Iranische Führung empört über Troll-Fabrik in Tirana

Außenminister Javad Zariv beklagt sich über "Regime Change"-Propaganda auf sozialen Netzwerken, welche die Volksmudschahedin (MEK) von Albanien aus für die US-Regierung betreibe

Über 1.000 Mitarbeiter der geheimnisvollen MEK-Organisation sind in der Nähe der albanischen Hauptstadt Tirana dabei, den Iran online zu destabilisieren, um den ersehnten Regime-Change vorzubereiten. Das berichtete in den vergangenen Tagen al-Monitor und zuvor al-Jazeera. Nicht zu leugnen ist, dass die Aktivitäten aus Albanien den iranischen Außenminister verärgern.

Javad Zariv beklagte sich auf Twitter bei Geschäftsführer Jack Dorsey, dass Konten echter Iraner mit der Begründung, sie seien Teil einer Beeinflussungsoperation - "influence op" -, gesperrt würden, während die Twitterführung aber nichts gegen Bots unternehmen würde, die von Tirana aus "Regime Change"-Propaganda für Washington D.C. durchführen.

Der Tweet wurde am 16. September veröffentlicht, Dorsey reagierte zumindest nicht öffentlich. Zariv spielte auf Twittersperren an, die, wie bei al-Monitor nachzulesen, im August 284 Fälle betroffen haben sollen. Darunter auch einen iranischen Parlamentsabgeordneten und einen Journalisten von Press-TV. Grund: "koordinierte Manipulation".

Zariv kontrastierte das mit der von Twitter ungestörten Regime-Change-Propaganda aus Tirana. Ohne freilich darauf einzugehen, dass die Führung in seinem Land ihrerseits repressiv gegen Twitternutzung vorgeht.

Auch der gesperrte iranische Abgeordnete Amirhossein Ghazizadeh Hashemi ging darauf nicht ein, sondern beklagte gegenüber Dorsey, das eine Gruppe, die 17.000 Iraner umgebracht habe, auf Twitter für ihre Propaganda alle Freiheit bekomme.

Al-Jazeera gibt sich in seinem Bericht davon überzeugt, dass die MEK dafür Bots benutzt, mehrere tausend Twitteraccounts würden von 1.000 bis 1.500 Mitglieder der Organisation betrieben.

Das Kürzel MEK steht für Mojahedin-e Khalq und wird üblicherweise im Deutschen mit Volksmudschahedin übersetzt. Für die Teheraner Regierung ist es eine terroristische Vereinigung, die der islamischen Republik mit verdeckten Operationen und Anschlägen einen hohen Blutzoll abgefordert hat - daher die vom Abgeordneten Hashemi genannte Zahl der 17.000 Toten. Ob die Zahl stimmt, gehört ebenfalls zum Hin- und Her der Vorwürfe von Fake und Propaganda.

Auch im Westen, in den USA und im Europäischen Rat, wurden die Volksmudschahedin längere Zeit als Terrororganisation gelistet. In den USA von 1997 bis 2012 und auf der EU-Terrorliste von 2001 bis 2009.

Nun kann man sich fragen, warum sie dann ab den jeweiligen Zeitpunkten nicht mehr so eingeordnet wurden, und man steht dann mit der Frage mitten in einem längeren Epos, das bis zurück zur iranischen Revolution 1979 reicht und zu Deep-State-Geschichten der Gegenwart, die z.B. auf die Mitwirkung des ehemaligen FBI-Chefs Louis Freeh bei der Streichung der MEK von der Terrorliste hinweist.

Man merkt schnell, dass alles, was mit der MEK zu tun hat, kinoreif ist: Marxisten, die anfangs noch zusammen mit Khomeini Revolution machten, dann aber nicht mehr zur Linie der islamischen Revolution passten, sich abspalteten, um dann gegen die neue Führung in Teheran kämpften, im irakisch-iranischen Krieg zum Beispiel auf der Seite von Saddam Hussein, und jetzt 30 Jahre später mit der Trump-Regierung für den Regime-Change in Iran?

Es gibt Berichte, die auf unbestreitbar engere Verbindungen der MEK zu Rudy Giuliani verweisen, der bei einem diesjährigen Treffen des Nationalen Widerstandsrates des Iran (engl. National Council of Resistance of Iran - NCRI), der vom MEK geprägt ist, Anfang des Jahres in Paris vom Regime Change in Teheran sprach.

Und es gibt einen aktuellen Bericht, der betont, dass das US-Außenministerium Wert darauf legt, sich von Giulianis Position gegenüber der MEK zu distanzieren. Nötig war dies offenbar, weil die MEK am kommenden Samstag beim Treffen der Organization of Iranian-American Communities in New York anwesend sein wird und Giuliani wieder einmal als Redner gebucht ist.

Die engste Verknüpfung der MEK mit der derzeitigen US-Regierung besteht über den Nationalen Sicherheitsberater John Bolton, der die Unterstützung der Gruppe empfiehlt - in seinen Augen ist sie eine "brauchbare Opposition zu den Ayatollahs".

Von staatlichen Veröffentlichungen in Iran wird dagegen argumentiert, dass die Kritik aus der Washingtoner Führung eine Kopie der MEK ist. Da sei sehr vieles identisch.

Nun bewegen sich diese Auseinandersetzungen noch auf einem nachvollziehbaren Boden. Wer sich dagegen zu Gemüte führt, was dieser Tage auf dem Portal albawabwa-News über die Unterstützung der MEK durch Saudi-Arabien veröffentlicht wurde, macht Ausflüge in abgehobenere Dimensionen.

Dort wird ein früherer MEK-Topleader mit der Geschichte wiedergegeben, dass der frühere saudi-arabische König Abdullah noch als Kronprinz die schiitische MEK zu Zeiten des Kriegs zwischen Irak und Iran mit drei Lastwagen voller Goldbarren, Koffern voller Rolexuhren und einem kostbaren Tuch, mit dem die Kabaa in Mekka umhüllt wird, beschenkt habe.

Der Artikel bestätigt, dass vieles filmreif ist, was mit der MEK zu tun hat. Glaubwürdig ist der Schluss: "Die MEK hat sich gewandelt. Von einer militärischen Organisation hat sie sich zu einer Propagandamaschine verändert, die mit Geheimdiensten zusammenarbeitet." (Thomas Pany)

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