Islam-Bashing von evangelischen Fundamentalisten

Spektrum: Eine evangelikale Zeitschrift aus Deutschland

„Kommen nach Beitritt der Türkei Gott und Allah in die Verfassung?“ So fragte die deutsche Zeitschrift „Spektrum“ in einer Artikelüberschrift anlässlich des bevorstehenden Beschlusses der EU-Kommission Anfang Dezember 2004, mit der Türkei Beitrittsverhandlungen aufzunehmen. Dies ist suggestiver Journalismus: Man stellt eine völlig abwegige Behauptung in den öffentlichen Raum, um diese sodann umso heftiger attackieren zu können. Anders formuliert: „Spektrum“ greift das mit diffuser Angst besetzte Thema Islam nur allzu gerne auf. So gibt es in No. 51/2004 einen Artikel, der darauf aufmerksam macht, dass der Koran das Schlagen von Frauen erlaube, und einen anderen, der voller Freude verkündet, wie aus einem ägyptischen Muslim ein evangelischer Pfarrer wurde. Nach dem Mord an dem niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh bringt „Spektrum“ auf der Titelseite von No.47/2004 in Großdruck Hass erfüllte Zitate auf die deutsche Bevölkerung von Muslimen und spricht im Innenteil von in der Zukunft möglichen „Straßenkämpfen in den Großstädten“, von „wachsenden Bürgerkriegsängsten“, von „devoten Deutschen“, die keinen Mut mehr hätten, sich kritisch mit dem Islam auseinander zu setzen oder fragt, ob man nicht schon früher die Einwanderung hätte „abbremsen“ müssen?

Diese Zeitschrift wird vom Informationsdienst der Evangelischen Allianz (idea) unter Leitung von Helmut Matthies in Wetzlar herausgegeben. Idea hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins, dem verschiedene Persönlichkeiten sowohl aus den Landeskirchen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) als auch aus evangelikalen Freikirchen angehören, und versteht sich in seinen vielfältigen Medienaktivitäten als „evangelische Nachrichtenagentur“, steht also in Konkurrenz zu dem in Frankfurt ansässigen Evangelischen Pressedienst (epd). Allerdings steht idea nicht nur in Konkurrenz zum epd, sondern ist gleichzeitig mit ihm verschwistert, werden doch beide Pressedienste aus dem EKD-Haushalt finanziell bezuschusst. Mit anderen Worten: Auch über idea äußert sich die offizielle Evangelische Kirche Deutschlands. Allerdings mag sich ein Pressesprecher der EKD in Hannover in einem Telefoninterview zum Thema idea nicht äußern; das sei ihm zu heikel.

Idea und sein Magazin „Spektrum“ gibt es seit 28 Jahren. „Spektrum“ erscheint wöchentlich und hat eine Auflage von rund 30.000 Exemplaren und preist sich selbst als „das auflagenstärkste evangelische Wochenmagazin im deutschsprachigen Europa“ an. Jedes Heft erscheint in buntem Hochglanzpapier, hat einen Umfang von 40 Seiten und kostet 1,50 Euro. Laut eigener Leseranalyse hat „Spektrum“ eine Reichweite von über 100.000 Lesern pro Heft, gehören knapp 70% seiner Leser zu Entscheidungsträgern in ihren jeweiligen kirchlichen Gemeinden und verfügen 34% seiner Leser über ein Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 3.000,00 Euro.

Der Informationsdienst idea veröffentlicht nicht nur die Zeitschrift „Spektrum“, sondern stellt durchaus ein beachtenswertes kleines Medienimperium dar. Neben der Zeitschrift veröffentlicht idea einen Presse- und einen Briefdienst, bietet als Bildagentur eigene Fotos an, veröffentlicht rund 30 Dokumentationen pro Jahr, organisiert einen Internetauftritt, vertreibt TV-Filme und hat mit der Firma Zeichensetzen GmbH eine eigene Werbeagentur.

