Irrweg Stadtimkerei, das sogenannte Bienensterben ...

... und fragwürdige Ansätze in den aktuellen "Rettet die Insekten"-Aktionsprogrammen

Viele Kommunen, Privatleute, Schulen und Imagepflege betreibende Unternehmen wurden im letzten Jahrzehnt neu imkerisch aktiv.1 Bienenhaltung in der Stadt galt als Naturschutz - eher ist sie das Gegenteil.

Stadtimkerei: Ein Problem, keine Lösung

Das Konzept "Stadtimkerei" beruht auf der Annahme, die Honigbiene sei bedroht oder werde seltener. Beides ist falsch (Erläuterungen für Zweifler weiter hinten). Nicht Honigbienen, sondern ausschließlich Wildbestäuber, besonders Schwebfliegen, waren es denn auch, die nach ersten Einzelauswertungen der Tiere in den Fluginsektenfallen der viel zitierten Krefelder Studie einen starken Bestandsrückgang erlebten.2 Wilde Bienen gibt es um die 550 Arten in Deutschland, knapp die Hälfte gilt als gefährdet, bei Schwebfliegen und Tagfaltern ist die Lage nicht besser. Alle, vielleicht mit Ausnahme der Erdhummel, sind in Deutschland seltener als die Honigbiene.

Die Honigbiene ist als Nutztier im Vorteil gegenüber Wildbestäubern, weil sie vom Menschen mit Niststöcken, Zuckerwasser-Zufütterung und gelegentlich Fahrdiensten zur aktuell blühenden Tracht unterstützt und im Krankheitsfall behandelt wird. Wilden Bestäubern mangelt es in der landwirtschaftlichen Flur an Nahrung und Nistmöglichkeiten.

Unser Hauptnahrungsmittel Süßgrasgetreide (Weizen, Roggen, Mais,3 Reis u.ä.) ist nun einmal windbestäubt; landwirtschaftliche Blühpflanzen wie Raps sind nur bedingt hilfreich, weil sie nur kurz blühen, während den Rest des Jahres auf den Feldern Nahrungsmangel herrscht. Mobile, anpassungsfähige Kulturfolger wie Erdhummel oder Kohlweißling kommen auch in solchen Umwelten noch zurecht; viele dieser Arten sind noch immer häufig.

In starkem Rückgang dagegen sind Nahrungsspezialisten und Arten mit kleinem Aktionsradius.4 Diese Tiere können menschengemachte Massenblüten wie Raps oder Obstbaumplantagen nicht oder kaum nutzen, da braucht es die negativen Auswirkungen von Pestiziden gar nicht mehr. Kurz, Wildbestäuber sind auf Rückzugsräume ohne viel Ackerbau angewiesen, die vom Menschen umhegte Honigbiene nicht. Zu den Rückzugsräumen gehören Großstädte, aus Bestäubersicht Felseninseln mit ackerbaufreien grünen Tälern und Ebenen.

Hier gibt es von Februar bis November Blüten.5 Nistmöglichkeiten sind zahlreich, wie Gebäudeüberhänge und -Spalten, Fugen in Mauern, Hohlräume an Dächern, kahle Erdstellen, Sand und Erdanschnitte an Baustellen, vertrocknete Brombeerstängel, morsches Holz aller Art; gelegentlich werden sogar Fensterdichtungen, Plastik- oder Metallteile genutzt.6 Die Vielfalt an Pflanzen, Mikroumwelten und Mikroklimata auf kleinem Raum7 bieten vielen Spezies Möglichkeiten: Neben oft wenig geeigneten Ziergärten8 und Liegewiesen-Parks gibt es in Großstädten größere semi-natürliche Flächen, in dezidierten Naherholungs- und Naturschutzgebieten und da, wo man es nicht erwartet, an Industrie- und Gewerbegeländen, Autobahnüberführungen, Ausfallstraßen und an Bahndämmen.

Eine flächenmäßig kleine Großstadt wie Frankfurt ist an den Rändern durchzogen von einem Tausende Hektar großen Mosaik aus Wiesen, kleinen und großen Gehölzen, Pferdekoppeln, Auwald und Gewässern,9 verbuschenden Brachen, wilden Gehölzen, dazwischen immer wieder sandige Flächen mit dünnem Trockenrasenbewuchs, die auf dem Land rar geworden sind.

Diverse Bestäuber (5 Bilder)

Schillerfalter: Der Kleine Schillerfalter, gefährdet nach deutscher Roter Liste, an einem seminatürlichen Mainuferabschnitt mit Salweiden, Frankfurt, September 2019. Der Schmetterling nimmt hier mit dem Rüssel Mineralien von einem Stein auf. Bilder: Ruth Berger

Es gab denn auch bislang keinen Bestäubermangel in der Stadt, ein zweites Missverständnis, dem die Stadtimkerei-Bewegung aufsaß. In jedem Jahr hingen die von Insekten bestäubten Gehölze und Rankpflanzen voller Früchte. Eine bunte Mischung von Solitärbienen, Hummeln, Schwebfliegen, Schmeißfliegen, Käfern, Schmetterlingen und Wespen besucht Blüten, neben den immer schon vorhandenen Honigbienen von Profi- und Hobbyimkern.

