Iran plant Abschaffung von Bargeld

Großversuch auf der Insel Kisch

Der iranische Zentralbankchef Valiollah Seif hat der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim ein Interview gegeben, in dem er ankündigt, dass er auf längere Sicht das Bargeld abschaffen will. Ein erster Schritt dazu soll ein Großversuch auf der Insel Kisch sein, die als Freihandelszone und Touristenzentrum besser für rein elektronische Zahlungen gerüstet ist als andere Teile des Landes. Allerdings wurden durch die hohe Inflation auch dort Münzen und Scheine häufig durch von der Zentralbank ausgegebene Schecks abgelöst, die man im Alltag wie Bargeld nutzt.

Als Begründung für sein Vorhaben nannte Seif "positive ökonomische und gesellschaftliche Auswirkungen" elektronischer Zahlungen. Ökonomen in anderen Ländern predigen solch angeblichen Vorteile bereits seit längerem: Als eine wesentliche wahrscheinliche Auswirkung sehen sie, dass verbotene Transaktionen abnehmen, weil der Staat Geldflüsse besser verfolgen kann: Das betrifft dann - je nach Land - nicht nur Geldwäsche, sondern auch Angebot und Erwerb (beziehungsweise Inanspruchnahme) verbotener Genussmittel (wie Marihuana oder Alkohol), verbotener Medien und verbotener Dienstleistungen wie beispielsweise Prostitution oder Schwarzarbeit. Außerdem soll Steuerhinterziehung erschwert werden (vgl. Kontenabfragemöglichkeiten, Bargeldabschaffung und Registrierkassenzwang).

Soll es langfristig nicht mehr geben: iranische Rial-Scheine.

Einige Ökonomen sehen es auch als Vorteil an, dass sich nach einem Verbot von Bargeld Negativzinsen sehr viel leichter durchsetzen lassen als jetzt, weil den Sparern dann ein einfach konvertierbares Thesaurierungmedium fehlt, mit dem sich solche Negativzinsen umgehen lassen (auch, wenn die Lagerung zu Hause bei steigenden Einbruchsraten ein immer größeres Risiko darstellt). Der Bürger muss dann entweder die Negativzinsen (und damit den beständigen Wertverlust seines Vermögens) akzeptieren, oder auf potentiell riskante Investitionen wie Aktien, Immobilien oder "Finanzprodukte" ausweichen. Der Ökonom Kenneth Rogoff glaubt, dass das die Wirtschaft befeuern könnte. In jedem Fall könnten schlecht wirtschaftende Regierungen damit ihre Staatsschulden über eine Enteignung von Sparern verringern (vgl. Bargeldverbot würde zu mehr Kontrolle und Enteignung führen).

Der vor allem in deutschen Mainstreammedien genannte angebliche Vorteil, dass man nach einer Abschaffung von Bargeld weniger lang an Supermarktkassen warten müsste, dürfte ein Trugschluss sein: Wer sich vor eine Supermarktkasse stellt und mit der Smartphone-Stoppuhr ein paar Stichproben macht, wird schnell feststellen, dass die Bargeldzahlung meist schneller geht als die mit EC-Karte und Geheimzahl oder Unterschrift. Eine Ausnahme davon sind sehr alte Menschen - aber es ist äußerst fraglich, ob sie schneller wären, wenn man sie zwingen würde, mit EC-Karte zu zahlen. Manche davon könnten dann vielleicht gar nicht mehr selbst einkaufen und würden nicht nur ein Stück Selbständigkeit verlieren, sondern auch Betreuungskosten verursachen, die die öffentliche Hand tragen müsste.

Bislang gibt es kein Land, in dem Bargeld offiziell verboten ist. Auch in Skandinavien, wo Politiker die Abschaffung mit besonders viel Druck als moralische Pflicht propagieren, akzeptiert man weiterhin Münzen und Scheine. In Frankreich, Belgien, Spanien, Portugal, Italien, Kroatien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Tschechien, Polen und der Slowakei hat man aber gesetzliche Obergrenzen für Bargeldzahlungen eingeführt. In Italien droht zum Beispiel eine Geldstrafe in Höhe von 40 Prozent der Zahlung (oder mindestens 3.000 Euro), wenn man Beträge über 999,99 Euro bar bezahlt. Dass bisher noch kein Land ein Totalverbot wagte, könnte daran liegen, dass man befürchtet, dass sich die Bürger in diesem Fall womöglich eine andere allgemeine Wertform suchen - zum Beispiel eine ausländische Währung wie den Dollar (der in manchen Drittweltländern faktisch wichtigstes Zahlungsmittel ist) - oder Bitcoins. (Peter Mühlbauer)

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