Durchaus nicht zufällig ist Wetzlar auch Sitz des Evangeliums-Rundfunks (ERF) unter Leitung von Jürgen Werth und der Christlichen InterNet-Arbeitsgemeinschaft (CINA) unter Leitung von Joachim Stängle, sind doch sowohl idea als auch ERF und CINA die schwergewichtigsten Medienunternehmen in der Evangelischen Allianz, einer Dachorganisation von rund 1,3 Mio. evangelikalen Christen. Veröffentlicht CINA das Online-Magazin Jesus-Online, so strahlt ERF seit 1996 als erster lizenzierter deutscher Anbieter sein tägliches religiöses Programm über den Mittelwellensender Mainflingen auf 1539 kHz aus. Wie wichtig im Übrigen der Evangelischen Allianz die Arbeit mit Medien ist, mag man daran erkennen, dass mit der im März 2007 erfolgten Wahl von Jürgen Werth zum Vorsitzenden der Evangelischen Allianz zum ersten mal ein Journalist, nicht länger ein Theologe, den Vorsitz in dieser konservativen kirchlichen Lobbygruppe übernommen hat. Folgerichtig titelte idea.de-aktuell am 6. 12. 2007 „Medien sind Missionsfeld der Zukunft“.

Bei „Spektrum“ ist „Islam-Bashing“ seit langem ein Dauerbrenner. Hier weitere Zitate: Sollte die Türkei EU-Mitglied werden, so befürchtete „Spektrum“ im Jahre 2004, dass dann „der Bevölkerungsanteil Muslime den der Protestanten in der EU übertreffen werde“ (No. 5/2004). Schon für die Gegenwart stellt „Spektrum“ voller Angst fest: „Paris hat vor islamischer Militanz gekuscht“, Deutschland zeige bei Islamisten „westliches Duckmäusertum“ und „Europa müsse sich auf das Christentum zurückbesinnen, das unsere Zivilisation geprägt hat“ (No. 36/2004). Überhaupt ist laut „Spektrum“ die ganze Welt vom Islam bedroht. So musste beispielsweise in Nigeria die „Großevangelisation eines pfingstkirchlichen Evangelisten nach Gewaltdrohungen von fanatischen Moslems abgebrochen werden“ (No.37/2004), in „islamischen Ländern“ seien „christliche Minderheiten während des Fastenmonats Ramadan akut gefährdet“ (No. 43/2004), in Malaysia sei ein „radikaler Islam auf dem Vormarsch“ (online-Ausgabe 24.7.2007) und in Nigeria rufe der Sultan von Sokoto zu „verstärkten muslimischen Missionsbemühungen“ auf (online-Ausgabe 6.7.2007).

Was bei „Spektrum“ seit einigen Jahren und kontinuierlich als fröhlich-dumpfes „Islam-Bashing“ daher kommt, hat innerhalb der EKD inzwischen Früchte getragen: War noch die offizielle EKD-Denkschrift „Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland“ aus dem Jahre 2000 ganz vom abrahamischen Geist der Brüderlichkeit durchdrungen, so definiert die EKD-Denkschrift Klarheit und gute Nachbarschaft vom November 2006 das Verhältnis von Christen zu Muslimen vom November 2006 oberlehrerhaft und mit kalter Distanz, traf auf offene Ablehnung des Koordinationsrates der Muslime und musste sich ein Jahr später von führenden Religionswissenschaftlern in dem von Jürgen Miksch herausgegebenen Buch „Evangelisch aus fundamentalem Grund. Wie sich die EKD gegen den Islam profiliert“ (Frankfurt: Otto Lembeck Verlag 2007) vorwerfen lassen, sie sei fürchterlich, selbstherrlich, arrogant und apodiktisch.

