Deutungshoheit zu erlangen – dabei spielt es analytisch keine Rolle, ob sie Opfer eines gigantischen Wahlbetrugs oder nur eine Minderheit, die mit dem Wahlergebnis unzufrieden ist, sind. Die US-Regierung hat die Bedeutung von Twitter bereits erkannt und den Dienst freundlich gebeten, anlässlich der Ereignisse in Teheran geplante Wartungsarbeiten zu verschieben.

Kommentare lesen (80 Beiträge)
Anzeige