Islam in Afrika

In Schwarzafrika und in Subsahara leben etwa 200 Millionen Muslime in 48 Staaten

Von den Protesten der Muslime in Afrika gegen die Mohammed-Karikaturen wurde in den westlichen Medien nur am Rande berichtet. Obwohl es in vielen Ländern Demonstration gab, die weit größer als im Mittleren Osten waren. In Niger gingen 80.000 und im Sudan etwa 20.000 Menschen auf die Strasse. In Somalia gab es einen Toten, in Nigeria starben sogar 138 Menschen. Wenn es keine blutigen Terroranschläge gibt, wie 1998 und 2002 in Kenia und Tansania, bei denen hunderte von Menschen getötet und über 5000 verletzt wurden, scheint das öffentliche Interesse für die Muslime in Afrika gering zu sein.

Im Zentrum der Weltpresse stehen seit Jahrzehnten die Konflikte des Mittleren Osten. Wer heute über Islam spricht, bezieht sich meist auf den "arabischen Islam". Die Länder Nord-Afrikas (Marokko Tunesien, Algerien, Ägypten, Libyen und Mauretanien) sind in der Regel mit eingeschlossen.

Mit Schwarzafrika oder den Staaten Subsahara assoziiert kaum jemand islamische Kultur und Religion, obwohl dort etwa 200 Millionen Muslime in 48 Staaten leben. Senegal, Mali, Dschibuti und Somalia haben beinahe 100% muslimische Bevölkerung. Große Mehrheiten gibt es in der Republik Guinea (85%), in Niger (80%), im Sudan (70%), in Sierra Leone (60%) und im Tschad (55%). In den restlichen Staaten bleibt der Islam eine Religion von Minderheiten.

Nigeria: das "Recht" auf einen muslimischen Präsidenten?

Selten werden über 40% wie in Äthiopien und an der Elfenbeinküste erreicht. Eine Ausnahme ist auch Nigeria, wo Muslime etwa die Hälfte der ungefähr 140 Millionen Einwohner ausmachen. Genaue demographische Zahlen gibt es im bevölkerungsreichsten Land des afrikanischen Kontinents nicht. Die letzte Volkszählung fand 1911 statt. Seit drei Jahren ist ein neuer Zensus geplant, der in Nigeria besondere religiöse Brisanz hat. Welche Religion hat die demographische Mehrheit und damit das "größere" Recht zum Beispiel den nächsten Präsidenten zu stellen?

Seit 1999 regiert ein Christ, Olesegun Obasanjo, der zum dritten Mal überlegt, 2007 zu kandidieren. Dazu müsste er allerdings die Verfassung ändern. Er wurde bereits gewarnt, dass es an der Zeit für einen muslimischen Präsidenten sei. Der momentane Vizepräsident Atiku Abubakar macht sich Hoffnungen auf die Nachfolge.

Nigeria ist in muslimischen Norden und christlichen Süden getrennt. Seit vielen Jahren gibt es immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen. Von Olesegun Obasanjos Amtsantritt 1999 bis heute starben rund 10.000. Menschen. Durch die Medien gingen vor allen Dingen die Proteste 2002 gegen einen Schönheitswettbewerb in der Stadt Kaduna, bei denen 200 Menschen ums Leben kamen.

Osama Bin Laden als Held verehrt

Bereits zwei Jahre zuvor waren in der gleichen Stadt über 1000 Menschen bei Auseinandersetzungen gestorben. Damals ging es um die Einführung der "Sharia", die der islamische Norden auch im überwiegend christlichen Süden gerne gesehen hätte. Heute ist das "islamische Recht" in 12 von insgesamt 36 Bundesstaaten Nigerias gültig. Der Strafkatalog reicht bekanntermaßen von Steinigung bis Handabhacken. In der Region Zamfara sind Taxis und Busse nach Geschlechtern getrennt, Alkohol ist streng verboten und es herrscht eine strikte Kleiderordnung. Osama bin Laden ist ein Held.

Nach den Attentaten am 11. September in New York 2001 war Osama lange Zeit der beliebteste männliche Vorname für Babys. Bei den Protesten gegen die Mohammed- Karikaturen Ende Februar in Nigeria wurden von den Muslimen Kirchen angezündet und Geschäfte geplündert, mehrere Christen getötet. Als Revanche brannten im Süden dann Moscheen, es wurde eine Hetzjagd auf Muslime veranstaltet. In Onitsha, der im Südosten Nigerias gelegenen Stadt, wurden Leichen auf offener Strasse verbrannt.