Hatte noch 2005 das Evangelische Missionswerk in Hamburg eine Broschüre unter dem Titel „Christlich-islamische Andachten und Gottesdienste. Eine Orientierungshilfe“ herausgeben dürfen, die von Respekt, Sensibilität und Verständnis für das Verhältnis zwischen Christentum und Islam geprägt war, so wurde per 31. Dezember 2007 die Beratungsstelle für christlich-islamische Begegnung der beiden gemeinsamen Evangelischen Kirchen im Rheinland und von Westfalen in Wuppertal geschlossen. Insider sagen, dass diese Beratungsstelle deswegen geschlossen wurde, weil ihr Leiter Bernd Neuser 2005 ein Buch unter dem Titel „Dialog im Wandel. Der christlich-islamische Dialog“ (Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagshaus 2005) veröffentlicht hatte, in dem sich ein Essay von Heinrich G. Rothe mit vielen islamophoben und ignoranten Äußerungen über den Islam speziell des EKD-Vorsitzenden Bischof Wolfgang Huber auseinandergesetzt hatte.

Wie fruchtbar die Saat aufgegangen ist, die „Spektrum“ gesät hat und nach wie vor sät, lässt sich auch an einigen christlichen Gruppen sehen, die als NGOs in Afghanistan aktiv sind. Das gilt besonders für die beiden Hilfswerke Shelter Now International (SNI) aus Braunschweig und Ora International (OI) aus Korbach in Oberhessen. Im Jahr 2001 waren acht westliche und 16 afghanische SNI-Mitarbeiter in Afghanistan entführt und erst nach langwierigen Verhandlungen wieder frei gekommen. Ganz ähnlich erging es der Gruppe OI, die ebenfalls in Afghanistan Hilfsprojekte betreibt (und die in den siebziger Jahren unter dem besonderen Schutz des Korbacher SPD-Landtagsabgeordneten und damaligen Synodalen der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und späteren Präsidenten der Deutschen Bundesbank Ernst Weltecke stand). In diesem Fall geriet eine deutsche OI-Mitarbeiterin im August 2007 einige Tage in afghanische Geiselhaft, bevor sie nach Verhandlungen des Auswärtigen Amtes wieder freigelassen wurde.

Die beiden Fälle sind aus folgenden Gründen miteinander verwandt:

  1. Beide Hilfswerke behaupteten während der Geiselhaften, sie seien in Afghanistan nur entwicklungspolitisch, nicht religiös tätig.
  2. Nach den Geiselbefreiungen stellte sich bei beiden Organisationen heraus, dass sie in Afghanistan doch missionarisch tätig waren. SNI erklärte im März 2002 sogar, dass man in Afghanistan Jesus-Videos gezeigt habe. Hatte die Presse die Afghanistanarbeit von OI mit den Begriffen „Entwicklungshilfe“, „Hilfsorganisation“, „medizinische Versorgung“ und „Selbsthilfeprojekte“ charakterisiert, so heißen demgegenüber die entscheidenden Signalwörter im Jahresbericht 2005 von „Ora International“ „im Auftrag des Herrn“, „Vertrauen zu Gott“, „Vorstellungen des Schöpfers“, „christlicher Glaube“ und „Ruf Gottes“.
  3. Da beide Hilfswerke seit über zwanzig Jahren in Afghanistan tätig sind, wissen sie sehr wohl, dass es in diesem Land ein Missionsverbot gibt. In der Scharia erklärt sich dieses Missionsverbot aus der Strafbarkeit des Abfalls vom Islam und dementsprechend kommt Missionierung der Anstiftung zu einer Straftat gleich.
  4. Guckt man sich die Schriften beider Organisationen an, dann wird schnell deutlich, dass sie evangelikal, wert-, strukturkonservativ und rechtslastig argumentieren.
  5. Schließlich gilt es die Tätigkeit von SNI und OI auch vor dem globalen Hintergrund von Evangelisierungskampagnen unterschiedlichster evangelikaler Gruppen in vielen Ländern der Dritten Welt zu sehen: Parallel zur Geiselhaft der deutschen OI-Mitarbeiterin waren in Afghanistan im Sommer 2007 23 Mitglieder der evangelikanen Saemmul Church aus Korea in Geiselhaft gewesen. Wider besseres Wissen hatte auch diese Gruppe behauptet, sie hätten nur geholfen, nicht missioniert.

