Iran in Polen auf der Suche nach Verbündeten

Man setzt auf die Geschichte, da vor 70 Jahren polnische Soldaten von der Sowjetunion durch den Iran in den Irak zogen

Der Iran ist um Schadensbegrenzung bemüht, die harschen Töne fehlen. Im Persischen Golf lauert eine Armada amerikanischer Kriegsschiffe, die heimische Ölraffinerie erlebte einen Cyberangriff, die USA und die EU wollen ab dem 1. Juli den Ölhandel sanktionieren, um das iranische Atomprogramm zu stoppen, das vermutlich dem Bau von nuklearen Bomben dient. Die Führung in Teheran ist daher auf der Suche nach Verbündeten und versuchte es diese Woche mit Warschau.

Ramin Mehmanparast, der Sprecher des iranischen Außenministeriums, traf am Donnerstag und Freitag in Polen Politiker des Senats, Vertreter des polnischen Außenministeriums, Pressevertreter und Kulturschaffende und wurde dabei von den polnischen Medien eher weniger beachtet. Dabei warb er erwartungsgemäß für eine Abkehr von Sanktionen - aber auch dafür, dass 2012 zum Jahr der polnisch-iranischen Freundschaft gekürt werden soll.

Der Grund: Vor 70 Jahren, ab März 1942, marschierten polnische Zivilisten und Soldaten, ehemals Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, durch den Iran, dem "persischen Korridor", um sich im Irak den Streitkräften der Krone anzuschließen. Der Iran war zuvor, im August 1941, von der Sowjetunion und Großbritannien besetzt worden, da sich der deutschfreundliche Reza Schah weigerte, dass die durch den deutschen Vormarsch in Bedrängnis geratene Sowjetunion mittels der transiranischen Eisenbahn mit Rüstungsgütern vor allem aus den USA versorgen werden kann. Reza Schah musste zurücktreten, sein Sohn Mohammad Reza, der schließlich durch die Iranische Revolution 1979 gestürzt wurde, trat die Nachfolge an, hatte aber bis Ende des Krieges nur repräsentative Funktionen inne.

Anfang 1942 erlaubte Stalin, nachdem Polen zum Verbündeten der Sowjetunion geworden war, dem 1939 in Kriegsgefangenschaft geratenen polnischen General Wladyslaw Anders mit rund 100.000 Polen, darunter etwa 18.000 Kindern, das Land über das Kaspische Meer zu verlassen, unter anderem auch deswegen, weil die Sowjetunion nicht mehr in der Lage war, sie zu ernähren.

Aber auch im Iran waren die britischen und iranischen Behörden mit der Ankunft der Polen überfordert. Sie wurden in behelfsmäßigen Zelten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen untergebracht. Viele, angeblich 3.500, starben nach ihrer Ankunft an Entkräftung. Einige polnische Friedhöfe im Iran zeugen davon.

Im Irak wurde dann das zweite Korps mit anfangs 50.000 Soldaten aufgestellt, die zuerst um die Ölfelder im Nordirak kämpften und dann an Schlachten in Nordafrika und Italien teilnahmen. Nach Kriegsende zogen viele Veteranen das britische Exil dem kommunistischen Polen vor – ein Trauma, das lange die polnische Nachkriegszeit belastete.

Einige der Überlebenden lud die iranische Botschaft bereits im Februar zu einer Feier ein, weitere Gedenken sind in Warschau geplant. Auch Foto-Ausstellungen soll es geben. Polen hat kürzlich sogar eine Briefmarke herausgegeben, die an den Aufenthalt polnischer Kinder in der Stadt "Isfahan" erinnert.

Iran sucht Ängste zu zerstreuen, für Polen muss zum Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen erst der Konflikt mit dem Iran beendet sein

An der Weichsel ist man empfänglich für historische Gesten, somit ist das Vorhaben des iranischen Außenministeriums kein ungeschickter Zug. Ob diese Geschichtspolitik wirklich funktioniert, darf bezweifelt werden. In Polen fand schließlich der Holocaust statt, der von den islamischen Führungen immer mal wieder relativiert wird. Zudem stoßen in dem Land, in dem Katholiken über 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, Nachrichten über Christenverfolgungen in muslimischen Ländern auf großes Interesse.

Während einer Pressekonferenz versuchte Mehmanparast, der seinen Zuhörern selten ein Lächeln gönnte, Ängste zu zerstreuen. Der Iran nutze seine Atomanlagen nur friedlich, warnte aber gleichzeitig mehrdeutig, dass sein Land über eine "militärische Potenz" wie noch nie in seiner Geschichte verfüge. Dass Iran eine Cyberattacke plane, wie amerikanische Quellen vermuten, sei eine Kampagne des Westens, genau wie die Facebook-Aktion junger Israelis "Israel-liebt-Iran", die er nicht ernst nehmen könne.

Mehr Liebe erwartete der Sprecher jedoch von Ländern wie Polen, die "immer gute Beziehungen" zum Iran gehabt hätten und sich darum den Sanktionen nicht anschließen sollten. Diese Einschätzung stimmt nicht ganz, schließlich hat man an der Weichsel den USA erlaubt, mobile Patriot-Raketen zu stationieren, um mögliche Raketenangriffe aus dem Iran schon über dem mittelosteuropäischen Himmel abzuwehren. Polen gilt als amerikatreu, wenn auch Warschau gegenüber Washington mehr Selbstbewusstsein zeigt – auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Das Land, dessen BIP in den kommenden zwei Jahren um 4-5 Prozent zunehmen dürfte, etabliert sich immer mehr zur eigenständigen Wirtschaftsmacht. Dies zeigte auch der Besuch des chinesischen Premiers Wen Jiabao am Donnerstag in Warschau; der Politiker aus Peking versprach milliardenschwere Geschäfte.

Auch der Iran profitiert vom Wirtschaftswachstum. Durch die Weltwirtschaftskrise eingeschränkt, suchen polnische Firmen nach neuen Handelspartnern auch im Iran. Polen exportiert dorthin vor allem aus den Sektoren Maschinenbau, Chemie, Pharmazie und Chemie. Im polnischen Wirtschaftsministerium hatte man auf die Schnelle keine Zahlen zum iranisch-polnischen Außenhandelsvolumen zur Hand, die polnische Botschaft in Teheran verweist auf den polnischen Exportwert von 62,05 Millionen Euro während der ersten sieben Monate im Jahre 2010. Für bessere Wirtschaftsbeziehungen muss aber zuerst die aktuelle Krisensituation überwunden werden, wie es das polnische Außenministerium hofft.

Mehmanparsat redete am Schluss der Konferenz den wenigen anwesenden polnischen Journalisten eindringlich ins Gewissen, den Iran in kein schlechtes Licht zu stellen – schließlich entstehe durch "sachlichen Journalismus eine bessere Welt". (Jens Mattern)