Wenn es in den Gärten einmal weniger oder keine Kirschen oder Äpfel gab, dann war das auf die üblichen Gründe zurückzuführen wie Baumseuchen, Schädlinge oder die Witterung. Wenn an unbesonnten Stellen weniger Früchte hängen, ist das normal. Die (Semi-)Natur ist kein Fließband, wo jedes Werkstück bearbeitet wird. Bringt man nun zusätzliche Bienen in eine von Wildbestäubern wimmelnde Umwelt ein, hat das Nebenwirkungen.

Konkurrenz und Krankheitsdruck

Honigbienen sind Krankheitsüberträger. Durch den dichten Bestand, weltweiten Handel mit Königinnen und die Lebensweise in großen Völkern verbreiten sich Infektionen bei ihnen rasant. Von Honigbienen bekannte Viren ließen sich bei Wildbienen und bei Schwebfliegen nachweisen.10 Bei Nosema ceranae (ein neu eingeschleppter Typ einer alten Bienenkrankheit) und beim Flügeldeformationsvirus besteht kaum ein Zweifel, dass die Seuchen in unseren Gegenden von der Honigbiene auf Wildhummeln übergesprungen sind.

Ebenso sind in Treibhäusern verwendete Zuchthummeln ein Seuchenherd für die Wildhummeln in der Umgebung. Studien konzentrieren sich auf leicht zu fangende Arten wie Hummeln, vermutlich sind aber viele andere Arten auch betroffen. Ein Forschungsüberblick kommt gar zu dem Schluss, domestizierte Bestäuber (Honigbiene und Erdhummel) seien ein Hauptverursacher für neue virale Seuchen unter wilden Hummeln, Solitärbienen, Wespen, Ameisen und Schwebfliegen.

Die domestizierte Honigbiene ist außerdem für wilde Pollen und Nektar nutzende Arten ein Nahrungskonkurrent. Das ist zwar nicht immer beweisbar,11 zumal in Westeuropa honigbienenfreie Habitate für eine Vergleichsmessung kaum existieren und eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle spielen (Menge der Bienen, getestete konkurrierende Arten, Zustand der Flächen, Nist- und Ausweichmöglichkeiten). Räumliche Verdrängung von Wildbestäubern durch Bienen wurde aber regelmäßig beobachtet.12

In Paris, einer typischen Großstadt mit Stadtimkerei, zeigten sich stark negative Effekte der Dichte von Honigbienenstöcken auf die Blütenbesuchsfrequenz großer Solitärbienen und Käfer.13 Verdrängung von Wildbestäubern durch neu hinzukommende Bienen in üblicher Völkerstärke ließ sich auch experimentell hervorrufen (z.B. in Rapsfeldern oder zuvor honigbienenfreien Alpentälern).14

Der Rechercheanlass zu diesem Text war denn auch meine anekdotische Beobachtung, dass an einigen mir langjährig vertrauten Blütenweiden in Frankfurt zuletzt massenhaft Honigbienen auftraten statt der früher dort anwesenden diversen und mehrheitlich wilden Bestäuberfauna.

Fazit: Es ist aus Naturschutzsicht nicht sinnvoll, Wildinsekten im Refugium Stadt Konkurrenz und Krankheitsdruck durch zusätzliche Völker eines Nutztiers zu schaffen, dessen Bevölkerungszahl ohnehin weit oberhalb dessen liegt, was für die Wildform dieser Spezies normal wäre.

Imkerei ist Landwirtschaft und als solche nützlich. Aber sie ist kein Naturschutz. Mit Stadtimkerei erreicht man für den Artenschutz im besten Falle nichts; wahrscheinlicher schadet man ihm. Honigbienenhaltung in der Stadt sollte nicht weiter öffentlich gefördert oder gar mit Preisen für "biologische Vielfalt" oder "Nachhaltigkeit" bedacht werden.

Vermehrung der Honigbienen mitten im Bienensterben

Zwar ist die wilde Unterart der Honigbiene bei uns rar. Für sie ist aber gerade die Verdrängung, Einkreuzung15 und Krankheitsübertragung durch domestizierte Bienen eine Bedrohung, die ihr, zusammen mit der Forstwirtschaft, weitgehend den Garaus gemacht hat. Die wilde deutsche dunkle Biene unterschied sich in Verhalten und Biologie - Aggressivität, Schwärmverhalten. Honigmenge, Fortpflanzungsraten - von der typischen Imkerbiene, wie sich der Auerochse vom Holstein-Rind unterscheidet.

Die domestizierte Biene ihrerseits, meist Nachkomme mediterraner Unterarten, ist weltweit in Massen vorhanden, teils invasiv mit schweren Folgen für einheimische Bestäuber. Die Welthonigproduktion hat sich seit 1961 laut UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) mehr als verdoppelt.16 Die Honigmenge hängt von vielen Faktoren ab, die meisten davon marktwirtschaftlicher Art.