Ob nun „Spektrum“ OI oder OI „Spektrum“ beeinflusst, ist eine falsche Frage, denn beide Institutionen gründen in derselben evangelikal-sektiererischen Tradition in einigen Teilen der evangelischen Kirche in Nordhessen, besonders im Landkreis Waldeck mit seinem traditionellen Neupietismus, seinen Gemeinschaftsbewegungen, seinen zahlreichen freikirchlichen Gemeinden, seinen vielen Erweckten und Schwarmgeistern. Heinrich Floreck, Vorstandsvorsitzender und Gründer der Gruppe „Ora International“ - mit einem Jahresbudget (2005) von rund 10 Millionen Euro (2005) im Übrigen alles andere als arm und klein - war viele Jahre lang Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP), einer weiteren evangelikalen Organisation, die für eine „angemessene Publizierung von biblischen Denk- und Handlungsweisen in den modernen Massenmedien“ eintritt und in dessen Kuratorium so illustre konservative Flügelmänner wie Otto von Habsburg, der frühere ZDF-Intendant Karl Holzamer und Philipp Prinz von Preußen vertreten sind.

Ob nun Idea oder Spektrum, „Ora International“, „Shelter Now International“ oder ACP: Sie alle sind aktiver Teil der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD), einem Dachverband von 1,3 Mio. Evangelikalen, der sich besonders der Mission unter Muslimen verschrieben hat und der traditionell gerade und während des islamischen Fastenmonats Ramadan Gebetszeiten zur Bekehrung von Muslimen organisiert.

Zurück zu „Spektrum“: Der zweite große und positiv bewertete Thema von „Spektrum“ gilt der traditionellen protestantischen Großfamilie. In einer solchen Familie arbeitet der Mann in einem Beruf, während sich die Frau als glückliche Mutter zuhause nur ihren vielen Kindern widmet. Abweichungen von diesem Idealbild werden von „Spektrum“ negativ bewertet. Besonders schlimme Abweichler sind Homosexuelle und Feministinnen. Auch hier zur Illustration und zur eigenen Urteilsbildung wiederum einige Zitate. So zeigt beispielsweise No. 42/2004 auf dem Titelbild Ursula von der Leyen, damals noch Familienministerin des Bundeslandes Niedersachsen, zusammen mit ihrem Ehemann und ihren sieben Kindern. Im Text heißt es dann mit positivem Ton: „Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter“, „Karriere mit sieben Kindern“, „Wir singen immer wieder wunderbare Kirchenlieder“ und „Wir beten bei Tisch“. Wer sich jedoch familiär oder sexuell in’s „Abseits“ begibt, für den kennt „Spektrum“ eigentlich nur die Hölle. Lassen wir auch hier „Spektrum“ selber sprechen. „Ledig wider Willen“ und „Wenn Christen keinen Partner finden“ (beide No. 43/2004), Bischöfin „in lesbischer Partnerschaft“ (No. 49/2004), „Meine Mutti ist ein Mann“ (No. 45/2004) oder „Homo-Segnung“ (No. 50/2004).

Der dritte und wohl wichtigste Themenkreis ist für „Spektrum“ natürlich der richtige Zugang zu Gott, Bibel, Glaube und Frömmigkeit. Als Feindbilder dienen demgegenüber Aufklärung, Rationalismus und Sexualität, die als zu fortschrittlich empfundene Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) und natürlich der Islam. Lassen wir „Spektrum“ selbst sprechen. Zum World Economic Forum im schweizer Davos meinte „Spektrum“: „Hier fehlt ein Christ“, „Wo sind die frommen Vordenker?“, „Die fromme Szene beeinflusst kaum noch das Abendland: Es fehlen Vorbilder“ (alle Zitate No. 50/2004). „Christen kämpfen gegen Pornos“ (No. 36/2004), „Es war der theologische Liberalismus, der die evangelikale Bewegung erforderlich machte“ (No. 38/2004), „gegen eine Verfälschung der Bibel“ (No. 45/2004), „Die evangelische Kirche vernachlässigt das Abendmahl“ (No. 43/2004), „Allgemeine Sinnsprüche - etwa aus Antoine Saint-Exupérys ‚Der kleine Prinz’ - sind keine geeigneten Texte für kirchliche Amtshandlungen“ (No. 49/2004) oder „Bibelleser wissen mehr“ (No. 51/2004).