Fünftgrößter Erdöllieferant der USA

Nigeria ist der fünftgrößte Erdöllieferant der USA. In den letzten Wochen sank die Ölproduktion um 20% aufgrund der Unruhen und den Anschlägen im Niger-Delta. Dort kämpft eine Gruppe "Emanzipation des Niger-Deltas" für mehr Autonomie der Region, vor allen Dingen aber für eine Beteiligung an den Gewinnen der Erdölproduktion. Trotz einer täglichen Fördermenge von 2,25 Millionen Barrel täglich, liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Nigeria bei 350 Dollar, die Lebenserwartung bei Männer und Frauen bei 43 Jahren.

"Die aktive Bevölkerung, also Menschen im Alter zwischen 15 und 59 wächst in den subsaharischen Ländern unproportional schnell", sagt der Soziologe Rickard Sandell vom "Real Instituto Elcano" in Madrid. "Es ist schwierig für alle Arbeitsplätze zu schaffen". Vor allen anderen afrikanischen Staaten sei besonders Nigeria "eine demographische Zeitbombe".

Sudan: 21 Jahre Bürgerkrieg

Auch im Sudan bringt eine Nord-Südteilung in christliche und muslimische Territorien das Land seit Jahrzehnten in eine prekäre Situation. 21 Jahre herrschte Bürgerkrieg zwischen Norden und Süden, bei dem 1,5 Millionen Menschen ums Leben kamen. 2005 wurde Frieden geschlossen, jedoch geht im Süden der Wiederaufbau nur langsam voran und die Erlöse aus den sudanesischen Ölexporten landen weiterhin zum größten Teil im Norden.

Die islamischen Führer des Nordens kann man ohne viel Übertreibung als "Wahabisten" bezeichnen. Nicht umsonst war der Sudan von 1991 bis 1996 die Basis von Osama bin Laden. Präsident Omar Bashir beschuldigte erst letzte Woche mit typisch islamischem Anti-Amerikanismus die USA einer Verschwörung. Man würde die Region Dafur dazu missbrauchen, die Ressourcen des Sudans zu plündern. US-Präsident Bush hatte UN-Truppen unter der Leitung der NATO für das Krisengebiet gefordert. "Dafur wird für alle ausländischen Truppen zum Friedhof", erwiderte Omar Bashir.

Dem Präsidenten wird nachgesagt, er habe arabische Milizen nach Dafur geschickt, um ethnische Säuberungen durchzuführen, nachdem es dort 2003 eine Rebellion gegen die Regierung in Khartum gab. Das Resultat der Kampfhandlungen: 180.000 Tote und zwei Millionen Flüchtlinge.

Ein alter Weggefährte Bashirs ist Hassan al Turabi, ein Mitglied der "Muslim Brotherhood" und Gründer der "Nationalen Islamischen Front", die später in "Populärer Nationaler Kongress" umgewandelt wurde. Turabi hatte Osama bin Laden in den Sudan eingeladen und ihm Schutz gewährt - im Austausch gegen Finanzierung des Straßenbaus und Unterstützung im Kampf gegen die "Ungläubigen" im Süden des Landes.

Im März 2004 landete Tubari im Gefängnis, da er angeblich einen Coup gegen Präsident Bashir plante. In Wirklichkeit war es ein Machtkampf zwischen den beiden islamischen Führern. Für Tubari ist das Gefängnis kein unbekannter Aufenthaltsort. Im Laufe seiner über 40-jährigen politischen Karriere war er mehrfach eingesperrt worden. Zugleich hatte er aber auch hohe Ämter inne, war Minister, Generalstaatsanwalt und Vize-Premierminister. Tubari ist ein Verfechter der "Sharia" und würde gerne ganz Afrika "islamisieren".

Der Sudan breitet den Sicherheitsdiensten der USA zurzeit kein großes Kopfzerbrechen mehr, wie er es noch in 90er Jahren getan hatte. Es soll zwischen den Geheimdiensten sogar eine erfolgreiche Kooperation in Sachen Terror geben. Nach dem letzten Attentat 2002 auf ein Touristen-Hotel und einem versuchten Anschlag auf ein israelisches Passagierflugzeug in Kenia stationierten die USA zusätzliche Truppen am Horn von Afrika.