In Neuseeland waren beispielsweise höhere Erlöse dank Manukahonig-Hype ein Anreiz, die Produktion zu erhöhen. Die Honigmenge ist aber eben auch ein Indikator für die Zahl der gehaltenen Honigbienen. Der 2012 erschienene, vielfach preisgekrönte Dokumentarfilm "More than honey" vermittelte den Eindruck, in China seien Bienen teils ausgestorben.

Doch ausgerechnet in China wuchs die Honigproduktion weit überdurchschnittlich: Seit 1961 hat China die Honigmenge verzehnfacht und allein in den letzten fünfzehn Jahren verdoppelt. Genau in dieser Phase hohen Wachstums der chinesischen Bienenpopulation lag die Drehzeit des Films.

Honigproduktion in China: Langfristige Steigerung bei geringen Schwankungen. Datenquelle: UN-FAO. Grafik: TP

In Deutschland war die Steigerung der Honigernte weniger extrem. Aber auch bei uns wird - trotz vorübergehender Einbrüche - heute mehr, nicht weniger produziert als früher: 1961 waren es 9,360 Tonnen Honig, 2017 waren es 20,392. Dass es dennoch bei uns ein "Imkersterben" gab, ist Teil des Trends in der Landwirtschaft.

Kleine Betriebe oder Hobbyimker geben die Arbeit auf; die Produktion konzentriert sich bei weniger Produzenten. Ein Anlass, die Imkerei aufzugeben, können erschwerte Randbedingungen sein, darunter die Kombination aus eingeschleppten Seuchen ("Bienensterben", siehe unten) und mehr Insektizideinsatz, was höheren Pflegebedarf bewirkt.

Aufklärung eines Missverständnisses: Handbestäubung von Obstbäumen in China ist kein Zeichen für Bienensterben, sondern für hocheffiziente Landwirtschaft

Zum Eindruck eines gefährlichen Bienensterbens hatten Bilder von chinesischen Bauern beigetragen, die Obstbäume von Hand bestäubten. Westliche Medienberichte dazu behaupteten, das Obst müsse von Hand bestäubt werden, weil nicht mehr genügend Bienen da seien.

Meine Informationen zum Thema stammen aus einem (englischen) Bericht chinesischer Agrarwissenschaftler über Methoden des Birnenanbaus in der Region und von einer Organisation für "nachhaltige" landwirtschaftliche Entwicklung, die trotz agendagetriebener Bewertungen die Angaben der chinesischen Agrarwissenschaftler bestätigt.17 Was an der Geschichte stimmt, ist, dass die Bauern überreichlich Insektizide verspritzen, so dass es kaum Bestäuber um die Bäume gibt.

Lokale Imker wären nur gegen Entlohnung bereit, ihre Tiere diesen Giftbäumen auszusetzen, zumal sich Birnen nicht besonders für die Honigproduktion eignen. Die Frage, ob Imker ihre Stöcke hier aufstellen wollen, ist aber irrelevant: Die Bauern haben kein Interesse daran. Edelbirnen sind zur Bestäubung auf Bäume einer anderen Sorte angewiesen, die für Naturbestäubung in der Nähe stehen müssen, aber nur Früchte mit geringem Marktwert (falls überhaupt) liefern.

Ähnliches gilt für Äpfel. In so einem Fall erzielt man mit Handbestäubung höhere Erträge pro Fläche, denn man kommt mit um zwei Dritteln weniger Pollenspender-Bäumen aus. Die zusätzliche Arbeitsbelastung für wenige Wochen ist kein Problem. Kleinbauern haben trotz selbst durchgeführter Handbefruchtung mit einer Obstkultur weniger Arbeit als im Reisanbau.

Kurz: Die Bauern machen das so, weil es die effizienteste Produktionsmethode für ihre Früchte ist. Diese Methode kann man gut finden oder nicht, so wie man die laborähnlichen niederländischen Treibhäuser mit Kunstatmosphäre18 gut finden kann oder nicht. Sie ist aber kein Zeichen für ein Verschwinden der Bienen, das die Nahrungsproduktion gefährdet. In den Niederlanden wurden Tomaten und andere Nachtschattengewächse jahrzehntelang von Hand bestäubt, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, wir hätten bald nichts mehr zu essen auf dem Teller.19

Heute übernehmen den Job Zuchthummeln, wie auch in den Plastikfolienlandschaften in der Region Almería. Niederländische und spanische Treibhäuser (ob "bio" oder nicht) sind ebenso wildbestäuberfreie Areale wie gespritzte Obstbaumhaine in China oder wie Weizenfelder in Deutschland. Alle diese Kulturen sind hocheffizient und zugleich für die Wildfauna problematisch. In Deutschland und den Niederlanden kommt man dabei immerhin ohne die schändlichen Bedingungen für landwirtschaftliche Arbeiter aus, die man sich in Spanien und Italien ungestraft von jeglicher EU-Regulierung leistet.20