Der Nichtkenner kann sich „Spektrum“ äußerlich und innerlich gut als visuell bessere Version der weltweit bekannten Zeitschrift „Watch Tower“ von den Zeugen Jehovas vorstellen. Und auch „Spektrum“ ist ohne Frage konservativ, rechts-populistisch, anti-kommunistisch und christlich-fundamentalistisch. So weit, so gut, könnte man sagen, denn sicherlich ist es mit unser aller Verständnis sowohl von Pressefreiheit als auch religiöser Toleranz verträglich, wenn Zeitschriften, Nachrichtenagenturen, Radio- und TV-Sender völlig andere als die eigene Meinung wiedergeben. Nochmals also: So weit, so gut. Völlig unabhängig von der Frage nach einer politischen ist jedoch die nach einer journalistischen Bewertung zu stellen. Und hier steht „Spektrum“ schlicht und einfach für eine ausgesprochen schlechte Qualität von Journalismus. Und das aus zwei Gründen.

Der erste Grund heißt „Polarisierung“, d. h. „Spektrum“ polarisiert und dichotomisiert seine inhaltlichen Aussagen in nicht mehr erträglicher Form. Diese Zeitschrift lässt weder Grau- noch Zwischentöne zu, sie reduziert komplexe Probleme zu eindimensionalen Linien, sie stellt keine Fragen, sondern gibt nur autoritative Antworten und nimmt insofern ihre Leser nicht ernst. „Spektrums“ Journalismus ist rigide, geschlossen, dogmatisch.

Das zweite Moment für schlechten Journalismus ist der Suggestivcharakter vieler Überschriften und Texte. „Spektrum“ verfährt hierbei nach folgendem Muster: In einer Überschrift wird irgendein unbedeutendes Ereignis mit großem Wortgetöse so präsentiert, als ob der Weltuntergang bevor stünde. Hat man auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Lesers erst einmal geweckt, dann kann man in dem dazu gehörigen Text journalistisch auf alles drauf schlagen, was einem gerade nicht passt. So stehen beispielsweise als Aufmacher auf dem Cover von No. 37/2004 stehen die Zeilen „Großtreffen in Berlin. Linke Studenten bekämpfen Jesus-Tag“. Suggestivjournalismus liegt hier insofern vor, als das Berliner Treffen evangelikaler Gruppen im September 2004 klein und völlig unwichtig war und es eine linke Studentenbewegung in Deutschland seit langem nicht mehr gibt. Und selbstverständlich ist auch die folgende Überschrift suggestiv: „Hängt Aids mit Sünde zusammen?“ (No. 48/2004).

Doch wie bei allen rechts-populistischen Strömungen und ihren links-liberalen Kritikern gelten für beide folgende kritische Fragen und Gedanken.

