Islam im Kleid westlich-revolutionärer Ideologien

Auch Muslime müssen sich die Frage stellen, ob das, was heute so alles als islamisch etikettiert wird, auch wirklich etwas mit dem Islam zu tun hat

Es war eine Frage der Zeit, dass Splittergruppen in Ägypten auf Terroranschläge zurückgreifen. Die Nachricht vom Terroranschlag auf einen Touristenbus in Taba deutet zumindest darauf hin. Um jedoch die Krisen und Konflikte im Nahen Osten einordnen zu können und den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren, reicht es nicht aus, auf die "Breaking News", die im Sekundentakt auf uns einprasseln, zu schauen, sondern wir müssen vielmehr auf die historischen und ideologischen Hintergründe der verschiedenen Parteien eingehen. Gerade wenn es um die aktuelle Situation in Ägypten geht, spielt das Phänomen des politischen Islams hierbei eine Schlüsselrolle.

Die heutigen Kommunikationsmittel erlauben es dem modernen Staatsbürger, sich über alles zu informieren, ohne irgendetwas zu verstehen.

Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text

Sowohl unter den Muslimen als auch Nichtmuslimen dominiert allzu oft das Denken in politischen Lagern, in Schwarz und Weiß, so als ob eine dritte Position denkunmöglich sei, als ob es keine Schattierungen gäbe, keine Nuancen. Und nicht wenige Experten stricken - bewaffnet mit den neuesten Nachrichten aus den Newstickern - an der Legende weiter, dass das Übel in Ägypten seinen Ursprung in der Religion, hier: im Islam, habe.

Ein Kampf zwischen Säkularen auf der einen und "Islamisten" auf der anderen Seite. Wenn wir uns die verschiedenen Konstellationen anschauen, überrascht es manch einen, welche Koalitionen in Ägypten in den letzten Monaten zustande kommen konnten.

Sowohl Israel, als auch die arabischen Monarchien, allen voran das wahabitische Saudi-Arabien, und sogar Teile der Salafisten in Ägypten haben das Eingreifen des Militärs unter General Sisi unterstützt. Auch die Mullahs im Iran sind nicht gerade traurig darüber, dass die Muslimbrüder von der Macht gestürzt wurden.

Wer den Versuch unternimmt die Ereignisse jenseits von Pauschalisierungen zu deuten, läuft dabei aber in Gefahr, von beiden Seiten angefeindet zu werden. Kritisiert man das Vorgehen des Militärs und das Massaker an den Demonstranten, wird man von vermeintlich Liberalen zum Sympathisant der Muslimbrüder gemacht und riskiert gar, als Islamist markiert zu werden - kritisiert man die Muslimbrüder dagegen, kann man schnell als Putschanhänger betitelt werden.

Wenn man die Muslimbrüder als gläubiger Muslim kritisiert oder ihr Vorgehen zumindest hinterfragt, wird einem fast schon der Glaube abgesprochen. Aber ist es eine Glaubensfrage, wenn man die jahrzehntelange erfolglose Politik einer Bewegung in Frage stellt, die gerade viele eigene Anhänger mit dem Leben bezahlt haben?

Auch unsere Medien bedienen sich in ihrer Berichterstattung aus dem Repertoire der Kampfbegriffe. Ob es nun die Demonstranten gegen den Militärputsch waren oder die Wähler der Muslimbrüder, allesamt war schnell die Rede von "Islamisten", als ob wir es hier mit einer homogenen Masse zu tun hatten. Diese willkürliche Verwendung eines unbestimmt gehaltenen Begriffes ist nicht nur eine Beleidigung des Intellekts, sondern zeigt auch, dass dieses geistige Flächenbombardement die Funktion hat, den Feind zu markieren und aus dem Diskurs zu verbannen.

Allgemein waren im Falle von Ägypten die letzten Monate eine Hochsaison für Scharfmacher verschiedener Lager. Während Führer der Muslimbrüder ihre Anhänger mobilisierten und auf die Straßen trieben, wohl wissend, dass das Militär in der Vergangenheit immer mit brutaler Gewalt gegen solche Demonstrationen vorgegangen ist, so gab es auch auf der Seite der "Säkularisten" Scharfmacher, die ihre Hoffnungen auf die Vernichtung des politischen Feindes richteten.

Hamed Abdel-Samad, der durch skurrile Talkshow-Auftritte während der Unruhen wie ein Pressesprecher des ägyptischen Militärs agierte, redete die Massaker an den Demonstranten klein und rechtfertigte diese gar fast schon, wenn man sich seinen Facebook-Kommentar nach dem Massaker auf dem Rabia-Platz mit Hunderten Toten anschaut: "Lieber ein Schrecken mit Ende, als ein Ende ohne Schrecken."

Die Fraktion der Panikmacher hat in turbulenten Zeiten kein Interesse daran zwischen Islam als Religion und dem politischen Islam als ideologische Parteiung zu differenzieren. Sowohl bei "Islamisten" als auch bei "Sekularisten" kursieren Begrifflichkeiten, die von anderen unhinterfragt übernommen werden.

