Iranischer Separatistenführer in Den Haag erschossen

Volksgruppen in Südiran: Grün: Araber. Blau: Luren. Braun: Belutschen. Rot: Kaschgai-Türken. Fliederfarben: Perser. Durchsichtiger Halbmond: Schiiten. Schwarzer Halbmond: Sunniten. Karte. Worldmapper. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Zunehmenden Spannungen zwischen dem wahhabitischen und dem schiitischen Gottesstaat

Am Mittwoch wurde Ahmad Mola Nissi, der Führer der "Bewegung Arabischer Kampf für die Befreiung von Ahwaz" (ASMLA) in Den Haag erschossen. Niederländischen Medienberichten nach nahm die Polizei nach der Tat einen Mann fest, der sich rasch vom Tatort entfernt hatte und über dessen Identität bislang nichts Weiteres bekannt wurde.

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Hassan Radhi, der Direktor des in London ansässigen Ahwaz Center for Media and Strategic Studies, macht jedoch bereits jetzt den Iran für die Tat verantwortlich. Der hatte vorher via Interpol erfolglos die Auslieferung von Nissi als Terrorverdächtigen verlangt. Tatsächlich deuten die Umstände der Tat nicht auf einen eher zufälligen Raubmord, sondern auf eine gezielte Hinrichtung hin: Der seit 2005 im niederländischen Exil lebende Araberführer wurde um fünf Uhr morgens vor seiner Haustür mit zwei Kugeln ins Herz und einer in den Kopf getötet.

Er ist nicht der erste iranische Separatistenführer, der in Europa gewaltsam ums Leben kam: Am 13. Juli 1989 wurde Abdel Rahman Ghassemlou, der Kopf der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (DPK-I), in der österreichischen Hauptstadt Wien zusammen mit zwei Begleitern bei vermeintlichen Verhandlungen erschossen. Seine Mörder waren mit iranischen Diplomatenpässen nach Wien eingereist und konnten deshalb nicht belangt werden. Ghassemlous Nachfolger Sadegh Sharafkandi wurde am 17. September 1992 in der deutschen Hauptstadt Berlin zusammen mit drei anderen Männern bei einem Essen im Restaurant Mykonos ermordet. Die Täter waren Libanesen, die den gerichtlichen Erkenntnissen nach im Auftrag des damaligen iranischen Geheimdienstministers Hojjat al-Islam Ali Fallahian handelten.

"Ahwazis" sind Araber, die vor allem in den iranischen Provinzen Khusistan und Hormozgan leben. Sie sind in dem überwiegend persischsprachigen Land mit etwa zwei bis drei Prozent Bevölkerungsanteil im Vergleich zu den türkischsprachigen Azeris (16 Prozent) und den Kurden (10 Prozent) eine zahlenmäßig relativ kleine ethnische Minderheit, siedeln aber in Gebieten, die wegen ihrer Gas- und Ölvorräte zu den wirtschaftlich wichtigsten zählen.

Nissis "Bewegung Arabischer Kampf für die Befreiung von Ahwaz" gründete sich Ende der 1990er Jahre mit dem erklärten Ziel, die Provinzen Khusistan und Hormozgan sowie das nicht arabisch besiedelte Land dazwischen zu "befreien". Der Gruppe wird die Verantwortung für mehrere Terroranschäge zugeschrieben, bei denen es auch Tote gab. Ihr aus den Niederlanden bestücktes Sympathisantenportal Arabistan.org, auf dem in den Nuller Jahren Videos dieser Anschläge veröffentlicht wurden, ist inzwischen offline .

Neben der ASMLA gibt es mehrere andere Gruppen, die für die Interessen der Araber im Iran eintreten, deren ehemals autonomes Emirat Reza Shah 1925 auflöste. Sie werfen der iranischen Regierung vor, mit dem Bau von Industrieanlagen bewusst Perser und Azeris als Arbeitskräfte in Khusistan anzusiedeln, um die demographische Zusammensetzung zu ändern. Außerdem beklagen sie, dass Araber dort mit viel zu geringen Entschädigungszahlungen enteignet werden (vgl. Anschlusspläne an einen schiitischen Irak?).

Obwohl die Ahwazis zu 80 Prozent Schiiten sind, hatte sich auch Saudi-Arabien in der Vergangenheit immer wieder für sie eingesetzt: Zuletzt warf der saudische UN-Botschafter Khalid Manzlawi dem Iran am 25. Oktober öffentlich die Diskriminierung der dort lebenden Araber vor. Beobachter vermuten deshalb, dass der Mord an Nissi in einem Zusammenhang mit steigenden Spannungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien stehen könnte. Die haben nach den Säuberungsmaßnahmen des saudischen Kronprinzen bin Salman (vgl. Saudi-Arabien: Der Kronprinz räumt die Konkurrenten weg), der als entschiedener Gegner des Iran gilt, deutlich zugenommen und wirken sich auch auf andere Länder im Nahen Osten aus (vgl. Raketenangriff: Saudi-arabische Koalition spricht von einem möglichen Kriegsakt Irans und Saudi-Arabien hebt Konflikt mit Iran auf die nächsten Stufe).

Unter anderem auf den Libanon, dessen Ministerpräsident Saad al-Hariri am 4. November zurücktrat und öffentlich verkündete, er fürchte, dass man seine Ermordung geplant habe. Saads ebenfalls libanesischer Ministerpräsident gewesener Vater Rafik war 2005 bei einem Autobombenanschlag ums Leben gekommen. Wer für den Anschlag auf den sunnitischen und saudi-nahen Politiker verantwortlich war, konnte trotz eines UN-Tribunals, das Haftbefehle für vier Mitglieder der irannahen Schiitenmiliz Hisbollah ausstellte, nicht aufgeklärt werden.

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Um Separatisten geht es auch im Telepolis-Salon am Montag: Schauen Sie vorbei, wenn sie in München oder Umgebung wohnen.

(Peter Mühlbauer)

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