  1. Nach dem Ende des staatlich verordneten Kommunismus in Osteuropa haben in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion Konzepte von universalistischer Reichweite an Glanz gewonnen. Das gilt besonders für Begriffe wie Totalitarismus, aber auch für Begriffe wie Terrorismus und Fundamentalismus. Solche Begriffe sind jedoch differenzblind; stets blenden sie historische und kulturelle Spezifika von Herrschaft aus. Der Begriff Fundamentalismus wird umgangssprachlich zumeist mit dem Islam in Bezug gesetzt. Dieser religiösen Funktionalisierung widersprechen sich selbst als fortschrittlich dünkende Menschen in Europa und den USA mit dem sofortigen Hinweis, dass es aber gerade in den USA auch christlich-fundamentalistische soziale Bewegungen gäbe (und notabene wird von diesen links-liberalen Denkern dann noch „heimlich grinsend“ US-Präsident George W. Bush erwähnt). Aus theologischer Sicht sind alle diese Behauptungen aber fragwürdig. Seinem Selbstverständnis nach ist der Koran Gottes- und nicht Menschenwort. Deswegen kann der Koran nicht anders als wörtlich gelesen und verstanden werden. Da aber die Bibel ihrem Selbstverständnis nach Menschen- und nicht Gotteswort ist, kann man ihre Worte unterschiedlich lesen und verstehen. Wer aber die Bibel wortwörtlich liest, ist Fundamentalist. Anders, und wenig zugespitzt, formuliert: Ihrem Selbstverständnis nach können eigentlich nur Christen, eben nicht Muslime, fundamentalistisch sein.
  2. Konservative Populisten wie „Spektrum“ geben auf richtige Fragen falsche Antworten, und zwar Fragen, die ihre links-liberalen Kritiker und Besserwisser erst gar nicht stellen. So ist dem „Verfall der Familie“ in den nördlichen Industrieländern zwar ganz sicherlich nicht mit moralischen Appellen an Enthaltsamkeit vor der Ehe, Kampf der Internet-Pornographie und verstärkter Bibellektüre zu begegnen, aber man kann diesen „Verfall“ auch nicht einfach tot schweigen.
  3. „Islam-Bashing“ ist in Europa gegenwärtig in. So unterstellte beispielsweise Edmund Stoiber auf einer Wahlkampfrede Anfang Februar 2005 der damaligen rot-grünen Bundesregierung, sie wolle den deutschen Nationalfeiertag abschaffen und stattdessen „Mohammeds Geburtstag einführen“. Doch „Islam-Bashing“ findet sich in Europa nicht nur auf der politisch rechten, sondern auch auf politisch linken Seite. Nach einem Bericht der International Helsinki Federation for Human Rights vom März 2005 assoziieren 80 Prozent der Deutschen das Wort „Islam“ mit „Terrorismus“ und „Unterdrückung von Frauen“. Auf christlicher Seite betreibt in der protestantischen Kirche nicht nur „Spektrum“ dieses erschreckende Spiel mit der Angst vor dem Islam, sondern auch Teile der katholischen Kirche. In Deutschland gilt das für den Verein Pro Sancta Ecclesia aus München (www.pro-sancta-ecclesia.de), der sich in einer großen Öffentlichkeitskampagne seit langem gegen multireligiöse Feiern ausspricht. Doch auch die offizielle Katholische Deutsche Bischofskonferenz beteiligt sich munter am „Islam-Bashing“, schließlich gehört ihr mit den Buchhandlungen Weltbild, der DBH-Buchhandelskette und den beiden Buchhandlungen Wohltat und Hugendubel die größte deutsche Buchhandelskette und gerade Weltbild veröffentlicht seit vielen Jahren in seiner Reihe „Exotische Schicksale“ mit Vorliebe einen Trivialroman nach dem anderen, in denen muslimische Frauen von wilden und herzlosen muslimischen Männern geschändet, geschlagen und verschleppt werden. Auf dem europäischen Parkett ist „Islam-Bashing“ auch ein essentieller Bestandteil der katholisch beeinflussten Laienorganisation Christian Solidarity International (CSI) (www.csi.lu) oder der von Jesuiten in Rom herausgegebenen Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“. In dieser schrieb Giuseppe De Rosa S.J. am 18. Oktober 2003: „In seiner gesamten Geschichte hat der Islam ein kriegerisches und triumphierendes Gesicht an den Tag gelegt; während fast tausend Jahren lebte Europa unter ständiger Bedrohung, und was von der christlichen Bevölkerung in islamischen Ländern übrig geblieben ist, ist immer noch ‚ständiger Diskriminierung’ unterworfen, gekoppelt mit Epochen blutiger Verfolgung.“

Für Liebe und Hoffnung - so würde man religiös sagen - und für Vernunft und Dialog - so würde man politisch sagen - bleibt noch ein weiter Weg zurück zu legen. „Spektrum“ ist ein ärgerliches Hindernis auf diesem eigentlich schönen und zugleich notwendigen Weg.

Kommentare lesen (290 Beiträge)
Anzeige