So sehr "Islamisten" im "islamischen Staat" die Erlösung und ihr Heil sehen, so sehr verteufeln die "Säkularisten" diesen vermeintlich "islamischen Staat". Aber die wenigsten politischen Beobachter stellen sich die Frage, ob es so etwas wie einen "islamischen Staat" gibt oder geben kann.

Die Vorstellung eines "islamischen Staates" ist ein modernes Phänomen und entstand gegen Ende der Kolonialzeit mit der Gründung der Muslimbruderschaft. Beeinflusst durch das westliche Staatsdenken prägten die Vordenker der Muslimbrüder wie Hassan El-Banna, Jamal-ad-din Al-Afghani oder Sayyid Qutb die Idee, dass die islamische Welt ihre Unabhängigkeit nur wieder erlangen könne, wenn sie die Techniken und die Staatsstrukturen der überlegenen Kolonialmächte kopierten und mit dem Islam kombinierten.

Daraus sollte dann der "islamische Staat" entstehen. Der Islam im Kleid westlich-revolutionärer Ideologien wurde zur Heilsbotschaft des politischen Islam, der "Wille zur Macht" dominiert seitdem ihr Handeln.

Seit Carl Schmitt dürfte bekannt sein, dass "alle politischen und staatsrechtlichen Begriffe säkularisierte theologische Begriffe" sind. Die eigenständige islamisch-arabische Terminologie ist de facto aufgrund des modernistischen politischen Islam verschwunden. Die Auswirkungen sehen wir heute mehr denn je.

Die arabische Welt denkt seitdem in neuen politischen und verfassungsrechtlichen Kategorien, die das christliche Abendland hervorgebracht hat. Bis dahin in der islamischen Welt unbekannte Fiktionen wie "das Volk" oder "der Staat" wurden durch diese Bewegungen in die islamische Gedankenwelt eingeführt.

Am Beispiel Ägyptens sieht man, wie schwer es ist zwischen "Freund" und "Feind" zu unterscheiden, denn die verschiedenen Parteien verfolgen eben keine reine Geisteslehre. Alle Parteiungen denken weder rein "islamisch" noch rein "säkular". Die Muslimbrüder sind etwa in dem Gedanken verhaftet, durch die Übernahme staatlicher Institutionen ihre Macht zu steigern, um so ihre religiösen Ziele zu erreichen.

Sie haben die Vorstellung den Islam von oben herab der Gesellschaft verordnen zu können. Dieser Irrglaube geht davon aus, dass Staatsapparaturen neutral seien, die man je nach Einstellung für seine eigenen Zwecke instrumentalisieren könne, ohne zu sehen, dass dieses Denken direkten Einfluss auf ihr Verständnis vom Islam hat.

Dem traditionellen Islamverständnis war diese moderne Vorstellung bis zu diesem Zeitpunkt allerdings fremd. Auch die Vorstellung der Muslimbrüder, dass nur ihr Islamverständnis die muslimische Welt von den Kolonialmächten befreien könne, provozierte schon von Anfang an die muslimische Orthodoxie, denn Konstrukte wie ein vermeintlich "islamischer Staat" sind Phänomene, die mit dem Wesen des Islam nicht viel zu tun, denn Islam ist nach traditioneller Auffassung eben kein "System", vor allem kein politisches System.

Den Muslimen ist aus ihrer Geschichte heraus ein staatlich durchorganisierter Islam fremd. Vielmehr haben zivilgesellschaftliche Elemente wie etwa die Stiftungen eine zentrale Rolle gespielt. In den Stiftungen ging es nicht um den Willen zur Macht.

Vielmehr haben diese lokalen Einrichtungen wie etwa die Moscheen, Märkte und Stiftungen das gesellschaftliche Leben ausgemacht und waren spiritueller, sozialer und ökonomischer Natur. Der politische Islam - egal welcher Couleur - löst eben diese gemeinschaftliche Lebenspraxis auf. Dabei kopiert der politische Islam westliche Vorbilder und die Idee, dass Macht organisierter Wille sei.

Die Muslimbruderschaft wirkte und wirkt immer noch vielen Muslimen wie eine Geheimgesellschaft und Kaderorganisation. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits ist das sicherlich eine Folge der zahlreichen Repressalien, die sie etwa unter Nasser, Sadat und Mubarak erleiden mussten, andererseits hat das auch ideologische Gründe.

Denn sie sahen in der Etablierung eines "islamischen Staates" die Lösung aller Probleme, ohne Antworten auf die wahren Probleme der Gesellschaft, die nicht politischer, sondern ökonomischer Art sind, zu geben. Muslime, die es anders sehen, gelten schnell als Irrgläubige und Feinde der "islamischen Sache".

Wer in einer solch aufgeheizten Atmosphäre gebraucht wird, sind keine Parteigänger. Man sollte stattdessen angehalten sein, bestimmte Zuschreibungen und Begrifflichkeiten zu hinterfragen. Statt nur Symptome zu beschreiben und anzuprangern, muss man das Wesentliche im Blick haben, und insbesondere die Muslime müssen sich die Frage stellen, ob das, was heute so alles als islamisch etikettiert wird, auch wirklich etwas mit dem Islam zu tun hat.

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