Somalia: Die Islamisierung nimmt ständig zu

In Dschibuti wurde eine "Anti-Terror-Task-Force" eingerichtet. 2005 sogar ein Manöver abgehalten, bei dem man eine "Terroristengruppe" von Mauretanien aus, durch Mali, Niger bis in den Tschad jagte. Nach dem Sudan ist Somalia offiziell eine Bedrohung. Dort gibt es keine Zentralregierung, verschieden Clans und deren Milizen regieren das Land. Die Attentäter von Kenia sollen aus Somalia gekommen sein und in Mogadischu ihre Raketen für den Beschuss des israelischen Passagierflugzeugs bezogen haben.

"Die Islamisierung in Somalia nimmt ständig zu, es gibt immer mehr Moscheen", sagt der Chef der "Anti-Terror-Task-Force", Major General Timothy Ghormley, in einem Interview vom September 2005. Aber konkrete Geheimdienst-Informationen über das Ausmaß der Terrorbedrohung habe er nicht. Äthiopiens Premierminister, Meles Zenawi, dagegen meinte, dass Al Qaeda seit Jahren in der somalischen Hauptstadt agieren würde. Leicht vorzustellen, denn einen besseren Ort, wo man als gesuchter Terrorist ungestört alle Arten von Waffen kaufen kann, gibt es derzeit nur sehr wenige in der Welt.

Gegenbeispiel Senegal

Positives Gegenbeispiel zu Ländern mit radikalem politischen Islam in Afrika ist der Senegal. 95% der 11 Millionen Einwohner sind zwar Muslime, jedoch hat der Senegal eine säkulare Verfassung. Bezeichnenderweise beschränkten sich hier die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen auf SMS-Nachrichten-Ketten. Im Senegal sind christliche Festtage offizielle Feiertage, muslimische Kinder gehen auf christliche Schulen, weil die ein höheres Bildungsniveau haben, die Regierung unterstützt Pilgerfahrten nach Mekka und Rom.

In Senegal ist der Sufismus erhalten geblieben. Sufi-Bruderschaften sind einer der wichtigsten Bestandteile der Gesellschaft und im Alltagsleben präsent. So genannte "Sheiks" beraten als spirituelle Mentoren eine Reihe von Schülern in allen Lebensbereichen, sei es privat oder geschäftlich.

Als Gegenleistung erhalten die "Sheiks" Spenden, die die Schüler entsprechend ihrem Einkommen abgeben. "Sheiks" bringen Ehepartner zusammen, schlichten Streitigkeiten, liefern Geschäftskontakte, helfen im Krankheitsfall oder besorgen eine Arbeitsstelle. Entscheidendes Element ist die Verbindung verschiedener "Sheiks" untereinander. Eine Art Netzwerkeffekt: Man hilft sich gegenseitig, unterstützt die Schüler des anderen oder nimmt die Kontakte eines Kollegen für einen der eigenen Schützlinge in Anspruch.

Mitglieder dieser Sufi-Bruderschaften sitzen im Parlament, in der Regierung, arbeiten an Universitäten, in großen Firmen oder der Gesundheitsbehörde. Die Bruderschaften sind eine eigenständige Parallelwelt in der senegalesischen Gesellschaft, sie entschärfen Konfliktpotentiale, entlasten den Staat und seine Institutionen.

Ob allerdings derartige spirituelle Interessengemeinschaften etwas mit Demokratie zu tun haben, ist eine andere Frage. Aber immerhin endete im Jahr 2000 die 40-jährige Herrschaft der Sozialistischen Partei. Abdoulaye Wade wurde zum Präsidenten gewählt. Ein demokratischer Machtwechsel, der so in Afrika, wo Putsch und Wahlbetrug an der Tagesordnung sind, etwas Besonderes ist.

Auch das Pro-Kopf-Einkommen mit 670 Dollar und die durchschnittlichen Lebenserwartung von 54 (Männer) und 57 (Frauen) ist im Vergleich zu den vielen anderen Ländern hoch. (Alfred Hackensberger)

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