"Irma": Massive Schäden und Verluste

Hurrikan Irma über den Virgin Islands am 6. September 2017. Bild Nasa Worldview/ gemeinfrei

Die Energie- und Klimawochenschau: Von teuren Tropenstürmen, fehlender Vorsorge, Warnungen der Wissenschaftler und chinesischer Technologieführerschaft

Das herausragende "Klima-Ereignis" der letzten Woche ist sicherlich Hurrikan "Irma" gewesen, der zuerst eine Spur der Zerstörung über einige kleine Karibik- Inseln und anschließend über Kuba und den US-Bundesstaat Florida gezogen hat. Am Dienstagvormittag (MESZ) war er ins Landesinnere in den Norden Alabamas und Georgias gezogen und war nur noch ein gewöhnliches Tiefdruckgebiet, das allerdings noch immer reichlich Niederschlag mit sich führte.

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Letztlich hatte Irma sich etwas weiter westlich als erwartet bewegt, wodurch Miami und die übrige Ostküste der Halbinsel weniger stark, als zunächst befürchtet, getroffen wurden. Die Verwüstungen waren dennoch beachtlich.

Sechs Millionen Haushalte waren am Montag ohne Strom. Viele Straßen wurden überflutet, Häuser abgedeckt, Strommasten umgeknickt, Obst- und Gemüseernten vernichtet. Der Nachrichtensender CNN hat auf seiner Internetseite eine Bilderserie veröffentlicht, die die Zerstörungen anschaulich dokumentiert.

Die Aktien der Rückversicherers Münchener Rück legten am Montag kräftig zu. Dazu hatten offenbar beruhigende Aussagen von Konzernvertretern geführt, wonach die Rückversicherer mit den Folgen der diesjährigen Hurrikan-Saison keine Probleme bekommen würden. Ansonsten waren die Kurse von involvierten Versicherungen zunächst abgetaucht.

Die britische Zeitung Guardian zitiert Beobachter, die den Gesamtschaden in Florida auf 300 Milliarden US-Dollar (rund 250 Milliarden Euro) schätzen. Etwa die Hälfte davon muss möglicherweise von den Versicherungen getragen werden. Die Zeitung schreibt, dass der Versicherungsmarkt in Florida eher eine Domäne kleiner Unternehmen sei.

Die großen US-amerikanischen Unternehmen hätten sich nach den Stürmen des letzten Jahrzehnts zurückgezogen. Hurrikan "Kathrina" hatte seinerzeit 2005 in New Orleans und Umgebung einen wirtschaftlichen Schaden von 176 Milliarden US-Dollar (etwa 148 Milliarden Euro) angerichtet.

Auch von "Harvey", der zu Beginn letzter Woche Texas heimgesucht und Houston überschwemmt hatte, liegen inzwischen Kostenschätzungen vor. Nach einem Bericht von Börse Online schätzen Beobachter der Münchner Rück, dass er einen Versicherungsschaden von 20 bis 30 Milliarden US-Dollar (ca. 17 bis 25 Milliarden Euro) verursacht hat. Insgesamt beliefe sich der Schaden auf bis zu 100 Milliarden US-Dollar (rund 84 Milliarden Euro).

Zunächst war zudem befürchtet worden, dass die für die Versorgung des Landes wichtigen Raffinerien an der Golf-Küste längere Zeit ausfallen und damit Versorgungsengpässe an der Ostküste auslösen könnten. Doch dem scheint nicht so zu sein, wie Berichte von letzter Woche nahelegen. Zumindest ein Teil der Raffinerien in Texas und Louisiana läuft bereits wieder.

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Alles in allem scheint aber die diesjährige Hurrikan Saison, die noch bis Ende November gehen wird, zu einer der kostspieligsten in der Geschichte der USA zu werden. Darüber hinaus hatte US-Präsident Donald Trump wenige Tage vor "Harvey" dafür gesorgt, dass zukünftig die Kosten noch höher ausfallen könnten.

Unter seinem Vorgänger Barack Obama hatte ein Regierungserlass geregelt, dass es Wiederaufbauhilfe für kommunale Einrichtungen und ähnliches nur gibt, wenn die neuen Gebäude auch auf künftige, durch den absehbaren Klimawandel entstehende Risiken ausgelegt werden. Das heißt unter anderem, dass sie so hoch gebaut werden, dass sie auch von etwaigen Überschwemmungen nicht geschädigt werden können.

Dieser Erlass wurde gestrichen. Künftig reicht es für staatliche Unterstützung wieder, wenn die potenziellen Bauherren sich an historischen Wasserständen orientieren. Einige Kommunen und Bundesstaaten haben zwar höhere Anforderungen an neue Bauwerke, aber letztlich setzt Washington damit einen Standard, an dem sich viele ein Beispiel nehmen werden.

Und dann ist da noch "José". Wie berichtet, hatte sich im Nordatlantik kurz nach "Irma" ein weiterer Hurrikan gebildet, der allerdings nicht so weit Richtung Karibik zog und bisher nur ein paar Inseln östlich von Puerto Rico traf. Dieser verharrt derzeit mehr oder weniger östlich der Bahamas.

Die Vorhersagekarten der US-amerikanischen Meteorologen sehen ihn dort in den nächsten Tagen noch eine Schleife ziehen und dann in der zweiten Wochenhälfte auf die Bahamas treffen.

Vorhersagekarte für Dienstag nächster Woche. Wie es aussieht, bleibt die US-Küste gerade noch von den schlimmsten Auswirkungen verschont. Bild: University of Maine

Danach wird er nach Norden und nach bisherigem Stand der Prognosen ab North Carolina an der US-Küste hinaufziehen. Vor zwei Tagen sah es in den Vorhersagen noch so aus, als würde die Zugbahn des Sturmzentrums direkt an der Küste entlang führen. Inzwischen sieht es aber eher so aus, als würde der Sturm weiter draußen auf See bleiben. Sturmfluten und extreme Niederschläge würden den dortigen Küstenbewohnern also erspart bleiben. Allerdings sind Vorhersagen über einen Zeitraum von wenigen Tagen hinaus mit großer Unsicherheit behaftet. Strandbewohner müssen also noch ein wenig zittern.

Für Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sind "Harvey" und "Irma" hingegen die Vorboten des "Klimachaos", vor dem die Wissenschaftler seit Jahrzehnten gewarnt haben. Der Planet werde aus dem Gleichgewicht gebracht. "Harvey" und "Irma" hätten "viele zornige Geschwister welche darauf warten, die Menschheit heimzusuchen". Unter anderem könne noch in diesem Jahrhundert die Sahara über Andalusien und Sizilien nach Europa vordringen.

Obwohl in Deutschland - anders als in den USA - die Politik den menschgemachten Klimawandel nicht offiziell leugnet, wird das Thema im aktuellen Wahlkampf nahezu völlig ausgeblendet. Hingegen häufen sich unnötige Bekenntnisse zu den Geschäftsmodellen von gestern - Dieselantrieb, Kohleverstromung, industrielle Landwirtschaft -, welche den Klimaschutz für ein sicheres Morgen blockieren und die ohne Subventionen nicht einmal wettbewerbsfähig wären. Statt weiterhin Unsummen für den Stillstand zu verbrennen, sollte die nächste Bundesregierung massiv in die nachhaltige Modernisierung unserer Gesellschaft investieren.

PIK-Direktor, Hans-Joachim Schellnhuber
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